Parsifal
Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen
von Richard Wagner
Libretto: Richard Wagner nach Wolfram von Eschenbachs Epos "Parzival"
Uraufführung: 26. Juli 1882 Festspielhaus Bayreuth
Ort und Zeit: Auf dem Gebiete und in der Burg der Gralshüter Montsalvat; Gegend im Charakter der nördlichen Gebirge des gotischen Spaniens. Sodann: Klingsors Zauberschloss, am Südabhange derselben Gebirge, dem arabischen Spanien zugewandt anzunehmen. (detaillierte Angaben von Wagner) Keine Zeitangabe, vermutlich Mitte des 9. Jahrhunderts
Spieldauer: 5 Stunden
Personen: Amfortas, König des Grals (Bariton); Titurel, sein Vater (Bass); Gurnemanz, Gralsritter (Bass); Klingsor, ehemaliger, abtrünnig gewordener Gralsritter, Zauberer (Bariton); Kundry (Sopran); Parsifal (Tenor); zwei Gralsritter (Tenor + Bass); vier Knappen (Sopran, Alt, 2 Tenöre)
Chöre: Klingsors Zaubermädchen (Chor 1 mit sechs Solistinnen, Sopran + Alt; Chor 2 mit zwölf Sängerinnen, Sopran + Alt); Gralsritter (Tenöre + Bässe); Jünglinge und Knaben (Sopran, Alt, Tenor)
Handlung
Die folgenden Angaben zum jeweiligen Ort des Geschehens sowie zur Bühnendekoration stammen von Richard Wagner selbst.
1. Aufzug
Im Gebiete des Grals. Wald, schattig und ernst, doch nicht düster... Eine Lichtung in der Mitte. Links aufsteigend ... der Weg zur Gralsburg ... (In) der Mitte ... (ein) Waldsee. Gurnemanz und zwei Knappen haben die Nacht unter einem Baum im Wald verbracht. Als Gurnemanz von dem Morgenruf der Posaunen geweckt wird, findet er die beiden Knappen schlafend. Vorwurfsvoll, dass sie ihre Funktion als Waldhüter nicht gewissenhaft wahrgenommen haben, weckt er sie und gemeinsam verrichten sie zum feierlichen Klang der Posaunen das Morgengebet. Anschließend fordert er die Knappen auf, für den Gralskönig Amfortas sein morgendliches Bad im nahen See vorzubereiten. Schon naht der kranke König, von seinen Dienern in einer Sänfte getragen. Gurnemanz macht sich Sorgen um dessen gesundheitlichen Zustand und hofft, dass die von Ritter Gawan beschafften Heilkräuter dem König Linderung verschafft haben. Einer der den König begleitenden Ritter teilt Gurnemanz jedoch mit, dass seither die Beschwerden eher zugenommen haben. Der Gralsritter ist betrübt, weiß er doch im Grunde genau, dass einzig "nur der Eine" des Königs Leiden kurieren kann. Was es mit dieser seltsamen Andeutung auf sich hat, behält Gurnemanz zunächst jedoch für sich.

In diesem Moment taucht eine wilde Reiterin im Wald auf: Es ist Kundry, die bald darauf auf Gurnemanz zustürzt. Wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt betritt sie die heilige Gralswelt: "Gürtel von Schlangenhäuten lang herabhängend; schwarzes, in losen Zöpfen flatterndes Haar; tief braun-rötliche Gesichtsfarbe, stechende schwarze Augen..." Kundry überreicht Gurnemanz ein kristallenes Gefäß mit einem Balsam, den sie für den König aus Arabien besorgt hat.

Inzwischen ist der König am See angelangt und Gurnemanz stellt erschüttert fest, was aus dem einstmals männlich-stolzen Helden geworden ist. Amfortas genießt indes nach der schmerzensreichen Nacht die "Waldesmorgenpracht". Als der König nach Ritter Gawan verlangt, teilt Gurnemanz ihm mit, dass dieser, betrübt über die Wirkungslosigkeit seines Heilmittels, sich erneut auf die Suche gemacht habe. Amfortas ist erzürnt darüber, hat sich doch der Ritter ohne seine Erlaubnis fortbegeben, andererseits ist er besorgt, dass er "in Klingsors Schlingen fällt". Schon im nächsten Moment konzentriert sich der König jedoch wieder auf die aktuelle Realität: "ich harre des, der mir beschieden ... dürft' ich den Tod ihn nennen!" Da überreicht Gurnemanz dem König den von Kundry überbrachten Balsam, den Amfortas dankbar annimmt. Doch die Knappen sind skeptisch über die Beschaffenheit dieses Heilmittels und trauen der seltsamen Zauberin nicht. Gurnemanz weist sie jedoch zurecht, indem er aufzählt, wie oft Kundry schon den Gralsrittern hilfreich zur Seite gestanden habe, "vielleicht ... zu büßen Schuld aus frührem Leben".
In der folgenden Szene erfährt der Zuschauer die Vorgeschichte bzw. Hintergründe zu den aktuellen Geschehnissen: Amfortas verlor seinerzeit, durch die Reize eines "furchtbar schön(en) Weib(es)" abgelenkt, seinen Speer an den Zauberer Klingsor, der ihm damit eine Wunde beibrachte, "die nie sich schließen will". Die schicksalhafte Bedeutung dieses Geschehnisses liegt darin begründet, dass es sich dabei um den "Lanzenspeer, der (das Blut Christi) vergoss" handelt. Gemeinsam mit dem Kelch, aus dem Christus "trank beim letzten Liebesmahle ... (und) darein am Kreuz sein göttlich Blut ... floss" war er einst Titurel, Amfortas' Vater, zur Verwahrung übergeben worden. Nachdem der heidnische Klingsor nun den heiligen Speer in seinen Besitz gebracht hat, trachtet er auch nach der Eroberung des Gralskelches und damit nach der Herrschaft über die heilige Gralswelt selbst. Während die Knappen noch überlegen, wie man den heiligen Speer zurückerobern könnte, berichtet Gurnemanz von einer Vision Amfortas', in der ihm der Retter prophezeit wurde: "Durch Mitleid wissend der reine Tor".
Plötzlich landet auf dem See ein wilder Schwan, der von einem Pfeil aus eines Jünglings Bogen tödlich verwundet ist. Erzürnt darüber, dass dieser Fremde den heiligen Frieden des Gralswaldes gestört hat, zieht Gurnemanz ihn zur Rechenschaft und fragt ihn schließlich: "Erkennst du deine große Schuld?" Des Jünglings gedämpfte Antwort: "Ich wusste sie nicht", offenbart die Unschuld eines kleinen Kindes, das ohne Absicht etwas Böses getan hat. Als Gurnemanz ihn anschließend nach seiner Herkunft und seinem Namen fragt, kann der Fremde jedoch ebenso wenig Auskunft geben. Mit Hilfe von Kundry lüftet sich in der nächsten Szene allmählich das Geheimnis um ihn: Vaterlos aufgewachsen, verlor er auch schon früh seine Mutter. Mehr und mehr macht sich während dieser Unterhaltung eine Ahnung in Gurnemanz breit: Sollte dieser Jüngling der prophezeite Retter sein? Und so schreitet er mit ihm im Gefolge des Königs zur Gralsburg, wo der Fremde Zeuge der feierlichen Gralszeremonie wird. Doch was für die Knaben und Jünglinge ein freudiges sowie Kraft und Leben spendendes Ereignis ist, bedeutet für Amfortas, der durch den Verlust des heiligen Speeres in Sünde gefallen ist, übermenschliche körperliche Qualen. Und so bittet er um Erlösung von seiner Verantwortung und seinem Leiden gleichermaßen: "Nimm mir mein Erbe, schließe die Wunde, dass heilig ich sterbe, rein Dir gesunde!"
In einer Art Abendmahl vollzieht sich nun die feierliche Zeremonie, die in Erinnerung an Jesu letztes Abendmahl mit seinen Jüngern begangen wird:
"Wein und Brot des letzten Mahles
wandelt' einst der Herr des Grales
durch des Mitleids Liebesmacht
in das Blut, das er vergoss,
in den Leib, den dar er bracht'."
Brot und Wein sollen die Ritter zu einem christlich-tugendhaften Leben stärken:
"Nehmet vom Brot, wandelt es kühn, in Leibes Kraft und Stärke;
treu bis zum Tod; fest jedem Mühn, zu wirken des Heilands Werke.
Nehmet vom Wein, wandelt ihn neu zu Lebens feurigem Blute,
froh im Verein, brudergetreu, zu kämpfen mit seligem Mute."
Nach der Zeremonie wendet sich Gurnemanz an den Fremden und fragt ihn: "Weißt du, was du sahst?" Doch dieser schüttelt nur den Kopf: Zwar hat er des Königs Leiden mitempfunden, doch kennt er (noch) nicht die Erlösung für dieselben. Und so jagt ihn Gurnemanz, enttäuscht über seine getrogenen Hoffnungen, aus der Gralsburg fort.
2. Aufzug

Klingsors Zauberschloss. Klingsor frohlockt, denn durch einen speziellen Metallspiegel sieht er "den Toren" sich seinem Schloss nähern und beschließt, ihn für seine Zwecke zu gewinnen. Und so spannt er - wie schon seinerzeit bei König Amfortas - Kundry, die gänzlich seiner teuflischen Macht ausgeliefert ist, als Werkzeug zur Erfüllung seiner Wünsche ein. Zwar wehrt sich diese zunächst noch heftig gegen den neuen Auftrag, doch den Zauberkräften Klingsors steht sie machtlos gegenüber. Der Fremde hat inzwischen in jugendlichem Übermut die Burg erstürmt und findet sich plötzlich in einem Zaubergarten mit tropischer Vegetation wieder. Dort ist er schon bald von einer Gruppe feenartiger junger Mädchen umringt, die aufgeschreckt und besorgt nach ihren Geliebten suchen. Doch diese sind im Kampf mit dem Fremden gefallen, der in einer Hand das eroberte Schwert des Ritters Ferris hält. Als die Mädchen ihn deswegen verfluchen, antwortet der Fremde ihnen: "Ihr schönen Kinder, musst' ich sie nicht schlagen? Zu euch ... wehrten sie mir den Weg."
Allmählich ändert sich die Stimmung und die Mädchen, die eben noch um ihre Geliebten trauerten, buhlen nun um die Gunst des fremden Jünglings. Das Treiben wird immer ausgelassener, so dass sich der Fremde schließlich aus den Fängen der Mädchen zu befreien sucht. In diesem Moment ertönt aus dem Blumenwald die Stimmen Kundrys, die ihm mit den Worten "Parsifal! Weile!" entgegen tritt. Beim Klang dieses Namens fühlt sich der Angesprochene in eine andere Welt versetzt ("So nannte träumend mich einst die Mutter") und in der folgenden Szene entfaltet sich in einem langen Monolog Kundrys die Lebensgeschichte Parsifals: Sein Vater Gamuret starb in Arabien, während seine Mutter mit ihm schwanger war. Sterbend nannte er den Namen, den sein Sohn tragen sollte - Parsifal - und den Kundry dem Jüngling nun enthüllt. Nach der Geburt galt der Mutter ganze Sorge ihrem Sohn, gleichwohl sie sich vor Gram nach ihrem toten Gemahl verzehrte. Ihrem Sohn wollte sie ein ähnliches Schicksal ersparen und so wuchs der Knabe "den Waffen fern, der Männer Kampf und Wüten" behütet auf. Als er eines Tages von einem Ausflug nicht wiederkehrte, war die Mutter so verzweifelt, dass die vor "Herzeleide" starb.
Brennende Schuldgefühle überkommen nach diesem Bericht Parsifal. Kundry versucht, die Situation auszunutzen und den Jüngling in die Geheimnisse der Liebe einzuweihen. Als sie sich über ihn beugt, um ihm einen Kuss zu geben, fährt Parsifal plötzlich "mit einer Gebärde des höchsten Schreckens auf": Er erinnert sich in diesem Moment wieder des Erlebnisses während der Gralszeremonie, als Amfortas' Schmerz auch ihn zu zerreißen drohte. Damals erkannte er nicht die Zeichen, nahm die Verantwortung zur Erlösung des Königs nicht an. Gleichzeitig erscheinen ihm nun in einer Vision die Geschehnisse, die den gegenwärtigen Zustand des Königs bewirkten und er erkennt Kundry als Verführerin. Unsanft stößt er sie von sich. Kundry jedoch, die die wundersame Wandlung Parsifals miterlebt hat, sieht in ihm auch ihren Erlöser, der sie aus der Zaubermacht Klingsors befreien kann. Doch wo sie ihn mit irdischen Mitteln an sich zu binden trachtet, hat Parsifal längst seine Bestimmung erkannt und akzeptiert: Die Erlösung Amfortas' durch den wiedergewonnenen Lanzenspeer. Aber auch Kundry soll Erlösung zuteil werden, wenn sie sich von den irdischen Sehnsüchten abwendet und ihm bei der Erfüllung seiner Aufgabe hilft: "Lieb' und Erlösung soll dir werden, zeigest du zu Amfortas mir den Weg." Kundry jedoch verweigert ihm wutentbrannt diese Hilfe, denn die Liebe, die sie sich erhofft und die, von der Parsifal spricht, sind grundverschieden. Aber Parsifal lässt sich nicht beirren; er wird seinen Weg auch ohne fremde Hilfe finden. Er stößt Kundry beiseite, die daraufhin laut um Hilfe ruft und damit Klingsor alarmiert, der sich Parsifal mit dem heiligen Speer entgegenstellt. Klingsor schleudert denselben auf Parsifal, doch statt den Jüngling zu treffen, schwebt er über dessen Kopf, so dass Parsifal ihn ergreifen und mit ihm zur Erfüllung seiner Aufgabe eilen kann.
3. Aufzug
Im Gebiete des Grales. Freie, anmutige Frühlingsgegend mit ... Saum des Waldes. Im Vordergrunde ... ein Quell (und) ... eine Einsiedlerhütte... Frühester Morgen. Gurnemanz ist aus seiner Hütte getreten, weil er ein seltsames Stöhnen vernommen hat. In einer Dornenhecke findet er Kundry, die kalt und starr ist. Gurnemanz bemüht sich nach Kräften, der reglosen Gestalt wieder Leben einzuhauchen. Als Kundry schließlich erwacht, ist sie in einer Art Trance und mit den Worten: "Dienen ... Dienen!", macht sie sich in Gurnemanz' Hütte zu schaffen. Da naht sich im Wald ein fremder Ritter. Gurnemanz begrüßt ihn und fragt, ob er ihm helfen könne, doch der Fremde schweigt. Daraufhin weist der Ältere ihn zurecht: An diesem geheiligten Ort zieme es sich nicht, mit Waffen und Rüstung umherzuziehen und außerdem sei "der allerheiligste Karfreitag", an dem Jesu Kreuzestod gedacht werde. Der Fremde legt nun Rüstung und Speer ab und kniet "zu stummem Gebete vor dem Speer" nieder. Nun erkennt Gurnemanz den Ritter von einst, der als Jüngling den Schwan im Gralswald erlegte, und er wird des lange vermissten heiligen Speeres gewahr.

Auch Parsifal hat den inzwischen um Jahre gealterten Gurnemanz wiedererkannt und erzählt ihm nun von seiner Mission und seinen vielen Irrwegen, die er zurücklegen musste, bis er sich endlich in dem vertrauten Wald von einst wiederfand. Gurnemanz ist über diese Nachrichten unendlich erleichtert, denn der König, immer noch nicht von seinen unerträglichen Qualen erlöst, "begehrt' in wütendem Trotze nun den Tod" und hat die heilige Gralszeremonie seit damals nicht mehr vollzogen. Die Gralsritter haben durch die fehlende Stärkung aus dieser Zeremonie inzwischen ihre Kräfte verloren und der alte König Titurel ist in Ermangelung dieser Labsal verstorben. Parsifal macht sich darauf heftigste Vorwürfe, dass er seine Mission nicht schon damals erkannt und nun so viel Zeit auf verirrten Pfaden verloren hat.
Doch Gurnemanz holt ihn zurück in die Realität: Nach einem reinigenden Bad in der Quelle solle er unverzüglich zu Amfortas eilen, damit noch einmal die heilige Zeremonie vollzogen werde und der König damit seine Schuld gegenüber seinem Vater sühne. Während Kundry ihm "mit demutvollem Eifer" die Füße wäscht und anschließend salbt, besprengt Gurnemanz Parsifals Haupt mit Wasser, segnet ihn und salbt ihn zum König. Danach wendet sich Parsifal der unglücklichen Kundry zu und tauft sie mit Wasser aus der Quelle: "Die Taufe nimm und glaub an den Erlöser!"
Bevor er sich nun auf den Weg zur Gralsburg macht, saugt er den Zauber der Natur in sich auf: "Wald und Wiese, welche jetzt im Vormittagslichte leuchten". Gurnemanz beschreibt dieses Wunder mit dem Wort "Karfreitagszauber" und erklärt dem verwirrten Parsifal, der angesichts dieses "Schmerzenstags" die Natur in Trauer erwartet:
"Des Sünders Reuetränen sind es,
die heut mit heil'gem Tau
beträufeln Flur und Au:
der ließ sie so gedeihen.
Nun freut sich alle Kreatur
Auf des Erlösers holder Spur,
will ihr Gebet ihm weihen."
In der Gralsburg ziehen inzwischen zwei Gruppen von Rittern auf: Die eine trägt den Sarg mit dem Leichnam Titurels, die andere den dahinsiechenden König. Von der ersten Gruppe werden bittere Vorwürfe gegen den König erhoben, der sich gegen seinen eigenen Vater versündigt hat. Sie fordern den letztmaligen Vollzug der heiligen Zeremonie zu Ehren des toten Vaters. Doch Amfortas weigert sich: Er fühle den Tod schon nahen und wolle durch die labenden Kräfte des Grals nicht noch einmal ins Leben zurückkehren.
In diesem Moment tritt Parsifal auf den König zu und hält ihm den heiligen Speer entgegen. Damit ist Amfortas' Schuld gesühnt und sein Leiden hat ein Ende. Parsifal beginnt nun mit der heiligen Zeremonie, die in eine Aureole von Licht getaucht ist und den Erlöser wie ein Heiligenschein umgibt. Aus der Kuppel schwebt eine weiße Taube herab und verweilt über Parsifals Haupt. Kundry sinkt, mit dem Blicke zu ihm auf, langsam vor Parsifal entseelt zu Boden. Amfortas und Gurnemanz huldigen kniend Parsifal, welcher den Gral segnend über die anbetende Ritterschaft schwingt.
Entstehung des Werkes
Richard Wagner beschäftigt sich erstmals mit dem Gedanken an eine Parsifal-Oper im Frühjahr 1857, nachdem er sich bereits mehr als ein Jahrzehnt vorher erstmals während einer Kur in Marienbad mit den Gedanken aus Wolfram von Eschenbachs 1205 entstandenem mittelhochdeutschen Epos "Parzival" vertraut gemacht hatte. Einen ersten Niederschlag fand diese literarische Begegnung in seinen Opern "Lohengrin" (UA 1850) und "Die Meistersinger von Nürnberg" (UA 1868).
Danach verschwindet das Konzept für mehrere Jahre in der Schublade; erst durch die schicksalhafte Begegnung mit König Ludwig II. von Bayern, der in Wagners Gegenwart oft mit dem Namen 'Parzival' angesprochen wird und der spontanes Interesse an diesem Projekt bekundet, beschäftigt sich der Komponist erneut mit diesem Stoff. So entsteht in den Grundzügen die spätere Bühnenfassung, die am 27. August 1865 abgeschlossen wird. Doch es sollte noch mehr als ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bevor Richard Wagner sich endgültig und mit eiserner Disziplin der Vollendung des Librettos widmet, das am 19. April 1877 vollendet wird. Aufgrund dirigentischer Verpflichtungen dauert es ein weiteres halbes Jahr, bis Wagner schließlich auch mit der Komposition der Musik beginnen kann, die danach konzentriert vor sich geht:
- Herbst 1877 - 30. April 1878: Skizze des ersten Aufzuges
- Mai 1878 - 11. Oktober 1878: Entwurf des zweiten Aufzuges
- 12. Oktober 1878 - 25. April 1879: Skizze des dritten Aufzuges
- 23. November 1879 - 13. Januar 1882: Instrumentierung des kompletten Werkes
- 23. November 1879 - 25. April 1881: Vollendung der Originalpartitur zum ersten Aufzug
- 8. Juni 1881 - 19. Oktober 1881: Vollendung der Originalpartitur zum zweiten Aufzug
- 8. November 1881 - 13. Januar 1882: Vollendung der Originalpartitur zum dritten Aufzug
Richard Wagner hat die Vorlage Wolfram von Eschenbachs in vielen Punkten verändert: Es beginnt mit einer Änderung des Namens Parzival in Parsifal (aus dem Arabischen "fal parsi" = der reine Tor) und endet mit der Reduzierung des Begriffs Sünde auf die Sexualität.
Wagner hat nicht nur sprachlich ein ausgereiftes Libretto geschaffen, sondern sich auch detailliert und zum Teil ausführlich zu Fragen des Bühnenbildes und der Kostüme geäußert: "Die Tracht der Gralsritter und Knappen ähnlich der des Tempelordens: weiße Waffenröcke und Mäntel; statt des roten Kreuzes jedoch eine schwebende Taube auf Wappen und Mäntel gestickt." Für das Bühnenbild zur 1. Szene des 1. Aufzugs notiert er: "Im Gebiete des Grals. Wald, schattig und ernst, doch nicht düster". Richard Wagner konzipierte "Parsifal" damit von Anfang an als Gesamtkunstwerk. Für das Bühnenbild stehen ihm dabei mehrfach reale Landschaften, Orte und Plätze Modell wie der Palazzo Rufolo in Ravello für Klingsors Zaubergarten oder der Dom von Siena für den Gralstempel.
Rezeptions- und Aufführungsgeschichte

Ludwig II. stellt für die Uraufführung des "Parsifal" das gesamte Personal des Münchner Hoftheaters sowie des Hoforchesters zur Verfügung. Die Proben für die Premiere des neuen Werkes gestalten sich allerdings - insbesondere durch den ideologischen Gehalt des Werkes - schwierig und Wagner ist unzufrieden mit der Gestaltung desselben. Das Werk wird schließlich am 26. Juli 1882 im Bayreuther Festspielhaus unter der Leitung des jüdischen Dirigenten Hermann Levi, den Wagner nach der Generalprobe am 24. Juli gegenüber seiner Frau Cosima mit den Worten: "Ich möchte nicht als Orchester-Mitglied von einem Juden dirigiert werden" diffamiert, uraufgeführt. Über die Resonanz auf das Werk gibt es unterschiedliche Berichte: Zum einen wird die Musik allgemein positiv bewertet, zum anderen gibt es zum Inhalt jedoch kritische Stimmen, die dem Werk u.a. Blasphemie vorwerfen. Wagner selbst spricht nach der Uraufführung von einem "stummen Publikum", während andere Berichte von ungeheurem Jubel sowie einem bewegten Publikum berichten.
Die Premiere findet in Gegenwart von Komponisten wie Franz Liszt, Anton Bruckner, Camille Saint-Saëns und Leo Delibes statt. Auch nach Wagners Tod stellt das Werk alljährlich einen Hauptanziehungspunkt bei den Bayreuther Festspielen dar. Neben Peter Tschaikowsky und Claude Debussy wohnt auch Gustav Mahler einer Aufführung bei, die ihn tief bewegt: "Als ich, keines Wortes fähig, aus dem Festspielhaus hinaustrat, da wusste ich, dass mir das Größte, Schmerzlichste aufgegangen war und dass ich es unentweiht mit mir durch mein Leben tragen werde..."
Der "Parsifal" ist für Richard Wagner von Anfang an ein besonderes Anliegen, was nicht zuletzt auch die Bezeichnung des Werkes als "Bühnenweihfestspiel" dokumentiert. In einem Brief an Ludwig II. vom 28. September 1880 erörtert Wagner die Problematik des Aufführungsortes: "In ganz richtigem Gefühle betitelte ich den 'Parsifal' ein 'Bühnenweihfestspiel'. So muss ich ihm denn nun eine Bühne zu weihen zu suchen, und dies kann nur mein einsam dastehendes Bühnenfestspielhaus in Bayreuth sein. Dort darf der 'Parsifal' in aller Zukunft einzig und allein aufgeführt werden: Nie soll der 'Parsifal' auf irgendeinem anderen Theater dem Publikum zum Amusement dargeboten werden; und dass dies so geschehe, ist das Einzige, was mich beschäftigt und zur Überlegung dazu bestimmt, wie und durch welche Mittel ich diese Bestimmung meines Werkes sichern kann."
Nur wenige Jahrzehnte nach Richard Wagners Tod, als im Jahr 1913 die gesetzliche Schutzfrist für dieses Werk abläuft, sollte allerdings niemand mehr diesen Wunsch respektieren. Mit einer Aufführung an der Oper von Frankfurt am Main, wo das Werk am 2. Januar 1914 erstmals offiziell außerhalb Bayreuths produziert wird, tritt "Parsifal" sein Bühnenleben um die ganze Welt an. Gleichwohl hatte es bis dahin mehrere "illegale" Aufführungen des Festspiels nicht nur im privaten Rahmen für König Ludwig II., der an der Premiere nicht teilnehmen konnte, in München, sondern u. a. auch in London (1884 konzertant), New York (1886), Boston (1891, in englischer Sprache) oder Amsterdam (1896) gegeben.
Die Gralssage
Der Gral ist in Sage und Legende des Mittelalters ein geheimnisvolles Heiligtum (Schale, Kelch, Stein), dessen Besitz höchstes irdisches und himmlisches Glück verheißt. Chrétien de Troyes verband das Motiv des Grals mit der Artussage und die Suche nach demselben wurde in seinem Epos "Parzvial" mit der Suche des Menschen nach Gott gleichgesetzt. Wolfram von Eschenbach dagegen stellt den Gral in den Mittelpunkt ritterlichen Lebens und besonders berufene Ritter (Gralsritter) haben die Aufgabe, den Gral, der sich auf der Burg Montsalvat befindet, zu schützen. Erstmals taucht bei Richard Wagner das Gralsmotiv in der Oper "Lohengrin" auf, nimmt jedoch später in "Parsifal" eine weitaus zentralere Rolle ein.
Bei Richard Wagner finden sich zahlreiche Parallelen zum Christentum:
- der heilige Speer verweist auf den Speer des römischen Hauptmanns Longinus, der Jesus damit eine Wunde zugefügt hatte
- der Gralskelch bezeichnet 1. die Schale, aus der Jesus beim letzten Abendmahl mit seinen Jüngern den Wein getrunken hat und 2. den Kelch, in dem Josef von Arimathia Jesu Blut auffing
- Kundry ist der Figur der Maria Magdalena nachempfunden. Besonders deutlich wird dieser Bezug im letzten Aufzug, als Kundry Parsifal die Füße wäscht und anschließend mit Öl salbt.
In der Figur der Kundry finden sich gleichzeitig auch Züge aus den indischen Religionen des Buddhismus und Hinduismus: "Ja, eine Verwünschte mag sie sein. Hier lebt sie heut - vielleicht erneut, zu büßen Schuld aus frührem Leben." Hier wird der Gedanke des Karma und der Wiedergeburt angesprochen.
Kommentar
"Parsifal" ist nicht nur Richard Wagners künstlerisches, sondern vor allem auch philosophisch-ethisches Vermächtnis, denn der Komponist stirbt gut ein halbes Jahr nach der Uraufführung des Werkes in Venedig.
Zentrale Aussage in dem Werk ist - wie in allen Bühnenwerken Richard Wagners - der Erlösungsgedanke. Diesmal geht er jedoch weit über die bisherige Bedeutung - Erlösung eines in Schuld verstrickten Menschen - hinaus und gibt dem Begriff eine christliche Deutung. Es geht nicht mehr allein um die Erlösung einer einzelnen Figur, sondern vielmehr um die Erlösung der ganzen sündigen und schuldig gewordenen Welt.
Für Wagner gibt es darüber hinaus noch eine zweite, allerdings eher verborgene Ebene des Werkes: "Er (der 'Parsifal') deutet mehr an, als er ausspricht, den Gehalt dieses Werkes, 'Erlösung dem Erlöser' ..." Mit dieser Formel - Erlösung dem Erlöser - geht es Wagner um eine Reinigung der historischen Figur Jesus Christus, es geht ihm darum, einen "von aller alexandrinisch-judaisch-römisch-despotischen Verunstaltung gereinigten und erlösten, unvergleichlich erhabenen einfachen Erlöser in der historisch erfassbaren Gestalt des Jesus von Nazareth ... (um Christus) in seiner vollen Reinheit, seiner absoluten Unvergleichlichkeit und Kenntlichkeit wegen, uns erhalten zu wollen ..."
Bibliografie:
- Joachim Kaiser: Richard Wagner: Parsifal. Werkinterpretation und Musikbeispiele. 1 CD, München 1997
- Richard Wagner: Parsifal. Textbuch, Ditzingen 1999







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