Olivier Messiaen
Biografie
Kindheit und Jugend
Olivier Eugène Prosper Charles Messiaen wird am 10. Dezember 1908 in Avignon als erster Sohn des Englischlehrers Pierre Messiaen und seiner Frau, der Dichterin Cécile Sauvage, geboren. Oliviers Kindheit wird geprägt von der religiösen Atmosphäre des katholischen Elternhauses, den literarischen Studien seines Vaters, der sich über drei Jahrzehnte hinweg mit einer neuen Übersetzung von Shakespeares Werken ins Französische beschäftigt, sowie der poetischen Welt seiner Mutter.
Als Oliviers Vater zu Beginn des Ersten Weltkrieges zum Militärdienst eingezogen wird, zieht die Familie nach Grenoble. Diese Jahre werden prägend für den späteren Künstler Olivier Messiaen, denn seine schriftstellernde Mutter führt ihn in die Welt der Poesie und der Märchen ein, die die Phantasie des Sohnes lebhaft beschäftigen und anregen. Der zweite prägende Einfluss geht von den Werken Shakespeares aus, aber auch hier liegt für Olivier Messiaen die Faszination in der Welt der Märchen.
Wie selbstverständlich führt von diesen Anregungen Oliviers Weg in die Musik. Neben einem lebhaften Interesse für die verschiedensten Bühnenwerke von Mozarts "Zauberflöte" bis hin zu Wagners "Walküre" unternimmt er erste autodidaktische Versuche auf dem Klavier. Bald fördert seine Mutter dieses Interesse durch gezielten Klavierunterricht.
Als der Vater nach Kriegsende 1918 zu seiner Familie zurückkehrt, zieht die Familie berufsbedingt für einige Monate nach Nantes. Dort findet Olivier in Jehan de Gibon einen Lehrer, der ihn mit den Grundlagen der Harmonielehre vertraut macht und ihm mit einer Klavierausgabe von Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" neue musikalische Welten eröffnet.
Musikstudium in Paris
Mit der Versetzung Pierre Messiaens an ein Pariser Gymnasium eröffnen sich im Leben des Sohnes neue musikalische Welten. Am berühmten Conservatoire erhält er zwischen 1919 und 1930 eine umfassende Ausbildung, die die Basis für sein späteres Schaffen bilden sollte. Unter Messiaens Lehrern am Konservatorium werden vor allem drei Persönlichkeiten für seine weitere Karriere von Bedeutung: Marcel Dupré (1886-1971) als Orgellehrer, Maurice Emmanuel (1862-1938) als Lehrer für Musikgeschichte und Paul Dukas (1865-1935) als Kompositionslehrer.
Kirchenorganist
Ein Jahr nach Abschluss seiner Studien erhält Olivier Messiaen im Jahr 1931 die Organistenstelle an der Eglise de St. Trinité, wo er bis zu seinem Lebensende zumeist regelmäßig mit seinen musikalischen Mitteln heiligen Gottes-Dienst verrichtet. Die am Konservatorium entwickelte Improvisationskunst leistet ihm dabei wertvolle Hilfe. In den nächsten Jahren entsteht ein umfangreiches kompositorisches Werk für Orgel. Einen zentralen Stellenwert nehmen dabei die neun, unter dem Titel La Nativité du Seigneur (Die Geburt des Herrn) zusammengefassten Meditationen aus dem Jahr 1935 ein.
Erster öffentlicher Erfolg
In den 1930er Jahren werden verschiedene von Messiaens Orchesterwerken erfolgreich uraufgeführt, als erstes am 19. Februar 1931 die "Symphonischen Meditationen" Les Offrandes oubliées. Von balinesischer Gamelan-Musik ist sein Werk Le Tombeau resplendissant beeinflusst, das 1932 erstmals öffentlich erklingt und 1935 steht die Komposition L'Ascension auf dem Programm.
Ein Jahr später gründet Olivier Messiaen mit Yves Baudrier, André Jolivet und Jean Yes Daniel-Lesur als Gegenbewegung zu den Neoklassizisten die Gruppe "La Jeune France", die sich die Verbreitung moderner französischer Musik zum Ziel setzt.
Zu dieser Zeit ist Oliver Messiaen bereits vier Jahre mit der Geigerin und Komponistin Claire Delbos verheiratet, die ihm 1937 den Sohn Pascal schenkt. Claire sind die Poèmes pour Mi gewidmet und nach der Geburt des Sohnes entsteht der Liederzyklus Chants de Terre et de Ciel. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1959 heiratet Messiaen die Pianistin Yvonne Loriod, die er bereits 1943 kennen und lieben gelernt hatte und die in den nächsten Jahrzehnten viele seiner Werke (ur)aufführt.
Kompositionslehrer
1936 tritt Olivier Messiaen eine Stelle als Lehrer an der École normale de Musique an, wo er Blattspiel im Fach Klavier unterrichtet; außerdem lehrt er Orgelimprovisation an der renommierten Schola Cantorum. Ab Mai 1941 leitet er eine Harmonielehreklasse am Pariser Konservatorium. Schriftliches Zeugnis davon legen seine Vingt Leçons d'harmonie aus dem Jahr 1939 ab. 1943 gründet er eine private Klasse für Komposition, aus der u. a Persönlichkeiten wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen oder Iannis Xenakis hervorgehen sollten. Das Schwergewicht liegt dabei in seinen Kursen weniger nach abendländischer Tradition auf der Harmonik, sondern auf dem Rhythmus, mit dem sich Messiaen selbst, v. a. in der außereuropäischen Musik, intensiv beschäftigt.
Kriegsjahre
Der Zweite Weltkrieg geht auch an Olivier Messiaen nicht spurlos vorbei: 1939 wird er zum Kriegsdienst einberufen und gerät 1940 für ein Jahr in Gefangenschaft. Im Lager Stalag VIII in Görlitz entsteht unter den Eindrücken dieser Monate eines seiner bedeutendsten kammermusikalischen Werke, Quatuor pour la fin du temps für Violine, Klarinette, Violoncello und Klavier. Die Besetzung hatte sich zufällig aus musizierenden Mitgefangenen ergeben. Am 15. Januar 1941 findet vor 5000 Gefangenen die denkwürdige Uraufführung des Werkes statt, die Messiaen als eines der bewegendsten Ereignisse seines Lebens erfährt.
Turangalîla-Symphonie
In den 1940er Jahren beauftragt Serge Kussewitzky Olivier Messiaen zur Komposition eines Werkes für das Boston Symphony Orchestra. Das Ergebnis ist die Turangalîla-Symphonie für Klavier, Ondes Martenot und großes Orchester, an der Messiaen über zwei Jahre lang zwischen 1946 und 1948 arbeitet. Der Titel des Werkes setzt sich aus den zwei Sanskrit-Worten "lîla" = Spiel (in vielfachen Sinnzusammenhängen) bzw. Liebe sowie "turanga" = Zeit zusammen und stellt einen Hymnus an die Freude sowie einen Gesang der Liebe dar. Die Uraufführung am 2. Dezember 1949 mit Yvonne Loriod am Klavier und unter der Leitung von Leonard Bernstein gestaltet sich für den Komponisten zu einem glänzenden Erfolg.
Die Serielle Kompositionsphase
Ende der 1940er Jahre wendet sich Olivier Messiaen der seriellen Kompositionstechnik, die eine Fortentwicklung von Schönbergs Zwölftonmusik bildet, zu. Die Grundlage dieser Technik bilden neben Reihen von Tonhöhen auch festgelegte Reihen von Tonlängen, Klangfarben und dynamischen Parametern. Messiaens erste serielle Komposition ist die Klavieretüde Mode de valeurs et d'intensités aus dem Jahr 1949. Diese Kompositionstechnik sollte nachhaltig Schüler wie Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen prägen und beeinflussen. Messiaen selbst wandte sich später wieder davon.
"Technique de mon langage musical"
In den 1940er Jahren hält Olivier Messiaen seine kompositorischen Gedanken auch schriftlich fest. Zeugnis davon legt sein zwischen 1942 und 1944 verfasstes Lehrbuch "Technique de mon langage musical" (Die Technik meiner musikalischen Sprache) ab. Darin bemüht sich der Komponist um eine Übertragung der Sprache als vokalem Kommunikationsmittel auf die Musik durch die Zuordnung der Buchstaben des Alphabets zu bestimmten Tönen. Darüber hinaus entwickelt Messiaen für bestimmte Begriffe wie "Gott" oder auch für die Planeten eigene musikalische Formeln.
Von Vogelstimmen inspiriert

In den 1950er Jahren beginnt Messiaen systematisch, Vogelstimmen und deren Rufe so detailliert wie möglich in Notenschrift aufzuzeichnen. Für seine Aufzeichnungen reist der Komponist im Laufe der Jahre durch die ganze Welt, um seltene Vogelarten in ihrem natürlichen Umfeld studieren zu können.
Auf der Basis dieser Beobachtungen und Aufzeichnungen entstehen in den 1950er Jahren drei "ornithologische" Werke:
- Réveil des oiseaux (Das Erwachen der Vögel) für Klavier und Orchester (1953)
- Oiseaux exotiques (Exotische Vögel) für Klavier, Glockenspiel, Xylophon und 5 Schlagzeuger (1955/56) sowie der
- Klavierzyklus Catalogue d'oiseaux (1956-1958), in dem in 13 Sätzen verschiedene Vögel porträtiert werden.
Der japanische Einfluss
1962 unternimmt Olivier Messiaen seine erste Reise nach Japan, dessen fremdartige Kultur und Landschaft ihn zu neuen Werken inspirieren. Kompositorisches Ergebnis dieser Reise sind die noch im selben Jahr entstandenen Sept Haïkaï, Esquisses japonaises (Sieben Haikus, Japanische Skizzen) für Klavier, Xylophon, Marimba und kleines Orchester (1962). Haikus sind eine besondere Form japanischer Kurzgedichte, die in irgendeiner Form das Thema Natur behandeln. Quellen für Messiaens Werk sind neben der traditionellen japanischen Gagaku-Musik vor allem auch wieder 25 verschiedene einheimische Vogelarten.
"Des Canyons aux étoiles"
1971 erhält Olivier Messiaen einen neuen Kompositionsauftrag, diesmal von der Amerikanerin Alice Tully. Für dieses Werk lässt sich Messiaen von der Landschaft des Bryce Canyon und des Zion National Park im amerikanischen Staat Utah inspirieren, wo sich dem Komponisten ein vielfältiges Farben- und Formenspektrum bietet; eine zusätzliche Dimension bedeutet für den religiösen Menschen Messiaen die spirituelle Gegenwart der Mormonen. Die einzelnen Abschnitte des Werkes werden von biblischen und theologischen Zitaten eingeleitet, darüber hinaus spielt die Farbensymbolik eine zentrale Rolle. Die Uraufführung findet nach dreijähriger Kompositionsarbeit am 20. November 1974 in New York statt.
Saint François d'Assise - das religiöse Vermächtnis
1975 tritt der Direktor der Pariser Oper, Rolf Liebermann, an Olivier Messiaen mit der Anfrage für ein Bühnenwerk heran. Für den religiösen Menschen Messiaen kommt dafür nur ein geistliches Thema bzw. eine theologische Figur in Frage und so entscheidet er sich für eine Oper über das Leben und Wirken des Heiligen Franz von Assisi. Die Arbeit an diesem im Endeffekt mit viereinhalb Stunden Dauer überdimensionalen Bühnenwerk sollte Messiaen in den nächsten acht Jahren intensiv beschäftigen. Messiaen studiert dafür die geographischen und historischen Gegebenheiten vor Ort und hält die Gesänge der dort heimischen Vögel fest, die später in die Vogelpredigt des Franz von Assisi eingebaut werden. Auch in diesem Werk spielt die Farbensymbolik wieder eine zentrale Rolle: Die Oper endet im achten Bild ("Der Tod und das Neue Leben") wiederum farbensymbolisch mit einem großartigen C-Dur-Akkord, während weißes Licht auf die Bühne fällt und Franz von Assisi als ein von der ewigen Wahrheit Erleuchteter stirbt. Die Oper wird am 28. November 1983 unter der Leitung von Seiji Ozawa in der Pariser Oper (Palais Garnier) uraufgeführt und erlebt anschließend sieben weitere, vom Publikum mehr als von der Presse akzeptierte Vorstellungen.
Letzte Jahre
In seinen letzten Lebensjahren reist Olivier Messiaen noch zweimal nach Japan. Neue Kompositionen entstehen nur noch wenige. Erwähnenswert ist vor allem das Werk für Klavier und Orchester Un vitrail et des oiseaux (Ein Kirchenfenster und Vögel), in dem die Farbensymbolik eine zentrale Rolle spielt und sich Vögel und das durch das Glas brechende Licht zu einem Sinnbild für Gott und seine Schöpfung vereinigen. 1989 entsteht für das Orchestre Philharmonique de Radio France als Auftragswerk zum 200. Todestag Wolfgang Amadeus Mozarts im Jahr 1991 das Orchesterwerk Un sourire (Ein Lächeln) als Charakterisierung von Mozarts Leben und Werk.
Olivier Messiaen stirbt am 28. April 1992 in Paris. Der Komponist ist auf dem Friedhof von St. Théoffrey im Departement Isère (nördlich der Dauphiné-Alpen am Westufer des Lac de Petichet) beigesetzt. Der Bildhauer Albert Luyat hat Messiaens Werk mit der Skulptur "Tous les oiseaux des étoiles" (Alle Vögel der Sterne) ein plastisches und symbolträchtiges Denkmal gesetzt.
- Biografie
- Werk
- Teste dein Wissen!
Bibliografie:
- Peter Hill, Nigel Simeone: Messiaen. Eine Biografie, Mainz 2007
- Theo Hirsbrunner: Olivier Messiaen. Leben und Werk, Laaber-Verlag, Laaber 1988









0 Kommentare