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THEMEN

Pagliacci (Der Bajazzo), Oper in zwei Akten und mit einem Prolog von Ruggero Leoncavallo

Handlung

Libretto: Ruggero Leoncavallo

Uraufführung: 21. Mai 1892 Teatro dal Verme, Mailand

Deutsche Erstaufführung: 17. September 1892 Wien

Ort und Zeit: Montalto di Calabria in Süditalien am 15. August (Mariä Himmelfahrt) im Jahr 1865

Spieldauer: ca. 80 Minuten

Personen: Canio (Leiter einer Komödiantentruppe), in der Komödie "Bajazzo", Tenor; Nedda (seine Frau), in der Komödie "Colombine", Sopran; Tonio (Mitglied der Theatertruppe, "der Tölpel"), in der Komödie "Taddeo"), Bariton; Beppo (Mitglied der Theatertruppe), in der Komödie "Harlekin", Tenor; Silvio (ein junger Bauer), Bariton sowie Zuschauer der Theateraufführung

Chöre: Bauern, Bäuerinnen und Kinder

Prolog

Dieser Prolog ersetzt die bis zu dieser Zeit allgemein übliche Ouvertüre. Ebenso wie diese erfüllt er den Zweck der Einstimmung auf das folgende Geschehen, dient jedoch darüber hinaus als Erläuterung des für zeitgenössische Ohren ungewohnt neuen Opernstils, der als "Verismo" (Verismus) in die Musikgeschichte eingegangen ist. Wie ein Erzähler führt Tonio die Zuhörer in das kommende Geschehen ein und zeigt dabei gleichzeitig das zentrale Anliegen des Autors auf, der "bemüht (ist), für euch zu malen ein Bild des wirklichen Lebens". Dabei gehe es weniger um die Darstellung objektiver äußerer Ereignisse, sondern um die facettenreiche Schilderung subjektiver Empfindungen, die (angeblich) auf einem ganz konkreten Erlebnis basieren, das der Autor in diesem Werk verarbeitet hat.

1. Akt

Erste Szene

An einem heißen August-Nachmittag auf dem Dorfplatz. Bauern und Bäuerinnen begrüßen freudig die Ankunft des Bajazzo* und seiner Theatertruppe - für die Dorfbevölkerung ein Höhepunkt im Laufe des ansonsten arbeitsamen Jahres, von der sie sich unbeschwerte Unterhaltung und eine Unterbrechung des eintönigen Alltags versprechen ("Verjag die Sorgen uns durch heitre Laune! Evviva, Bajazzo! Vertreib die Sorgen durch Humor! Erfreu uns doch durch deine Späße! Denn so versöhnst du uns mit unserm Schicksal!").

Canio reagiert zunächst ungehalten auf den Tumult, doch die ausgelassene Stimmung der Bevölkerung überträgt sich allmählich auch auf ihn und er nutzt die Gunst der Stunde, um vor der versammelten Menge auf seine abendliche Vorstellung hinzuweisen, für die er diverse Attraktionen verspricht. Tonio versucht indes, Nedda galant vom Wagen herunter zu helfen, erhält dafür jedoch nur eine schallende Ohrfeige von ihrem Ehemann, der sich durch diese Geste in seiner Ehre gekränkt fühlt. Die Bevölkerung empfindet diese kleine Szene bereits als Vorboten kommender Unterhaltung und kommentiert sie mit einem spöttischen Lachen auf Kosten des Tölpels Tonio, der sich dadurch zutiefst gedemütigt fühlt und insgeheim Rache schwört.

Ein paar Bauern laden Canio zu einem Willkommenstrunk ins Wirtshaus ein. Beppo, immer für einen guten Tropfen Wein zu haben, folgt ihnen bereitwillig. Nur Tonio will sich ihnen nicht anschließen - zu frisch ist noch die Wunde über die soeben empfangene Demütigung - und mit einer (fadenscheinigen) Entschuldigung bleibt er zurück. Die Bauern necken daraufhin Canio: Sicherlich will Tonio nur deshalb zurückbleiben, um etwas mit Nedda anzufangen. Doch hier hört für Canio der Spaß auf: Was auf dem Theater legitimer Stoff für eine gelungene Unterhaltung, ist im Leben bitterer Ernst. Ein solches Spiel solle besser nie gespielt werden, denn es hätte unabsehbare Konsequenzen (Un tal gioco, credetemi - Dieses Scherzen, ja glaubet doch ...); Canios Gesichtsausdruck löst bei seiner Gattin gleichermaßen Furcht und Verwirrung aus, während die Bauern sich nur verwundert anschauen. Da wird die unheilschwangere Szene vom Klang der Glocken und Musikanten unterbrochen, die die Bevölkerung zum Abendgottesdienst rufen. Paarweise schreiten die Bauern zur Kirche, dabei einen Chor anstimmend, bei dem die Frauen und Kinder über dem glockenähnlichen Don-Din (Bim-Bam) der Männer eine volkstümlich-heitere Melodie vortragen, deren primitiv anmutender Text einfache und doch ewig gültige und grundlegende Lebensweisheiten formuliert.

* Bajazzo = Spaßmacher, Hanswurst

Zweite Szene

Nedda bleibt - beunruhigt von dem unerwarteten Gefühlsausbruch ihres Mannes - allein auf dem Dorfplatz zurück; sie befürchtet, dass er ihr sorgsam gehütetes Geheimnis entdeckt haben könnte. Doch angesichts des milden Sommerabends vertreibt sie die düsteren Gedanken. Dabei schaut sie sehnsüchtig den Vögeln nach, die am Himmel unbeschwert und unbeirrt ihre Kreise ziehen und ihren Träumen folgen (so genannte Vogelarie Oh, che volo daugelli - Oh! Die Vögel, sie fliegen). Unbemerkt von ihr lauscht Tonio an einen Zaun gelehnt dem zauberhaften Gesang. Als sie geendet, nähert er sich ihr und seine so lange unterdrückten Gefühle brechen sich plötzlich in der zärtlichen Arie So ben che difforme contorto son io (Ich weiß wohl, ich bin nur ein Krüppel) Bahn. Doch Nedda hält nur Hohn und Spott für die aufrichtigen und tiefen Gefühle Tonios bereit, hat sie den Tölpel doch bisher noch nie als Mann und menschliches Wesen betrachtet. Als sie ihn brüsk zurückstößt, fühlt sich Tonio wiederum in seiner Würde und in seinem Stolz verletzt und will Nedda nun gewaltsam an sich ziehen und küssen, woraufhin ihn die Angebetete mit einem Peitschenschlag ins Gesicht in seine Schranken verweist. Das Drama beginnt nun unaufhaltsam seinen Lauf zu nehmen.

Dritte Szene

Nachdem Tonio sich physisch und psychisch gleichermaßen verletzt zurückgezogen hat, klettert der Bauer Silvio über die Mauer, um seine Geliebte Nedda zu treffen. Er kann ohne sie nicht mehr leben und will sie überreden, mit ihm zu fliehen und ein gemeinsames Leben zu beginnen. Doch Nedda kann sich nicht dazu entschließen; zwar liebt sie Silvio und wird für den Rest ihres Lebens von dieser Liebe zehren, doch sie kann sich - entgegen den sorglos dahinziehenden Vögeln - nicht von ihren Verpflichtungen und ihrem bisherigen Leben lösen und ihren Traum realisieren. Silvio indes gibt sich nicht so schnell geschlagen und bedrängt Nedda so lange, bis sie schließlich seinem Werben nachgibt. Währenddessen werden sie - ohne es zu bemerken - von Tonio beobachtet, der daraufhin umgehend Canio aus der Taverne herbei holt. Gemeinsam kehren sie zum "Tatort" zurück, von dem sich Silvio inzwischen allerdings mit einem Sprung über die Mauer entfernt hat. Canio verfolgt ihn zwar, verliert den des heimischen Terrains kundigeren Bauern jedoch aus den Augen. Er stellt nun Nedda zur Rede und will von ihr den Namen seines Rivalen erfahren. Tonio kommentiert die Szene mit zynischem Lachen, hat das Schicksal seinen Rachegelüsten doch willkommen in die Hände gespielt.

Nedda weigert sich standhaft, den Namen ihres Geliebten preiszugeben und treibt den vor Eifersucht schäumenden Ehemann dadurch so weit, dass er sie mit einem Dolch erstechen will. In letzter Sekunde kann der hinzutretende Beppo die Tat verhindern. Als die Bevölkerung aus der Kirche tritt, zerren Tonio und Beppo den noch immer wütenden Canio unauffällig hinter die Komödiantenbühne, wo es sich nun für die Vorstellung zurechtzumachen gilt. Tonio redet daher beschwörend und beruhigend auf den geprellten Ehemann ein und bittet ihn um taktisch-kluges Verhalten, das es ihm ermögliche, während der Vorstellung nach Neddas Liebhaber Ausschau zu halten.

Nun nimmt die alltägliche Theaterroutine ihren Lauf: Die Schauspieler maskieren sich und Tonio schlägt die Trommel, um das Publikum anzulocken. Canio empfindet seine Rolle als allzeit zu Späßen aufgelegter Bajazzo an diesem Tage jedoch angesichts der Diskrepanz zur aktuellen Wirklichkeit als grausame Farce und in einer bewegend-dramatischen Arie (Recitar! Mentre preso dal delirio Vesti la giubba - Jetzt spielen! Wo ich dem Wahnsinn nahe ... Zieh dein Gewand an), die die Skurrilität der Situation plastisch schildert, brechen sich sein Schmerz und seine Verzweiflung Bahn: "Die Leute zahlen, und dafür wolln sie lachen! Wenn Harlekin entführ dann Colombina, verwandle in Freude den Jammer, den Kummer, und in Grimasse die Träne und den Schmerz! Ah! Lache, Bajazzo, höhn zerbrochene Liebe! Lach aus den Schmerz, der dir vergiftet das Herz!" Von einem Weinkrampf geschüttelt zieht sich Canio danach in die Kulissen zurück.

2. Akt

Erste Szene

Im Zuschauerraum beginnt nun das übliche Gerangel um die besten Plätze und das Publikum wartet ungeduldig auf den Beginn der Vorstellung. Dieses Getümmel nutzt Silvio, um mit Nedda Kontakt aufzunehmen und sich mit ihr für später zu verabreden. Dann nimmt die Komödie auf der Bühne ihren Lauf. Doch an diesem Abend wird die Schauspieler-Routine durch die aktuellen Ereignisse durchbrochen und das fiktive Theatergeschehen wird unvermittelt zur beklemmend-realen Wirklichkeit, die ihre eigene Dynamik und Dramatik entwickelt.

Es ist spät abends und Colombine wartet wie an jedem Theaterabend ungeduldig auf ihren Gatten Bajazzo und den Diener Taddeo. Da werden ihre Gedanken von Gitarrenklängen unterbrochen, zu denen ihr Geliebter Harlekin eine Serenade anstimmt. Während Colombine bereits von freudiger Erwartung ob des bevorstehenden Rendezvous erfüllt ist, betritt der Diener Taddeo mit den Einkäufen das Zimmer. Seit langem ist er heimlich in seine schöne Herrin verliebt und nutzt nun die Gunst der Stunde, um seinen Gefühlen Luft zu machen. Doch während er in ehrfürchtiger Anbetung seine Seele offenbart, ist Colombine einzig an der Effektivität seines Einkaufs interessiert und nimmt die Liebeserklärung Taddeos gar nicht wahr. Während dessen ist Harlekin durchs Fenster gestiegen und macht dem verliebten Diener nun mit einem Fußtritt den Garaus - begleitet vom Gelächter des Publikums über den tölpelhaften "Freier". Trotz dieser erniedrigenden Behandlung bittet er für die beiden Liebenden um Gottes Segen, bevor er das Zimmer verlässt.

Harlekin und Colombine genießen nun ihr Tête à Tête bei einem guten Essen. Doch schon bald wird ihre traute Zweisamkeit durch das Erscheinen des Ehemannes gestört. Zwar kann Taddeo die Liebenden rechtzeitig warnen, aber Bajazzo hört noch die letzten Worte des Liebhabers "... und für immer bin ich dein!", die nicht nur sein Schauspielerblut in Wallung bringen, hatte er doch genau dieselben Worte wenige Stunden zuvor von seinem realen Nebenbuhler vernommen. In diesem Moment wird aus dem Theaterspiel blutiger Ernst - was das Libretto nicht zuletzt dadurch dokumentiert, dass von nun an die handelnden Personen nicht mehr mit ihren Bühnen-, sondern realen Namen auftreten. Nedda versucht ihren wütenden Ehemann noch abzulenken und behauptet angesichts des für zwei Personen gedeckten Tisches, Taddeo habe mit ihr gespeist. Doch Canio lässt sich nicht zum Narren halten und verlangt den Namen seines Nebenbuhlers. Nedda bemüht sich, die Situation zu retten, indem sie - zunehmend beunruhigt angesichts der heftigen Reaktion ihres Ehemannes - in ihre Theaterrolle zurückfällt und Canio mit seinem Bühennamen Bajazzo anspricht. Aber dieser lässt sich nicht beirren, lange genug hat er sich zum Narren machen lassen bzw. den Narren gespielt: "Bin Bajazzo nicht mehr!" ("No! Pagliaccio non son."). In der nun folgenden leidenschaftlich-dramatischen Arie bricht sich sein Schmerz Bahn und voller Bitterkeit erinnert er sich an den Beginn ihrer Beziehung, als er das Waisenkind Nedda aufnahm und sich spontan in sie verliebte. Nach all den Jahren in der Hoffnung auf Erwiderung dieser Liebe erfährt er nun nicht einmal Dankbarkeit oder Treue. Das Publikum, welches vom Chor verkörpert wird, ist tief erschüttert von dieser bewegenden Geschichte und ergreift spontan Partei für den ausgenutzten und betrogenen Ehemann.

Nedda versucht nun noch einmal, in die Bühnenwelt zurückzuwechseln und die Situation damit zu entschärfen, dass sie die Identität ihres Bühnen-Liebhabers Harlekin preisgibt. Doch Canio geht nicht auf das Spiel ein und verlangt den Namen des realen Liebhabers. Die Situation droht zu eskalieren und allmählich wird auch dem Publikum klar, dass sie nicht länger Zuschauer eines unterhaltsamen Theaterstücks sind. Nedda weigert sich indes auch jetzt noch, den Namen ihres Liebsten preiszugeben, auch wenn es ihr Leben kosten sollte. Daraufhin ergreift Canio ein Messer und versetzt seiner Frau mehrere Messerstiche, an denen sie schließlich stirbt - nicht ohne in ihren letzten Atemzügen Silvio um Hilfe anzurufen und damit auch sein Schicksal zu besiegeln: er fällt als Nächster, von der tödlichen Hand Canios getroffen. Durch die Tat befreit von seinen alles dominierenden Eifersuchtsgefühlen, aber auch für immer befreit von der Liebe seines Lebens, lässt er - innerlich erstarrt - sein Messer fallen und bricht zusammen, während Tonio verkündet: "La commedia è finita!" (Unser Schauspiel ist zu Ende!)

  1. Handlung
  2. Der Verismus
  3. Kommentar
  4. Weiterführende Artikel

Bibliografie:

  • Kurt Pahlen (Hrsg.): Ruggero Leoncavallo: Der Bajazzo (I Pagliacci). Textbuch (Italienisch - Deutsch) mit Einführung und Kommentar, Schott Verlag, München 1990
Gesamtaufnahme mit Cura, Frittoli, Alvarez, Keenlyside; Netherlands Radio Choir, Concertgebouw Orchestra, Ltg.: Riccardo Chailly; Decca 1999 (Bestell-Nr.: 2998903)
Gesamtaufnahme mit Bergonzi, Carlyle, Taddei, Benelli, Panerai; La Scala Orchestra, Ltg.: Herbert von Karajan; DGG 1965 (Bestell-Nr.: 7823145)
Gesamtaufnahme (+ Mascagni: Cavalleria rusticana) mit Monaco, Simionato, MacNeil, Tucci, Palma; Accademia di Santa Cecilia Orchestra Rom, Ltg.: Molinari-Pradeilli, Serafin; Decca 1960 (Bestell-Nr.: 3974511)
Gesamtaufnahme mit L.Price, Domingo, Milnes, McDaniel, Goeke; London Symphony Orchestra, Ltg.: Santi; RCA 1971 (Bestell-Nr.: 8207636)
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