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THEMEN

Nationalsozialismus

Ideologisches Fundament

Mit Nationalsozialismus bezeichnet man gleichermaßen die Ideologie wie das Herrschaftssystem der nationalsozialistischen Bewegung, die in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) ihren organisatorischen Ausdruck fand.

Der Begriff Nationalsozialismus kam ursprünglich aus Böhmen, wo es bereits 1904 eine „Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei“ gegeben hatte. Im Zentrum der nationalsozialistischen Programmatik stand der moderne, rassistisch grundierte Antisemitismus, wie er sich seit den 1880er Jahren in Deutschland herausgebildet hatte. Er war eingebettet in die hochaggressive Weltanschauung einer rassistisch definierten Volksgemeinschaft. Ziel des nationalsozialistischen „Sozialismus“ war die Überwindung der sozialen Gegensätze durch den Appell an die gemeinsame Nation. Der einzelne zählte nichts, seine Bedeutung bestand darin, Glied einer großen Gemeinschaft zu sein. Ein zentraler nationalsozialistischer Slogan lautete: „Du bist nichts, Dein Volk ist alles.“ An der Spitze des Volkes sollte ein Führer stehen, wobei die Nationalsozialisten sich auf das alte germanische Prinzip von Führer und Gefolgschaft beriefen. Die Demokratie lehnten sie als dem deutschen Volk nicht gemäß entschieden ab. Die Nationalsozialisten versprachen, die innere Zerrissenheit, die gerade nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg besonders schmerzlich empfunden wurde, zu überwinden und das Volk zu einen. Sie erhoben den Anspruch, das Völkische mit dem Sozialen zu versöhnen und so sowohl die Einseitigkeit der Völkischen, die nur auf das Nationale abhoben, wie die Einseitigkeit der Marxisten, die nur das Soziale im Blick hatten, gleichermaßen zu überwinden. Letztes Ziel des Nationalsozialismus war die Gewinnung von Lebensraum für die „arische Rasse“ im allgemeinen und die Deutschen im besonderen. Dieses Ziel sollte in einem Kampf gegen die jüdische „Gegenrasse“ erreicht werden, einem Kampf auf Leben und Tod, bei dem nur eine Seite überleben konnte.

Bild
Cover des Buches "Mein Kampf" von Hitler

Die wichtigsten programmatischen Schriften des Nationalsozialismus waren neben dem Parteiprogramm von 1920 Adolf Hitlers „Mein Kampf“ (1925/26) und Alfred Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ (1930). Der erste Band von „Mein Kampf“ ist eine stilisierte Autobiographie, die Hitlers politischen Werdegang beschreibt. Im zweiten Band entwickelte Hitler das nationalsozialistische Programm: Der durch den Versailler Friedensvertrag untersagte Anschluss Österreichs als ersten Schritt zur Vereinigung aller Deutschen in einem Staat, Rassenkampf statt Klassenkampf für einen völkischen Staat auf der Grundlage eines nationalen Sozialismus, das germanische Prinzip von Führer und Gefolgschaft anstelle der abzulehnenden parlamentarischen Demokratie. In dem Kapitel „Ostorientierung oder Ostpolitik“ plädierte Hitler für einen Verzicht auf Kolonien und propagierte dafür „Lebensraum im Osten“. Für die Erreichung dieses Ziels sei auch ein Krieg zu verantworten, den Hitler 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion dann auch tatsächlich vom Zaun brach. Das ganze Programm ist überwölbt von einem allgegenwärtigen und geradezu wahnhaft übersteigerten Antisemitismus. „Mein Kampf“ wurde bis zur „Machtergreifung“ in mehreren Hunderttausend Exemplaren verkauft. Am Ende des Dritten Reiches lag die Auflage bei über zehn Millionen Exemplaren, was vor allem damit zusammenhing, dass jedes Brautpaar das Buch bei der standesamtlichen Trauung geschenkt bekam. Auch Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ erreichte im Lauf der Zeit eine Auflage von mehr als einer Million Exemplaren. Dieses sehr anspruchsvolle, aber pseudophilosophisch-verquaste Buch gewann zunächst vor allem im Kirchenkampf an Bedeutung, da Rosenberg der radikalste Vertreter der antichristlichen Grundintentionen des Nationalsozialismus war. Ziel der Nationalsozialisten war die Errichtung einer Weltanschauungsdiktatur, für die jede Religion unweigerlich eine ideologische Konkurrenz darstellen musste. Doch Hitler war klug genug, die Macht der Kirchen zu respektieren und verschob die finale Auseinandersetzung mit ihnen auf die Zeit nach dem Krieg.

Historischer Hintergrund: Antisemitismus im Deutschen Reich vor der Gründung der NSDAP

1879 trat der im Umkreis des Journalisten Wilhelm Marr geprägte Begriff Antisemitismus an die Stelle der Begriffe „Judenfeindschaft“ oder „Judenhaß“. Ausgangspunkt für die Wortbildung waren zunächst sprachwissenschaftliche und völkerkundliche Kategorien, die die semitischen Völker von den indogermanischen abgrenzen wollten, wobei die letzteren als kulturell höherstehend gelten sollten. War die traditionelle Judenfeindschaft vor allem religiöser Natur, war der moderne Antisemitismus eine völkisch-nationalistische Ideologie. Mit der Konstituierung des Deutschen Reiches 1871 waren die letzten für Glaubensjuden geltenden gesetzlichen Beschränkungen aufgehoben worden. Damit war die Judenemanzipation formal abgeschlossen. Es gab damals etwa 512 000 Juden Deutschland, sie machten 1,25 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Trotz dieser geringen Zahl wurden sie von den Antisemiten zu einer großen Bedrohung stilisiert. Im ersten Jahrzehnt des Kaiserreiches erschienen über 500 Schriften zur „Judenfrage“. Ausgeschlossen von den alten Eliten in Armee, Staatsverwaltung, Großgrundbesitz und Großindustrie machten gebildete Juden Karriere als Ärzte, Juristen, Kaufleute oder Bankiers und waren dabei nicht selten sehr erfolgreich. Auch Otto von Bismarcks Bankier Gerson Bleichröder war Jude. Die Antisemiten beklagten die gesetzliche Gleichberechtigung als Sieg des Judentums über das Germanentum. Fußend auf den Schriften älterer Antisemiten wie Graf de Gobineau, Richard Wagner, Paul de Lagarde oder Houston Stewart Chamberlain entstand im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts das „antisemitische System“ mit einem verabsolutierten Weltbild, das keine Toleranz für alles als nichtdeutsch Definierte duldete. 1878 wurde in Deutschland mit der Christlich-sozialen Partei die erste antisemitische Partei gegründet, weitere sollten folgen (u. a. „Antisemitenliga“, „Deutscher Volksverein“, „Deutsche Reformpartei“, „Antisemitische Volkspartei“). 1893 erhielt die „Deutsche Reformpartei“ 16 Sitze bei den Reichstagswahlen. Da das Kaiserreich keine parlamentarische Demokratie war, waren die Verbände naturgemäß viel bedeutsamer als die Parteien. Das häufig ostentativ politikferne Bürgertum strömte viel lieber in Organisationen wie den „Verein Deutscher Studenten“, den „Kolonialverein“, den „Bund der Landwirte“, den „Deutschen Handlungsgehilfenverband“, die „Alldeutschen“ oder den „Deutschen Flottenverein“. Die Lebensreformbewegung brachte dann eine Fülle von Vereinigungen für germanische Glaubenserneuerung, Sprachreinigung, Volkssammlung, Landsiedlung, Nacktkörperkultur, Rassenhygiene usw. hervor. Vielfach wurden diese Organisationen zu Trägern pangermanischen und antisemitischen Gedankenguts. Es gab vielfältige Querverbindungen und Mehrfachmitgliedschaften. Eine entscheidende Radikalisierung des Antisemitismus in Deutschland brachte der Erste Weltkrieg mit sich. Die gedemütigte, ausgezehrte und vielfach verarmte Bevölkerung war in hohem Maße aufnahmebereit für verführerische Erklärungen der Niederlage. Den jüdischen Deutschen wurde völlig zu Unrecht unterstellt, sich vor dem Fronteinsatz gedrückt und an der Lebensmittelknappheit verdient zu haben. Gewalttätige Übergriffe auf jüdische Mitbürger und Einrichtungen waren an der Tagesordnung. Am 1. Oktober 1919 wurde der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund gegründet, die größte und rabiateste antisemitische Organisation bis zum Auftreten der NSDAP. Die Versammlungen des Bundes waren sehr erfolgreich und beeindruckten auch Adolf Hitler, der schließlich die NSDAP auf einen radikal antisemitischen Kurs brachte und den Antisemitismus nach der „Machtergreifung“ 1933 zur Staatsdoktrin in Deutschland machte.

Kurzbiografie: Alfred Rosenberg Chefideologe des Nationalsozialismus

Alfred Rosenberg wurde am 12. 1. 1893 in Reval (Tallin) geboren. Nach einem Studium der Architektur in Riga und Moskau verließ er nach der Russischen Revolution wie viele Deutschbalten seine Heimat und ging im November 1918 nach München. Dort schloss er sich in der Folgezeit Adolf Hitler und seiner Partei, der NSDAP, an. Rosenberg wurde bald zum wichtigsten antisemitisch-antidemokratischen Publizisten. 1923 und 1925-1938 war er Chefredakteur, seitdem Herausgeber des „Völkischen Beobachters“, außerdem Begründer und Chefredakteur zahlreicher weiterer Parteiorgane wie z. B. „Weltkampf“ und „Nationalsozialistische Monatshefte“. Rosenberg war der prominenteste Vorkämpfer im nationalsozialistischen Kampf gegen die christlichen Kirchen (Hauptwerk „Der Mythus des 20.Jh.“ 1930), außenpolitischer Vordenker der NSDAP („Der Zukunftsweg einer deutschen Außenpolitik“ 1927) und führend im Kampf gegen die künstlerische Moderne („Der Sumpf“ 1930). Er gründete 1928 den „Kampfbund für deutsche Kultur“ und bekleidete seit 1933 die Ämter des Leiter des Außenpolitischen Amtes und des Reichsleiter der NSDAP. Seit 1934 fungierte er als „Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“. 1940 erhielt Rosenberg von Hitler den Auftrag zum Aufbau der „Hohen Schule“, einer nationalsozialistischen Eliteuniversität, sowie zur Bildung des „Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg“, der aus den besetzten Ländern, insbesondere aus Frankreich und der Sowjetunion, in größtem Umfang Archivalien, Kunstwerke und Ausgrabungsobjekte verschleppte. Als erste Einrichtung der „Hohen Schule“, wurde im März 1941 das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ in Frankfurt am Main eröffnet. Rosenberg propagierte dabei erstmals in aller Öffentlichkeit ein „judenfreies Europa“ als Ziel nationalsozialistischer Politik. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion ernannte Hitler Rosenberg zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, außerdem war er zuständig für die weltanschauliche Schulung der an der Ostfront kämpfenden Wehrmacht. Rosenberg propagierte einen rassistisch radikalisierten und völkisch überhöhten Nationalismus und prägte vor allem den ideologischen Charakter der Weltanschauungsdiktatur des Dritten Reiches. 1946 wurde er in Nürnberg vom Internationalen Militärgerichtshof zum Tode verurteilt und am 16. Oktober desselben Jahres mit den anderen Hauptangeklagten hingerichtet. Als einziger verweigerte der lebenslange Kirchenfeind dabei geistlichen Beistand.

  1. Ideologisches Fundament
  2. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) parteipolitische Verkörperung des Nationalsozialismus
  3. Die gesellschaftliche Basis für den Aufstieg des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik
  4. Die Entwicklung 1933 bis 1939
  5. Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg

Bibliografie:

  • Kurt Bauer: Nationalsozialismus, Stuttgart 2008
  • Steven Beller: Antisemitismus, Ditzingen 2009
  • Wolfgang Benz: Was ist Antisemitismus? München 2008
  • Ders.: Der Holocaust, München 7. Auflage 2008
  • Ders. u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 2007
  • Die Große Chronik Weltgeschichte. Band 16: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, Gütersloh/München 2008
  • Ian Kershaw: Hitler 18891945, München 2009
  • Ernst Piper: Alfred Rosenberg Hitlers Chefideologe, München 2007
  • Ders.: Kurze Geschichte des Nationalsozialismus, München 2007
  • Peter Reichel u. a. (Hrsg.): Der Nationalsozialismus Die zweite Geschichte, München 2009
  • Hans-Ulrich Wehler: Der Nationalsozialismus Bewegung, Führerherrschaft, Verbrechen, München 2009
  • Michael Wildt: Nationalsozialismus, Stuttgart 2008
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