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THEMEN

Nikolaj Rimskij-Korsakow

Biografie

Die Daten in der folgenden Biografie beziehen sich der Einfachheit halber auf den Gregorianischen Kalender, der dem bis 1917 gültigen Julianischen Kalender im 19. Jahrhundert um 12 Tage voraus ist (im 20. Jahrhundert um noch einen weiteren Tag).

Kindheit und Jugend

Als Nikolaj Andrejewitsch Rimskij-Korsakow am 18. März 1844 in Tichwin bei Nowgorod, ca. 200 km östlich von St. Petersburg geboren wird, sind seine Eltern bereits in fortgeschrittenem Alter: seine Mutter Sofia Wassiljewna ist 42 Jahre und sein Vater Andrej Petrowitsch gar 60 Jahre alt. Für Nikolajs Entwicklung sind vor allem drei Faktoren von entscheidender Bedeutung: das kulturelle Umfeld der Kleinstadt Tichwin mit ihren lebendigen Traditionen und Bräuchen, die Musikalität seiner Mutter und die Marinetradition in der Familie. Die beiden ersteren Faktoren haben wesentlich zur Entwicklung von Nikolajs musikalischem Interesse beigetragen sowie seine kompositorische Sprache unüberhörbar geprägt, der dritte sollte für die nächste Zeit jedoch vor allem sein Leben bestimmen. Nicht zuletzt durch die Erzählungen seine 22 Jahre älteren Bruders Woin Andrejewitsch wird bei Nikolaj eine Begeisterung für die Seefahrt geweckt.

Nikolajs musikalische Begabung macht sich bereits frühzeitig auf unterschiedliche Weise bemerkbar: der Knabe verfügt nicht nur über ein absolutes Gehör, sondern auch über ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl, ein natürliches Empfinden für Harmonie und Klangfarben sowie ein beinahe fotografisches Gedächtnis. Frühzeitig fördert vor allem seine Mutter diese Begabung durch Klavierunterricht, doch Nikolaj kann den Stunden nur wenig Interesse abgewinnen. Seine Zukunft sieht er - ebenso wie seine Eltern - bei der Marine und so wird er im Juli 1856 Kadett in der Marineschule von St. Petersburg.

Marine-Kadett

In St. Petersburg nimmt ihn sein Bruder Woin unter die Fittiche, der zunächst - selbst musikbegeistert und ein begabter Amateurpianist - Nikolajs musikalisches Interesse fördert. Der Alltag in der Marineschule könnte dazu keinen größeren Kontrast bilden: eiserne Disziplin, ein oft rüder Umgangston und raue Sitten lassen keinen Freiraum für künstlerische Betätigungen und führen darüber hinaus zu einer geistigen Abstumpfung.

Doch St. Petersburg sollte ironischerweise genau das Forum sein, wo sich Nikolajs musikalische Zukunft schließlich doch ihren Weg bahnt. Das kulturelle Angebot der Zarenresidenz versetzt den musikalisch interessierten Jungen in ein kulturelles Schlaraffenland, wo die Vielfalt der Opernaufführungen (neben italienischen Werken werden vor allem auch zeitgenössische russische Opern wie "Iwan Sussanin" oder "Ruslan und Ludmilla" von dem schon bald von Nikolaj glühend verehrten Michail Glinka zu Gehör gebracht) und Konzerte, durch die der Kadettenschüler z. B. mit Beethovens Symphonie Nr. 6, der so genannten Pastoral-Symphonie, erstmals einen Bezug zur klassischen Musik bekommt. Diese Klangerlebnisse sind für den bisher eher musikalischen Amateur von unschätzbarem Wert, denn sie schärfen seinen Sinn für Harmonien und Klangfarben, ohne den seine frühen Kompositionen nicht denkbar sind.

Nikolaj nimmt nun auch wieder seinen Klavierunterricht auf. Sein neuer Lehrer ist Fjodor Andrejewitsch Kanille, ein exzellenter Pianist, dem das Verdienst zukommt, Nikolajs kompositorisches Talent erkannt und entscheidend gefördert zu haben. In einem musiktheoretischen Schnellkurs vermittelt er ihm die Grundlagen der Kompositionstechnik und bringt ihm die Werke der großen Klassiker nahe. Ein besonderes Verhältnis entwickelt Nikolaj zu den Kompositionen Beethovens und Schumanns. Im Selbststudium erarbeitet er sich innerhalb kürzester Zeit ein Repertoire an Werken, die er z. T. für Klavier zu vier Händen umarbeitet. Schon bald wächst Kanille sein begabter Schüler über den Kopf und so macht er ihn wenig später mit dem Komponisten Milij Balakirew bekannt, eine Begegnung, die nicht nur für das Leben des inzwischen 17-Jährigen, sondern auch für die Geschichte der russischen Musik bedeutsame Folgen haben sollte. Denn durch Balakirew macht Nikolaj die Bekanntschaft der Komponisten César Cui und Modest Mussorgskij, zusammen mit Balakirew Vertreter der so genannten Neuen Russischen Schule, die sich später zum so genannten Mächtigen Häuflein zusammenschließt. Nicht zuletzt dank dieser Kontakte und seiner schlafwandlerischen kompositorischen Fähigkeiten gelangt Nikolaj Rimskij-Korsakow innerhalb kürzester Zeit von der Amateur-Ebene ins Zentrum der russischen Avantgarde.

Eine Zukunft als Seemann und Marineoffizier scheint nun gar nicht mehr so verlockend, doch Mutter (der Vater war bereits zu Beginn des Jahres 1862 verstorben) und Bruder bestehen angesichts der ihrer Meinung nach aussichtslosen Zukunft als professioneller Musiker hartnäckig auf der bereits eingeschlagenen Laufbahn. Und so sticht Nikolaj nach Abschluss seiner Ausbildung im April 1862 am 9. Oktober 1862 auf dem Klipper Almas zu einer Weltumsegelung in See. Die Reise führt in so unterschiedliche Länder wie Deutschland, England, die Vereinigten Staaten, Brasilien, Frankreich und Spanien, die zum Teil hörbare Spuren in seinen späteren Kompositionen hinterlassen haben. Doch die gewaltsame Unterbrechung seiner gerade erst so verheißungsvoll begonnenen musikalischen Karriere stürzt Nikolaj in eine tiefe Depression, in deren Verlauf ihm eine musikalische Zukunft mehr und mehr utopisch erscheint. Schließlich jedoch erwächst ihm aus dieser Krise eine neue Kraft, die ihn klar seinen zukünftigen Weg erkennen lässt. Er wird nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg die Kontakte zu seiner Familie abbrechen und sich statt dessen wieder dem Kreis um Balakirew anschließen. In diesem Bewusstsein gelingt es Nikolaj trotz des harten Dienstes an Bord, im Winter 1862/63 den zweiten Satz zu seiner ansonsten bereits fertig gestellten Symphonie Nr. 1 op. 1 zu komponieren.

Als die Almas am 21. Mai 1865 in Kronstadt wieder vor Anker geht, beginnt die Karriere des Komponisten Rimskij-Korsakow, auch wenn er aus rein finanziellen Gründen für die nächsten acht Jahre - zunächst als Unterleutnant, später als Leutnant - noch bei der Marine verbleibt. Nikolaj bemüht sich nun gezielt um Unterricht bei Balakirew, doch wiewohl der acht Jahre Ältere ihn von Anfang an als ernsthaften Komponisten und Mitstreiter für die Ideale der Neuen Russischen Schule schätzt, vertritt er doch die Überzeugung, dass sich Nikolaj die notwendigen Kenntnisse weniger durch theoretische Studien als durch praktische Erfahrungen aneignen müsse. Balakirew sorgt schließlich auch dafür, dass Rimskij-Korsakows 1. Symphonie am 19. Dezember 1865 uraufgeführt wird. Der Abend gestaltet sich zu einem ersten Erfolg für den Nachwuchs-Künstler und markiert den offiziellen Beginn von Rimskij-Korsakows Karriere als Komponist.

Von da an brechen sich seine schöpferischen Kräfte eruptiv Bahn. Neben der Ouvertüre über russische Themen op. 28 (1866) und der Phantasie über serbische Themen op. 6 (1867) entstehen die symphonische Dichtung Sadko ( 1867) und die als symphonische Suite bezeichnete Symphonie Nr. 2 "Antar" op. 9. Zwei Charakteristika von Rimskij-Korsakows kompositorischer Sprache zeichnen bereits diese Frühwerke aus: das Volkslied und die Welt der Märchen, die erstmals farbigen Eingang in die symphonische Dichtung "Sadko" findet.

Opernkomponist

Nikolaj Rimskij-Korsakows erste Oper Das Mädchen von Pskow (Pskowitjanka) basiert - einer aktuellen Strömung entsprechend - auf einem historischen Stoff, literarisch verarbeitet von Lew Alexandrowitsch Mej und zu einem Libretto transformiert von Wladimir Wassiljewitsch Stassow, Balakirew und Mussorgskij. Im Mittelpunkt der Handlung steht das Volk. Während jedoch seine Zeitgenossen vor allem ein realistisches Bild von dessen Situation zu zeichnen versuchen, setzt Rimskij-Korsakow den Akzent mehr auf den Idealzustand und schildert ein stolzes und selbstbestimmtes Volk. Damit begibt er sich in direkte künstlerische Nähe zu seinem italienischen Zeitgenossen Giuseppe Verdi, dem es in seinen Opern neben der Charakterdarstellung immer auch elementar um den Bezug zur gesellschaftlichen und politischen Realität geht. Was ihn jedoch andererseits fundamental von Verdi unterscheidet, ist das Fehlen jeglicher dramatischer Arien, die Rimskij-Korsakow durch so genannte epische Rezitative - entgegen der Tradition, nach der Rezitative bis dahin als Träger der Handlung fungiert hatten - ersetzt. Mit der Uraufführung am 1. Januar 1873 im Marientheater (Mariinskij-Teatr) kann sich der Komponist spontan auch einen Platz auf der Opernbühne erobern.

Weitere Opern

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Alexander Sergejewitsch Puschkin, russischer Dichter (17991837)
Titel Literarische Vorlage Libretto Uraufführung bzw. Entstehung
Die Mainacht (Majskaja notsch) Gleichnamige Erzählung von Nikolaj Gogol aus dem Band "Abende auf dem Weiler bei Dikanka" Nikolaj Rimskij-Korsakow 9.01.1880 St. Petersburg, Marientheater (Mariinskij-Teatr)
Schneeflöckchen (Snegurotschka) Werk von Alexander Ostrowskij Nikolaj Rimskij-Korsakow 29.01.1882 St. Petersburg, Marientheater
Mlada (Ballett-Oper) Werk von S. Gedeonow W. A. Krylow 20.10.1892 St. Petersburg, Marientheater
Die Nacht vor Weihnachten (Notsch pered rozdestwom) Nikolaj Gogols gleichnamige Erzählung Nikolaj Rimskij-Korsakow 28.11.1895 St. Petersburg, Marientheater
Sadko Nikolaj Rimskij-Korsakow u. a. 26.12.1897 Moskau, Russische Privatoper (Privatoper Mamontows)
Mozart und Salieri Werk von Alexander S. Puschkin 25.11.1898 Moskau, Russische Privatoper (Privatoper Mamontows)
Die Zarenbraut (Tsarkskaja newesta) Drama von L. A. Mej + I. Tjumenew Nikolaj Rimskij-Korsakow 22.10.1899 Moskau, Russische Privatoper
Das Märchen vom Zaren Saltan (Skazka o Tsare Saltane) Gleichnamiges Märchen von Alexander S. Puschkin Wladimir I. Belski 22.10.1900 Moskau, Russische Privatoper
Der unsterbliche Kastschei (Kastschei bessmertnij) Russische Märchenmotive Nikolaj Rimskij-Korsakow und J. M. Petrowski 13.12.1902 Moskau, Russische Privatoper
Pan Wojewode (In memoriam F. Chopin) I. F. Tjumenew 04.12.1904 St. Petersburg, Konservatorium
Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesh und von der Jungfrau Fewronia Wladimir Iwanowitsch Belski 08.02.1907 St. Petersburg, Marientheater
Der goldene Hahn (Zolotoj petuschok) Märchen von Alexander S. Puschkin Wladimir Iwanowitsch Belski 25.09.1909 Moskau, S. I. Simins Privatoper

Lehrer am Konservatorium von St. Petersburg

1861 gründet Anton Rubinstein (1829-1894) in St. Petersburg das erste russische Konservatorium mit dem Ziel, endlich im eigenen Land eine Ausbildungsstätte für den musikalisch talentierten Nachwuchs zu etablieren, denn bis dahin waren die Musiker gezwungen, ihre Studien im musikalischen "Exil" zu absolvieren. Rubinstein orientiert sich in den Inhalten allerdings an den (bewährten) Traditionen Mitteleuropas und fordert dadurch die Opposition Balakirews und seiner Kollegen vom "Mächtigen Häuflein" heraus, die daraufhin spontan mit der so genannten Musikalischen Freischule ein Forum für die Entwicklung einer nationalen russischen Musik schaffen. Dort gelangen neben Kompositionen des Mächtigen Häufleins ebenso unbekannte zeitgenössische Werke anderer Komponisten zur Aufführung. Neben Balakirew kommt bei diesem Projekt vor allem César Cui eine bedeutende Rolle zu, denn als Musikkritiker bei der Zeitung "Sankt Petersburger Nachrichten" führt er einen leidenschaftlichen Kampf gegen die westlichen Einflüsse - vor allem aus Italien - und gegen ein unmusikalisches und seelenloses, weil einseitig technisch orientiertes Virtuosentum.

Zwischen diese beiden Stühle setzt sich Rimskij-Korsakow, als er im Sommer 1871 die Professur für praktische Komposition und Instrumentation sowie die Leitung der Orchesterklasse am Konservatorium von St. Petersburg übernimmt. Er isoliert sich damit zwangsläufig nicht nur von Balakirew und seinem Kreis - Ironie des Schicksals: von 1874-1881 sollte Rimskij-Korsakow vorübergehend auch Balakirews Musikalische Freischule leiten -, sondern befindet sich schon bald auch in einer grotesken Situation: da steht ein respektabler Professor, der selbst über weniger musiktheoretische Kenntnisse verfügt als seine Studenten. Doch gerade diese Erfahrung macht Rimskij-Korsakow schlagartig seine eigene musikalische Unzulänglichkeit deutlich. Nicht von ungefähr erlebt er zu dieser Zeit erstmals einen schöpferischen Stillstand und ohne diese Erkenntnis wäre wahrscheinlich nicht nur Rimskij-Korsakows Œuvre schmaler ausgefallen, sondern hätte auch die Geschichte der russischen Musik eine andere Entwicklung genommen.

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Igor Strawinsky (18821971), russischer Komponist

Genauso ernsthaft wie sich Rimskij-Korsakow nun seine Defizite aufzuholen bemüht - u. a. durch Studien bei Peter I. Tschaikowskij - widmet er sich in den nächsten Jahrzehnten seinen Schülern, unter denen bedeutende Namen wie Alexander Glasunow, Michail Ippolitow-Iwanow, Anatoli Ljadow, Sergej Prokofjew, Ottorino Respighi oder Nikolaj Tscherepnin und vor allem Igor Strawinsky, mit dem ihn schon bald eine enge Freundschaft verbindet, zu finden sind.Von nicht zu unterschätzender Bedeutung vor allem für seine Instrumentationskunst wird ab 1873 auch seine Arbeit als Inspektor der russischen Marinekapellen, die ihm nicht nur eine intime Kenntnis aller Blasinstrumente verschafft, sondern das Repertoire für diese Besetzung um einige wertvolle Werke - sowohl Originalkompositionen als auch Bearbeitungen - bereichern wird. Zeugnis von seiner Unterrichtstätigkeit legen Schriften zur Harmonielehre und zur Instrumentation ab.

Auch privat gibt es in dieser Zeit eine Veränderung in Rimskij-Korsakows Leben: 1871 lernt er Nadeshda Nikolajewna Purgold kennen, die am 30. Juni 1872 seine Frau wird. Nadeshda ist eine ausgezeichnete Pianistin, deren besondere Begabung im Partiturspiel liegt, die von Orchesterpartituren Klaviertranskriptionen anfertigt und auch als Komponistin aktiv ist. Doch ähnlich wie bei Alma Mahler wird diese Art der künstlerischen Betätigung vom Ehemann nicht gerade gefördert und der Ehe- und Familienalltag tun ein übriges, um die schöpferischen Quellen nach und nach versiegen zu lassen. Nadeshda schenkt ihrem Mann in den nächsten Jahren fünf Kinder, von denen die beiden jüngsten bereits im Kindesalter sterben. Und trotz eigener Inaktivität wird sie ein Leben lang am kompositorischen Schaffen ihres Mannes lebhaften Anteil nehmen und sich zu seiner strengsten Kritikerin entwickeln.

Wichtige Zeugnisse des kompositorischen Neuanfangs sind in den nächsten Jahren die Opern Mainacht (1879) und Schneeflöckchen (1880), die symphonische Dichtung Märchen op. 29 (1879/80) und die Symphonie Nr. 3 op. 32 (1873/74), die am 17. Februar 1874 in einem Benefizkonzert unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt wird. Darüber hinaus erfüllt Rimskij-Korsakow mit der Instrumentierung von Alexander Dargomyschkijs Oper "Der steinerne Gast" das testamentarische Vermächtnis dieses Komponisten.

In kaiserlichen Diensten

Zu Beginn der 1880er Jahre setzt bei Rimskij-Korsakow erneut eine Schaffenskrise ein, die einerseits in dem allmählichen Zerfall der Komponistengruppe des "Mächtiges Häufleins" begründet ist, andererseits eng mit den zeitgenössischen politischen Entwicklungen zusammenhängt. Nach der liberalen Ära Zar Alexanders II., der -  u. a. inspiriert durch die Ideen Alexander Herzens (1812-1870) - 1861 die Leibeigenschaft aufgehoben und 1867 das Gerichts- und Schulwesen reformiert hatte, damit jedoch zunehmend seine Generäle gegen sich aufbrachte und seine Visionen von einem neuen Russland schließlich mit seinem Leben bezahlte, übernimmt 1881 sein Sohn Alexander III. die Regentschaft. Er macht eine Kehrtwendung um 180° und verfolgt eine Politik der Autokratie und Russifizierung. Beide Faktoren haben in den nächsten Jahren einen nachhaltigen Effekt auf Rimskij-Korsakows kompositorisches Schaffen. Zwischen 1880 und 1890 entstehen nur wenige, jedoch für seine künstlerische Entwicklung bedeutsame Werke:

  • das Capriccio espagnol op. 34 (1887), das aus spanischen Volksmusikquellen gespeist wird und bis heute zu einem der Klassiker im Konzertrepertoire gehört
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    Figurine (Eunuch) des russischen Malers Leon Bakst für das 1910 nach der Musik von Rimskij-Korsakow in Paris uraufgeführte Ballett "Scheherezade" durch Sergej Diaghilews "Ballets Russes".
  • die orientalische Suite Shéhérazade op. 35 (1888), basierend auf Märchenmotiven aus Tausendundeiner Nacht sowie
  • die Ouvertüre Russische Ostern bzw. Auferstehungsouvertüre op. 36 (1888)

Rimskij-Korsakows Hauptarbeit liegt in diesen Jahren auf dem Gebiet der Instrumentation, gilt es doch das musikalische Erbe Modest Mussorgskijs (+16.03.1881) und Alexander Borodins (+15.02.1887) zu betreuen. Nach der erfolgreichen Vollendung von Alexander Dargomyschkijs Oper "Der steinerne Gast" nimmt er sich zunächst Mussorgskijs nachgelassener Oper "Chowanschtschina" an - ein arbeits- und zeitintensives Unterfangen, denn es fehlt nicht nur die komplette Instrumentierung, sondern auch eine endgültige, bühnenwirksame Fassung des Werkes, was eine komplette Überarbeitung des vorhandenen Materials sowie die Ergänzung desselben um fehlende Nummern bedeutet. Nach der Uraufführung des so vollendeten Werkes 1886 in St. Petersburg wartet gleich das nächste Mammutprojekt auf ihn: die Überarbeitung der seit ihrer Uraufführung im Jahr 1874 im Dornröschschlaf versunkenen Oper "Boris Godunow". In diesem Fall konzentriert sich die Arbeit ausschließlich auf die Instrumentierung. Und mit Erfolg, denn in dieser neuen Fassung tritt die Oper wenig später 1896 ihren Siegeszug durch die ganze Welt an. Wie viel von Mussorgskijs Originalsprache auf diese Weise verloren gegangen ist und welch andererseits vorteilhafte Verbesserungen das Werk dadurch erfahren hat, lässt sich aus heutiger Sicht nur noch schwer nachvollziehen. Ähnlich bedeutsame Eingriffe nimmt Rimskij-Korsakow wenig später auch in dem Intermezzo Eine Nacht auf dem kahlen Berge aus der Oper "Der Jahrmarkt von Sorotschinzy" von Mussorgskij vor. Nach dem Tod Borodins im Jahr 1887 wartet wieder ein unvollendetes Werk auf geschickte Hilfe: die Oper "Fürst Igor" nimmt in den folgenden zwei Jahren - unterstützt von Alexander Glasunow - seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Nikolaj Rimskij-Korsakow wird in dieser Zeit darüber hinaus vor allem auf pädagogischer Ebene tätig. Neben seinem Dienst am Konservatorium übernimmt er zwischen 1883 und 1894 die Ausbildung der Orchestermusiker in der Hofsängerkapelle des Zaren. Direktor dieser Institution und sein Vorgesetzter ist Balakirew. Dieses Amt ist nicht nur für Rimskij-Korsakows kompositorisches Schaffen, sondern v. a. für die Geschichte der russischen Kirchenmusik von unschätzbarer Bedeutung. Er bricht während dieser Zeit nicht nur das Monopol des jeweils amtierenden Direktors dieser Institution zur Komposition von kirchenmusikalischen Werken, sondern steuert selbst in den nächsten Jahren eine Vielzahl von Gesängen, Hymnen und Chorälen bei und legt damit den Grundstein für eine selbständige Geschichte der russischen Kirchenmusik. Nach der ehemals erfolgreichen Zusammenarbeit verschärft nicht zuletzt auch dieses Engagement die ohnehin schon bestehende Kluft zwischen den beiden Komponisten. In der Folge kommt es zu zunehmenden Differenzen, an denen schließlich 1891 die Freundschaft endgültig zerbricht. Dieser Bruch manifestiert sich auch öffentlich. Zu Beginn der 1880er Jahre hatte sich der so genannte Beljajew-Kreis konstituiert. Ins Leben gerufen von dem Holzfabrikanten und Musikfanatiker Mitrofan Petrowitsch Beljajew sollte er - ähnlich wie Arnold Schönbergs "Verein der schaffenden Tonkünstler" (1904) bzw. sein 1918 gegründeter "Verein für musikalische Privataufführungen" - ein Forum für die Aufführung zeitgenössischer russischer Musik darstellen. Gleichzeitig erscheinen in Beljajews eigenem Verlag zahlreiche zeitgenössische Werke. Nikolaj Rimskij-Korsakow wird zum künstlerischen Leiter dieses Projektes berufen und begibt sich damit in direkte Opposition zu Balakirew, der inzwischen wieder die Leitung seiner Freischule übernommen hat und den Beljajew-Kreis als offene Konkurrenz empfindet.

Rimskij-Korsakow und die Russische Privatoper

Die Russische Privatoper wird 1885 von Sawwa Iwanowitsch Mamontow in Moskau ins Leben gerufen und sollte für das Opernschaffen Rimskij-Korsakows ab 1893 von entscheidender Bedeutung werden. Durch erstklassige Künstler wie den Sänger Fjodor Schaljapin und die Dirigenten Sergej Rachmaninow oder Arthur Nikisch sowie ein ehrgeiziges Repertoire entwickelt sie sich schon bald zur ernstzunehmenden Konkurrenz zu St. Petersburg. Die Opern Rimskij-Korsakows werden im Spielplan einen zentralen Stellenwert einnehmen und in den nächsten Jahren sind - durch zunehmende Differenzen mit öffentlichen und kulturellen Stellen in St. Petersburg - nicht selten die Uraufführungen seiner neuesten Werke zu verzeichnen.

Die 1890er Jahre beginnen wenig verheißungsvoll: das Jahr 1890 ist gleich von gesundheitlichen Problemen verschiedener Familienmitglieder gekennzeichnet. Im April verstirbt seine Mutter, 1891 erfolgt der Bruch mit Balakirew, 1893 stirbt seine Tochter Mascha. Dazu kommt es anlässlich seiner jüngsten Oper Die Nacht vor Weihnachten mit dem kaiserlichen Haus zu Unstimmigkeiten sowohl bezüglich des Librettos als auch der Dekoration, so dass Rimskij-Korsakow erstmals einer Uraufführung eines seiner Werke fernbleibt. Zu allem Überfluss geht diesmal auch die Presse mit der neuen Oper hart ins Gericht. Wie ein gnädiger Wink des Schicksals muss Rimskij-Korsakow in dieser Zeit das Angebot Mamontows erscheinen, die Oper Schneeflöckchen in Moskau in Originalfassung herauszubringen. Gleichzeitig beginnt sich sein Ruf nun auch in Europa auszubreiten. Insbesondere in Paris werden zeitgenössische russische Komponisten enthusiastisch gefeiert.

Der 26. Dezember 1897 markiert einen Meilenstein nicht nur in der Karriere Nikolaj Rimskij-Korsakows, sondern auch in der Geschichte der Oper, denn an diesem Tag wird erstmals ein Werk des Komponisten in Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Michail Wrubel (1856-1910) realisiert - eine ähnlich inspirierende und geniale Zusammenarbeit wie wenige Jahre später die zwischen Gustav Mahler und Alfred Roller.

Die 1890er Jahre sind kompositorisch darüber hinaus vor allem von der Gattung Lied gekennzeichnet. In einer Art künstlerischem "Durchfall" entstehen zwischen 1897 und 1899 rund vierzig Romanzen für 1-2 Singstimmen und Klavier, die als charakteristisch für Rimskij-Korsakows letzte Schaffensperiode gelten.

Rimskij-Korsakow und die Russische Revolution

Zwei Ereignisse haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur nachhaltige Auswirkungen auf die Geschichte Russlands, sondern prägen auch die letzten Lebensjahre Nikolaj Rimskij-Korsakows: der am 10. Februar 1904 ausgebrochene Japanisch-Russische Krieg - für den Komponisten eine sinnlose Opferung von Menschen - und der so genannte Blutsonntag vom 22. Januar 1905, bei dem in der Hauptstadt St. Petersburg 140 000 friedlich demonstrierende Menschen brutal niedergemetzelt werden. Rimskij-Korsakow gehört daraufhin mit zu den Unterzeichnern einer Resolution der Moskauer Musiker, die am 3. Februar 1905 in der St. Petersburger Zeitung "Unsere Tage" veröffentlicht wird und erklärt: "Wenn dem Leben Hände und Füße gefesselt sind, kann auch die Kunst nicht frei sein... Wir sind keine freien Künstler, sondern gleich allen anderen russischen Untertanen rechtlose Opfer der gegenwärtigen unnormalen öffentlich-rechtlichen Zustände..." (Zitat in der Übersetzung von Lothar Fahlbusch)

In einer Resolution vom 10. Februar schließt sich auch der Studentenausschuss diesem Aufruf an und fordert zum Streik auf (den u. a. der Jungstudent Sergej Prokofjew unterstützt), was zu einer vorübergehenden Schließung des Konservatoriums führt. Rimskij-Korsakow solidarisiert sich auch mit dieser Aktion, ja er geht sogar noch einen Schritt weiter: als einen Monat später der Direktor den regulären Unterrichtsbetrieb wieder aufnehmen will und sich die Studenten dagegen mit drastischen Mitteln wehren, verfasst er einen offenen Brief, in dem er die fortdauernde Schließung des Instituts bis zum September befürwortet, das Direktorium als diktatorisch abstempelt und einen "moralischen Protest" formuliert. Nach Erscheinen dieses Briefes in der Moskauer Zeitung "Russische Mitteilungen" bleibt der Obrigkeit nur eine Reaktionsmöglichkeit: sie muss den renitenten Professor aus dem Lehrkörper entfernen und so ist Rimskij-Korsakow mit Wirkung vom 21. März entlassen. Doch die Machthaber haben nicht mit der Popularität des Komponisten gerechnet: sowohl die Studenten als auch das Publikum und die Musikerkollegen solidarisieren sich mit dem verfemten Künstler, so dass die Machthaber schließlich nachgeben müssen und Rimskij-Korsakow im Dezember 1905 ans Konservatorium zurückkehren darf. Zu einem besonderen Triumph wird in dieser Zeit die Uraufführung seiner Oper Der unsterbliche Kastschei, die trotz des öffentlichen Aufführungsverbots von Studenten mit überwältigendem Erfolg in einem Privattheater realisiert wird.

Rimskij-Korsakows sowohl künstlerisches als auch menschliches Vermächtnis ist seine letzte Oper Der goldene Hahn. Geschickte politische Satire à la Offenbach, die jegliche Art von Willkür verurteilt, vereint sich mit einer weit ins 20. Jahrhundert hinein weisenden musikalischen Sprache, die Komponisten wie Strawinsky, Prokofjew oder Schostakowitsch entscheidend mit geprägt hat.

Im Frühjahr 1907 unternimmt Nikolaj Rimskij-Korsakow noch eine Reise nach Paris, wo er im Rahmen der "Historischen russischen Konzerte" eigene Werke dirigiert sowie eine weitere Aufführung unter der Leitung von Arthur Nikisch erlebt. Der Komponist wird frenetisch gefeiert, trifft mit Alexander Skrjabin und Sergej Rachmaninow zusammen und kehrt inspiriert nach St. Petersburg zurück. Doch die letzten Monate seines Lebens werden für den jahrelang Erfolgreichen zur bitteren Pille. Die Zensur beanstandet verschiedene Punkte in seiner letzten Oper "Der goldene Hahn" und belegt sie mit einem nicht nur lokalen, sondern landesweiten Aufführungsverbot. In diesem Bewusstsein verstirbt der Komponist am 8. Juni 1908 nach einem Herzanfall in seinem Sommerhaus in Ljubensk bei Luga. Er wird wenige Tage später in St. Petersburg unter großer Anteilnahme bestattet. "Der goldene Hahn" erlebt am 25. September 1909 eine grandiose Uraufführung durch das Moskauer Privattheater.

  1. Biografie
  2. Werk

Bibliografie:

  • N. van Gilse van der Pals: N.A. Rimskij-Korssakow. Opernschaffen nebst Skizze über Leben und Werk. Mit vielen Notenbeispielen, Nachdruck der Ausgabe Paris-Leipzig 1929, Hildesheim und New York 1977
  • Josif Filippowitsch Kunin: Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow, Berlin 1981
  • Nikolai Rimskij-Korsakow. Zugänge zu Leben und Werk. Bd. 12 der Reihe musik konkret, Berlin 2000
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