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THEMEN

Platon

Einleitung

Sokrates, Platon und Aristoteles - alle drei stehen in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis - sind die wichtigsten Philosophen des klassischen Griechenlands im 5. und 4. vorchristlichen Jahrhundert, die das Geistesleben der nachfolgenden Generationen entscheidend geprägt haben. Platon selbst hat vor allem mit seiner Ideenlehre und mit seinen politischen Schriften größten Einfluss auf die Philosophie des Abendlandes ausgeübt. Er hat fast zu allen philosophischen Themen und Fragen Stellung bezogen, so dass der englische Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead (1861-1947) im 20. Jahrhundert behauptete, die Geschichte der Philosophie bestehe lediglich aus "einer Reihe von Fußnoten zu Platon".

Das Leben Platons

Bild
Platon, griechischer Philosoph; 427 347 v. Chr.

Der griechische Philosoph Platon stammte aus einer der vornehmsten Familien Athens. Er wurde um 427 v. Chr. wahrscheinlich auf Ägina geboren. Als Jugendlicher beschäftigte er sich, wie es damals üblich war, zunächst mit der Dichtkunst und bereitete sich auf eine politische Laufbahn vor. Die politischen Verhältnisse in Athen zur Zeit der Demokratie waren chaotisch. Platon wuchs in einer Situation auf, in der frühere Werte und Tugenden nicht mehr gültig waren und jeder seine Vorteile durchzusetzen versuchte. Die Situation verschärfte sich, als 404 nach dem verlorenen Peloponnesischen Krieg die von Sparta eingesetzten 30 Tyrannen in Athen eine Schreckensherrschaft errichteten. Auch die ein Jahr später wieder eingesetzte demokratische Regierung bedeutete keine Verbesserung der Lage. Weder Platon noch Sokrates sahen unter diesen Umständen einen Ausweg aus der politischen und gesellschaftlichen Krise und verweigerten eine politischen Betätigung. Das Misstrauen Platons in die demokratische Führung gipfelte in dem Schauprozess gegen seinen Lehrer Sokrates, der als unbequemer Zeitgeist und Mahner in die Schusslinie der Herrschenden geraten war, und aus vordergründigen Gründen angeklagt und zum Tode verurteilt wurde.

Platon und Sokrates

Etwa zwanzigjährig hatte Platon den Philosophen Sokrates (469-399 v. Chr.) kennen gelernt, eine Begebenheit, die sein ganzes Leben verändern sollte. Platon war von dessen großer Persönlichkeit so fasziniert, dass er acht Jahre lang zum Schülerkreis des Sokrates gehörte, der sein Mentor, ja sein Freund wurde. Beide versprachen sich eine Rettung der Polis, d. h. des Athener Stadtstaates, nur durch eine Regierung, die nach philosophischen Grundsätzen zum allgemeinen Wohl handelte. Doch das Jahr 399 v. Chr. brachte für Platon ein einschneidendes Erlebnis. Der damals siebzigjährige Sokrates wurde aufgrund verleumderischer Anschuldigungen wegen angeblicher Gottlosigkeit und Verführung der Jugend angeklagt und zum Tode verurteilt. Dieses Vorgehen löste bei Platon, der Sokrates als „den weisesten, gerechtesten und besten aller Männer“ bezeichnete, ein Misstrauen gegenüber der demokratischen Staatsform aus. Damit die Ideen des Sokrates, der selbst nichts Schriftliches hinterlassen hatte und dessen philosophische Vorgehensweise darin bestand, durch gezielte Fragen das Wesen der Dinge aufzudecken, weitergeführt würden, setzte er ihm ein bleibendes Denkmal, indem er Sokrates in seinen Werken, die bis auf die Apologie in Dialogform abgefasst sind, als Gesprächsleiter einsetzte.

Reisen nach Syrakus

Nach dem Tod des Sokrates verließ Platon Athen für über 10 Jahre. Er reiste u. a. nach Ägypten und Italien. Von dem Tyrannen Dionysios wurde er an dessen Hof nach Syrakus in Sizilien eingeladen. Anfangs glaubte Platon, diesen für seine politischen Ideale gewinnen zu können. Ein Trugschluss, denn seine offenen Worte brachten ihn in Lebensgefahr. Dionysios ließ ihn als Sklaven verkaufen; nur durch Glück wurde er von Freunden freigekauft und kehrte im Jahre 387 v. Chr. nach Athen zurück. Vierzig Jahre verbrachte Platon dann als philosophischer Lehrer in seiner Heimatstadt. Zweimal noch reiste er nach Syrakus auf Einladung des jüngeren Dionysios, dem Sohn des Tyrannen. Abermals scheiterte Platon hier mit seiner Idee, politische Herrschaft nach philosophischen Grundsätzen ausrichten zu können. Danach lebte Platon nur noch für seine wissenschaftliche Tätigkeit in Athen, wo er 347 v. Chr. starb. Sein berühmtester Schüler war Aristoteles (384-322 v. Chr.), der im Alter von 17 Jahren an seine Akademie kam.

Die Gründung der Akademie

Etwa 387 v. Chr. gründete Platon in Athen die Akademie, in der junge Männer in den damaligen Wissenschaften ausgebildet wurden. Diese Schule, so benannt nach dem Hain des Heros Akademos, gilt als Vorbild der späteren europäischen Universitäten. Dort wurde Forschung und Lehre auf den Gebieten der Politik, Naturwissenschaft und Kunst betrieben. Sie bestand über 900 Jahre und vermittelte nach der endgültigen Zerstörung des Museions in Alexandria und der alexandrinischen Bibliothek 391 n. Chr. als einzige Lehrstätte die klassischen griechischen Wissenschaften; ihre Schließung im Jahre 529 n. Chr. durch Kaiser Justinian bedeutete dann den Übergang von der Antike zum christlichen Mittelalter.

Platons Werke

Platon schrieb 36 Bücher, die alle erhalten sind und die sich zum größten Teil mit seiner Ideenlehre sowie mit staatspolitischen Fragen beschäftigen. Sein berühmtestes Werk ist der "Staat" (Politeia), in dem er seine Ideen von einem Idealstaat darstellte. Platons Werke sind in Dialogform verfasst, Hauptgesprächspartner sind meist Sokrates, Kritias und Charmides. Platon lässt in den Dialogen offen, welche Meinungen er selbst vertritt. Die Dialoge beleuchten ein Thema von verschiedenen Seiten, sie enden allerdings aporetisch, d. h. ohne Ergebnis. Sein Gesamtwerk wird in drei chronologische und inhaltliche Perioden gegliedert: 1. die frühe Periode, in der vor allem Gedanken des Sokrates dargestellt und weitergeführt werden; sie umfasst u. a. die Apologie, Kriton, Laches, Euthyphron, Protagoras, Georgias, Lysis, Charmides, Menon; 2. die mittlere Periode u. a. mit Phaidon, Symposion, Politeia; 3. die Altersperiode, in der Probleme der Erkenntnistheorie behandelt werden, u. a. Parmenides, Theaitetos, Polilitikos, Philebos, Timaios, Kritias und die "Gesetze" (Nomoi).

Platons Ideenlehre

Platon formulierte seine Ideenlehre erstmals im "Menon-Dialog", später im "Staat" (Politeia), der die Summe seiner gesamten Philosophie enthält. Ausgangspunkt der platonischen Lehre sind die Fragen: Was ist das Wesentliche aller Dinge? Was ist das wahre, das wirkliche Sein? Da wir im Bereich der durch unsere Sinne erfahrbaren Dinge oft Täuschungen und Irrtümern erliegen, heißt dies für Platon, dass die Wahrheit auf einer anderen Ebene liegen muss, als uns Eindrücke und Wahrnehmungen vorgaukeln. Platon setzt dahingehend ein Reich ewiger und unveränderlicher Ideen voraus, die die Urbilder der Realität darstellen, und nach denen die Gegenstände der materiellen, physisch sichtbaren Welt geformt sind. Die Ideen sind unveränderlich, ewig und göttlich. Dazu gehören u. a. das Schöne, das Gute, die Stärke, das Gleiche, das Große, das Kleine. Sie sind objektiv und existieren damit unabhängig davon, ob der Mensch sie erkennt oder nicht. Die Ideen sind die Urbilder für unseren begrifflichen Abbildungen; auch die wahrnehmbaren Dinge der Sinnenwelt sind bloße Erscheinungen dieser Ideen. Doch wie kann man diese Ideen selbst erkennen und woher besitzt der Mensch überhaupt Kenntnisse von ihnen, das sie hinter den bloßen Sinneswahrnehmungen stehen? Nach Platons Erkenntnislehre sind die Wahrnehmungen a priori jedem Menschen innewohnend, d. h. bestimmte Kenntnisse, oder das Erkenntnisvermögen, sind angeboren und sie stammen aus einem vorgeburtlichen Dasein unserer Seele, die die Welt der Ideen schon einmal geschaut hat. Erkenntnis ist insofern eine jedem Menschen angeborene Wiedererinnerung (Anamnesis) des bereits Gewussten. Der Weg zu den reinen Ideen, bzw. die Voraussetzung des Wiedererinnerns ist ein mühsamer Prozess, in dessen Verlauf sich die Seele von der sinnlichen Welt losreißen muss. Dabei steht am Anfang die Erkenntnis (Gnosis) des sinnlich Erfassbaren, dann kann die verstandesbegabte Seele durch einen Reinigungsprozess (Katharsis) von sinnlichen und zeitlichen Kategorien unabhängig werden. Die Erkenntnis gipfelt in der Schau der Ideen, von Platon als "Theorie" bezeichnet. Dieses Mehr-Wissen (Episteme) ist die Schau der Ideen im ungetrübten Licht ihrer Wahrheit. Doch wie soll man sich den Aufstieg (Anabasis) der Seele zur Erkenntnis vorstellen? Platons Seelenlehre ist im Symposion und im Phaidon dargelegt, darin beschreibt er, dass jedem Menschen ein innerer Drang innewohnt, der ihm zur Vervollkommnung antreibt. Es ist die Liebe zum Guten, die „philia tou agathou“, die Platon mit dem Eros gleichsetzt und der den Menschen für das Wahre, Gute und Schöne, für die höchsten Ideen, begeistert. Durch das Prinzip des Eros gelangt der Mensch "von den schönen Gestalten zu den schönen Sitten und Handlungsweisen, und von den schönen Sitten zu den schönen Kenntnissen, bis man von den Kenntnissen endlich zu jener Kenntnis gelangt, welche von nichts anderem als eben von jenem Schönen selbst die Kenntnis ist." (Platon, Symposion)

Das Höhlengleichnis

Dieses berühmte Gleichnis über das Verhältnis von Wahrnehmung und Wirklichkeit hat Platon in seinem siebten Buch des "Staates" erläutert: Platon vergleicht darin die Situation der Menschen mit Leuten, die sich seit ihrer Geburt in einer Höhle befinden, wo sie gefesselt sind und nur auf eine Felswand blicken können. Während hinter ihnen Licht flackert, werden zwischen dem Feuer und ihnen Dinge vorübergetragen, die sie nur als Schatten an der Höhlenwand wahrnehmen. Die Gefangenen halten natürlich die Schatten für die wahre Wirklichkeit. Könnten sie sich umwenden und im Lichte des Feuers die Gegenstände selbst anschauen, würden sie das Wahre erkennen. Aber auch die vorübergetragenen Gegenstände sind nur ein Abbild der Realität außerhalb der Höhle. Platon will damit aufzeigen, dass der Mensch zwar glaubt, das, was er sieht, sei die Wahrheit, dass dies aber nur der Schein ist. Es gibt nämlich zwei Welten: die Welt der bloßen Erscheinungen und die des Seins, der wahren Ideen. Die Dinge, die der Mensch auf der Erde sieht, sind nur das Abbild der Ideen. Die Urbilder selbst kann nur ein befreiter Mensch mit seiner Seele schauen. Der Mensch muss also sein Denkgebäude, die Höhle, verlassen und frei werden, um nicht nur die Bilder der Abbildungen zu sehen, sondern weitergehend in tiefere Schichten der Erkenntnis vordringen und die wahren Dinge selbst schauen.

Der Staat (Politeia) - Platons politische Ideen

In der „Politeia“ (Der Staat) entwirft Platon seine Vorstellung von einen idealen Staat. Für ihn ist die beste Regierungsform die Aristokratie, damit meint er jedoch keine feudale Adelsherrschaft oder Monarchie, sondern die Aristokratie der Leistung. Ausgehend von der Kritik an den herkömmlichen Regierungsformen Monarchie, Aristokratie und Demokratie zeichnet er als Gegenentwurf das Bild eines Staates, in dem vor allem Gerechtigkeit und Glück der Allgemeinheit Ziele sind. Die Gesellschaft ist in Platons Konzeption streng gegliedert: Für die wirtschaftliche Struktur des Staates ist der Stand der Gewerbetreibenden, für die Sicherheit der Stand der Krieger und für die politische Leitung der Stand der philosophischen Herrscher oder weisen Könige zuständig. Der Staat übernimmt im Vorfeld die Erziehung der Kinder. Ziel der Erziehung ist die Weisheit. Nur die Besten werden in einem langen Erziehungs- und Auswahlprozess Anwärter für die höchsten Ämter. Die Auslese vollzieht sich bis zum Alter von fünfzig Jahren, erst dann darf der philosophisch erzogene Bürger politische Leitungsfunktionen übernehmen. Die Herrschenden müssen besitzlos und unverheiratet sein, um vor Habgier gefeit zu sein. Die Aufteilung der Stände im idealen Staat basiert im Wesentlichen auf den traditionellen Kardinaltugenden: Mäßigung ist die Tugend der Gewerbetreibenden, Tapferkeit die typische Tugend des Kriegerstandes und Weisheit charakteristisch für die Herrscherklasse. Die Gerechtigkeit als vierte Tugend entspricht der gesamten Gesellschaft. In dem gerechten Staat nimmt jeder einzelne Stand seine Aufgabe wahr, ohne dabei die Tätigkeit der anderen Stände zu beeinträchtigen.

Platons Utopie

Platons Konzept eines Idealstaates ist so konsequent, dass es unrealisierbar ist. Denn die Erziehung zur Uneigennützlichkeit ist nicht lehrbar. Platon selbst scheiterte mit seinen Versuchen, die Herrscher von Syrakus für seine politischen Ideen zu gewinnen und diese praktisch umzusetzen. Das Werk "Politeia" ist die erste Utopie einer anderen, einer besseren politischen Gesellschaft; sie war Ausgangspunkt für eine Reihe von Idealentwürfen einer neuen Gesellschaft, wie z. B. von T. More, F. Bacon u. a.

Bibliografie:

  • Karlheinz Hülser: Platon für Anfänger: Der Staat. Eine Lese-Einführung, dtv 2005
  • Michael Erler: Platon, Becksche Reihe 573, 2006
  • Barbara Zehnpfennig: Platon zur Einführung, 2. überarbeitete Auflage 2001
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