Nobelpreisträger für Literatur 1998: José Saramago | http://www.wissen.de/thema/nobelpreistraeger-fuer-literatur-1998-jose-saramago
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Nobelpreisträger für Literatur 1998: José Saramago

Biografie

"Ich stamme aus einer Familie von Analphabeten. In unserem Viertel gab es keine Gelehrten. Wenn ich mir die Umstände ansehe, in die ich hineingeboren wurde, hätte ich für alles geboren sein können, nur nicht dafür, den Nobelpreis zu erhalten." (José Saramago)

Kindheit und Jugend

José Saramago wird am 16. November 1922 im portugiesischen Azinhaga, einem Dorf in der Nähe von Lissabon geboren. Seine Eltern bewirtschaften dort einen kleinen Bauernhof, von dem die Familie eher schlecht als recht leben kann. Daher entschließen sich Josés Eltern im Jahr 1924, in der Landeshauptstadt Lissabon ihr Glück zu versuchen. Dort findet sein Vater eine Stelle als Polizist, während seine Mutter sich um den Haushalt kümmert. Aber auch in Lissabon bleibt die Armut das prägende Erlebnis des heranwachsenden José. Zunächst besucht er das Gymnasium, aber 1936 muss er aus finanziellen Gründen auf die technische Realschule wechseln, wo er 1939 eine Lehre als Maschinenschlosser beendet.

Literarisches Interesse

Seinen ersten Kontakt mit Literatur verdankt José seiner Mutter, die ihm, selbst weder des Lesens noch des Schreibens mächtig, in der Kindheit sein erstes Buch schenkt. Josés literarisches Interesse vertieft sich während der Schulzeit, als er viele Abende in der öffentlichen Bibliothek verbringt und sich so durch die Werke der Weltliteratur liest. Bis zum Beruf des Schriftstellers sollte es zu diesem Zeitpunkt jedoch noch ein weiter Weg sein, denn zunächst muss sich José Saramago seinen Lebensunterhalt verdienen. Er findet eine Stelle als Mechaniker im Krankenhaus, wo er zwei Jahre später in die Verwaltung wechselt.

Die Zeit vor dem großen Erfolg

Heirat

Einen bedeutenden, nicht nur persönlichen Einschnitt in José Saramagos Leben bedeutet 1944 die Eheschließung mit einer Malerin, durch die er viele Kontakte zu zeitgenössischen Künstlern knüpfen kann. 1947 entsteht sein erster Roman Land der Sünde, der jedoch noch völlig unbeachtet bleibt. Außerdem verkehrt er ab 1955 regelmäßig im Literatencafé Chiado, wodurch sich für ihn eine Stelle im Verlag Estúdios Cor ergibt. Parallel dazu hat Saramago bereits seit einigen Jahren zu schreiben begonnen. In den nächsten Jahren schreibt José Saramago vor allem Gedichte, die 1966 unter dem Titel Os Poemas Possíveis (Die möglichen Gedichte) erscheinen.

Politischer Schriftsteller

Neben Kurzgeschichten und literarischen Kritiken für die Zeitschrift Seara Nova verfasst José Saramago ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre neben Literaturkritiken vor allem politische Kommentare für Zeitungen und Zeitschriften. Seine Kritik richtet sich zunächst gegen die autoritäre Regierung Antonio de Oliveira Salazars, unter der nicht nur eine einzige Partei herrscht, sondern durch Zensur auch eine allgemein gültige Meinung verordnet wird. Die politische Konsequenz ist 1969 Saramagos Beitritt zur damals verbotenen kommunistischen Partei. 1972 arbeitet er für zwei Jahre als Redakteur bei der Zeitung Diário de Lisboa und verfasst sowohl politische Kommentare als auch kulturelle Artikel.

Nachdem die "Nelkenrevolution" im Jahr 1974 eine neue politische Ära eingeläutet hat, bekleidet José Saramago für einige Monate einen Posten im Ministerium für Kommunikation. 1975 nimmt er für kurze Zeit die des stellvertretenden Chefredakteurs bei der ältesten Tageszeitung Portugals, Diário de Notícias, an. Aber die Desillusionierung seiner sozialistisch ausgerichteten politischen Hoffnungen lässt Saramago 1975 den Rückzug in ein nur dem Schreiben gewidmetes Leben antreten. Zunächst verdient er sich seinen Lebensunterhalt durch Übersetzungen aus dem Französischen. Gleichzeitig erscheinen in den folgenden Jahren mehrere Gedichtbände, Theaterstücke und Erzählungen sowie seine kompletten Zeitungschroniken. 1977 entsteht Saramagos zweiter Roman Manual de pintura e caligrafia (Handbuch der Malerei und Kalligraphie).

Literarischer Durchbruch

Der nationale Durchbruch gelingt José Saramago 1980 mit seinem Roman Levantada do chão (Hoffnung im Alentejo). Es ist die Chronik einer Landarbeiterfamilie von Beginn des 20. Jahrhunderts an über vier Generationen hinweg bis in die nachrevolutionäre Zeit. Der Roman ist sowohl eine autobiografische Verarbeitung von Kindheitserlebnissen als auch soziale und politische Zeitgeschichte. Neues stilistisches Element ist die Einführung eines allwissenden Erzählers, der als Vermittler und Kommentator zwischen handelnden Personen und Leser auftritt.

Zwei Jahre später beschert ihm der Roman Memorial do Convento (Das Memorial) auch die internationale Anerkennung. Das Werk handelt von einem Klosterbau im 18. Jahrhundert, der unter Einsatz Zehntausender von Arbeitern für König Joao V. errichtet wird und der Tausende das Leben kostet. Er ist ein historisches Porträt Portugals in dieser Zeit, vor allem jedoch ist es ein Credo für das Ausleben und Festhalten an Visionen: "Es ist mein Plan, die Fantasie und die Realität zu vereinigen, denn die Vorstellungskraft ist Teil der Wirklichkeit, ist eine ihrer Komponenten."

1990 entsteht auf der Basis dieses Romans das Libretto zur Oper Blindmura von Azio Corghi, die mit Erfolg in der Mailänder Scala uraufgeführt wird. Diese künstlerische Zusammenarbeit sollte nicht einmalig bleiben, denn für die 1200-Jahr-Feier der Stadt Münster komponiert der Italiener Corghi als Auftragswerk die Wiedertäufer-Oper Divara (Wasser und Blut), wiederum zu einem Roman von José Saramago.

In den folgenden Jahren entstehen preisgekrönte Werke wie O ano da morte de Ricardo Reis (Das Todesjahr des Ricardo Reis) oder O Evangelho segundo Jesus Cristo (Das Evangelium nach Jesus Christus). Dieser Roman sorgt vor allem in der theologischen Fachwelt für reichlich Zündstoff. Saramago zeichnet einen zutiefst menschlichen Jesus, der eher den Menschen als Gott glaubt; ja sogar an Gott, sich selbst und seinem Glauben zweifelt, und einen profan-irdischen Gott, dem es weniger um das Seelenheil der Menschen als um eigene Macht geht, und der mit dem Teufel gemeinsam über das Böse verhandelt. In den Diskussionen, die dieser Roman auslöst, wird Saramago u. a. eine "Verletzung religiöser Gefühle" vorgeworfen, andere empfinden diese Jesus-Figur als "menschlicher und christlicher als (sie) jemals zuvor dargestellt wurde". José Saramago selbst ist ein überzeugter Atheist: "Man benötigt ein hohes Maß an Religiosität, um ein Atheist zu sein wie ich - in der etymologischen Bedeutung von Religion: etwas, das verbindet. Denn verbunden zu sein, ist eine Konstante in meinen Beziehungen und in meinem Leben: Aber die Idee von einem Gott halte ich für absurd."

Teilweise umstritten ist auch sein 1995 erschienener Roman Ensaio sobre a cegueira (Die Stadt der Blinden), in dem die Blindheit als Symbol für eine Gesellschaft verwendet wird, die an die Stelle von moralischen Werten materielle gesetzt hat. Kritik hat der Roman vor allem in den Reihen blinder Menschen ausgelöst, für die die Charakterisierung dieses Zustandes zu einseitig negativ ausfällt. Aber dem Schriftsteller geht es weniger um eine realistische Beschreibung der Lebenswelt blinder Menschen als um die Darstellung geistiger Blindheit: "Die Blindheit ist eine Parabel. Unser Verstand ist blind. Wir sind nicht fähig, die Welt um uns herum zu sehen und die Wirklichkeit zu erkennen."

Saramagos Roman Das Zentrum handelt von einem hypermodernen Einkaufszentrum, das die Menschheit nach Ansicht des Autors zu bloßen Konsumenten degenerieren lässt. Held und Mittelpunkt des Buches ist ein hart arbeitender Töpfer, der mit seinem Geschirr dieses Kaufhaus beliefert. Über Nacht werden seine Teller und Tassen jedoch nicht mehr gebraucht. Neben den Büchern Die Stadt der Blinden und Alle Namen gehört Das Zentrum zu Saramagos so genannter "Trilogie der menschlichen Zustände".

José Saramagos Werk ist mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. Der wichtigste war jedoch die Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Jahr 1998, nicht nur für den Schriftsteller selbst, der den Preis als "eine große Verpflichtung" empfand, sondern für die gesamte portugiesische Literatur, wurde doch damit erstmals ein literarischer Vertreter Portugals weltweit gewürdigt.

José Saramago lebte seit 1993 mit seiner zweiten Frau, der Journalistin Pilar del Rio, auf der kanarischen Insel Lanzarote. Dorthin war er aus Protest gegen die damalige konservative Regierung seines Landes ausgewandert. Aus seiner ersten Ehe ging die Tochter Violante hervor.

Am 18. Juni 2010 ist José Saramago im Alter von 87 Jahren in seinem Haus auf Lanzarote gestorben.

  1. Biografie
  2. Werk
  3. Preise
  4. Primärliteratur

Bibliografie:

  • David Frier: The Novels of José Saramago, University of Wales 2007
  • Karl von Reinhardstoettner: Portugiesische Literaturgeschichte, London 2010
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