Römische Tempel
Einleitung
In vorgeschichtlicher Zeit verehrten die Römer wie die anderen italischen Stämme ihre Götter im Freien - in Hainen oder unter Bäumen - oder in Höhlen. Dies entsprach ihrer Vorstellung vom Göttlichen als einer unbestimmten Macht ("numen"). Unter etruskischem und griechischem Einfluss wandelt sich die Gottesvorstellung und damit auch der Ort der Verehrung. Die Götter werden nun als persönlich gedacht und erhalten ein eigenes "Haus". Dies ist der Sinn eines Tempels, er ist nicht der Versammlungsraum einer Gemeinde. Von Festen abgesehen betritt jeder den Tempel, wann er will, um dem Gott sein Anliegen vorzutragen.
Frühe Form: Der Rundtempel
Die älteste Form des italisch-römischen Tempels ist der Rundtempel, eine Nachbildung der eisenzeitlichen Rundhütte und somit nicht grundsätzlich von einem profanen Bau unterschieden. Ein solcher Tempel wurde aedes genannt, was einfach "Raum" bedeutet, zur Verdeutlichung meist mit dem Zusatz sacra (heilig) oder dem Namen des Gottes. Entsprechend der alten Gottesvorstellung stand in einem solchen Tempel kein Götterbild, sondern der Raum als Ganzes war heilig. Dies entsprach dem Glauben der Römer, für die ein genau abgegrenzter Raum oder Ort unter göttlichem Schutz stand: die Schwelle und der Herd des Hauses, eine Straßenkreuzung oder das Stadtgebiet, das durch das "pomerium", eine parallel zur Stadtmauer laufende unbebaute Fläche, abgegrenzt wurde.
In klassischer Zeit gab es in Rom nur einen Rundtempel, es war derjenige der Vesta. Durch Abbildungen auf Münzen kennen wir sein Aussehen: Der runde Bau war auf einem ebenfalls runden Podium errichtet, dessen Durchmesser knapp doppelt so groß war wie der des Tempels. Zwölf Säulen in regelmäßigen Abständen standen am Rand des Podiums, zu dem eine Treppe hinaufführte. Der Tempel war also nur an einer Stelle zugänglich. Das Dach - ebenfalls rund - ruhte auf den Säulen und ging nach oben spitz zu.
Begriff und Ursprung des rechteckigen Tempels
Die Entwicklung zum Tempel, wie wir ihn kennen, vollzog sich unter etruskischem Einfluss - in religiöser und architektonischer Hinsicht. Nach etruskischer Vorstellung war der Himmelsraum in verschiedene Abschnitte eingeteilt, die bestimmten Göttern zugeordnet waren.
Wenn ein Priester - in Rom ein Augur - den Willen der Götter erforschen wollte und deshalb den Vogelflug beobachten musste, legte er zunächst fest, welcher Himmelsabschnitt in Frage kam. Dann baute er eine Hütte (später eine Art Zelt), deren Türöffnung gerade den gewünschten Abschnitt zeigte. Wahrscheinlich hießen die Bretter dieser Hütte ursprünglich templum, und diese Bezeichnung übertrug man dann auf die Hütte selbst, das umliegende Gebiet und den Beobachtungsraum. Eine aedes brauchte also kein templum zu sein, und umgekehrt musste zu einem templum kein Tempel in unserem Sinne gehören. Später aber wurde die Bezeichnung templum für jedes Haus eines Gottes verwendet. Man kann daraus schließen, dass für die Römer ein templum immer auch der Sitz eines Gottes war oder dass eine Zeit lang eine aedes auch gleichzeitig als templum angelegt wurde.
Grundform des römischen Tempels
Architektonisch zeigt auch der Tempel der klassischen Zeit noch Reste seiner Funktion als Beobachtungsraum: Er steht auf einem Podium, überragt also alle anderen Gebäude, und er ist nur durch eine Treppe an der Vorderseite zugänglich, d. h. da er drei abweisende Seiten hat, blickt er gewissermaßen in eine bestimmte Richtung.
Die ersten Tempel in Rom waren der Architektur nach etruskisch. Über ihr Aussehen sind wir durch Vitruv gut unterrichtet: Die Grundfläche - ein Rechteck mit dem Seitenverhältnis 5:6 - wurde zur Hälfte von den drei cellae (Einzahl: cella) eingenommen, den Räumen für die Kultbilder. Auf der zweiten Hälfte standen zwei Reihen Säulen, die diese restliche Fläche wieder halbierten, und zwar so, dass je zwei Säulen in der Verlängerung der Längswände der cellae standen; es waren also insgesamt acht Säulen. Die mittlere cella war größer als die beiden seitlichen (im Verhältnis 3:4:3). So muss man sich den ersten Tempel für die Capitolinische Trias (Minerva, Jupiter, Juno) vorstellen.
Wenn der Tempel nur einem Gott geweiht war, ließ man entweder die inneren Trennwände der cellae weg oder ersetzte die äußeren Wände durch Säulen.
Das Podium und die Mauern der cella waren aus Stein, die Säulen und das Gebälk aus Holz. Auf die nur verhältnismäßig flach geneigten Dachbalken nagelte man Bretter, die mit Tonziegeln bedeckt wurden. Die Giebelfläche blieb ohne figürlichen Schmuck. Statuen befanden sich allein an den seitlichen Ecken des Giebels, auf dem Dach (Akrotere) sowie auf dem Scheitel des Giebels. Die Enden der Längs- und Querbalken ließ man überstehen und versah sie, ebenso wie die übrigen sichtbaren Holzteile, zum Schutz gegen Regen mit meist bemalten Terrakottaplatten, die auf das Holz genagelt wurden. Die unkannelierten Säulen standen auf einer einfachen Basis, ihr Kapitell ähnelte dem dorischen. Sie waren im Verhältnis zum Durchmesser nicht sehr hoch, und so wirkte dieser frühe Tempel wegen seiner gedrungenen Säulen, dem flachen Dach und der im Verhältnis zur Länge breiten Vorderseite sehr schwer. Dazu kamen das schmucklose Podium und die ungegliederte Wand der cella - die Nüchternheit wurde nur durch den bunten Terrakottaschmuck etwas aufgehoben.
Fortentwicklung
Diese Grundform des Tempels wurde im Laufe der Zeit weiterentwickelt; allerdings blieb der römische Tempel (fast) immer ein Richtungsbau, d. h. er stand auf einem Podium und war nur von einer Seite zugänglich. Die einzelnen Stufen der Veränderungen sind nicht mehr genau festzustellen, denn Tempel aus der frühen und mittleren Republik sind so gut wie nicht erhalten; erst ab dem 1. Jahrhundert vor Chr. haben wir mehr Material (Ruinen, Abbildungen, Beschreibungen). Gegenüber dem früheren Tempel hat sich viel geändert: Die Treppe, die zum Tempel führte, war nun von Wangen eingefasst; in ihrer Mitte stand oft ein Altar, oder man baute einen Absatz, der als Rednerbühne diente. Der Grundriss des Tempels hatte sich in seinen Proportionen verändert: Das Verhältnis von Länge zu Breite näherte sich 2:1, der Tempel war schlanker geworden, das Dach steiler. Da die Tempel jetzt meist nur einem Gott geweiht waren und nur eine cella hatten, konnten die Säulen der Vorhalle in regelmäßigem Abstand stehen, und es waren auch oft, besonders bei größeren Tempeln, mehr als vier in einer Reihe. In manchen Fällen war die cella schmaler als das Podium, oder sie schloss nicht mit der Rückwand ab. So war es möglich, die cella auf drei oder sogar auf vier Seiten mit Säulen einzuschließen. Wenn die cella so breit wie das Podium war, ließ man ihre Wände nicht mehr ohne Schmuck, sondern gliederte sie mit Halbsäulen. Auch die Zahl der Säulenreihen vor der cella änderte sich: Man baute Tempel mit einer, mit drei oder gar vier Reihen. Diese Änderungen waren erst möglich, seit man - wohl nach griechischem Vorbild - dazu übergegangen war, den ganzen Tempel, von den eigentlichen Dachbalken abgesehen, aus Stein zu bauen (Kalkstein, Travertin, manchmal sogar Marmor). Griechischer Einfluss zeigt sich auch im Äußeren des Tempels: Die Säulen wurden schlanker, und man verwendete griechische Basen und Kapitellformen. Zur Zeit der Republik bevorzugten die Römer ionische Säulen; ab dem ersten Jahrhundert v. Chr. und vor allem in der Kaiserzeit verwendete man fast ausschließlich korinthische Säulen. Man kann aber nicht von einer einfachen Nachahmung sprechen, in den meisten Fällen wurde das Vorbild weiterentwickelt. Aber die jetzt vielfach übliche Kannelierung der Säulen und der Schmuck des Gebälks stellen den römischen Tempel der späteren Zeit mehr in die Nähe des griechischen als des etruskischen Tempels.
Bemerkenswert ist das Geschick römischer Baumeister, überkommene Formen veränderten Bedingungen anzupassen. Ein Beispiel dafür ist der Concordia-Tempel auf dem Forum (neu erbaut 10 n. Chr.). Treppe und Säulenhalle sind nur gut halb so breit wie das Podium, der Tempel selbst ist breiter als lang - der Ort (mitten in der Stadt und auf einem schon von drei Seiten umbauten Grundstück) ließ keine andere Wahl.
Sonderformen
Zwei Sonderformen seien noch erwähnt: Es gab in Rom Doppeltempel, d. h. zwei Tempel, verschiedenen Göttern geweiht, z. B. Roma und Venus, waren so angelegt, dass sie mit der Rückwand der cella aneinander stießen; ein gemeinsames Dach überspannte beide Tempel ohne Unterbrechung. Dieser Tempel, ohne Podium, war rings von einer dreistufigen Treppe umgeben und auf allen Seiten von Säulen eingefasst. Hier haben wir eine klare Abkehr vom Richtungsbau, ebenso wie beim Pantheon (= Tempel für alle Götter). Ein Kreiszylinder, überwölbt von einer halbkugelförmigen Kuppel, bildet das Grundgebäude, das durch einen gleichhohen rechteckigen Vorbau mit der Säulenhalle verbunden ist. Die Rückseite wird außen durch Anbauten zu einem Rechteck ergänzt. Die Kuppel, mit einer Weite von fast 44 Metern ein großartiges Beispiel für die Kenntnisse und Fähigkeiten römischer Architekten, soll das Himmelsgewölbe symbolisieren, unter dem, in Nischen, alle Götter ihren Platz haben. Dieser dem römischen Denken an sich fremden Vorstellung entspricht die ungewöhnliche Form. Das Pantheon erhält sein Licht durch eine Öffnung im höchsten Punkt des Gewölbes, während der übliche Tempel oben geschlossen war, keine Fenster hatte und sein Licht nur durch die Türöffnung empfing.
Bibliografie:
- Artikel Tempel. In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Bd. 12/1, Stuttgart, Weimar 2002









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