Römische Mythen
Das Schicksal des Trojaners Aeneas

Aeneas war in der griechischen Mythologie einer von vielen trojanischen Helden im Krieg gegen die Griechen. Er war der Sohn des Anchises und der Göttin Aphrodite (römisch Venus), die vor seiner Geburt prophezeit hatte, dass das Kind einmal über die Trojaner herrschen und der Stammvater einer großen Dynastie werden würde. Aeneas kam auf dem Berg Ida bei Troja zur Welt, wurde von Nymphen erzogen und mit fünf Jahren zu seinem Vater Anchises gebracht. Seit etwa dem 3. Jh. v. Chr. wurde Aeneas in Rom als der mythische Ahnherr des römischen Volkes gefeiert; die Aeneas-Geschichte steht auch im Mittelpunkt des größten lateinischen Epos, Vergils Aeneis (l. Jh. v. Chr.).
Als die Griechen Troja zerstörten, nahm Aeneas seinen Vater auf den Rücken, seinen Sohn Ascanius auf den Arm und floh mit den Bildnissen der Götter seiner Vorfahren aus der brennenden Stadt. Er trat eine lange und gefährliche Schiffsreise durchs Mittelmeer an (der hochbetagte Anchises starb unterwegs) und erreichte schließlich Cumae an der Küste Latiums. Dort befragte er zuerst die Sibylle, eine Priesterin des Apollon, die ihn auf seinem Weg in die Unterwelt begleitete. Nach Vergil sah er dort viele Schatten der Toten, auch den Didos, die sich wortlos von ihm abwandte. Im Totenreich traf er auch seinen Vater wieder, der ihm von der zukünftigen Macht und Größe des Volkes erzählte, das er gründen sollte, und zeigte ihm die Seelen berühmter Römer der Zukunft, die auf ihre Geburt warteten.
Von Cumae aus segelte Aeneas weiter nach Latium, wo Latinus, der König des Landes, ihm die Hand seiner Tochter Lavinia anbot. Ein Orakel hatte vorhergesagt, sie werde einen fremden Prinzen heiraten. Doch Lavinia war bereits Turnus versprochen, dem Oberhaupt des italischen Stammes der Rutuler. Als Folge dieser Turnus zugefügten Kränkung kam es zum Krieg, in dem sich Aeneas und Latinus mit Evander, dem König von Pallanteum (dort wurde später Rom gegründet), verbündeten. Schließlich tötete Aeneas Turnus in einem Zweikampf.
Vergils Dichtung endet mit der Niederlage des Turnus, doch es gibt zahlreiche andere Überlieferungen, in denen die Geschichte von der Gründung der Dynastie des Aeneas eine Fortsetzung findet. Manchmal ist Aeneas selbst der Gründer Roms. Gängiger jedoch ist jene Version, demzufolge Aeneas die Stadt Lavinium (benannt nach seiner Frau Lavinia) und sein Sohn Ascanius als zweite Stadt Alba Longa errichtete.
Der Sinn dieser Versionen, in denen Aeneas und Ascanius als Gründer der ersten "prärömischen" trojanischen Siedlungen Italiens auftauchten, lag zweifellos in dem Bemühen, sie mit jener anderen Gründungsgeschichte Roms in Einklang zu bringen, nach der Romulus, aus dem Königsgeschlecht von Alba Longa stammend, der Stadtgründer gewesen sei.
Aeneas wurde zur wichtigen Symbolfigur der römischen Tugenden, insbesondere der Ehrfurcht gegenüber dem Vater, die darin zum Ausdruck kommt, dass Aeneas seinen Vater rettet, sowie der Ausdauer und des Pflichtbewusstseins. Dieser Symbolwert wurde besonders zur Zeit des Kaisers Augustus (31 v. Chr. bis 14 n. Chr.) betont, dessen Familie (die Julier) behauptete, in direkter Linie von Aeneas abzustammen. In einem seiner großartigsten Bauten, dem Augustus-Forum, ließ der Kaiser Statuen des Aeneas, des Ascanius, der späteren Könige von Alba Longa sowie anderer Vorfahren aufstellen, die seine direkte Verbindung zu den Gründern Roms demonstrierten sollten.
Vergils Aeneis erzählt auch die Geschichte der Liebe des Aeneas zu Dido, der Königin von Karthago. In früheren Versionen der Dido-Geschichte spielte Aeneas vermutlich noch keine Rolle. Indem Vergil diese beiden Persönlichkeiten verknüpfte, schuf er eine der bekanntesten römischen Legenden überhaupt.
- Das Schicksal des Trojaners Aeneas
- Dido und Aeneas
- Romulus und Remus
- Die Große Mutter
- Römische Geschichtsmythen
Bibliografie:
- Dorothea Coenen: Griechische und römische Mythologie. Freiburg/Br. 1990
- Jane F. Gardner: Römische Mythen. Stuttgart 1994









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