Pablo Casals
Biografie
Kindheit und Jugend
Pablo (auf katalonisch Pau) Carlos Salvador Casals wird am 29. Dezember 1876 im katalonischen Vendrell, rund 70 km westlich von Barcelona, als zweites Kind des Organisten Carlos Casals und seiner Frau Doña Pilar Defilló i Amiguet geboren. Sein Vater hatte Klavier und Orgel studiert und wirkt als Organist und Chorleiter in der örtlichen Gemeinde. Carlos Casals ist ein gleichermaßen ehrgeiziger und engagierter Musiker wie pflichtbewusster Familienvater und als ihm die künstlerische Luft in seiner Kirche zu dünn wird und die Familie unaufhaltsam zu wachsen beginnt (auch wenn acht der elf Kinder bereits in jungen Jahren sterben), dehnt er seine musikalischen Aktivitäten auf andere Bereiche aus: Er gründet einen Männerchor, gibt Unterricht in Klavier und Gesang und spielt bei geselligen Anlässen mit mehreren Kollegen zum Tanz auf.
Pablo saugt in einer solchen Umgebung unweigerlich Musik mit der Muttermilch ein und im Alter von vier Jahren erhält er seinen ersten Klavierunterricht vom Vater. Gleichwohl sollte die Beziehung zu seiner - ebenfalls klavierspielenden - Mutter ihn für den Rest seines Lebens nachhaltiger prägen. Letztlich ist es ihrem Engagement und ihrer Beharrlichkeit zu verdanken, dass Pablo den Beruf des Musikers wählt und dass er von frühester Jugend an ein unerschütterliches Selbstvertrauen, an den Tag legt, das in dem eigenen Gewissen als Maßstab allen Handelns gründet.
Bald ist dem musikalisch unersättlichen Knaben das Klavier allein nicht mehr genug und er experimentiert auf jedem noch so primitiven Instrument, bis er ihm einen Ton und schließlich eine Melodie entlocken kann. Nach und nach erwirbt er sich grundlegende Fähigkeiten auf verschiedenen Blas- und vor allem Streichinstrumenten und mit zehn Jahren erhält er seine ersten Orgelstunden. Parallel dazu vermittelt ihm sein Vater ein musiktheoretisches Basiswissen, das ihn früh zu ersten Kompositionen inspiriert.
Das Jahr 1888 markiert einen Wendepunkt in Pablos bis dahin eher amateurhaften musikalischen Bemühungen, als er bei einem Kammerkonzert in seinem Heimatdorf erstmals ein Ensemble von exzellenten Berufsmusikern mit dem Cellisten Josep García erlebt. Nach der instrumentalen Vielfalt der vergangenen Jahre gibt es von da an nur noch ein Instrument, das dieser begabte Musiker aus dem nahen Barcelona so meisterhaft zu spielen versteht und dessen Klang für Pablo etwas "Menschliches" an sich hat - eine Eigenschaft, die er gleichsam nahezu zum Dogma seines künstlerischen Schaffens erheben sollte.
Musikstudium in Barcelona
Mit dem sicheren Instinkt einer Mutter erkennt Doña Pilar, dass in ihrem Sohn ein außergewöhnliches Talent schlummert und so setzt sie mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit gegen den Widerstand ihres Ehemannes ein Musikstudium in Barcelona durch. Pablo besteht erfolgreich die Aufnahmeprüfung und wird nun Schüler des so glühend bewunderten Josep García. Innerhalb kürzester Zeit macht er so beachtliche Fortschritte, dass er sich für ein öffentliches Konzert qualifiziert. Mit schlafwandlerischem Instinkt für die Möglichkeiten seines Instruments und einem anerzogenen gesunden Selbstbewusstsein erdreistet sich das musikalische Nesthäkchen der Schule zu spieltechnischen Verbesserungsvorschlägen, die die zu dieser Zeit übliche Cellotechnik revolutionieren und aus ihren starren Regeln zu einem lebendigeren Spiel befreien. Zum Glück findet er in García einen aufgeschlossenen Lehrer, der ihn angesichts der unbestreitbaren Erfolge mit dieser neuen Technik gewähren lässt.
Erste Konzerterfahrungen sammelt Pablo in dieser Zeit vor allem in der schnell wachsenden und blühenden Unterhaltungsindustrie: Er tritt in Theatern, Tanzsälen und in den um diese Zeit wie Pilze aus dem Boden schießenden Kaffeehäusern auf - eine harte, aber musikalisch lehrreiche Schule, in der er ähnlich seinem französischen Zeitgenossen Jacques Offenbach wertvolle Erfahrungen sammeln sollte und die sich nicht zuletzt später - wie wiederum auch bei Offenbach - in seinen Kompositionen widerspiegeln werden. Pablo drückt diesen dreistündigen Abendprogrammen schon bald seinen eigenen Stempel auf, indem er mit seinen zwei Kollegen zunehmend anspruchsvolle Werke zu Gehör bringt. Was vor allem als finanzielles Risiko für den Kaffeehausbesitzer beginnt, entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit zum kulturellen Geheimtipp, denn an einem Abend der Woche besteht das Programm nur aus ernsten Werken, die ein interessiertes Publikum ebenso anziehen wie das cellistische Wunderkind Casals.
Eine regelrechte musikalische Offenbarung bedeutet für den 13-jährigen die Entdeckung von Bachs Cello-Suiten, die seit ihrer Entstehung ein stiefmütterliches Dasein geführt hatten und allenfalls in Einzelsätzen zur Aufführung kamen. Diese Kompositionen, die für ihn ein Abbild der Unendlichkeit darstellen, sollten sein künstlerisches Denken und Fühlen entscheidend prägen und die regelmäßige Aufführung derselben während seiner langen Solistenkarriere sollte ihn wieder einmal mehr als unorthodoxe und autarke Persönlichkeit ausweisen.
Auch in öffentlichen Konzerten macht der Solist zunehmend auf sich aufmerksam. 1891 erhält Pablo eine Stelle am Teatro Tívoli und taucht mit Bizets "Carmen" erstmals in die Welt der Oper ein. Im selben Jahr wechselt er vom Café Tost zum Café La Pajarera, wo sowohl die künstlerischen als auch finanziellen Bedingungen befriedigender sind.
Am Konservatorium in Madrid
Nachdem Pablo im Frühjahr 1893 seine Studien beendet hat und bis dahin zunehmend vom Erfolg verwöhnt war, trifft ihn die Niederlage bei einem Wettbewerb, der seine weitere Karriere entscheidend hätte fördern können, völlig unvorbereitet und versetzt seinem Selbstbewusstsein einen empfindlichen Schlag. Während er noch unschlüssig ist, wie seine weitere Zukunft aussehen sollte, hat seine Mutter Pilar bereits eine Entscheidung getroffen. Eingedenk der Anregung des gefeierten Pianisten und Komponisten Isaac Albéniz, der im Café La Pajarera auf Pablos Begabung aufmerksam geworden war, und ausgestattet mit einem entsprechenden Empfehlungsschreiben an den musikliebenden und im Amt des Privatsekretärs Königin María Cristinas einflussreichen Grafen Guillermo de Morphy bricht sie mit ihren drei Söhnen im Schlepptau ins 800 km entfernte Madrid auf. Der Graf ist von Pablos instrumentalen und kompositorischen Fähigkeiten spontan so überzeugt, dass er wenige Tage später ein Vorspiel vor Ihrer Königlichen Hoheit arrangieren kann. Auch die Monarchin zeigt sich von dem Talent des Jungen beeindruckt und ermöglicht ihm durch eine angemessene monatliche Unterstützung nicht nur das Studium am Madrider Konservatorium, sondern nimmt darüber hinaus auch ganz persönlich Anteil am weiteren Schicksal ihres Schützlings - eine Situation, die angesichts von Carlos Casals' republikanischer Gesinnung nicht der Pikanterie entbehrt. Graf de Morphy nimmt parallel dazu Pablos geistige und kulturelle Ausbildung in die Hände, die zu dieser Zeit völlig mangel- und lückenhaft ist. Einen prägenden musikalischen Einfluss hinterlassen in dieser Zeit vor allem die kammermusikalischen Studien bei Jesús de Monasterio, dem Direktor des Konservatoriums.
Im Herbst 1894 unternimmt Pablo mit einigen Kommilitonen eine ausgedehnte Konzertreise, bei der er angesichts seines außergewöhnlichen Tons schon bald zum bewunderten Mittelpunkt wird und in deren Verlauf ihm seine künstlerische Bestimmung zunehmend deutlich wird. Er will sich fortan ganz seiner solistischen Karriere widmen, hat aber bei dieser Entscheidung nicht mit dem leidenschaftlichen Widerstand des Grafen de Morphy gerechnet, der in dem ebenfalls begabten Komponisten einen Hoffnungsträger für die Entwicklung einer anspruchsvollen, noch in den Kinderschuhen steckenden spanischen Nationalmusik, insbesondere in der Gattung der Oper, sieht. Auf die durch gräfliche Protektion fließenden monatlichen Zahlungen angewiesen einigt man sich schließlich auf einen Kompromiss, der im Sommer 1895 einen Studienwechsel nach Brüssel vorsieht, wo Pablo neben dem Cello auch das Fach Komposition belegen soll. Doch die lange Reise ist umsonst: Der Kompositionslehrer, Professor François Gevaërt, lehnt in seinem fortgeschrittenen Alter die Aufnahme neuer Schüler ab und der Cellolehrer Edouard Jacobs behandelt den unbekannten Spanier so von oben herab, dass der selbstbewusste Pablo kurzerhand abreist und mit seiner kühnen Entscheidung auch die finanzielle Verbindung nach Spanien kappt.
Paris - ein Erfolg mit Hindernissen
Pablo, der fortan nicht nur sich, sondern auch seine stets im Schlepptau mitreisende Mutter und zwei Brüder versorgen muss, macht auf dem Rückweg in Paris Halt und versucht, aus seinem immerhin nicht unerheblichen Talent Kapital zu schlagen. Doch der Versuch scheitert kläglich und wenige Monate später kehrt eine ausgezehrte Familie ins heimatliche Spanien zurück, wo sich Pablo eine Existenz als Lehrer aufzubauen beginnt - eine Tätigkeit, die er sein Leben lang neben der solistischen Karriere beibehalten und mit großem Engagement und Idealismus widmen sollte. Zunehmend macht er auch öffentlich auf sich aufmerksam und konzertiert mit renommierten Kollegen wie dem saye-Schüler Mathieu Crickboom oder dem Pianisten und Komponisten Enrique Granados zusammen, mit dem ihn bis zu dessen frühem und tragischem Tod im Jahr 1916 eine enge Freundschaft verbindet. Im Dezember 1896 begleitet ihn der 61-jährige Camille Saint-Saëns höchstpersönlich bei einer konzertanten Aufführung seines Cellokonzertes a-Moll. Innerhalb kürzester Zeit hatte er sich zu einer nationalen Berühmtheit entwickelt, was sich nicht zuletzt in einer Ernennung zum Professor für Cello am Konservatorium von Barcelona niederschlägt. Nun scheint die Zeit für seinen zweiten Anlauf zur musikalischen Eroberung der Seine-Metropole reif zu sein.
Die königliche Gunst María Cristinas, die ihrem Schützling beim Abschied noch ein kostbares Cello überreicht hatte, öffnet Pablo Casals auch die Türen anderer europäischer Königshäuser, wo zwar zumeist keine königlichen Gagen, dafür jedoch unbezahlbares Prestige erworben werden kann. Für seine weitere musikalische Karriere sollten jedoch vor allem die weit gespannten Beziehungen des Grafen de Morphy von Bedeutung sein, der Casals ein Empfehlungsschreiben an den renommierten französischen Dirigenten Charles Lamoureux (1834-1899) mitgegeben hatte. Von diesem ähnlich skeptisch beäugt wie 27 Jahre später Wladimir Horowitz bei seinem legendären Konzert im Hamburger Hotel Atlantic rührt der Cellist den erfahrenen Dirigenten mit seiner Interpretation des ersten Satzes von Édouard Lalos Cellokonzert zu Tränen. Casals' Pariser Debüt mit diesem Werk am 12. November 1899 hinterlässt angesichts der ungewohnten Cellotechnik und -klänge ein gleichermaßen begeistertes wie irritiertes (Fach-)Publikum. Erst sein zweiter Auftritt am 17. Dezember, wiederum mit Charles Lamoureux, am Dirigantenpult, der nur vier Tage später sterben sollte, verschafft ihm den ersehnten künstlerischen Durchbruch.
Pablo Casals stehen von diesem Moment an die gesellschaftlichen Türen in der oberen Pariser Gesellschaft offen und er begegnet Persönlichkeiten wie Arnold Schönberg, Maurice Ravel oder Ignacy Paderewski. Künstlerisch beginnt nun von seinem Standquartier Paris aus ein jahrelanges Wanderleben, das ihn um die ganze Welt führen sollte. Nach einer Tournee durch die Vereinigten Staaten mit der befreundeten Sängerin Emma Nevada folgen Solokonzerte mit dem Pianisten Harold Bauer in ganz Europa, in Russland sowie in Nord- und Südamerika. Diese Künstlergemeinschaft sollte vierzehn Jahre lang bestehen bleiben und menschlich und musikalisch ähnlich fruchtbar sein wie ein Vierteljahrhundert später die Verbindung zwischen Wladimir Horowitz und Nathan Milstein. In gleichem Maße wie eine solche ausgedehnte Konzerttätigkeit notwenig für eine erfolgreiche internationale Solistenkarriere ist, ist sie mit einem Pensum von 150-200 Auftritten pro Jahr jedoch äußerst strapaziös.
Stationen einer internationalen Solistenkarriere
| Datum | Ereignis |
| 15.01.1904 | 1. Auftritt im Weißen Haus vor Präsident Roosevelt |
| 09.03.1904 | 1. Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall: Casals spielt das Cello-Solo in Richard Strauss' symphonischer Dichtung "Don Quixote" unter der Leitung des Komponisten |
| 1905/06 | Konzerte in England, Schottland, Berlin, Brüssel, Frankfurt, in der Schweiz, in Italien, London, Barcelona, St. Petersburg (1. Auftritt mit einem illustren Publikum wie den Komponisten Rimskij-Korsakow, Glasunow und Ljadow), Wilna und Warschau; anschließend Auftritte mit dem Komponisten Julius Röntgen in Holland |
| 16.12.1906 | 1. Konzert mit dem Trio "Heilige Trinität", bestehend aus Jacques Thibaud (Violine), Casals (Cello) und Alfred Cortot (Klavier), in Lille |
Von 1905-1913 schränkt Pablo Casals seine Konzerttätigkeit deutlich ein: Das Zentrum seiner Aktivitäten verlagert sich auf Zentraleuropa und in der Wintersaison gastiert er in Russland. Ab 1909 tritt er gemeinsam mit dem Pianisten und Komponisten Donald Francis Tovey, zunehmend auch in England auf, da er dessen Werke schätzt und in seine Programme aufnimmt.
| 1910 | Wiener Debüt mit Emanuel Moórs Konzert für Violoncello und Orchester cis-Moll, begleitet von den Wiener Philharmonikern unter Franz Schalk |
| 04.03.1912 | Legendäres Konzert mit dem Geiger Eugène saye und Brahms' Doppelkonzert für Violine und Violoncello |
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 bedeutet eine herbe Zäsur in Casals' bisherigem Wirken, das er in dieser Zeit schwerpunktmäßig auf Amerika verlegt, wo er nach zehnjähriger Abwesenheit ein glänzendes Comeback feiert. Im Frühjahr 1915 spielt er auch erstmals Werke auf Schallplatte ein. Bei Kriegseintritt der USA engagiert sich Casals auch in Benefizkonzerten und gründet mit anderen Musikern die Beethoven Association als demonstratives Zeichen gegen die Verdammung deutscher Kultur aufgrund der politischen Situation.
| Frühjahr 1919 | 1. Konzertreise nach Mexiko (Debüt am 1. Januar in Mexiko-City); am 14. April Aufführung von Rachmaninows Cellosonate |
| 1921-1930 | Regelmäßige Konzerttourneen durch England, bei denen es 1927 erstmals zu einer Zusammenarbeit mit John Barbirolli kommt; parallel dazu im Winter Tourneen durch die USA, die 1928 nach der Trennung des Ehepaares Casals ein abruptes Ende nehmen |
| April 1931 | Festkonzert im Palast von Montjuïc in Barcelona anlässlich der Geburt der Zweiten Spanischen Republik mit Beethovens 9. Symphonie unter der Leitung von Casals |
| 22.11.1934 | Uraufführung von Donald Toveys Cellokonzert in Edinburgh |
| 27.06.1945 | 1. Nachkriegskonzert in der Londoner Albert Hall vor rund 12.000 Zuhörern mit den Cellokonzerten von Edward Elgar und Schumann und dem BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Sir Adrian Boult |
Der Privatmann Pablo Casals - ein nebelverhangenes Kapitel
Da sich der Künstler mit Enthüllungen über seine Privatsphäre ein Leben äußerst bedeckt gehalten hat, lassen sich Informationen darüber nur mühsam aus kleinsten Mosaiksteinchen zusammensetzen.
Im Sommer 1898 begegnet Pablo Casals erstmals der damals zehnjährigen, überdurchschnittlich begabten portugiesischen Cellistin Guilhermina Suggia, die sich in den nächsten Jahren zielstrebig nach oben arbeitet. Eine zweite Begegnung im Jahr 1906 mündet in einer siebenjährigen engen Künstlerbeziehung, die auch auf die private Ebene übergreift, schließlich jedoch an dem unweigerlichen Konflikt zwischen zwei hochbegabten Menschen mit individuellen künstlerischen Bedürfnissen zerbricht.
Für Freunde und Familienangehörige völlig überraschend heiratet Pablo Casals am 4. April 1914 die Sängerin Susan Metcalfe, der er erstmals am 8. März 1904 bei einem Konzert in New York begegnet war. Aber auch diese Verbindung steht unter keinem glücklichen Stern und obwohl sie auf dem Papier über vierzig Jahre währen sollte, verbrachten die Eheleute nur ein Drittel dieser Zeit gemeinsam. Völlig unterschiedliche sowohl menschliche als auch künstlerische Erwartungen und Ansprüche höhlen schon bald ihre Beziehung aus und lassen sie schließlich wie ein Haus ohne Fundament zusammenbrechen.
Eine neue Karriere - Der Dirigent Pablo Casals
Auch Pablo Casals' zweite Karriere als Dirigent beginnt auf steinigen Pfaden. Nach zwei Jahrzehnten rastlosen Solistenlebens und angesichts des begrenzten Solo-Repertoires für das Cello sucht der Künstler nach neuen musikalischen Herausforderungen und Perspektiven. Heimgekehrt ins spanische Barcelona gründet er das als Symphonieorchester und Ergänzung zu den bereits bestehenden Ensembles konzipierte Orquestra Pau Casals. Da die Stadt dem Unternehmen jedoch ablehnend und auch in finanzieller Hinsicht unkooperativ gegenüber steht, gerät das Projekt schon bald zum Verlustgeschäft, in das der frisch gebackene Dirigent in den ersten acht Jahren fast eine halbe Million Dollar investiert.
Bei der Vorbereitung auf diese Konzerte legt Pablo Casals dieselbe Gewissenhaftigkeit an den Tag wie bei seiner solistischen Arbeit, die sich durch Demut vor dem musikalischen Kunstwerk auszeichnet und einen ähnlichen Ansatz wie Gustav Mahler erkennen lässt, der eine Komposition im Moment der Aufführung gleichsam neu erschafft. Für Pablo Casals bedeutet diese Tätigkeit eine wichtige Bereicherung seines künstlerischen Lebens und er selbst bezeichnete später diese Jahre als die "fruchtbarsten meines ganzen Lebens". Am 7. April 1922 gibt er in der New Yorker Carnegie Hall sein offizielles Debüt als Dirigent mit Beethovens Symphonie Nr. 6 (Pastorale) und Brahms' Symphonie Nr. 1. Musiker und Kritiker werden in den nächsten Jahren jedoch hinsichtlich der Qualifikation für diese Aufgabe geteilter Meinung sein, denn unter einem rein dirigiertechnischen Aspekt waren Casals' Fähigkeiten völlig unzureichend. Dennoch gelingen ihm aufgrund der akribischen Probenarbeit bemerkenswerte Aufführungen und das Orquestra Pau Casals wird in den folgenden 16 Jahren rund 370 Konzerte mit einem breit gefächerten Repertoire veranstalten, das stets auch zeitgenössische Werke enthält.
Als dieses Unternehmen auch finanziell erfolgreich zu werden beginnt, ruft der rastlos Kreative 1926 das nächste Projekt ins Leben: eine Konzertreihe für Arbeiter. Träger dieser Veranstaltungen wird die Associació Obrera de Concerts (Arbeiter-Konzertvereinigung), deren Mitglieder gegen einen bescheidenen Obulus jährlich sechs Konzerte mit renommierten Künstlern erleben und dabei gleichzeitig einen "Nachhilfekurs" in Musikgeschichte absolvieren können.
Die Vermittlung seines musikalischen Wissens an andere Menschen - unabhängig von ihrem Ausbildungsstand und ihrem kulturellen Hintergrund - war bereits ein zentrales Anliegen des Dirigenten Casals gewesen. Als daher sein Kammermusikkollege Alfred Cortot 1919 die École Normale de Musique in Paris gründet als Alternative zum anspruchsvollen Konservatorium und mit Besinnung auf die nationalen französischen Musikwurzeln kann er sich der Unterstützung seines Freundes Casals sicher sein.
Exiljahre im unfreiwilligen Ruhestand
Die Freude über die Ausrufung der Zweiten Spanischen Republik im April 1931 währt nur kurz, denn bereits fünf Jahre später bricht der spanische Bürgerkrieg aus. Als sich die Ereignisse zuspitzen, wird auch Casals - der lebenslang ein konsequenter Antifaschist war und aus diesem Grunde Francos Spanien ebenso mied wie Hitlers Deutschland und Mussolinis Italien - klar, dass er nicht länger in seinem Heimatland bleiben kann. Er flüchtet über die Pyrenäen nach Prades. Angesichts der elenden Zustände in den Flüchtlingslagern schreitet er ohne zu Zögern zu praktischer Hilfe und bittet in Europa und den USA um Hilfe. Damit sollte er sich jedoch an prominente Stelle auf die Liste der Regimefeinde des neuen Machthabers Franco setzen, der ein Kopfgeld in der Höhe von einer Million Peseten auf seine Ergreifung aussetzt und damit droht, ihm beide Arme an den Ellbogen abzuschneiden.
Eine im Sommer 1940 von Freunden nahegelegte Flucht von Bordeaux aus nach Südamerika scheitert und so bleibt Casals nichts anderes übrig, als nach Prades zurückzukehren, wo der Künstler die nächsten 15 Jahre seines Lebens verbringen sollte. In dieses Exil begleitet ihn seine neue Lebensgefährtin und ehemalige Schülerin Frasquita Capdevila, die ihm in diesen Exiljahren nicht nur zu einer unentbehrlichen Stütze im alltäglichen Leben wird, sondern vor allem eine Art Heimat in seinen vier Wänden innerhalb des Exils schafft. Auf dem Sterbebett lässt sich Casals mit seiner langjährigen Lebensgefährtin kirchlich trauen, obwohl er zu dieser Zeit offiziell immer noch mit Susan Metcalfe verheiratet ist.
Auch im Exil gilt Casals' Engagement vordringlich den Kriegsopfern, die in und um Prades in notdürftigen Flüchtlingslagern hausen. Als seine Konten im Jahr 1940 gesperrt und daher die eigenen finanziellen Mittel knapper werden, organisiert er eine Benefiztournee durch die Schweiz. Doch wenig später werden ihm endgültig die Flügel gestutzt, denn die Gestapo dringt auch bis Prades vor und schiebt diesen Unternehmungen einen Riegel vor.
Nach dem Krieg setzt er all seine Hoffnungen auf eine Befreiung auch Spaniens von der faschistischen Diktatur seitens der englischen Regierung, doch seine Träume werden von der politischen Realität brutal zerstört. Casals' Antwort auf die tatenlose Duldung des Franco-Regimes nicht nur durch England, sondern auch andere Staaten, führt zu einer jahrelangen konsequenten Weigerung, in diesen Ländern aufzutreten. Die Folge ist ein weitgehendes Verstummen des Cellisten Pablo Casals - für sein Publikum ein unermesslicher Verlust, für ihn selbst "das größte Opfer (seines) Lebens". Der Künstler kompensiert dieses Opfer teilweise durch eine verstärkte Aktivität als Komponist und Lehrer, wenngleich er sich seine Schüler sehr sorgfältig aussucht. Darüber hinaus nimmt er auch aus der Ferne weiter leidenschaftlichen Anteil am Schicksal seines Landes und insbesondere Kataloniens und unterstützt u. a. die traditionellen, nun in verschiedenen Exilländern stattfindenden "Jocs Florals de la Llengua Catalana" (Blumenspiele der katalanischen Sprache).
Ende des musikalischen Schweigens
Viele hatten Pablo Casals in den vergangenen Jahren für die musikalische Welt zurückzugewinnen versucht, es fehlte nicht an verlockenden Angeboten und Einladungen, doch der Künstler blieb konsequent bei seinen Überzeugungen. 1947 tritt der 41-jährige litauische Geiger Alexander Schneider in Casals' Leben und sollte diesem innerhalb weniger Jahre noch einmal eine völlig neue Richtung geben. Anstatt den Cellisten in die Metropolen der Welt zu verpflichten, macht er ihm in intensiver Überzeugungsarbeit die Idee eines Bach-Festivals in seinem Exilort Prades schmackhaft - die Kombination von politischem Sendungsbewusstsein aus dem Exil und musikalischer Herausforderung durch den Komponisten Bach besiegen schließlich alle Widerstände. Und das spontane und uneigennützige Engagement Dutzender Künstler weltweit ermöglicht bereits ein Jahr später die Realisierung dieses ehrgeizigen Projektes. 1950 findet das erste sechswöchige Festival statt, das am 2. Juni 1950 mit der Cellosuite Nr. 1 in G-Dur eröffnet wird. Pablo Casals beweist an diesem Abend, dass er noch immer zu den größten Cellisten des Jahrhunderts gehört, wenn nicht sogar als der ungekrönte König zu betrachten ist. Ähnlich wie bei Wladimir Horowitz nach seiner zweiten Arbeitspause erlebt ihn eine ganze Generation junger Musiker erstmals in einem Konzert und ist gleichermaßen überwältigt, verblüfft und bewegt von seiner künstlerischen Darbietung, die sich so fundamental von der zu dieser Zeit zunehmend üblichen puristischen Vortragsweise unterscheidet. Und ebenso wie bei Horowitz rühmen Musiker und Kritiker die Farbigkeit und Ausdrucksvielfalt seines Spiels, das in den 1940er und 50er Jahren zunehmend unter einer perfekt-kalten Technik und seelenloser Virtuosität begraben wird. Für die Nachwelt sind diese Konzerte - ebenso wie die der folgenden drei Jahre - auf Schallplatte dokumentiert.
Zweite Heimat Puerto Rico
Der Tod seiner Frasquita Capdevilas, seiner treuen Gefährtin während der Exiljahre, im November 1955 hinterlässt in Pablo Casals' Leben eine tiefe und schmerzhafte Lücke. Zum Lichtblick in dieser Einsamkeit wird unerwartet die achtzehnjährige puertoricanische Cellistin Marta Montañez, der Casals erstmals 1951 während der Bach-Festspiele in Prades begegnet war und die seit einigen Monaten seine Schülerin ist. Schon bald wird sie mit ihrer praktisch-zupackenden Art zu einem unentbehrlichen Bestandteil seines alltäglichen Lebens. Bei einer gemeinsamen Reise nach Puerto Rico, Martas als auch seiner Mutter Doña Pilars Heimat, findet Pablo Casals nach den langen Jahren des französischen Exils eine neue Heimat.
Casals' Erscheinen auf dieser seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend amerikanisierten Insel gibt den Bemühungen um die Entwicklung einer eigenen kulturellen Identität einen unerwarteten Aufschwung. Mit dem ihm auch mit fast achtzig Jahren noch eigenen Elan schmiedet Casals unverzüglich Pläne für einen eigenen Beitrag für diese Ziele. Und so wird bereits das nächste Prades-Festival im Jahr 1957 ins karibische San Juan verlegt und inhaltlich auf andere Komponisten ausgeweitet/erweitert. Die Publicity ist bereits im Vorfeld beträchtlich und Hotels und Karten ausverkauft. Umso tragischer ist Casals' Herzinfarkt mitten in einer Probe sechs Tage vor der Eröffnung des Festivals, das schließlich ohne ihn stattfinden muss. Doch der Maestro erholt sich überraschend schnell und kann im kommenden Jahr die musikalischen Fäden wieder bei voller Gesundheit selbst in den Händen halten. Dies war nicht zuletzt auf die Fürsorge, Inspiration und Kraft zurückzuführen, die seine neue Lebensgefährtin ihm täglich ausfs Neue schenkte. Dass diese Verbindung am 3. August 1957 schließlich in einer Ehe mündet, sorgt allgemein für Überraschung, Unverständnis - vor allem auch von Martas Familie, die dadurch eine hoffnungsvoll begonnene Karriere zerstört sieht - und sogar Spott. Für Marta und Pablo Casals ist es eine bewusste und aus tiefer Zuneigung getroffene Entscheidung, die beider Leben bereichert und dem Künstler Casals noch einmal für weitere sechzehn Jahre die Spannkraft zu musikalischem Wirken verleiht, sei es als künstlerischer Leiter des nun alljährlich im Frühjahr stattfindenden Puerto Rico Festivals, sei es bei den sommerlichen Kammermusikkursen im schweizerischen Zermatt, sei es als Dirigent beim Marlboro Festival in Vermont oder als Juror beim Concours International Pablo Casals in Paris zur Förderung des cellistischen Nachwuchses.
Kritiker haben dem jahrelang beinahe doktrinär alle faschistischen Regimes ablehnenden Künstler, der auch Nationen mied, die Länder mit faschistischen Regimes unterstützten, nach 1955 Prinzipienlosigkeit vorgeworfen, als er für die Beerdigung seiner Lebensgefährtin Frasquita Capdevila spanischen Boden betreten hatte, sich dann in dem Amerika angegliederten Puerto Rico niederlässt und schließlich auch Deutschland wieder besucht. Der Künstler Casals muss hingegen nach jahrelangem selbstgewähltem Exil der Realität ins Auge sehen, dass sein persönliches Opfer auf die politischen Zustände in Spanien auch nicht den geringsten Einfluss gehabt hatte. Nichts desto trotz bleibt er auch in seinen letzten Lebensjahren politisch aktiv und setzt seine Kräfte für die Erhaltung des Weltfriedens und damit gegen das wahnwitzige Wettrüsten sowie die stetig zunehmenden Atomwaffentests ein. Als äußeres Zeichen dieser Überzeugungen gestaltet er am 24. Oktober 1958 mit anderen renommierten Musikern das jährliche Konzert anlässlich der Gründung der Vereinten Nationen in New York mit. Dasselbe Credo enthält sein 1958 umgearbeitetes Oratorium El Pessebre, das er fortan - u. a. auch im September 1973 in Israel anlässlich der 25-Jahr-Feiern zur Staatsgründung - zum mächtigen Sprachrohr für den Frieden einsetzt. Für diese Bemühungen erhält der Künstler 1968 die Freiheitsmedaille aus der Hand des amerikanischen Präsidenten.
Dass Pablo Casals' Interesse für die spanische Sache auch in diesen Jahren nicht erloschen war, beweist sein Konzert im November 1961 vor Präsident John F. Kennedy, den er als Hoffnungsträger für eine entscheidende Wende betrachtet. Doch trotz seiner ehrlich gemeinten Absichten wirbelt dieses Konzert sowohl vorher als auch nachher viel Staub auf und lässt Casals' moralische Überzeugungen in zweifelhaftem Licht erscheinen.
Bis zum Schluss steckt Pablo Casals voller neuer Pläne und Ideen. Eine besondere Ehre bedeutet dem engagierten Friedenskämpfer der Auftrag für eine Komposition zum Jahrestag der Vereinten Nationen 1971. Auf einen Text von W. H. Auden entsteht die Hymne für die Vereinten Nationen, die am 24. Oktober uraufgeführt wird. Am 30. September 1973 erleidet der Künstler einen erneuten Herzinfarkt, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Er stirbt am 22. Oktober in San Juan und wird wenige Tage später auf dem Puerto Rico Memorial Cemetery beigesetzt. Sein Tod löst in der ganzen Welt große Betroffenheit aus und führt zu zahlreichen Gedenkfeiern. In San Salvador und San Juan erinnern Museen an sein Leben und Wirken. Nach der Befreiung Spaniens von der Franco-Diktatur im November 1975 werden Casals' sterbliche Überreste im November 1979 in sein Heimatdorf El Vendrell überführt.
- Biografie
- Künstlerische Würdigung
Bibliografie:
- Robert Baldock: Pablo Casals. Das Leben des legendären Cellovirtuosen, Kindler Verlag, München 1994
- Pablo Casals: Licht und Schatten auf einem langen Weg. Erinnerungen aufgezeichnet von E. Kahn, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1971
- H. L. Kirk: Pablo Casals. A Biography, Doubleday, New York und Hutchinson, London 1974
Institution(en):
- Casa Museu Pau Casals (Pablo Casals Museum)Av Palfuriana 59-61
E-43700 El Vendrell+34/(0)9776/84276 - Museo Pablo CasalsPlaza San José
San Juan PR 00909-2938+1/787/7239185Internet: http://www.puertoricowow.com/espanol/html/sp-ac-casals.html (in spanischer Sprache) - Festspiele in Prades
Festival Pablo CasalsBP 24-33, rue de l'Hospice
F-66502 Prades Cedex+33/(0)468/963307+33/(0)468/965095contact@prades-festival-casals.com http://www.prades-festival-casals.com/ - Festival Casals
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