Sergej Prokofjew
Biografie
Die Daten in der folgenden Biografie beziehen sich der Einfachheit halber auf den gregorianischen Kalender, der dem bis 1917 gültigen julianischen Kalender im 19. Jahrhundert um 12 Tage voraus ist (im 20. Jahrhundert um noch einen weiteren Tag).
Kindheit und Jugend
Sergej Sergejewitsch Prokofjew wird am 23. April 1891 als drittes Kind (die beiden älteren Geschwister waren jedoch bereits verstorben) des Gutsverwalters Sergej Alexejewitsch Prokofjew und seiner Frau Maria Grigorjewna Schitkowa in Sonzowka, Gouvernement Jekaterinoslaw (Ukraine) geboren. Beide Elternteile verfügen über einen wachen Geist und eine hohe Bildung, die nicht zuletzt in einer umfangreichen Bibliothek dokumentiert ist. Und so nimmt Vater Sergej auch zunächst die breit gefächerte Ausbildung seines Sohnes selbst in die Hand, während Mutter Maria als begeisterte Hobbypianistin das früh zutage tretende Talent ihres Sohnes erkennt und fördert. Begeistert begleitet Sergej seine Mutter bereits mit drei Jahren auf seine Weise am Klavier.
Aus dem Jahr 1896 ist ein erster Kompositionsversuch des Fünfjährigen belegt, ein "Indischer Galopp". Maria Prokofjewna verfolgt von da an zielstrebig die musikalische Ausbildung und legt neben dem rein technischen Klavierunterricht viel Wert auf die Vermittlung eines breit gestreuten Musikrepertoires. Diesem Zweck dient auch eine Reise nach Moskau im Jahr 1900, wo Sergej erstmals mit dem Medium Theater in Berührung kommt, das ihn von da an nicht mehr loslassen sollte. Noch im selben Jahr entsteht sein erster eigener Beitrag für die Bühne, die Oper "Der Riese". In den nächsten drei Jahren wird dieses Talent während der Sommermonate durch den Komponisten Reinhold Glière (1874-1956) weiter gefördert. Zeugnis davon legen Werke wie die Pesenki (Kleine Liedchen) für Klavier, eine Klavier- und eine Violinsonate sowie eine Symphonie in G-Dur ab.
Am Petersburger Konservatorium
Ab 1904 setzt Sergej Prokofjew seine Studien am Petersburger Konservatorium fort, wo seine weitere Ausbildung in den Händen von Anatoli Ljadow (1855-1914, Harmonielehre), Nikolaj Rimskij-Korsakow (1844-1908, Komposition) und Nikolaj Tscherepnin (1873-1945, Partiturspiel und Dirigieren) liegt. Sergej stellt von Anfang an die traditionellen Inhalte in Frage und emanzipiert sich mit einem ausgeprägten Selbstvertrauen frühzeitig davon. Inspiriert hat den stets widerspruchsbereiten Studenten vor allem Nikolaj Tscherepnin. Darüber hinaus beschert ihm Petersburg einen der wichtigsten künstlerischen und menschlichen Kontakte zu dem um zwanzig Jahre älteren Nikolaj Mjaskowskij (1881-1850); zwischen beiden Komponisten entwickelt sich schon bald eine enge Freundschaft, die für beide Künstler zu einer lebenslangen Bereicherung wird.
Ein wichtiges Forum nicht nur für die Aufführung der eigenen Werke, sondern allgemein der zeitgenössischen Musik wird schon bald der Petersburger Kreis "Abende der zeitgenössischen Musik". Analog zu Schönbergs "Verein für musikalische Privataufführungen" finden sich allwöchentlich Musikinteressierte zusammen, um neue Werke zusammen durchzuspielen und kennen zu lernen. Darüber hinaus werden in unregelmäßigen Abständen auch öffentliche Konzerte veranstaltet. Am 18. Dezember 1908 stehen auf dem Programm einer solchen Veranstaltung unter dem Titel Kleine Stücke für Klavier sieben Werke von Sergej Prokofjew, die der Komponist selbst vorträgt und die zwei Tage später mit einer positiven Kritik bedacht werden.
Freischaffender Künstler
Nach dem Abschluss seiner Studien am Petersburger Konservatorium im Sommer 1909 entscheidet sich Prokofjew, sein Leben zweigleisig weiterzuführen. Einerseits will er seine pianistischen Fähigkeiten bei der international gefeierten Solistin Anna Jessipowa vervollkommnen, andererseits sucht er als freischaffender Musiker seinen Platz in der Welt der Komponisten. Noch ist jedoch kein Dirigent oder Verleger an seinen avantgardistischen Werken interessiert. Doch schon wenig später gilt Sergej Prokofjew als der vielversprechendste Komponist für die musikalische Emanzipation Russlands. Der künstlerische Durchbruch gelingt ihm am 25. Juli 1912 mit der Uraufführung des Ersten Klavierkonzertes Des-Dur op. 10. Von da an zählt Sergej Prokofjew zu den ernstzunehmenden zeitgenössischen Komponisten Russlands.
Prokofjew und Diaghilew
Die für Prokofjews weitere künstlerische Karriere bedeutendste Begegnung findet 1914 in London statt, als der Komponist den Impresario Serge Diaghilew (1872-1929) kennen lernt. Diaghilew war schon einige Zeit zuvor auf Prokofjew und seine Musik aufmerksam geworden und beauftragt ihn nun mit der Komposition der Musik zu dem Ballett Ala und Lolli. Doch diese erste Zusammenarbeit ist noch nicht von Erfolg gekrönt, erst mit dem nächsten Ballett Der Narr (Le Chout), das auf einer Sammlung russischer Volksmärchen basiert, kann Prokofjew seinen Auftraggeber zufrieden stellen. In den 1920er Jahren arbeiten beide Künstler erneut in Paris zusammen: 1925 folgt Der stählerne Schritt (Le Pas d'acier) und 1929 erlebt Der verlorene Sohn (Le fils prodigue) eine begeisterte Premiere in Venedig. Dies sollte die letzte Zusammenarbeit von Prokofjew und Diaghilew sein, denn nur zwei Monate später stirbt der Impresario in Venedig.
Amerika
Mitten in den Wirren der russischen Oktoberrevolution tritt Sergej Prokofjew am 7. Mai 1918 eine Reise in die Vereinigten Staaten an. Dort eilt ihm bereits der Ruf als einer der vielversprechendsten russischen Komponisten neben Igor Strawinsky voraus. Während seines fast vierjährigen Aufenthaltes gelingt es Sergej Prokofjew, seinen späteren Weltruf als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zu etablieren. Der Künstler wird vom ersten Moment an vom amerikanischen Publikum begeistert gefeiert, er beeindruckt als Komponist, Pianist und Dirigent gleichermaßen und erhält von verschiedenen Verlagshäusern neue Kompositionsaufträge.
In Amerika lernt Prokofjew auch seine zukünftige Frau, die spanische Sängerin Carolina Codina (Künstlername Lina Llubera) kennen. Nach der Eheschließung im Jahr 1923 sollte sie über achtzehn Jahre hinweg das in persönlicher Hinsicht nicht immer einfache Leben mit dem exzentrischen Musiker teilen und ihm 1924 und 1928 die zwei Söhne Swjatoslaw und Oleg schenken. Künstlerisch muss sie schon bald Konzessionen an den dominanten Partner machen, was sich gravierend auf ihre eigene Karriere auswirken sollte.

Für Prokofjew selbst sollte der künstlerische Höhepunkt seiner Amerika-Reise die Realisierung eines lang gehegten Traumes sein, denn am 30. Dezember 1921 wird im Lyric Theatre von Chicago mit Die Liebe zu den drei Orangen erstmals nach seiner Kinderzeit eine Oper von ihm uraufgeführt. Publikum und Presse feiern das Werk mit begeistertem Applaus, doch eine anschließende Aufführung in New York stößt die dortigen Kritiker vor den Kopf. Nachdem auch die vierzehn Tage vorher stattgefundene Uraufführung des Dritten Klavierkonzertes C-Dur op. 26 nur lauwarm aufgenommen worden ist, kehrt Prokofjew Amerika wenige Monate später den Rücken und übersiedelt zunächst für anderthalb Jahre ins bayerische Ettal. Dort vollendet er sein bedeutendstes Bühnenwerk, die Oper Der feurige Engel, die die Welt im Europa der Inquisition thematisiert.
Paris
Paris wird ab Dezember 1923 für mehr als zehn Jahre zum Standquartier für Sergej Prokofjew. 1924/25 entsteht dort die Zweite Symphonie, deren Uraufführung am 6. Juni 1925 aufgrund ihrer ausgefallenen Harmonik, der ausgeprägten Chromatik und ausgeprägten Dissonanzen nur auf wenig positive Resonanz stößt; der Komponist selbst beschreibt sein Werk als "kompliziertes Ding" und ist erstmals nachhaltig in seinem künstlerischen Selbstbewusstsein erschüttert.
In Paris vertieft sich Prokofjews Beziehung zu der religiösen Gemeinschaft von Christian Science (Christliche Wissenschaft) und den Lehren der Gründerin Mary Baker Eddy (1821-1910). Christian Science geht von der Prämisse aus, dass alles, Mensch und Materie, göttlichen Ursprungs ist. Die Existenz von jeglicher Art negativer Erscheinungen, letzthin auch das Böse an sich, wird geleugnet bzw. als ungöttlich und damit sterblichen Ursprungs eingeordnet. Anhänger von Christian Science gewinnen aus dieser Überzeugung eine starke persönliche und geistige Kraft, die auch auf Prokofjew eine unwiderstehliche Anziehung ausübte.
Prokofjew und die Sowjetunion - ein zwiespältiges Kapitel
Prokofjews Reise in die Vereinigten Staaten im politischen Krisenjahr 1918 wirft bis heute Fragen auf; insbesondere angesichts seiner späteren Eingebundenheit in die Kultur des Sowjetischen Realismus und seiner teilweise patriotischen Kompositionen ist Prokofjews Verhalten von 1918 heftig kritisiert worden. Während seiner Pariser Zeit nimmt Prokofjew mehrfach wieder Kontakt zu seiner russischen Heimat auf. Obwohl der Komponist als "Enfant terrible" die Sowjetunion verlassen hat, genießt seine Musik inzwischen allgemeine Wertschätzung und Prokofjew avanciert zunehmend zum bedeutendsten russischen Komponisten. 1927 reist er erstmals zurück in das inzwischen vollkommen veränderte, nachrevolutionäre Russland. Diese Reise gestaltet sich zu einem einzigen unvergleichlichen Triumphzug, der von der Presse gefeiert sowie filmisch dokumentiert wird.
Ende 1929 folgt eine zweite Reise in die Heimat, in erster Linie um eine Aufführung seines Balletts "Der stählerne Schritt" vorzubereiten. Doch mit der Machtübernahme Joseph Stalins verändert sich wenig später die kulturelle Landschaft gravierend. Anfang der 1930er Jahre wird der diskriminierende Begriff des Formalismus geboren, mit dem alle ideologisch unerwünschten Werke verbannt werden. Trotz dieser deutlichen Signale kehrt Sergej Prokofjew 1936 endgültig in die Sowjetunion zurück, nach eigener Aussage aufgrund des Heimwehs nach der russischen Landschaft und Kultur, die für ihn elementar als Quelle der Inspiration sind.
Zunächst genießt er aufgrund seiner kulturellen Stellung noch verschiedene Privilegien, doch ab 1938 wird auch sein Aktionsradius mehr und mehr eingeschränkt. Als Konzession an das sozialistische Regime entstehen in dieser Zeit patriotische Werke wie die Lieder op. 66 oder die Kantate zum zwanzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution sowie von der russischen Volksmusik inspirierte Kompositionen wie die Sinfonische Ouvertüre über russische Themen oder dem Zweiten Streichquartett F-Dur op. 92.
Die "Neue Einfachheit"
Bereits um 1930 zeichnet sich ein grundlegender Wandel in Prokofjews künstlerischem Schaffen ab. Der Komponist hatte selbst erkannt, dass die Musik in ihrer harmonischen Experimentierfreudigkeit und melodischen Kompliziertheit die Grenzen des Verstehbaren überschritten hatte. Prokofjew geht es von da an um die Entwicklung einer klaren musikalischen Sprache, in der Dissonanzen nicht mehr um ihrer selbst erklingen, sondern einen besonderen Stellenwert einnehmen, und in der die Kompositionen allgemein transparenter und damit verständlicher werden. Dafür macht sich Prokofjew u. a. traditionelle Formen wie die Sonatensatzform zunutze. Wegweisend für diesen neuen Stil werden das Zweite Violinkonzert g-Moll op. 63 (1935) und das Ballett Romeo und Julia op. 64 (1935/36) nach William Shakespeares gleichnamiger Tragödie. 1936 entsteht auch das bis heute weltweit bekannteste Werk des Komponisten Peter und der Wolf.
Nach dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 beginnt auch für Sergej Prokofjew zumindest musikalisch wieder ein neues Kapitel. Er trägt nicht nur seinen kompositorischen Teil zur Aufmunterung der kämpfenden Soldaten mit zwei Liedern und einem Marsch bei, sondern verarbeitet die Ereignisse vor allem in der Oper Krieg und Frieden nach Tolstojs gleichnamigem Roman. Für das Libretto zu dieser Oper arbeitet Prokofjew intensiv mit der Dichterin Mira Mendelson zusammen, die der Komponist bereits 1939 kennen gelernt hatte und die ab 1941 zu seiner neuen Lebensgefährtin werden sollte. Nach der Annullierung seiner ersten Ehe wird Mira 1948 Prokofjews zweite Ehefrau.
Der Filmkomponist
Einen wesentlichen Teil seines kompositorischen Schaffens nimmt zwischen 1932 und 1946 Prokofjews Arbeit als Filmkomponist ein. Von herausragender Bedeutung ist dabei seine Zusammenarbeit mit Sergej Eisenstein (1898-1948). Während der Kriegsjahre wird das Medium Film zu einem wichtigen Ventil für die nationalsozialistische Bedrohung. Beispielhaft dafür ist der 1938 in offiziellem Auftrag gedrehte Film Alexander Newski, der, ausgehend von der historischen Figur des Fürsten von Nowgorod aus dem 13. Jahrhundert, auf die aktuelle politische Situation übertragen und damit zu einer Propaganda-Waffe ersten Ranges wird. Die Zusammenarbeit zwischen Eisenstein und Prokofjew gestaltet sich zu einer äußerst fruchtbaren Synthese, bei der sich Bild und Ton kongenial ergänzen. Ähnlich erfolgreich verläuft sich die Zusammenarbeit vier Jahre später bei dem Film Iwan der Schreckliche. Prokofjews bis heute populärste Filmmusik stammt aus dem Jahr 1933 zu dem Film Leutnant Kije.
Letzte Jahre
Prokofjews letzte Jahre sind ab 1945 durch die bei einem Sturz zugezogene schwere Gehirnerschütterung nachhaltig gesundheitlich beeinträchtigt. Gleichwohl erlebt der Komponist in der Nachkriegszeit eine breit gefächerte Präsenz seiner Werke im öffentlichen Musikleben nicht nur in der Sowjetunion. 1947 wird der Komponist, nachdem ihm bereits für verschiedene Werke der Stalinpreis verliehen worden war, mit dem Ehrentitel "Volkskünstler der Sowjetunion" ausgezeichnet.
Neben der gesundheitlichen Beeinträchtigung wirft vor allem die neue kulturpolitische Marschrichtung des Leiters in der Propadandaabteilung des Zentralkomitees, Andrej Schdanow, einen Schatten auf Prokofjews letzte Lebensjahre. Diese neue Politik macht auch vor dem bislang geschätzten Komponisten nicht Halt. Unmittelbar hintereinander wird zunächst die Aufführung des zweiten Teils seiner Oper "Krieg und Frieden" und wenig später die Sechste Symphonie verboten. Schließlich wird in einem Beschluss vom 10. Februar 1948 Prokofjew künstlerisch "mundtot" gemacht, indem er zum formalistischen und damit volksfeindlichen Komponisten abgestempelt wird.
Eine neuerliche Änderung der Verhältnisse bahnt sich unerwartet mit dem plötzlichen Tod Schdanows im August 1948 an. Im darauffolgenden Frühjahr wird der Beschluss vom Februar 1948 aufgehoben und Prokofjew damit rehabilitiert. Durch die Bekanntschaft mit dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch wird Prokofjew noch einmal zur Komposition eines neuen Kammermusikwerkes inspiriert: es entsteht die Violoncellosonate op. 119, die nach mehrfacher ideologischer Prüfung durch die verschiedenen Kulturinstanzen schließlich am 1. März 1950 in Moskau uraufgeführt werden darf.
Doch die gesundheitlichen Probleme haben zu diesem Zeitpunkt Sergej Prokofjew bereits zunehmend geschwächt. Als letztes großes Werk entsteht 1951/52 noch die Siebente Sinfonie cis-Moll op. 131, die am 11. Oktober 1952 in Anwesenheit des Komponisten ihre Premiere erlebt. Knapp ein halbes Jahr später, am 5. März 1953, stirbt der Komponist.
- Biografie
- Werk
- Teste dein Wissen!
Bibliografie:
- Natalja P. Sawkina: Sergej Sergejewitsch Prokofjew, Schott Verlag, Mainz 1993
- Thomas Schipperges: Sergej Prokofjew (rororo monographie Nr. 516), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek1995









0 Kommentare