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THEMEN

Paul Hindemith

Leben und Werk

Kindheit und Jugend

Paul Hindemith wird am 16. November 1895 als erster Sohn von Robert Rudolf Emil Hindemith und seiner Frau Maria Sophie im hessischen Hanau bei Frankfurt geboren. Robert Hindemith, der ein Leben lang darunter leidet, dass er nicht Musiker werden durfte, verdient seinen Lebensunterhalt als Anstreicher, doch die Musik hat ihn nie ganz losgelassen und so pflegt er nach Feierabend mit Enthusiasmus das Zitherspiel. Vielleicht als dem Schicksal abgetrotzter Ausgleich zu seinem eigenen unerfüllten Leben nimmt die Musik in der Erziehung seiner Kinder denn auch von Anfang an einen zentralen Stellenwert ein. Dabei geht Robert Hindemith allerdings weniger mit pädagogischem Feingefühl als mit gnadenloser Disziplin vor, die eigentlich jedes sensible und nur halbwegs aufnahmebereite Kind für immer abgeschreckt hätte.

Die Hindemith-Kinder scheinen jedoch "hart im Nehmen" zu sein und können schon bald regionale Erfolge mit ihrem so genannten Frankfurter Kindertrio verzeichnen. Zum Glück kommt die musikalische Ausbildung des kleinen Paul nach wenigen Jahren in berufenere Hände: Als die Familie im Jahr 1905 nach Frankfurt zieht, übernimmt nach Eugen Reinhardt die Schweizerin Anna Hegner den Unterricht. Sie erkennt das Talent ihres Schülers und vermittelt ihm Privatunterricht bei dem renommierten Geiger Adolf Rebner (1876-1967), der am Hochschen Konservatorium in Frankfurt lehrt und Paul nach seinem Schulabschluss im Jahr 1908 einen kostenlosen Studienplatz verschafft.

Paul zeichnet sich nicht nur durch Fleiß, sondern auch durch seine außergewöhnliche Begabung aus. Er beherrscht schon bald einen Geigenton, der eine fruchtbare Synthese von technischer Vollkommenheit und musikalischem Ausdruck darstellt. Zu dieser Zeit entstehen auch die ersten Kompositionen. Ab 1912 werden diese bis dahin amateurhaften Versuche durch ein fundiertes Studium in Kontrapunkt und Kompositionslehre bei Arnold Mendelssohn (1855-1933) einer strengen Disziplin unterworfen. Auch wenn dieser Unterricht im Oktober 1913 aus Krankheitsgründen abrupt unterbrochen wird, haben die Monate intensiven und gründlichen Arbeitens eine theoretische Basis gelegt, auf der sein nächster Lehrer, Bernhard Sekles (1872-1934), aufbauen kann. Erste bedeutende Werke aus dieser Zeit sind das Streichquartett C-Dur op. 2 und das Konzert für Cello und Orchester Es-Dur op. 3, das am 28. Juni 1916 unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt wird. Für Hindemith selbst stehen das Klavierquinett e-Moll op. 7 und die Drei Gesänge für Sopran und großes Orchester op. 9 im Mittelpunkt dieses Frühwerks. Auffallend ist die Orientierung auch der Kammermusik an der Farbenvielfalt des Orchesters, die ein wenig an Wladimir Horowitz' Klaviertechnik erinnert und die der Komponist selbst mit dem Begriff "farbenreiche Improvisation" beschreibt.

Erste Engagements

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Paul Hindemith, dt. Komponist (18951963)

Bereits während seines Studiums nimmt Paul Engagements als Geiger an, nicht zuletzt, um auf diese Weise die prekäre finanzielle Lage der Familie aufzubessern. Neben der Arbeit in Kurkapellen erhält er im Dezember 1913 die Stelle des Konzertmeisters im Neuen Theater, dessen Repertoire auf Operetten beschränkt ist  beides künstlerisch gleichermaßen unbefriedigende Aufgaben. Als der Vater 1914 fällt, lastet noch mehr Verantwortung auf Pauls Schultern, der fortan auch Unterricht erteilt und neben vielen anderen Verpflichtungen Auftritte mit dem Rebner-Quartett absolviert. Einen künstlerischen Lichtblick bedeutet da die Verpflichtung als zunächst 1. Geiger und wenig später Konzertmeister des Frankfurter Opernorchesters. In dieser Position sollte Paul Hindemith in den nächsten Jahren durch die avantgardistisch orientierte Kulturpolitik dieses Hauses  in der Person des Dirigenten Willem Mengelberg, des Kapellmeisters Ludwig Rottenberg und ab 1924 des Intendanten Clemens Krauss  einen umfassenden Einblick in das zeitgenössische Musikschaffen bekommen.

Kriegsjahre

Auch Paul Hindemith wird im Sommer 1917 zum Wehrdienst verpflichtet, kann aber bis Mitte Januar 1918 noch seine Orchesterpflichten wahrnehmen. Danach versieht er als Regimentsmusiker im Elsass und in Flandern seinen Dienst. Die Grenzerfahrungen dieser Monate verarbeitet der Komponist in Werken wie dem Streichquartett f-Moll op. 10, den zwei Violinsonaten Es-Dur und D-Dur op. 11 sowie dem Liederzyklus Melancholie für Mezzosopran und Streichquartett op. 13 nach Gedichten von Christian Morgenstern. Daneben musiziert er mit drei Kriegskameraden im Streichquartett Werke von Mozart, Haydn, Schubert, Dvorák und Debussy, die für den Musik liebenden Regimentsoberst, Graf von Kielmannsegg, eine willkommene Bereicherung des grauen Kriegsalltags bedeuten.

Die Aufführung von Debussys Streichquartett wird für alle zu einem unvergesslichen Erlebnis, denn nach dem zweiten Satz überbringt der Nachrichtenoffizier die Meldung von Debussys Tod. Die Musiker sind danach so ergriffen, dass sie das Werk an diesem Tag nicht mehr vollenden: "Es war, als wäre unserem Spielen der Lebenshauch genommen worden. Wir fühlten aber hier zum ersten Male, dass Musik mehr ist als Stil, Technik und Ausdruck persönlichen Gefühls. Musik griff hier über politische Grenzen, über nationalen Hass und über die Gräuel des Krieges hinweg." Diese Erfahrung wird zum Schlüsselerlebnis und Leitfaden in Hindemiths kompositorischem Schaffen  Musik als Überwindung von Grenzen.

Musikalischer Erneuerer

An Debussy orientiert sich auch Hindemiths erste Nachkriegskomposition, die Sonate für Bratsche und Klavier F-Dur op. 11 Nr. 4. Dieses Werk steht u. a. auch auf dem Programm eines Konzertes am 2. Juni 1919, das erstmals ganz dem Komponisten Paul Hindemith gewidmet ist und so erfolgreich verläuft, dass das bekannte Mainzer Verlagshaus B. Schott's Söhne einige seiner Werke unter Vertrag nimmt. Daraus sollte sich eine lebenslange Zusammenarbeit entwickeln.

Der Überwindung von Grenzen gilt ab 1922 Hindemiths Engagement in der von ihm gegründeten "Gemeinschaft für Musik", die wieder einen engeren Bezug zwischen Musikern und Publikum (u. a. in der Frage der Programmgestaltung) herstellen soll und "ausschließlich unbekannte neue und alte Musik für kleine Besetzung" zur Aufführung bringen will. Ziel dieses Unternehmens ist die Aufweichung des verkrusteten und eingefahrenen Konzertbetriebes und ein breit gefächertes internationales Repertoire an Werken.

Enfant terrible der deutschen Musikszene

Die Überwindung von Grenzen praktiziert Paul Hindemith nach Kriegsende auch ganz bewusst in seinen nächsten Kompositionen. Mit dem Begriff "Bewegungskontinuität" fasst er ein künstlerisches Bemühen zusammen, das die Aufhebung festgefahrener und einengender Regeln anstrebt, beispielsweise in Bezug auf das Metrum, periodischen Satzbau oder harmonische Zusammenhänge und das weit gehend auf dynamische Gestaltung verzichtet. Mit dieser neuen Sprache, die sich u.a. in der Klaviersonate op. 17, im Streichquartett C-Dur op. 16 oder den Acht Liedern für Sopran und Klavier op. 18 artikuliert, stößt der Komponist Kritiker und Verlag gleichermaßen vor den Kopf und entwickelt sich zunehmend zum "enfant terrible" der deutschen Musikszene. Nicht von ungefähr bürgert sich bald auch als Charakterisierung seiner Musik der ironische Slogan "Hin-de-mith, her-de-mith, weg-de-mith" ein.

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Szene aus der Uraufführung der später verbotenen Oper “Sancta Susanna“ (1922)

Gleichwohl findet Hindemith andernorts die entscheidende Anerkennung seines neuen Weges. In Donaueschingen werden 1921 erstmals "Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst" veranstaltet. Innerhalb weniger Jahre sollte sich dieses Musikfest zum Mekka der zeitgenössischen Komponisten entwickeln und ihnen nicht selten zum Durchbruch verhelfen. So ergeht es auch Paul Hindemith, dessen Streichquartett Nr. 2 C-Dur op. 16 dort am 1. August 1921 uraufgeführt wird. Innerhalb kürzester Zeit avanciert er nicht nur zum Prestige-Komponisten der deutschen Avantgarde, sondern engagiert sich selbst ab 1923 auch an zentraler Stelle im Programmausschuss des Festivals. Gleichzeitig revolutioniert Hindemith auch die Gattung der Oper, denn seine Einakter Mörder, Hoffnung der Frauen op. 12, Das Nusch-Nuschi op. 20 und Sancta Susanna op. 21 eröffnen völlig neue bühnendramatische Welten und sorgen teilweise für handfeste Skandale bei der Uraufführung.

Paul Hindemith wird damit beinahe über Nacht zu einem Komponisten, mit dem "man rechnen muss". Und so gibt der Schott Verlag seine vorübergehende Zurückhaltung auf und setzt ihm ab 1923 ein monatliches Gehalt aus, das den Komponisten finanziell unabhängig macht, so dass er sich von da an ausschließlich auf seine Kompositionen konzentrieren kann. In diesem Jahr entsteht im Auftrag des einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein das Konzert für Klavier linke Hand und Orchester op. 29.

Seit dem 15. Mai 1924 steht dem Komponisten bei seiner Tätigkeit seine Ehefrau Gertrud, Tochter des Kapellmeisters Ludwig Rottenberg, hilfreich zur Seite. Als ausgebildete Schauspielerin, Sängerin und Cellistin wird sie sich  nicht zuletzt aufgrund ihres lähmenden Lampenfiebers  vom Konzert- und Bühnenleben zurückziehen und ihrem Mann die alltäglichen Pflichten abnehmen und darüber hinaus zu einer unentbehrlichen Ratgeberin und Kritikerin in künstlerischen Angelegenheiten entwickeln.

Paul Hindemith und das Amar-Quartett

1922 entsteht mit den Geigern Licco Amar und Walter Caspar, Paul Hindemith auf der Bratsche und seinem Bruder Rudolf am Cello (später ersetzt durch Maurits Frank) das Amar-Quartett. Bereits wenige Monate später machen sie beim Salzburger Fest der "Internationalen Gesellschaft für Neue Musik" auf sich aufmerksam. Das Ensemble zeichnet sich durch profunde Technik, hohe Musikalität und einen lebendigen Vortrag einerseits sowie durch ein breit gefächertes, vor allem zeitgenössisches Repertoire aus, in dem Komponisten wie Arnold Schönberg und Béla Bartók ebenso vertreten sind wie Igor Strawinsky und Maurice Ravel. Mehrere zeitgenössische Werke erleben durch das Quartett ihre Uraufführung. Neben Tourneen durch die deutsche Provinz führen Konzertreisen das Ensemble nach Italien, Paris und London sowie in die Sowjetunion, wo Hindemith den Komponisten Dmitrij Schostakowitsch kennen lernt. Darüber hinaus leisten die Musiker alljährlich einen Beitrag zum Donaueschinger Musikfest. Leider ist von den zahlreichen Einspielungen des Ensembles heute nur noch eine Auswahl auf CD erhältlich.

Paul Hindemith und Donaueschingen

Seit der Berufung Paul Hindemiths in den Programmausschuss der Donaueschinger Musiktage im Jahr 1923 hat sich der Komponist leidenschaftlich für die Verwirklichung ihrer Zielsetzungen engagiert. Er sorgt nicht nur alljährlich für ehrenamtliche Auftritte des Amar-Quartetts, sondern setzt sich vor allem für eine kompositorische internationale Vielfalt ein, die durch Komponisten wie Alban Berg, Philipp Jarnach, Alois Hába, Ernst Krenek, Arnold Schönberg, Anton von Webern, Igor Strawinsky, Hanss Eisler, Ernst Pepping, Béla Bartók, Darius Milhaud, Ernst Toch, Zóltan Kodály, Béla Bartók, Alfredo Casella, Kurt Weill oder Alexander Tscherepnin repräsentiert wird. Selbstverständlich stehen immer wieder auch eigene Werke wie die Sonaten für Bratsche solo op. 25 Nr. 1 und Cello solo op. 25 Nr. 3, das 1. Streichtrio op. 34 oder die Kammermusik Nr. 2 op. 36 Nr. 1 (Klavierkonzert) und Nr. 4 op. 36 Nr. 3 (Violinkonzert) auf den Programmen, die zunehmend zum "Highlight" des Festivals avancieren. Darüber hinaus werden an begabte junge Künstler Auftragskompositionen vergeben. Einen Schwerpunkt stellen dabei die Kammermusik, Werke für Chor sowie später auch die Einbeziehung der mechanischen Musik dar. Beispielhaft hierfür steht Hindemiths Toccata für mechanisches Klavier op. 40 Nr. 1. Ebenso wegweisend werden anspruchsvolle Kompositionen für Blasorchester wie seine Konzertmusik für Blasorchester op. 41 oder Křeneks "Symphonie für Bläser und Schlagzeug" op. 34. Hintergrund für solche Bemühungen ist der Wunsch, das Festival nicht auf einer elitären Ebene zu isolieren, sondern einen engeren Kontakt zwischen Musikern und Publikum herzustellen. Von 1927-1929 wird die Veranstaltung aus finanziellen Gründen als "Deutsche Kammermusik" nach Baden-Baden verlegt, danach findet sie in Berlin statt.

Der Komponist Paul Hindemith durchläuft in diesen fünf Donaueschinger Jahren eine entscheidende Entwicklung, deren Ziel er selbst mit einem Streben nach "größte(r) Reinlichkeit" beschreibt. Diese neue Sprache artikuliert sich den verschiedensten Werken:

  • Klaviermusik op. 37
  • Das Marienleben op. 27, Liederzyklus nach Gedichten von Rainer Maria Rilke
  • Serenaden op. 35
  • Kanonische Sonatine für 2 Flöten op. 31 Nr. 3
  • Streichtrio op. 34
  • Oper "Cardillac" op. 39 (nach der Novelle "Das Fräulein von Scudery" von E. T. A. Hoffmann)
  • Kammermusiken op. 36
  • Konzert für Orchester op. 38

Professor in Berlin

Als Paul Hindemith 1927 zum Professor für Komposition nach Berlin berufen wird, bedeutet dies einerseits einen weiteren Aufstieg des Komponisten Hindemith, andererseits einen kulturellen Abstieg, denn die preußische Metropole zeigt sich zu dieser Zeit weit weniger zeitgenössischen musikalischen Strömungen aufgeschlossen als das hessische Frankfurt. Doch der Pianist, Komponist, Musikpädagoge und inzwischen an einflussreicher Stelle im preußischen Kultusministerium agierende Leo Kestenberg bringt zunehmend frischen Wind in die verstaubten Institutionen. Und zur Unterstützung dieser Aufgabe verpflichtet er zukunftsweisende Künstler wie Paul Hindemith und macht Berlin damit innerhalb weniger Jahre zum bedeutendsten musikalischen Zentrum.

Schon bald beginnt Hindemith neue Kontakte zu knüpfen bzw. alte zu erneuern: Zu seinem Bekannten- und Freundeskreis zählen Komponisten wie Igor Strawinsky, Darius Milhaud, Arthur Honegger oder Sergej Prokofjew und Schriftsteller wie Bertolt Brecht, Gottfried Benn, Carl Zuckmayer oder Alfred Döblin. Allem Neuen gegenüber stets aufgeschlossen experimentiert er wenig später mit dem noch jungen Medium Rundfunk, für das Werke wie die Drei Anekdoten für Radio (später 3 Stücke für 5 Instrumente) oder die Kammermusik Nr. 7 op. 46 Nr. 2 (Orgelkonzert) beispielhaft sind. Gemeinsam mit Kurt Weill komponiert er 1929 die Radio-Oper "Der Lindberghflug" zu Brechts gleichnamigem Werk.

Hindemiths zentrales Engagement in dieser Zeit gilt jedoch der Jugendbewegung, zu der er erstmals im Oktober 1926 über die landesweit agierende "Musikantengilde" mit ihrem führenden Vertreter Fritz Jöde Kontakt aufnimmt. Schon bald muss der Komponist jedoch erkennen, dass es in den Zielsetzungen dieser Bewegung nicht um eine möglichst umfassende und anspruchsvolle musikalische Bildung der Jugend geht, sondern um die Stiftung einer Gesinnungsgemeinschaft mit Hilfe musikalischer Mittel  Musik als Fremdzweck und nicht als Selbstzweck. Paul Hindemith, dem es in der Laienmusik jedoch in erster Linie um eine weitestmögliche Förderung der technischen Fähigkeiten sowie eine Entwicklung des musikalischen Ausdrucks geht, konzentriert seine Bemühungen daher auf die Volkshochschule Berlin-Neukölln, für die in den nächsten Jahren ein umfangreiches Werk an Sing- und Spielmusiken entsteht:

  • Spielmusik für Streichorchester, Flöten und Oboen op. 43 Nr. 1
  • Lieder für Singkreise op. 43 Nr. 2
  • Schulwerk für instrumentales Zusammenspiel op. 44
  • Sing- und Spielmusik für Liebhaber und Musikfreunde op. 45
  • Plöner Musiktag
  • Wir bauen eine Stadt (Spiel für Kinder)
  • Sabinchen (Hörspiel)

Einen ähnlichen Ausgangspunkt wie die Arbeiten für Laienmusiker lassen auch Hindemiths sonstige Kompositionen aus dieser Zeit erkennen. Konsequent und bewusst schreibt er anspruchsvolle Musik, die jedoch den Bezug zwischen "dem Produzenten und dem Konsumenten" nicht aus dem Auge verliert. In diese Phase gehören Werke wie das Oratorium Das Unaufhörliche nach einem Text von Gottfried Benn, die Konzertmusiken op. 48-50 sowie das Philharmonische Konzert, die jedoch ernsthafte Musikkritiker wie rassistische Ideologen gleichermaßen auf den Plan rufen: Monieren die einen einen kompositorischen Rückschritt, so qualifiziert der nationalsozialistische "Völkische Beobachter" diese Werke als undeutsch und weist damit bereits auf zukünftige Konflikte mit den braunen Machthabern nach 1933 hin.

Paul Hindemith und die Nationalsozialisten

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 bekommt auch der Komponist Paul Hindemith die Auswirkungen der neuen Kulturpolitik rasch zu spüren, die bereits im April die Hälfte seiner im Schott Verlag erschienenen Werke mit dem Stempel "kulturbolschewistisch" belegen und verbieten. Noch deutet Hindemith diese ersten Vorzeichen allerdings als schnell vorübergehende Erscheinung  ein Irrtum, dem in dieser Zeit nicht nur viele Künstler, sondern fast ein ganzes Volk erliegen. In der folgenden Zeit ergeht zwar kein offizielles Verbot gegen das Wirken des Musikers Hindemith, doch die Tatsachen, dass seine Werke nicht mehr gespielt werden und seine Konzerttätigkeit weitgehend eingeschränkt wird, sprechen für sich.

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Ankündigung der Uraufführung von “Mathis der Maler“, Berlin 1934

Der Komponist zieht sich in den folgenden Jahren in eine innere Emigration zurück, während der er sich intensiv mit seinem nächsten Opernprojekt über den Maler Matthias Grünewald beschäftigt. Obwohl für eine Aufführung des Bühnenwerkes nicht die geringsten Aussichten bestehen, kommt die Symphonie Mathis der Maler als Extrakt desselben am 12. März 1934 unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler in der Berliner Philharmonie zur Uraufführung. Dieses Ereignis fordert die Nazi-Kritik noch schärfer heraus. Die Lage spitzt sich zu, insbesondere nachdem Furtwängler am 25. November in einem ausführlichen Artikel in der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" für Hindemith Partei ergreift und zu den Vorwürfen Stellung bezieht. In der Folge muss nicht nur Furtwängler von sämtlichen Ämtern zurücktreten, sondern verlegt auch Hindemith seine Aktivitäten vermehrt ins Ausland, wo er u.a. zwischen 1935 und 1937 für das türkische Kultusministerium tätig ist. Als 1936 schließlich doch noch das offizielle Aufführungsverbot ergeht, zieht Hindemith schweren Herzens die Konsequenzen und kündigt am 22. März 1937 seinen Posten an der Berliner Musikhochschule. Drei Tage später bricht er zu einer ersten Tournee in die Vereinigten Staaten auf.

Paul Hindemith im Exil

Zunächst noch ohne seine Frau absolviert Paul Hindemith im März und April 1937 eine äußerst erfolgreiche Amerikatournee, bei der er nicht nur als Solist und Komponist, sondern auch als Dirigent seiner Symphonie "Mathis der Maler" gleichermaßen beeindruckt. Der Künstler kann während dieser Zeit auch wertvolle Kontakte knüpfen, die im folgenden Jahr vom 10. Februar bis zum 10. April zu einer zweiten Tournee führen und für seine weitere Existenz von elementarer Bedeutung sind.

Mit neuen Kräften kehrt Hindemith anschließend nach Europa zurück und wird bei einem Besuch in der Kirche Santa Croce in Florenz von künstlerischer Inspiration förmlich "heimgesucht", denn Giottos lebendige und eindrucksvolle Fresken über das Leben des Heiligen Franz von Assisi regen ihn zu einem Ballett an. Zwar kann der unmittelbar hinzugezogene Choreograph Leonide Massine diese Begeisterung zunächst nicht teilen, da ihm das Projekt zu ungewöhnlich und gewagt erscheint, doch schließlich entsteht eine einzigartige Zusammenarbeit, die unter dem Titel Nobilissima Visione im Sommer 1938 am Drury Lane Theater London eine bewegende Uraufführung erlebt.

So sehr Paul Hindemith die künstlerisch positive Aufnahme in den USA zu schätzen weiß, so sehr versucht er doch dem Lärm und der Hektik der Großstädte zu entfliehen und so bezieht das Ehepaar im September 1938 ein Haus im schweizerischen Bluche. Die Schweiz hatte ihm auch zu einem seiner größten Triumphe in dieser deprimierenden Zeit verholfen, denn in Zürich war am 28. Mai desselben Jahres seine Oper Mathis der Maler mit grandiosem Erfolg uraufgeführt worden. Dieser Erfolg bestärkt den Komponisten in dem Beharren auf seinen künstlerischen Prinzipien ("Es gibt nur zwei Dinge, die anzustreben sind: Anständige Musik und ein sauberes Gewissen"), die er mit der zweibändigen Unterweisung im Tonsatz auch theoretisch untermauert. Kunstvolles Beispiel für die darin aufgestellten Regeln ist der 1942 entstandene Ludus tonalis für Klavier, ein ähnlich grandioses und umfassendes Kompendium wie Bachs "Wohltemperiertes Klavier". Gleichzeitig vollzieht sich in seinem kompositorischen Schaffen eine neue Wandlung, die nun das Ideal des reinen, zeithistorisch unabhängigen und kompositionstechnisch vollkommenen Kunstwerks postuliert. Beispielhaft für diese Phase sind die Solosonaten aus den Jahren 1935-1939 für Violine, Klavier, Orgel, Harfe, Flöte, Fagott, Bratsche, Oboe, Klarinette, Horn und Trompete sowie das Quartett für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier.

Trotz seiner offen bekundeten Abneigung gegen Amerika siedelt Paul Hindemiths nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs  zunächst wieder ohne seine Frau  ins amerikanische Buffalo/New York über. Des Reisens durch die Lande müde, kommt ihm das Angebote für eine erneute Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten (neben Buffalo, Ithaca und Aurora) gerade recht. Daneben erhält er Einladungen für eine Teilnahme am Birkshire-Festival in Tanglewood sowie für Vorlesungen an der Yale University in New Haven. Schon bald erweisen sich diese vielen, vor allem räumlich voneinander getrennten Aufgaben als mindestens ebenso strapaziös wie die vorherige Konzerttätigkeit, so dass Hindemith 1940 den Ruf an die Yale University erleichtert annimmt und nun auch seine Frau nachholt. Im Januar 1946 nehmen beide die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Die Werke, die Paul Hindemith während dieser Exiljahre komponiert, machen hörbar Konzessionen an das zeitgenössische amerikanische Musikleben und zeichnen sich vor allem durch eine meisterhafte Instrumentation und neoklassizistische Elemente aus. Dies wird in den Symphonischen Metamorphosen über Themen von Carl Maria von Weber ebenso deutlich wie in der Symphonia serena, dem Konzert für Holzbläser, Harfe und Orchester oder dem Konzert für Cello und Orchester. Parallel zu dieser neuen Arbeitsweise beschäftigt sich Hindemith in den nächsten Jahren intensiv mit der Musik vom Mittelalter (beginnend um 1200 bei Perotinus) bis zum Barock und veranstaltet dazu eigene Konzerte in Yale sowie einen speziellen Kurs während des Sommerfestivals in Tanglewood im Jahr 1941.

Paul Hindemith als Dirigent

Nach Kriegsende erlebt Hindemiths Werk in Deutschland eine geradezu hysterische Renaissance, die den Komponisten jedoch eher abschreckt als begeistert. Entsprechend zurückhaltend fällt auch seine Reaktion auf Einladungen und Angebote unterschiedlichster Art aus. Und so führt seine erste Reise durch das Nachkriegseuropa vom April bis September 1947 in erster Linie durch Italien, Belgien, Holland, England und Österreich und nur am Rande durch seine deutsche Heimat. Von der Universität Zürich erhält er 1951 das Angebot für eine Professur in Musikwissenschaft. Zunächst noch zwischen Amerika und der Schweiz pendelnd, zieht er 1953 ganz nach Europa ins schweizerische Blonay zurück und gibt den Posten in Yale auf.

Das letzte Jahrzehnt seines Lebens ist vor allem einer bis dahin ungewohnt intensiven Dirigiertätigkeit gewidmet, die ihn nicht nur durch Europa, sondern auch bis nach Südamerika, Japan und wiederum in die USA führt. Wider Erwarten bestehen die Programme dieser Konzerte nur zu einem geringen Prozentsatz aus eigenen Werken, während Mozart einen zentralen Stellenwert einnimmt. Parallel dazu veranstaltet Hindemith auch weiterhin Konzerte mit alter Musik, bei der er sich um eine historische Aufführungspraxis mit zeitgenössischen Instrumenten bemüht. Diesen vielfältigen Engagements entsprechend tritt das kompositorische Schaffen in diesen Jahren in den Hintergrund. Neben der Oper Die Harmonie der Welt und der Pittsburgh Symphony entstehen der Einakter Das lange Weihnachtsmahl nach Wilders gleichnamigem Bühnenstück oder die Messe für gemischten Chor a cappella.

Bis zuletzt aktiv stirbt Paul Hindemith am 28. Dezember 1963 an den Folgen mehrerer Schlaganfälle im Frankfurter Marienkrankenhaus. Nach der Überführung ins schweizerische Blonay wird er am 4. Januar 1964 im nahe gelegenen Saint-Légier beigesetzt.

  1. Leben und Werk

Bibliografie:

  • Andreas Briner: Paul Hindemith. Leben und Werk in Bild und Text, Zürich 1988
  • Paul Hindemith: Aufsätze  Reden  Vorträge, hrsg. von Giselher Schubert, Zürich 1994
  • Paul Hindemith: Übungsbuch für elementare Musiktheorie, Mainz 1975
  • Paul Hindemith: Unterweisung im Tonsatz, 3 Bde., Mainz 1937
  • Giselher Schubert: Paul Hindemith, Reinbek 1981
Einzige heute lieferbare Aufnahme Hindemiths mit dem Amar-Quartett:
Koechlin, Charles (1867-1950): Kammermusik für Oboe Vol.2; Sonatinen op. 194 Nr.1 & 2 für Oboe d'amore & Kammerorchester; Bläsertrio op.206; Pastorale für Oboe & Harmonium; Sonate für Oboe, Flöte, Harfe, Streichquartett op.221; Suite op. 185 für Englischhorn solo; Arter, AMAR Quartett, Arion Quintett; EnAvant 1999 (Bestell-Nr.: 3621929)

Institution(en):

  • Fondation Hindemith
    (Hindemith Stiftung)
    Champ Belluet 41
    CH-1807 Blonay
    +41/21/9430528
    +41/21/9430529
    administration@hindemith.org
  • Centre de Musique Hindemith
    (Hindemith Musikzentrum)
    Lacuez 3
    CH-1807 Blonay
    +41/21/9430520
    +41/21/9430521
    centre.de.musique@hindemith.org
  • Hindemith-Institut Frankfurt
    Eschersheimer Landstraße 29-39
    60322 Frankfurt am Main
    069/5970362
    069/5963104
    institut@hindemith.org
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