Russland (Rossija)
Slawen und Waräger (bis 862 n. Chr.)
In den osteuropäischen Waldgebieten lebten vermutlich bereits in vorchristlicher Zeit slawische Stämme. Antike Autoren berichten über Steppenbewohner wie Sarmaten, Skythen, Goten, Hunnen, Awaren u. a., mit denen die Griechen seit dem 6. Jh. v. Chr. in den Schwarzmeerkolonien in Kontakt standen. Slawische Stämme wanderten im 6. Jh. n. Chr. in die Gebiete des oberen Dnjepr und der Düna sowie um den Ilmensee (südlich von St. Petersburg) ein. In das Land zwischen oberer Wolga und Oka, in dem sich später das Moskauer Reich herausbildete, kamen Slawen um das Jahr 1000.
Die slawischen Stämme gerieten seit dem 8. Jh. unter den Einfluss der Waräger, wehrhafter Kaufleute, die von Norden die Düna und den Wolchow aufwärts in die slawischen Siedlungsgebiete zwischen den Oberläufen von Dnjepr und Wolga gelangt waren. Die Waräger, aus Schweden stammende Wikinger, knüpften in der Folgezeit Handelsverbindungen bis nach Konstantinopel und in den Vorderen Orient. Zur Sicherung des Handels errichteten sie seit dem 9. Jh. befestigte Stützpunkte und lebten in Konkurrenz zu den einheimischen Burgherren. Die Waräger waren an der Herausbildung von festen Herrschaftsstrukturen im Siedlungsgebiet ostslawischer Stämme maßgeblich beteiligt.
Die Kiewer Rus (862-1240)
Der legendäre Warägerfürst Rurik (862-879) soll 862 in das obere Wolgagebiet gekommen sein und dort als Stammvater der Dynastie der Rurikiden ein Fürstentum errichtet haben. Damit gilt Rurik als Gründer des russischen Reiches, eine These, die in der russischen Geschichtsschreibung seit dem 18. Jh. umstritten ist. Ruriks Nachfolger Oleg (879-912/13) soll 882 nach Kiew gezogen sein und die nördlichen und südlichen Herrschaftsbereiche der Waräger vereinigt haben. Die wichtigste Quelle für diese Zeit ist die "Nestor-Chronik" vom Anfang des 12. Jhs., das Grundbuch der russischen Historie.
Das so entstandene Kiewer Reich war zunächst ein lockerer Verbund mehrerer Fürstentümer mit dem Großfürsten von Kiew als "primus inter pares", dessen Macht auf einem Treuebündnis mit bewaffneten Gefolgsleuten zumeist skandinavischer Herkunft basierte. Seine Einkünfte verschaffte er sich vor allem durch Beutezüge, Tributzahlungen slawischer Stämme und den Verkauf von Honig, Wachs, Fellen und anderen Landesprodukten bis nach Konstantinopel und in den Vorderen Orient.
Unter der Regentschaft der Fürstin Olga (945-962) erhielt das Reich eine feste Verwaltungsstruktur. Ihre Bemühungen um die Christianisierung blieben jedoch erfolglos. Nach 950 vermischte sich die Oberschicht immer mehr mit der slawischen Bevölkerungsmehrheit. Swjatoslaw I. (945/62-972), der Sohn Olgas, war der erste Kiewer Fürst mit slawischem Namen. Er unternahm Kriegszüge bis in den Kaukasus, auf die Krim und auf den Balkan.
988 ließ sich Fürst Wladimir der Heilige (978 bis 1015) taufen und erhob das Christentum durch Zwangsbekehrung seiner Untertanen zur Staatsreligion. Aufgrund der engen Handelskontakte hatte Byzanz einen prägenden Einfluss auf Kultur und Religion des Kiewer Reiches. Jaroslaw I., der Weise (1019-1054), trug u. a. durch den Ausbau des Bildungswesens, die Festigung der Kirchenorganisation und die Kodifizierung der gewohnheitsrechtlichen Traditionen wesentlich zur Konsolidierung seines Herrschaftsgebiets bei. Unter seinen Nachfolgern zerfiel das Kiewer Reich infolge von Thronstreitigkeiten jedoch in rivalisierende Fürstentümer.
Im Verlauf des 12. Jhs. entstanden in den Randgebieten der ehemaligen Kiewer Rus mehrere Machtzentren, in denen sich z. T. unterschiedliche politische Strukturen entwickelten. Im westlichen Fürstentum Galitsch dominierten aristokratische, in Wladimir-Susdal monarchische und im nördlich gelegenen Nowgorod demokratische Elemente. In Nowgorod gewannen allerdings bald reiche Grundbesitzer und Kaufleute die Oberhand.
Herrschaft der Goldenen Horde (1240-1380)
Dem Ansturm der von Osten vordringenden Tataren konnte das innerlich zerrissene Kiewer Reich nicht lange standhalten. Ab 1237 unterwarf Batu (1205-1255), ein Enkel Dschingis Khans, die einzelnen Fürstentümer seiner Herrschaft und errichtete das Reich der Goldenen Horde, dessen Zentrum in Saraj am Unterlauf der Wolga lag. Durch eine geschickte Anpassungspolitik an die Tataren konnte sich Alexander Newski, Fürst von Nowgorod (1236-1263), eine herausgehobene Position unter den russischen Fürsten verschaffen. 1252 erhielt er vom Khan die Großfürstenwürde. In den Kämpfen um seine Nachfolge und die Vorherrschaft unter den nördlichen Fürstentümern konnte sich das kleine Fürstentum Moskau durchsetzen.
In den eroberten Gebieten ließen die Tataren die politischen Strukturen und auch die Stellung der orthodoxen Kirche weitgehend unangetastet und beschränkten sich in ihrer Herrschaftsausübung auf Tributzahlungen und die militärische Gefolgschaft der russischen Fürsten. Aufstandsversuche schlugen sie jedoch mit unerbittlicher Härte nieder.
Das Moskauer Reich (1380-1613)
Dem Moskauer Fürsten und Großfürsten von Wladimir Dmitri (Demetrius) Donskoi (1359/63-1389) gelang 1380 auf dem Schnepfenfeld am Don erstmals ein militärischer Sieg über die Tataren. Es dauerte jedoch noch ein Jahrhundert, bis die russischen Fürstentümer die Herrschaft der Goldenen Horde abschütteln konnten. Das Tatarenreich war zuvor in die Khanate von Kasan, Astrachan und Krim zerfallen. Iwan III. (1462-1505), Großfürst von Moskau, festigte durch den Anschluss von Jaroslawl (1463), Rostow (1474), Nowgorod (1478) und Twer (1485) die Vormachtstellung Moskaus ("Sammlung der russischen Erde"). Nach dem Untergang Konstantinopels betrachtete sich Moskau als das Zentrum der "rechtgläubigen" (orthodoxen) Christen, ein Anspruch, den der Mönch Stárec Filoféj 1524 mit der Formel vom "Dritten Rom" erstmals explizit formulierte. Parallel entwickelte sich schon damals eine gegenläufige Tendenz der Öffnung nach Westen, mit der seit dem 16. Jh. technische Neuerungen wie auch ein neuer diplomatischer Stil nach Moskau gelangten. Mit dem Ausbau des Kreml wurden italienische Renaissancearchitekten beauftragt.
1547 ließ sich Iwan IV., der Schreckliche (1533 bis 1584), als erster russischer Herrscher zum Zaren krönen. Unter ihm bildete sich in Russland eine imperiale Reichsidee heraus. Die Außenpolitik Iwans IV. war u. a. gegen die islamischen Reiche gerichtet. Seinen Truppen gelang die Eroberung der Khanate von Kasan (1552) und Astrachan (1756). Die Expansionspolitik des Zaren griff nach Osten bis an den Pazifik und die Grenze zu China aus.
Mit eiserner Hand setzte Iwan IV. innere Reformen durch (Heeresreform, Zentralisierung der Verwaltung, die Schaffung eines dem Zaren ergebenen Dienstadels und die Erneuerung des Justizwesens). Überschattet wurde seine Regentschaft durch den Kampf der Zentralmacht gegen die Bojaren (Adlige): Um die Macht des Hochadels zu brechen, richtete Iwan seit 1556 durch Einziehung ihrer Güter die Opritschnina ein, ein Sondergebiet, das durch ihm ergebene Opritschniki verwaltete wurde, die fortan als Dienstadel eine führende Stellung im Staat einnahmen. Als dem Zaren direkt untergebene Spezialtruppe terrorisierten und liquidierten sie die Bojaren und jede Form der inneren Opposition gegen die "Selbstherrschaft" (Autokratie) des Zaren.
Die Niederlage gegen Polen-Litauen und Schweden im Livländischen Krieg (1558-1583) um die Vorherrschaft im Norden beschleunigte den Niedergang des Moskauer Reiches. Iwans Nachfolger Boris Godunow (1584/98-1605), der - zunächst Regent für den geisteskranken Fjodor I. - nach dem Aussterben der Rurikiden 1598 als erster Zar in der russischen Geschichte von einer Reichsversammlung gewählt worden war, gelang es nicht, das politisch und wirtschaftlich ruinierte Land zu stabilisieren.
Nach seinem Tod 1605 begann die "Zeit der Wirren" (Smuta), in der Thronprätendenten einander in rascher Folge ablösten und durch Intervention ausländischer Mächte in die Thronstreitigkeiten zahlreiche Eroberungen wieder verloren gingen. 1610 besetzten polnische Truppen Moskau (bis 1612).
Der Aufstieg der Romanows (1613-1703)
Die Wahl von Michail Fjodorowitsch zum Zaren (1613-1645) beendete die Smuta und begründete die Herrschaft der Romanows, die erst mit der Oktoberrevolution von 1917 endete. Zunächst bestimmte allerdings Michails Vater Filaret (†1633), Patriarch der russischen Kirche, die Politik des Landes.
Unter den Nachfolgern Michaels kam es aufgrund drückender Steuerlasten und sozialer Not wiederholt zu Aufständen, durch die Bauern, städtische Unterschichten und Kosaken ihre wirtschaftliche und politische Lage zu verbessern suchten: Moskauer Aufstand 1648; Nowgoroder Aufstand 1650; Strelitzen-(Dienstadel-)Aufstände 1682 und 1698; mehrere Bauernaustände, u. a. unter der Führung von Stenka Rasin (1670). Zu den wichtigsten Maßnahmen von Zar Alexei Michailowitsch (1645 bis 1676), eines Enkels Filarets, zählt die Schollenbindung der Bauern, wodurch Mitte des 17. Jhs. die Leibeigenschaft deutlich verschärft wurde. Auf der anderen Seite musste Alexei im Gesetzbuch von 1649 dem selbstbewusster gewordenen Adel und den Stadtbewohnern Zugeständnisse machen und sah sich genötigt, die alten Vorrechte der Bojaren und der orthodoxen Kirche zu beschneiden.
Seit etwa 1650 bemühte sich Patriarch Nikon um kirchliche Reformen, die u. a. Teile des traditionellen Ritus und Textrevisionen der Kultusbücher nach griechischen Vorlagen betrafen. Die Nikonschen Reformen führten zur Abspaltung der Altgläubigen, die sich gegen jegliche Neuerungen in Kirche und Gesellschaft sträubten und als Bewahrer der mittelalterlichen russischen Lebensformen verstanden.
In ihrer Außenpolitik verfolgten die Romanows das Ziel der Errichtung eines Großrussischen Reiches. Im Krieg gegen Polen-Litauen (1654-1667) gelang Russland die Eroberung der Ukraine östlich des Dnjepr mit der Hauptstadt Kiew. Damit war die Ausgangsbasis für die acht kreuzzugsartigen Kriege zur Eroberung Konstantinopels (russisch-türkische Kriege) im 18. und 19. Jh. geschaffen.
Die Reformen Peters des Großen (1682-1725)
Mit der Mündigkeit und Regierungsübernahme Zar Peters I., des Großen (1682-1725), im Jahr 1689 begann eine neue Epoche in der Geschichte Russlands. Er öffnete Russland nach Westen und setzte umfassende Reformen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft ins Werk, wobei er wichtige Anregungen und Hilfen aus den Staaten Mittel- und Westeuropas bezog. Als erster russischer Autokrat unternahm der weltoffene, vielseitig interessierte und willensstarke Zar 1697/98 eine Europareise, in deren Verlauf er mehrere Fürsten und Könige traf, darunter Kurfürst Friedrich III. von Preußen und den sächsischen König August den Starken, und sich teilweise incognito über neueste technische und wissenschaftliche Errungenschaften informierte.
1703 gründete Peter I. an der Newa-Mündung im Nordwesten des Reiches die neue Haupt- und Residenzstadt St. Petersburg, auch dies Ausdruck seines Erneuerungswillens und der Öffnung Russlands nach Westen. Mit Reformen suchte er die Gesellschaft umfassend zu modernisieren. Am Hof führte er die westeuropäische Etikette und Kleiderordnung ein. Durch die Abschaffung der Bart- und Kaftantracht der Bojaren dokumentierte Peter I. seine Entschlossenheit, den Machtanspruch des Adels in die Schranken zu weisen. Den gesamten Staatsapparat ließ er nach rationalen Gesichtspunkten reorganisieren (Städtereform 1699, Gouvernementsordnung 1708-1719, Kirchenreform 1721). Die Verwaltung straffte er durch die Einrichtung neuer Regierungsbehörden (Regierender Senat 1711 als Aufsichts- und Koordinierungsgremium, Kollegienverwaltung 1716-1722, Heiligster Regierender Synod 1721, Generalprokurat 1722). Seit 1711 sollten speziell eingesetzte Beamte (Fiskale) Verwaltung und Justiz kontrollieren und Amtsmissbräuche (Korruption, Vetternwirtschaft etc.) verhindern.
Ein besonderes Anliegen war Peter dem Großen die Förderung von Wissenschaft und Bildung. Er verfügte 1710 eine Schriftreform und führte naturwissenschaftlich-mathematisch ausgerichtete Elementarschulen, sog. Ziffernschulen und Fachschulen, ein. 1724 veranlasste er die Gründung der Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Petersburg. Bei Planung wie Umsetzung der Reformen hatten ausländische Fachleue einen hohen Anteil. So waren im 18. Jh. von rund 110 Akademie-Mitgliedern über 60 deutschsprachig, nur etwa 25 waren Russen. Noch vor der Oktoberrevolution 1917 hatte rund ein Drittel der hohen Beamten des Zarenreichseinen westeuropäischen Namen.
1721 nahm Peter der Große den Titel "Kaiser" an. 1722 führte er eine Rangtabelle mit 14 Klassen ein, mit der er einen zarentreuen Dienstadel schaffen wollte, dessen Angehörige gemäß den Lehren der Frühaufklärung dem Leistungsprinzip unterworfen wurden. Zur Erhöhung der Staatseinnahmen ersetzte er 1724 die Hofsteuer durch eine Kopfsteuer, die den Kreis der Abgabepflichtigen stark erweiterte.
Insgesamt hatten die politischen und ökonomischen Reformen Peters des Großen eine Verschärfung der sozialen Gegensätze zur Folge. Auf der einen Seite hatte die Masse der Bevölkerung wachsende Dienst- und Abgabenlasten zu tragen bei zunehmendem Verlust rechtlichen Schutzes; auf der anderen Seite genoss der Adel umfassende Privilegien und entfernte sich in Sprache, Lebensform und Denkweise immer weiter vom russischen Volk. Der Unmut der Bevölkerung machte sich in mehreren Bauernaufständen (u. a. 1707/08) Luft. Ein Teil der Reformen, insbesondere im Bildungswesen und auf dem Gebiet der kommunalen Selbstverwaltung, brachten bei weitem nicht die erhofften Ergebnisse.
In der Außenpolitik widmete sich Peter der Große insbesondere der Machterweiterung in Nordeuropa. Um die Vormacht Schwedens zu brechen, ging er 1699 ein Bündnis mit Dänemark und Sachsen-Polen ein. Der Nordische Krieg (1700-1721) begann im November 1700 mt einer Niederlage Peters I. bei Narwa gegen schwedische Truppen. 1709 konnte ein inzwischen modernisiertes russisches Heer bei Poltawa (Ukraine) die Truppen des Schwedenkönigs Karls XII. besiegen. 1710 stießen Peters Armeen ins Baltikum vor und eroberten Reval und Riga. Im Frieden von Nystad 1721 musste Schweden Livland, Estland, Karelien und Ingermanland an Russland, die neue Hegemonialmacht im Ostseeraum, abtreten. Auch im Süden gelang Peter eine Machterweiterung, u. a. durch die Eroberung des von den Türken gehaltenen Asow, das einen ungehinderten Zugang zum Schwarzen Meer gewährleistete. 1722/23 besetzten russische Truppen die West- und Südküste des Kaspischen Meeres.
Expansion und Reformversuche (1725-1796)
Unter den Nachfolgern Peters des Großen festigte Russland seine Position innerhalb des sich herausbildenden europäischen Mächtesystems (Pentarchie) und griff verstärkt in die militärischen Auseinandersetzungen ein. Im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) stellte sich die Zarin Elisabeth I. (1741 bis 1761) auf die Seite Österreichs und damit in das Lager der Gegner Brandenburg-Preußens. Russische Truppen besetzten Ostpreußen (1757-1762) und stießen 1760 sogar bis nach Berlin vor. Vor einer Niederlage rettete Friedrich II. von Preußen nur ein Friedensangebot des ihm freundlich gesonnenen Zaren Peters III. (1762), nachdem die preußenfeindliche Elisabeth überraschend gestorben war.
1762 bestieg Katharina II., die Große (1762-1796), nach der Ermordung ihres Mannes Peters III. den Thron. Die gebildete und willensstarke Herrscherin, eine deutsche Prinzessin aus dem Hause Anhalt-Zerbst, betrieb eine erfolgreiche Expansionspolitik und bemühte sich um innere Reformen, denen ein durchschlagender Erfolg jedoch versagt blieb. In Kriegen gegen das Osmanische Reich (1768-1774, 1787-1792) sicherte Katharina II. Moskau die Schutzherrschaft über alle orthoxen Christen im Osmanischen Reich (1774) sowie den Zugang zum Schwarzen Meer und eroberte die Halbinsel Krim (1783). Ihren Plan einer Wiederherstellung des Byzantinischen Reiches unter russischer Führung ("Griechisches Projekt", 1781) konnte sie jedoch nicht verwirklichen. Im Zuge der Teilungen Polens (1772, 1793, 1795) annektierte Russland große Gebiete Ostpolens.
Auf innenpolitischem Feld hatte Katharina II. den Ehrgeiz, den russischen Staat im Sinne der Aufklärungsphilosophie zu modernisieren. Zu diesem Zweck erließ sie 1767 die "Große Instruktion" (Nakas) für die Gesetzgebende Kommission, deren Reformarbeit jedoch in Ansätzen stecken blieb und über eine Gouvernements- und Städtereform (1775 bzw. 1785) sowie Verbesserungen im Bildungswesen nicht wesentlich hinausreichte. Der von Wolga-Kosaken getragene Pugatschow-Aufstand (1773 bis 1775) veranlasste die Zarin, nach dessen Niederschlagung die Rechte des Adels als einer Stütze des Zarentums zu stärken und die Autonomie der Randgebiete des Reiches zu beschneiden (u. a. Beseitigung der Kosaken-Freiheit 1775). Die von Peter dem Großen eingeführte Dienstpflicht des Adels war bereits 1762 wieder aufgehoben worden. Zudem wurde unter Katharina II. die Leibeigenschaft auf die Ukraine ausgedehnt und die traditionelle Selbstverwaltung der Ostseeprovinzen begrenzt.
Der Zar als Gegenspieler Napoleons (1796-1825)
Zar Paul I. (1796-1801), Sohn und Nachfolger Katharinas II., bemühte sich um die Fortsetzung der Expansionspolitik seiner Mutter. So gelang ihm 1801 die Annexion Georgiens. Seine Versuche, die Lage der leibeigenen Bauern zu verbessern, scheiterten am Widerstand des Adels. Im März 1801 fiel Paul I. einer Palastrevolution zum Opfer.
Unter seinem Sohn und Nachfolger Alexander I. (1801-1825) stieg Russland zu einer dominierenden Macht in Europa auf. In mehreren Feldzügen gegen Schweden und das Osmanische Reich erweiterte Alexander I. den russischen Herrschaftsbereich u. a. um Finnland (1809), Bessarabien (1812) und Aserbaidschan (1813). Mit Napoleon schloss Alexander I. zwar 1807 den Frieden von Tilsit, doch verschärften sich in den folgenden Jahren die Spannungen zwischen Frankreich und Russland.
Der Russlandfeldzug Napoleons endete 1812 in einem militärischen Fiasko der Franzosen. In den Weiten des russischen Reiches wurde die sieggewohnte Grande Armée mittels einer durch Zermürbungstaktik der von Michail Ilarionowitsch Kutusow (*1745, †1813) geführten russischen Truppen nahezu aufgerieben. In den Befreiungskriegen 1813 bis 1815 gegen die napoleonische Herrschaft in Europa stießen russische Truppen Anfang 1814 bis nach Paris vor. Auf dem Wiener Kongress, der 1815 die Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleons vornahm, sicherte sich Alexander I. - seit 1813 als "Befreier Europas" tituliert - die Herrschaft über das Königreich Polen ("Kongresspolen"). Zur Stärkung der monarchischen Ordnung in Europa initiierte er die Heilige Allianz Russlands mit Preußen und Österreich gegen liberale und demokratische Tendenzen, der sich bald die meisten europäischen Staaten anschlossen. Innenpolitisch nahm Alexander I. eine Modernisierung der Administration (Einrichtung von Fachministerien 1802) und Verbesserungen des Bildungssystems in Angriff.
Dekabristenaufstand, Repression (1825-1853)
1825/26 scheiterte mit dem Dekabristenaufstand der Versuch liberal gesinnter Offiziere, durch einen Staatsstreich die Autokratie abzuschaffen und durch eine konstitutionelle Monarchie zu ersetzen. Zwar gelang es den Dekabristen, einige Regimenter in St. Petersburg auf ihre Seite zu ziehen, doch wurde der Aufstand im Januar 1826 von Regierungstruppen rasch niedergeschlagen. Über hundert Anführer der Rebellion wurden z. T. für 30 Jahre nach Sibirien verbannt, wo viele durch ihre ungebrochene Haltung zum Vorbild für spätere Revolutionäre wurden.
Nikolaus I. (1825-1855) stand während seiner Regentschaft stets unter dem Eindruck des Dekabristenaufstands und betrieb nach Innen wie nach Außen eine konsequente Repressionspolitik, die ihm den Ruf des "Gendarms Europas" eintrug. Auf der anderen Seite erkannte Nikolaus I. die Notwendigkeit innerer Reformen, die aber das autokratische System unberührt lassen sollten. So ließ er zwar die Anzahl der Bildungseinrichtungen vermehren, unterstellte sie jedoch weiterhin einer strengen staatlichen Kontrolle. Der Ausbau der privaten Kanzlei des Zaren diente dazu, die Verwaltung des Reiches auf Kosten der Fachministerien zu zentralisieren und effektiver zu gestalten. Ein Versuch, die Finanzen des hoch verschuldeten Staates grundlegend zu sanieren, scheiterte an der Weigerung des Hofes, die Leibeigenschaft ganz oder teilweise aufzuheben. Es gelang lediglich eine Stabilisierung der Währung.
Zur wirksamen Unterdrückung jeder Opposition ließ Nikolaus I., dessen Staatsideologie sich in den Begriffen "Autokratie, Orthodoxie, Volkstum" ausdrückte, innerhalb seiner Kanzlei die "Dritte Abteilung", eine z. T. geheim operierende Staatspolizei, einrichten und die Zensurbestimmungen verschärfen. Auch außerhalb des russischen Kernlandes betrieb er eine rigorose Unterdrückungspolitik. So ließ er den polnischen Novemberaufstand gegen die russische Herrschaft 1830/31 blutig niederschlagen. Anschließend setzte er die polnische Verfassung von 1815 außer Kraft und hob die Reste politisch-administrativer Eigenständigkeit des Königreichs Polen fast vollständig auf. 1849 schickte Nikolaus I. Truppen nach Ungarn, wo sie auf Bitten Wiens eine Rebellion gegen die Vorherrschaft des Hauses Habsburg niederzuschlagen halfen.
Von politischer Betätigung weitgehend ausgeschlossen, artikulierte sich die gesellschaftliche Opposition unter Nikolaus I. überwiegend in literarisch-philosophischen Zirkeln. Trotz politischer und geistiger Unterdrückung erlebte die russische Literatur Anfang des 19. Jhs. eine ihrer Blütezeiten, in der Alexander S. Puschkin, Michail L. Lermontow oder Nikolai W. Gogol Meisterwerke schufen. In der politisch-philosophischen Diskussion bildeten sich in dieser Zeit zwei große Gruppen, die "Westler" und die "Slawophilen", heraus, die über die kulturellen und gesellschaftlichen Perspektiven Russlands kontroverse Diskussionen führten. Während die sog. Westler, zu denen der Schriftsteller Iwan Turgenjew und der Publizist Alexander Herzen zählten, für eine stärkere Hinwendung nach Westeuropa und politische wie ökonomische Reformen nach westlichem Vorbild eintraten, forderten die Slawophilen (u. a. Konstantin S. Aksakow, Iwan V. Kirejwski) eine Rückbesinnung auf die religösen, kulturellen und sozialen Traditionen.
Die Auseinandersetzung zwischen Westlern und Slawophilen blieb bis ins 20. Jh. wesentlicher Bestandteil der politisch-philosophischen Diskussion in Russland. Insgesamt ging die russische Intelligentija seit Nikolaus I. zunehmend auf Distanz zum Staat, dessen Reformfähigkeit sie grundsätzlich in Zweifel zog, und orientierte sich mehrheitlich an Konzepten für eine radikale Veränderung der Gesellschaft.
Krimkrieg blockiert Westexpansion (1853-1856)
Die Niederlage im Krimkrieg 1853-1856 offenbarte die Rückständigkeit der russischen Gesellschaft: Im Kampf um die Vorherrschaft auf dem Balkan, und im Nahen Osten sah sich Zarenreich einer Koalition von England, Frankreich und dem Osmanischen Reich gegenüber. Nach Anfangserfolgen an der Donau mussten die russischen Truppen 1854 den Rückzug antreten. Die Kämpfe um den Flottenstützpunkt Sewastopol auf der Krim entwickelten sich bald zu einem verlustreichen Stellungskrieg, dem ersten in der Militärgeschichte. Die Eroberung Sewastopols durch Briten und Franzosen 1855 konnte die russische Armee noch durch Erfolge im Kaukasus ausgleichen, doch stand das Zarenreich zu diesem Zeitpunkt vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und erstrebte die Beendigung des Krieges.
Im Frieden von Paris 1856 musste Russland auf die Kontrolle der Donaumündung und des Schwarzen Meeres verzichten. Außenpolitisch stellte der Verlauf des Krimkriegs die Großmachtposition Russlands in Frage; im Innern gab er den Anstoß zu den Reformen unter Alexander II. (1855-1881).
Bauernbefreiung und Ostexpansion (1856-1881)
Der Nachfolger Nikolaus’ I. auf dem Zarenthron übernahm von seinem Vater ein schweres Erbe. Rasch erkannte er, dass nur tief greifende Reformen Russland davor bewahren konnten, gegenüber den europäischen Mächten noch weiter ins Hintertreffen zu geraten. 1861 verkündete Alexander II. die Aufhebung der Leibeigenschaft, was ihm später den Beinamen "Zar-Befreier" einbrachte. Die jahrhundertealte Leibeigenschaft hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker als eine Fessel für das Land erwiesen, die Fortschritte in Ökonomie und Gesellschaft erschwerte, wenn nicht ganz verhinderte. Allerdings hatte ein Großteil der rechtlich freien Bauern in der Folgezeit mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, da die meisten wenn überhaupt nur über sehr wenig Land verfügten und mit Schulden und Abgaben stark belastet waren.
Die Verwaltung seines Reiches suchte Alexander II. durch die Einrichtung von gewählten Selbstverwaltungsorganen auf dem Land (Semstwo) zu verbessern (1864). Vertreter von Adel, Stadtbewohnern und Bauern waren in der Semstwo-Versammlung für öffentliche Aufgaben wie die Instandhaltung von Straßen, das Gesundheits- und Fürsorgewesen, Ausbau des Elementarschulwesens, Förderung von Industrie, Handel und Landwirtschaft zuständig, wobei der Adel eine Vorrangstellung einnahm.
1864 verfügte der Zar eine Modernisierung des Rechtssystems auf der Grundlage des Geschworenengerichts, welche die vom Adel beherrschte "Klassenjustiz" ablöste, in der Willkür und Korruption weit verbreitet waren. Nunmehr hatte auch in Russland ein Angeklagter das Recht, von unabhängigen Richtern angehört zu werden und sich einen Anwalt zu nehmen. Das geistige Klima verbesserte sich durch eine begrenzte Autonomie für die Universitäten (1863) und die Lockerung der Zensur (1865). Eine weiteres Erneuerungsprojekt stellte die Heeresreform von 1870 dar, mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht als zentralem Element.
Außenpolitisch behielt Russland auch unter Alexander II. seine Expansionspolitik bei. Im Osten wurde China 1858/60 vertraglich zur Anerkennung der Amur-Ussuri-Grenze genötigt. 1870 erfolgte die Gründung des Stützpunkts Wladiwostok am Japanischen Meer, der die Erwerbungen in Ostsibirien sichern sollte. In Innerasien setzte das Zarenreich seine Eroberungszüge fort und erweiterte seinen Herrschaftsbereich bis an die Grenzen zu Persien und Afghanistan (Eroberung von Turkestan 1864, Taschkent 1865, Samarkand 1868, Chiwa 1873, Kokand 1876). Das Engagement in Nordamerika wurde hingegen 1867 mit dem Verkauf von Alaska und der Aleuten an die USA beendet. Im Kaukasus brach die russische Armee 1859 den Widerstand der kriegerischen Bergvölker. In den 1870er Jahren ging Russland - u. a. gedrängt vom Panslawismus in den Führungsschichten der slawischen Völker - auf dem Balkan wieder in die Offensive. Gegen das Osmanische Reich erzielte das Zarenreich 1877/78 erhebliche Gebietsgewinne (Südbessarabien; Teile Transkaukasiens), musste sich jedoch auf dem Berliner Kongress 1878 dem Druck vor allem Großbritanniens und Österreich-Ungarns beugen und auf einen großen Teil seiner Erwerbungen auf dem Balkan verzichten.
1863 brach in Polen erneut ein Aufstand gegen die russische Herrschaft aus, der rasch auch auf Litauen übergriff. In Ermangelung einer regulären Armee führten die Polen ihren Kampf überwiegend als Partisanenkrieg, den die russische Armee erst Anfang 1864 niederschlagen konnte. In den folgenden Jahren betrieb St. Petersburg konsequent die Russifizierung des öffentlichen Lebens in Polen, hob die polnische Verfassung auf und degradierte "Kongresspolen" zum "Weichselgebiet", in dem seit den 1880er Jahren der Katholizismus und die polnische Sprache und Kultur zunehmend an ihrer Entfaltung gehindert wurden.
Soziale Bewegungen (1881-1914)
In Russland selbst provozierte das Anwachsen des politischen Terrorismus eine teilweise Abkehr von der Reformpolitik. Die negativen Folgen der Reformen, insbesondere der Bauernbefreiung, hatten seit Anfang der 1870er Jahre zu einer Radikalisierung eines Teils der sozialreformerischen Bewegung geführt, die in der Abspaltung der terroristischen Gruppe Narodnaja Volja (Volkswille) von den gemäßigten Narodniki (Volksfreunde) 1878 zum Ausdruck kam. 1881 fiel Alexander II. einem Attentat der Narodnaja Volja zum Opfer. Alexander III. (1881-1894) kehrte unter dem Eindruck wachsender sozialer Spannungen und aus Furcht vor revolutionären Umtrieben zur Repressionspolitik nach dem Muster Nikolaus’ I. zurück.
Das außenpolitische Bündnis mit dem Deutschen Reich geriet 1890 durch die Weigerung Berlins, den Rückversicherungsvertrag zu verlängern, in eine Krise. Russland wandte sich daraufhin Frankreich zu. Die wirtschaftlich-politische Expansionspolitik in Korea und der Mandschurei führte um die Jahrhundertwende zu wachsenden Spannungen mit Japan, die 1904 im russisch-japanischen Krieg eskalierten. Nach mehreren Niederlagen musste Russland im Frieden von Portsmouth 1905 die japanische Vorherrschaft in Ostasien anerkennen und Süd-Sachalin abtreten. Auch auf dem Balkan verlor das Zarenreich in den folgenden Jahren an Einfluss (Bosnische Annexionskrise 1908).
Die sozialen und politischen Konflikte nahmen seit Ende des 19. Jhs. an Schärfe zu. Die Autokratie erwies sich als weitgehend reformunfähig, sei es aus Furcht, gesellschaftliche Neuerungen könnten der Revolution Vorschub leisten, sei es aus Ignoranz gegenüber der tatsächlichen Lage des Reiches. Angestoßen vom Eisenbahnbau, nahm die Industrieentwicklung nach 1890 zwar einen beachtlichen Aufschwung, doch blieb Russland ein Agrarstaat, in dem 1917 noch 80% der Bevölkerung auf dem Land lebten. 1913 erbrachte die Landwirtschaft die Hälfte des Volkseinkommens, die Industrie etwas mehr als ein Viertel. Die Agarreform von Ministerpräsident Pjotr Arkadjewitsch Stolypin (1906 bis 1911) sollte die Lage der Bauernmassen durch die Auflösung der Bauerngemeinde (Mir) und die Stärkung bäuerlicher Mittelbetriebe verbessern, blieb jedoch in Ansätzen stecken. Allerdings nahm die Zahl der privat wirtschaftenden Bauern deutlich zu.
Die soziale und wirtschaftliche Misere führte in Verbindung mit der Niederlage im russisch-japanischen Krieg 1905 zur Verschärfung der innenpolitischen Spannungen. Als 1905 die Armee auf friedliche Demonstranten schoss, die dem Zaren eine Petition überreichen wollten, und mehrere hundert Menschen tötete, wuchs im Volk die Verbitterung: Streiks, Massendemonstrationen und landesweite Bauernunruhen zwangen Nikolaus II. (1894-1917), im sog. Oktobermanifest bürgerliche Freiheitsrechte zu gewähren (Versammlungs-, Rede-, Presse- und Koalitionsfreiheit) sowie ein Parlament (Duma) mit Gesetzgebungskompetenz in Aussicht zu stellen. Trotz dieser Zugeständnisse wurde Russland damit noch nicht zu einer konstitutionellen Monarchie, da in den folgenden Jahren der entscheidende Einfluss des Zaren und zarentreuer Kreise auf die Politik durch Wahlrechtsbeschränkungen gewahrt blieb.
Erster Weltkrieg und Revolution (1914-1917)
Im Ersten Weltkrieg stand Russland im Lager der Gegner des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns. Nach Anfangserfolgen erlitt die Armee des Zaren 1915 schwere Niederlagen und musste sich aus Polen, Litauen, Kurland zurückziehen. Die Wirtschaft des Reiches stand 1916/17 vor dem Zusammenbruch. Beide Faktoren führten zur Februar-Revolution von 1917 und zum Sturz der Monarchie. Ein Arbeiter- und Soldatenaufstand in Petrograd zwang im März 1917 Nikolaus II. zur Abdankung. Die politische Macht übernahm eine Provisorische Regierung bürgerlichen Zuschnitts unter Fürst Georgi Jewgenjewitsch Lwow, deren Handlungsfähigkeit jedoch durch den Machtanspruch des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten stark eingeschränkt war.
Die Bolschewiki, deren Anführer Wladimir Iljitsch Lenin (*1870, †1924) im April 1917 in einem plombierten Wagon auf deutsche Initiative aus seinem Schweizer Exil nach Russland gekommen war, arbeiteten gegen die "Doppelherrschaft". Während die Provisorische Regierung Ministerpräsident Alexander Kerenskis den Krieg fortsetzte und sich gegen eine umfassende Bodenreform sperrte, gewannen die Bolschewiki mit den Parolen "Alle Macht den Räten", "Alles Land den Bauern" und "Frieden um jeden Preis" die Unterstützung der Massen.
Entwicklungsdiktatur (1917-1991)
Im Oktober 1917 rissen die Bolschewiki die Macht an sich und gründeten 1922 die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken als formal föderalen, tatsächlich aber repressiven Zusammenschluss der verschiedenen Völker des Russischen Reiches. Die sieben Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft waren gekennzeichnet durch tief greifende Modernisierungen, insbesondere den Aufbau einer relativ leistungsfähigen (Schwer-)Industrie, sowie politischen Terror und Repression. Die Diktatur Josef Stalins (1922/29-1953) forderte mehrere Millionen Todesopfer. Der totalitäre Staat, dessen Macht sich auf einen riesigen Militär- und Unterdrückungsapparat stützte, verhinderte schließlich durch ein starres Kommandosystem in allen gesellschaftlichen Bereichen Innovationen und kreative Veränderungen. Insbesondere die Ära Leonid Breschnews (1964-1982) war durch Stagnation gekennzeichnet. Als die Sowjetführung erkannte, dass ihr Anspruch, den Westen zu überholen, gescheitert war, und unter Michail Gorbatschow (1985-1991) radikale Reformen einleitete, musste sie feststellen, dass das System nicht reformierbar war.
Nach dem Ende der UdSSR (seit 1991)
Im Dezember 1991 löste sich die Sowjetunion auf, nachdem sich alle Teilrepubliken für unabhängig erklärt hatten. Nach der Unterzeichnung eines Föderationsvertrages mit den autonomen Gebieten und Republiken im März 1992 wurde die neue Staatsbezeichnung "Russische Föderation - Russland" eingeführt. Gegen erheblichen Widerstand unternahm Jelzin zusammen mit dem reformorientierten Ministerpräsidenten J. Gajdar (seit Juni 1992) erste Schritte zur wirtschaftlichen Liberalisierung. Da sich die soziale Lage der Bevölkerung rapide verschlechterte, sah sich Jelzin bereits im Dezember 1992 gezwungen, Gajdar durch W. Tschernomyrdin zu ersetzen.
Die Demokratisierung Russlands kam nur zögernd voran, obwohl sich eine Mehrheit der Bevölkerung in einem Referendum am 25. 4. 1993 für Jelzins Politik aussprach. Im September 1993 erklärte Jelzin den reformfeindlichen Obersten Sowjet Russlands sowie den Volksdeputiertenkongress für aufgelöst und schrieb gleichzeitig Neuwahlen aus. Diese Maßnahmen führten zu einem Putschversuch nationalistischer und kommunistischer Kräfte, den die Armee mit Waffengewalt niederschlug. Am 12. 12. 1993 fanden die ersten freien Parlamentswahlen in Russland seit der Oktoberrevolution sowie ein Verfassungsreferendum statt. Während die neue präsidialdemokratische Verfassung mit knapper Mehrheit angenommen wurde, konnten sich die Reformparteien bei den Wahlen zur Staatsduma nicht wie erhofft durchsetzen, da Rechtsnationalisten und Kommunisten große Stimmenanteile gewannen. Tschernomyrdin wurde als Regierungschef bestätigt. Im Dezember 1994 ließ Jelzin die Armee in Tschetschenien einmarschieren, wo sich nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung 1991 ein militärischer Konflikt zwischen der tschetschenischen Regierung und der von Moskau unterstützten Opposition entwickelt hatte. Die Militäraktion eskalierte in der Folgezeit zu einem verlustreichen Krieg mit den tschetschenischen Separatisten. Die Kommunisten gingen als stärkste Partei aus den Dumawahlen im Dezember 1995 hervor. Tschernomyrdin blieb weiterhin Regierungschef. Bei den Präsidentschaftswahlen im Juli 1996 konnte sich Jelzin im Stichentscheid gegen den kommunistischen Kandidaten G. Sjuganow durchsetzen. Nach schwierigen Verhandlungen unterzeichneten die Konfliktparteien in Tschetschenien im August 1996 ein Waffenstillstandsabkommen sowie im Mai 1997 einen Friedensvertrag und eine Vereinbarung über wirtschaftlliche Zusammenarbeit. Im März 1998 entließ Jelzin die Regierung Tschernomyrdin. Dessen Nachfolger wurde S. Kirijenko. Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich dramatisch und es kam zu innenpolitischen Turbulenzen, so dass sich Kirijenko nicht lange im Amt halten konnte. Die Duma wählte im September 1998 J. Primakow zum neuen Regierungschef. Er wurde bereits im Mai 1999 von Präsident Jelzin wieder entlassen. Die Nachfolge übernahm der bisherige Innenminister S. Stepaschin, der im August 1999 durch Wladimir Putin, den Leiter des Geheimdienstes, ersetzt wurde. Im selben Monat eskalierten die Auseinandersetzungen mit aus Tschetschenien nach Dagestan eingedrungenen muslimischen Rebellen. Erneut marschierte die russische Armee in Tschetschenien ein, wo es im Winter 1999/2000 zu schweren Kämpfen kam, unter denen besonders die Zivilbevölkerung zu leiden hatte und aus denen die Muslim-Rebellen geschwächt hervorgingen. Bei den Duma-Wahlen im Dezember 1999 gewannen die Kommunisten die meisten Stimmen vor der neu gegründeten Gruppierung "Jedinstwo" (Einheit). Am 31. 12. 1999 erklärte Jelzin vorzeitig seinen Rücktritt. Die Führung der Amtsgeschäfte ging auf Putin über. Dieser gewann die Präsidentschaftswahlen im März 2000 im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit. Im Mai 2000 wurde der von Putin dem Parlament vorgeschlagene Michail Kasjanow zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Im Innern verfolgte Putin einen autoritär-zentralistischen Kurs, der eine wirkliche Gewaltenteilung nicht zuließ. Dank hoher Rohstoffpreise verbesserte sich die wirtschaftliche Situation. Eine befriedigende Lösung des Tschetschenienkonflikts und des damit verbundenen Terrorismusproblems gelang nicht, obwohl in der Kaukasusrepublik 2003 ein Verfassungsreferendum und eine Präsidentenwahl durchgeführt wurden. Bei der Dumawahl im gleichen Jahr bestätigten die Wähler den autoritären Kurs Putins und machten die von ihm protegierte Partei Einiges Russland zur stärksten parlamentarischen Kraft. Im Februar 2004 entließ Putin die Regierung Kasjanow. Nachfolger Kasjanows wurde M. Fradkow. Bei der Präsidentenwahl im gleichen Jahr gewann Putin erwartungsgemäß mit überwältigender Mehrheit das Mandat für eine zweite Amtszeit. Auf die Eskalation des Terrorismus (Anschlag auf eine Schule in Beslan im September 2004) reagierte Putin mit einer Verschärfung seiner autoritär-zentralistischen Politik, die eine wirkliche Gewaltenteilung nicht zuließ. 2007 trat Regierungschef M. Fradkow zurück. Nachfolger wurde W. Subkow. Bei den Dumawahlen im selben Jahr errang die von Putin angeführte Partei Einiges Russland eine Zweidrittelmehrheit der Mandate. Einiges Russland nominierte gemeinsam mit anderen Parteien Dmitrij Medwedjew , den Aufsichtsratsvorsitzenden des Energiekonzerns Gazprom, als Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2008. Diese konnte Medwedjew mit großer Mehrheit gewinnen. Putin wechselte ins Amt des Ministerpräsidenten.
Die Außenpolitik blieb gegenüber den westlichen Staaten zwiespältig. Einerseits bemühte sich Russland um eine konstruktive Zusammenarbeit (Unterzeichnung des START-II-Vertrages 1993, Abzug der letzten Truppen aus Deutschland 1994, Mitgliedschaft im Europarat 1996), anderseits stellte es in bestimmten Fragen auch seine Eigeninteressen in den Vordergrund (Ablehnung eines militärischen Eingreifens im Kosovo-Konflikt, gewaltsames Vorgehen in Tschetschenien). 2002 schloss Russland mit den USA einen Vertrag zum Abbau strategischer Offensivwaffen. Die Vollmitgliedschaft bei den G8-Staaten (seit 2002) bedeutete einen erheblichen außenpolitischen Prestigegewinn. Während sich die Beziehungen zu China verbesserten, verhinderte die ungelöste Kurilen-Frage weiterhin die endgültige Normalisierung des Verhältnisses zu Japan. Pläne der USA zur Stationierung eines Raketenabwehrsystems in Osteuropa belasteten 2007 die russisch-amerikanischen Beziehungen. 2008 kam es über Südossetien zum Konflikt mit Georgien.









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