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THEMEN

Sergej Rachmaninow

Leben und Werk

Die Daten in der folgenden Biografie beziehen sich der Einfachheit halber auf den Gregorianischen Kalender, der dem bis 1917 gültigen Julianischen Kalender im 19. Jahrhundert um 12 Tage voraus ist (im 20. Jahrhundert um noch einen weiteren Tag).

Kindheit und Jugend

Sergej Wassiljewitsch Rachmaninow wird am 1. April 1873 in Oneg südlich des Ilmensees als viertes Kind in eine alte russische Familie hinein geboren, die dem Stand des Kleinadels angehört. Der Besitz seines Vaters Wassilij Arkadjewitsch Rachmaninow hatte sich durch die Heirat mit der wohlhabenden Ljubow Petrowna Butakowa beträchtlich vermehrt, doch die Zeitumstände lassen den riesigen Besitz innerhalb weniger Jahre auf Null zusammenschrumpfen. Die Ursache dafür liegt nicht zuletzt in der Aufhebung der Leibeigenschaft durch Zar Alexander II. im Jahr 1861, die die Großgrundbesitzer über Nacht selbst in die Verantwortlichkeit für ihre Güter nimmt. Bis dahin von dem praktischen Alltag durch die z. T. unter unmenschlichen Bedingungen vollbrachten Leistungen seiner Leibeigenen verschont, hatte der Kleinadel v. a. ein gesellschaftliches Leben mit vielfältigen kulturellen und intellektuellen Anregungen gepflegt. Über Nacht zum Großbauern mit allen praktischen Konsequenzen mutiert, erweisen sich viele für diese ungewohnte Aufgabe als unfähig und verlieren dadurch dutzendweise ihren Besitz. In Wassilij Rachmaninows Fall kommt noch ein Hang zum sorglosen Leben eines Bonvivants hinzu. Als 1882 auch das letzte Gut verkauft werden muss, zieht die Familie nach St. Petersburg um, wo sich Madame Rachmaninowa wenig später von ihrem unzuverlässigen Ehemann trennt. Die Zukunft der insgesamt sechs Kinder, die nun in ihren Händen liegt, sieht von da an erwartungsgemäß nicht besonders rosig aus und übersteigt bei weitem ihre finanziellen Mittel. So werden die Kinder immer wieder in die Obhut von Verwandten oder Internaten gegeben.

Es ist andererseits der Vater Wassilij Rachmaninow, der in genetischer Hinsicht die entscheidenden Weichen für die Zukunft seines Sohnes Sergej stellt, vererbt er ihm doch die in seiner Familie überdurchschnittliche Musikalität: nach seinem eigenen Vater Arkadij Alexandrowitsch Rachmaninow, fähiger Schüler des bedeutenden irischen Pianisten und Komponisten John Field (1782-1837), entwickelt sich auch bei ihm schon in jungen Jahren eine Begeisterung für das Klavier, die sich ebenso in der nächsten Generation bei seinem Sohn Sergej fortsetzt. Es sollte jedoch das Verdienst von Ljubow Rachmaninowa sein, das früh zutage tretende Talent ihres Sohnes ab seinem vierten Lebensjahr auch in Theorie und Praxis zu fördern. Die Musik nimmt von da an einen wesentlichen Platz in seinem Leben ein.

Sergejs außerordentliche Fortschritte veranlassen die Familie schon bald, nach professioneller Hilfe Ausschau zu halten. Die Wahl fällt auf Anna Ornatskaja, die am St. Petersburger Konservatorium studiert hatte und dem jungen Musiker nach umfassender Fortbildung 1882 an ebendiesem Institut zu einem Stipendium verhilft. Doch trotz der objektiv glänzenden Zukunft, die nun vor dem Neunjährigen liegt, erlebt Sergej in diesem Jahr seine erste seelische Krise: der Verkauf des letzten Gutes Oneg bedeutet für den naturverbundenen Jungen den Verlust seiner bisherigen Wurzeln und die wenig später erfolgende Trennung seiner Eltern führt darüber hinaus zum Zusammenbruch der Familie und einer emotionalen Isolation. Sergej kann sich in der neuen Umgebung der Großstadt St. Petersburg nur schwer zurechtfinden. Die mit dem Eintritt ins Konservatorium zusätzliche Trennung von der Familie stellt eine Überforderung des sensiblen Jungen dar, die er mit einer Flucht aus der Realität beantwortet: So sehr er die Musik liebt, so wenig fühlt er sich doch zu dieser Zeit einem ernsthaften Studium, vor allem der außermusikalischen Fächer, gewachsen und vernachlässigt zunehmend den Unterricht. 1885 hat sich die Situation so zugespitzt, dass Sergej mit seiner Entlassung rechnen muss.

Als Retter in der Not erweist sich in dieser Situation Sergejs Vetter Alexander Iljitsch Siloti (1863-1945), ehemaliger Student am St. Petersburger Konservatorium und zu dieser Zeit Schüler des berühmten Pianisten und Komponisten Franz Liszt in Weimar. Er rät der Familie zu einem Studienwechsel nach Moskau, wo Sergej im August 1885 Schüler des anerkannten Lehrers Nikolaj Sergejewitsch Swerew (1832-1893) in dessen Privatschule wird - ein Glücksfall für die angeschlagenen Finanzen der Familie Rachmaninow, denn Swerew widmet sich als Idealist nicht nur kostenlos der umfassenden Ausbildung seiner Zöglinge, sondern sorgt auch für ihre alltäglichen Bedürfnisse und schafft so eine neue Heimat für den entwurzelten Sergej. Doch die von ihm gesetzten Ziele können nur mit eiserner Disziplin erreicht werden; eine harte, aber erfolgreiche Zeit, die nicht nur Sergejs pianistisches Fundament legt, sondern ihm darüber hinaus eine umfassende Allgemeinbildung verschafft. Außerdem stehen anhand eigenen vierhändigen Musizierens eine systematische Einführung in die Musikgeschichte ebenso auf dem Stundenplan wie die Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik durch regelmäßige Konzert- und Theaterbesuche.

Entscheidend für seine weitere musikalische Karriere wird der Sommerkurs, den Sergej mit zwei Mitstudenten 1886 auf der Krim absolviert. Swerew engagiert für diese Zeit Professor Nikolaj M. Laduchin, der den dreien in einem Crashkurs die Grundlagen der Musiktheorie und Harmonielehre vermittelt, so dass sie im folgenden Herbst die Aufnahmeprüfung am Moskauer Konservatorium bestehen.

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der russische Pianist Anton Rubinstein

Von nicht minderer Bedeutung sind in diesem Jahr die erstmals stattfindenden Konzerte des gefeierten Pianisten Anton Rubinstein (1829-1894), die bei Sergej neben der vollendeten Technik des Solisten vor allem aufgrund seiner überragenden Musikalität einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen.

Sergej beginnt sich zu dieser Zeit zunehmend schöpferisch zu äußern. Diese anfänglichen, eher amateurhaften Bemühungen werden ab 1888 durch einen gezielten Kompositionsunterricht bei Sergej I. Tanejew (1856-1915), amtierender Direktor des Moskauer Konservatoriums, und Anton S. Arenskij (1861-1906) in den Fächern Kontrapunkt sowie Fuge und freier Satz unterstützt. Seine pianistische Ausbildung setzt er zu dieser Zeit bei seinem Vetter Alexander Siloti fort. Die zunehmend ernsthaftere Beschäftigung als Komponist trägt Anfang 1889 u. a. auch zu einem Zerwürfnis mit seinem Lehrer und Mentor Swerew bei, dessen von ständiger Klaviermusik erfülltes Haus er gegen eine ruhige Bleibe bei seiner Tante Warwara A. Satina eintauscht, um die notwendige Muße für seine kreative Arbeit zu finden.

Das erste Klavierkonzert und "Aleko"

Zu Beginn der 1890er Jahre macht Sergej Rachmaninow zunehmend auf sich aufmerksam:

  • Mai 1891: vorzeitige Beendigung des Klavierstudiums mit einem Diplom
  • 11. Februar 1892: erstes eigenes Konzert im Wostrjakow-Saal von Moskau
  • 29. März 1892: Uraufführung des 1. Satzes vom Klavierkonzert Nr. fis-Moll im Moskauer Konservatorium mit dem Komponisten am Klavier, die sowohl bei den Zuhörern als auch bei der Presse positive Aufnahme findet

Während dieser Zeit arbeitet er gleichzeitig mit der Vertonung des Einakters "Aleko" nach Alexander Puschkins Gedicht "Der Zigeuner" an der Abschlussarbeit im Fach Komposition. Obwohl unter enormem Zeitdruck entstanden, gelingt Sergej Rachmaninow mit diesem Bühnenwerk ein Glückswurf, der in vielerlei Hinsicht seine weitere Zukunft verändern sollte: die Prüfungskommission bewertet die Examensarbeit mit der selten verliehenen Auszeichnung der Großen Goldmedaille; sein ehemaliger Lehrer Swerew nimmt diesen Erfolg zu Anlass, um mit Sergej die "Friedenspfeife zu rauchen"; der Moskauer Verlag Karl Gutheil nimmt das Werk unter Vertrag und begründet damit eine langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit. Die Uraufführung des Werkes am 9. Mai 1893 im Moskauer Bolschoj-Theater wird - u. a. von Peter I. Tschaikowskij - mit gebührendem Beifall belohnt und erstmals wird man auch außerhalb Moskaus auf den aufstrebenden Stern am Musikerhimmel aufmerksam. Mit Tschaikowkijs unerwartetem Tod am 6.November 1893 verliert Rachmaninow nicht nur ein künstlerisches Idol, sondern einen wohlgesonnenen Mentor, der ihn stets ermutigt und unterstützt hatte. Seinen Schmerz darüber verarbeitet er unmittelbar darauf in dem Klaviertrio op. 9 (Trio élégiaque).

So verheißungsvoll wie dieses Jahrzehnt begonnen hatte, so enttäuschend endet es für den hoffnungsvollen Nachwuchskomponisten Sergej Rachmaninow. Die Uraufführung seiner Symphonie Nr. 1 d-Moll am 27. März 1897 in St. Petersburg wird aufgrund der unmotivierten und lieblosen Aufführung unter der Leitung von Alexander Glasunow zu einer musikalischen Kakophonie, die den scharfzüngigen Rezensenten César Cui, Mitglied der Neuen Russischen Schule, des so genannten "Mächtigen Häufleins", zu einer niederschmetternden Kritik veranlasst. So sehr Nikolaij Rimskij-Korsakow in seinen Anfangsjahren von der Protektion des "Mächtigen Häufleins" profitiert hatte, so sehr leidet Sergej Rachmaninow unter der Antipathie seitens dieser Gruppe. Der sensible und ohnehin depressiv veranlagte Komponist durchlebt nach diesem Ereignis eine schwere Krise und seine schöpferischen Quellen versiegen für die nächsten Jahre. Rachmaninows künstlerische Betätigung verlagert sich in dieser Zeit nach außen: als Dirigent an der Russischen Privatoper Sawwa Mamontows (1841-1918) sowie als Solist bei seinem ersten Auslandsgastspiel in London.

Sergej Rachmaninow und die Russische Privatoper

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Die Sänger Fjodor I. Schaljapin (Mitte), Benjamino Gigli (links) und Richard Tauber auf einem Foto aus dem Jahr 1931.

So wie in Nikolaj Rimskij-Korsakows Leben die Russische Privatoper in einer kritischen Zeit einem Ertrinkenden einen Strohhalm darbot, so bietet sich auch bei Sergej Rachmaninow im Herbst 1897 mit diesem Angebot die Möglichkeit, weiterhin künstlerisch tätig zu sein und vor allem in finanzieller Hinsicht seine nahe Zukunft zu sichern. Darüber hinaus sollte ihm diese Arbeit unschätzbare Erfahrungen als Dirigent vermitteln sowie die menschlich und künstlerisch gleichermaßen wertvolle Freundschaft mit dem schon bald weltberühmten Bariton Fjodor I. Schaljapin (1873-1938) bescheren. Zwar gerät Rachmaninows dirigentisches Debüt aufgrund mangelnder Erfahrung noch zu einem Fiasko, doch der begabte junge Mann lernt schnell und schon von der zweiten Aufführung an mit Saint-Saëns "Samson und Dalila" kann er sich in der Manege des Orchestergrabens behaupten. In den folgenden Monaten sollte Sergej Rachmaninow als Dirigent an der Russischen Privatoper Maßstäbe setzen, bedeutende Aufführungen leiten und u. a. Rimskij-Korsakows Oper "Sadko" aus der Taufe heben. Doch ähnlich wie der Perfektionist Gustav Mahler kann auch Rachmaninow sich auf Dauer nicht mit den unbefriedigenden, außerhalb seiner Kompetenz liegenden Bereichen der Theaterarbeit abfinden und gibt die Stelle bereits ein Jahr später wieder auf.

Zu dieser Zeit kommt das von seinem Vetter Alexander Siloti, der den Komponisten Rachmaninow auf der britischen Insel in seinen Konzerten bereits bekannt gemacht hatte, vermittelte Angebot zu einer Konzertreise nach London gerade recht. Doch obwohl Siloti seinen Vetter vor allem mit dessen Präludium op. 3 cis-Moll salonfähig gemacht hatte, wird das Konzert am 1. Mai 1899 zu einem erneuten Misserfolg in Rachmaninows Karriere als Komponist, wenngleich der Pianist und Dirigent lobend erwähnt werden.

Internationaler Durchbruch

Nachdem Sergej Rachmaninow sich auf Rat seiner "Adoptivfamilie" Satin zu Beginn des Jahres 1900 wegen seines angeschlagenen psychischen Gesundheitszustandes in erfolgreiche ärztliche Behandlung gegeben hatte, öffnen sich die so lange verschlossenen schöpferischen Schleusen mit Macht. Während des folgenden Sommers entstehen der zweite und dritte Satz zu seinem Klavierkonzert Nr. 2 op. 18 c-Moll, die bereits am 15. Dezember unter der Leitung von Alexander Siloti mit dem Komponisten am Klavier zur Aufführung gelangen. Nachdem im folgenden Frühjahr auch der erste Satz vollendet ist, wird das ganze Werk - wiederum mit Siloti am Dirigentenpult und Rachmaninow am Flügel - am 9. November 1901 im Rahmen der Moskauer Philharmonischen Konzerte uraufgeführt. Mit diesem Werk erobert sich der Komponist nicht nur endgültig in seiner Heimat, sondern schon bald auch in den Konzertsälen der Welt einen Platz.

Auch in privater Hinsicht ist dies für Sergej Rachmaninow eine glückliche Zeit. Aus der Freundschaft zu seinen Cousinen Natalja Alexandrowna und Sophia Satina hat sich zu der Erstgenannten im Laufe der Zeit eine tiefe Liebe entwickelt, die am 12. Mai 1902 durch den Bund der Ehe besiegelt wird. 1903 und 1907 kommen die beiden Töchter Irina und Tatjana zur Welt, die gemeinsam mit seiner Ehefrau in den nächsten Jahrzehnten Sergej Rachmaninows private Welt ausfüllen und bereichern. Wie in so vielen Künstlerverbindungen ist es auch hier die Ehefrau Natascha, die ihrem Mann in den nächsten Jahren einen ruhenden Pol bietet und die praktischen Dinge des Alltags bewältigt.

Durch den bis heute überragenden Stellenwert des Zweiten Klavierkonzerts - das leider auch eine fragwürdige Karriere im Film, z. T. in trivialisierten Auszügen erlebt hat - ist der Blick auf Rachmaninows vielfältiges Œuvre verstellt worden. Die direkten Nachfolger dieses Konzertes sind die Sonate für Violoncello und Klavier op. 19. (1902), die Kantate Der Frühling op. 20. (1903) und Zwölf Lieder op. 21 (1900-1902) - Zeugen von Rachmaninows breit gestreutem künstlerischem Interesse.

Dirigent am Bolschoj-Theater

Ähnlich wie Gustav Mahler, der zeitlebens unter dem Dualismus zwischen Dirigent und Komponist litt - das eine sowohl als Mittel zum physischen Überleben als auch als künstlerische Herausforderung brauchte, das andere wiederum als ureigensten und intimsten Ausdruck seiner künstlerischen Persönlichkeit empfand - und die Balance zwischen beiden Betätigungen in einem Hochseilakt zu bewältigen versuchte, braucht auch Sergej Rachmaninow die Arbeit als Dirigent aus denselben Gründen. Und so nimmt er im Frühjahr 1904 eine Stelle als Dirigent am Bolschoj-Theater an. Wie bereits bei der Russischen Privatoper hinterlässt Sergej Rachmaninow auch diesmal schon bald wieder unüberhörbare Spuren und sein Debüt am 16. September mit Alexander S. Dargomyschskijs Oper "Rusalka" wird bei Publikum und Presse gleichermaßen zum fulminanten Erfolg. Seine Arbeit revolutioniert die russische Oper ebenso nachhaltig wie Gustav Mahler in seiner Wiener Dekade an der Hofoper. An diesem Haus führen auch die Fäden von Rimskij-Korsakow und Rachmaninow wieder zusammen und diesmal kommt es bei der Vorbereitung der Oper "Pan Wojewode" erstmals auch zu einer persönlichen Begegnung der beiden Komponisten. Doch trotz seines offensichtlichen Erfolges wird auch Sergej Rachmaninow bereits zwei Jahre später (im Juni 1906) seinen Posten niederlegen - ebenso wie Gustav Mahler aufgrund mangelnder Kooperation seitens der Theaterleitung und vor allem eines festgefahrenen Beamtenapparates. Dennoch hat diese Tätigkeit zu einer eigenen kompositorischen Beschäftigung mit der Gattung Oper geführt. "Der geizige Ritter" nach einer Tragödie Alexander Puschkins und "Francesca da Rimini" mit einem Libretto von Modest I. Tschaikowskij nach einem Abschnitt in der "Göttlichen Komödie" von Dante Alighieri sind gekennzeichnet durch eine Verwendung der Wagnerschen Leitmotiv-Technik sowie durch eine Konzentration auf die emotionale Ebene des Geschehens. Beide Werke erleben zwar am 24. Januar 1906 eine beachtete Uraufführung am Bolschoj-Theater, sind jedoch seither von der Bühne verschwunden.

Spuren hinterlässt Rachmaninow in dieser Zeit auch als Orchesterdirigent in der Reihe der Kersin-Konzerte, der - wiederum ähnlich wie sein österreichischer Zeitgenosse Gustav Mahler - laut Aussage von Zeitgenossen über die besondere Gabe verfügt, einem Orchester einen ganz besonderen, eigenen Klang zu entlocken. Seine Interpretation u. a. von Tschaikowskijs 5. Symphonie und von Mozarts Symphonie g-Moll bescheren dem Publikum Aufführungen von lebendiger Frische und tiefer Musikalität, die die Werke aus den eingetretenen Pfaden zu neuem Leben erwecken.

Dresdener Intermezzo

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Uraufführung der Oper "Salome" von Richard Strauss; Prinzessin Salome (Marie Wittich) tanzt für Herodes den Tanz der sieben Schleier (Dresdener Hofoper, 1905).

Bereits als junger Mann die Unruhe fliehend, um ungestört seiner kompositorischen Arbeit nachgehen zu können, zieht Sergej Rachmaninow nach der Russischen Revolution von 1905 im Winter des folgenden sowie in den zwei darauf folgenden Jahren in das politisch stabilere und kulturell aufblühende Dresden. Mit zu dieser Entscheidung beigetragen haben mögen auch die seitens seines Kollegen Michail Ippolitow-Iwanow betriebenen Intrigen um den Posten des Professors für Instrumentation am Moskauer Konservatorium. In Dresden erlebt Rachmaninow mit "Salome" erstmals eine Oper seines Zeitgenossen Richard Strauss und lässt sich insbesondere von dessen Instrumentationskunst inspirieren. In dieser Zeit entstehen drei seiner wichtigsten Werke: die Symphonie Nr. 2 e-Moll op. 27, die am 8. Februar 1908 in St. Petersburg mit Erfolg uraufgeführt wird, die Sonate für Klavier Nr. 1 d-Moll op. 28 und die symphonische Dichtung "Die Toteninsel" op. 29, die von einem Gemälde Arnold Böcklins inspiriert ist.

Daneben tritt Sergej Rachmaninow auch wieder als Dirigent und Pianist auf. Eine wichtige Station ist dabei Paris, wo er im Frühjahr 1907 in der ersten Saison der von Serge Diaghilew initiierten und schon bald zu einer künstlerischen Institution avancierenden "Russischen Konzerte" auftritt. Am 8. April 1907 erleben Pariser Ohren erstmals Rachmaninows Zweites Klavierkonzert mit dem Komponisten am Flügel und die Kantate "Frühling" unter seinem Dirigat. Im Publikum sitzt auch der später weltberühmte Pianist Arthur Rubinstein (1887-1982), der den Künstler ebenso stürmisch feiert wie der Rest der Zuhörer. Weitere Konzerte in Warschau, Berlin, London, Frankfurt am Main und in den Niederlanden (Antwerpen, Amsterdam, Den Haag) folgen.

Amerika

Bereits drei Jahre vor der Gründung von Diaghilews "Saison russes" und der Entdeckung Rachmaninows durch das Pariser Publikum ist der Komponist in der "Neuen Welt" ein Begriff. Dort hatte der russische Cellist und Dirigent Modest Altschuler (1873-1963) 1903 die Reihe der "Russischen Sinfonischen Konzerte" in New York ins Leben gerufen und mit der Orchester-Fantasie "Der Fels" op. 7 dem amerikanischen Publikum erstmals ein Werk Rachmaninows vorgestellt. Im Winter 1909/10 kommt es schließlich zu einer ersten persönlichen Begegnung mit dem Künstler, der für diese Tournee sein Konzert Nr. 3 für Klavier und Orchester d-Moll op. 30 komponiert. Das Werk wird am 28. November 1909 mit den New Yorker Philharmonikern unter der Leitung von Walter Damrosch uraufgeführt. Doch die Resonanz ist diesmal geteilt: überwiegt beim Publikum die positive Tendenz, bemängeln die Kritiker vor allem die mit gut 40 Minuten überdimensionale Länge des Werkes. Für eine weitere Aufführung kommt es im Januar 1910 zu einer denkwürdigen und inspirierenden Begegnung mit dem österreichischen Kollegen Gustav Mahler, in dem Rachmaninow erstmals einen musikalisch gleichwertigen Partner am Dirigentenpult erlebt. Die Tournee ist nicht nur künstlerisch, sondern vor allem auch finanziell ein großer Erfolg und Rachmaninow erhält verschiedene Angebote für die Zukunft.

Der Rachmaninow-Skrjabin-Dualismus

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der russische Pianist und Komponist Alexander N. Skrjabin (1872-1915)

Ähnlich wie Richard Wagner im 19. Jahrhundert in Westeuropa die Musikwelt polarisierte, werden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der russischen Gesellschaft erhitzte Debatten über die musikalische Zukunft des Landes geführt, ein Konflikt der im Wesentlichen auf dem unterschiedlichen künstlerischen Ansatz der beiden Komponisten Sergej Rachmaninow und Alexander Skrjabin basiert: Rachmaninow als glühender Verfechter der Melodie als Seele einer Komposition und Skrjabin als harmonischer Revolutionär, der nach der Überwindung der tonalen Grenzen strebt. Ähnlich wie bei Wagner sind es allerdings auch hier in erster Linie die beiderseitigen Sympathisanten, die die Angelegenheit zu einem Konflikt hochstilisieren, wenngleich die Beziehungen zwischen den ehemaligen Kommilitonen Skrajabin und Rachmaninow nicht unbedingt als freundschaftlich zu bezeichnen sind. Dies hält Letzteren jedoch nach Skrjabins frühem Tod am 27. April 1915 nicht davon ab, Wohltätigkeitskonzerte für die mittellose Familie und ganze Skrjabin-Abende zu veranstalten - eine Bemühung, die dem Pianisten seitens der Skrjabin-Anhänger nur schlecht vergolten wird, empfinden sie seine Interpretationen der Werke doch als inadäquat.

Wieder einmal flüchtet Sergej Rachmaninow in einer solchen Zeit - nicht zuletzt auch veranlasst durch Missstimmigkeiten mit der Russischen Musikgesellschaft - ins "Exil". Die Wahl fällt diesmal auf Rom, wo der Komponist mit seiner Familie den Winter 1912/13 verbringt. Und wieder einmal entstehen in einer solchen Zeit zwei von Rachmaninows bedeutendsten Werken: das Poem für Solisten, Chor und Orchester "Die Glocken" op. 35 nach Versen von Edgar A. Poe in der russischen Übertragung von Konstantin Balmont und die Sonate Nr. 2 für Klavier op. 36.

Exiljahre

Im Herbst 1916 hinterlässt der Erste Weltkrieg auch Spuren im kulturellen Leben Russlands und führt zu einer drastischen Einschränkung des Konzertbetriebes. Darüber hinaus verlangt die Regierung vom Grundbesitzer Rachmaninow in dieser Zeit eine vermehrte Aufmerksamkeit für sein Gut Iwanowka. Doch die Ereignisse der Oktoberrevolution werfen bereits ihre Schatten voraus und zwingen die Familie schließlich zur Flucht auf die Krim. Nach den Schrecken des 7. November (nach dem Julianischen Kalender der 25.Oktober), die die Rachmaninows hautnah in Moskau miterleben, erscheint das Angebot für eine Konzertreise nach Stockholm wie eine göttliche Fügung. Doch die langfristige Zukunft heißt wieder einmal Amerika, wohin die Familie im Herbst 1918 übersiedelt und ein Haus in New York bezieht.

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Sergej Rachmaninow (Foto aus dem Jahr 1939)

Sergej Rachmaninow konzentriert sich in den nächsten Jahren vor allem auf seine Tätigkeit als Pianist, mit der er den Lebensunterhalt der Familie sichert. Doch wirklich heimisch wird er in der Neuen Welt nicht. Gleichwohl bedeuten diese Jahre vielleicht den Höhepunkt von Rachmaninows Karriere als Pianist, in der er sich erstmals in diesem Beruf auch ein Repertoire außerhalb seiner eigenen Werke erarbeitet - mit immerhin 45 Jahren ein ehrgeiziges Unterfangen. Vor allem diese Jahre haben Rachmaninows Ruhm als Pianist für die Nachwelt erhalten, in einer einmaligen Kombination aus Musikalität, technischer Perfektion sowie künstlerischer Präsenz, wovon heute noch verschiedene Aufnahmen, u. a. aus dem Jahr 1927 mit dem Geiger Fritz Kreisler, zeugen. Konzertreisen führen ihn außerhalb der USA auch nach Kanada, Kuba, und immer wieder nach Europa.

Auf die Dauer beginnt Sergej Rachmaninow sich zunehmend unwohl in der Metropole New York zu fühlen; er vermisst vor allem seine stillen Komponiersommer - wieder einmal ähnlich wie Gustav Mahler - auf dem Gut Iwanowka. So wird die Idee von einer Sommerresidenz in Europa geboren und 1930 erwirbt Rachmaninow ein Grundstück am Vierwaldstätter See in Hertenstein bei Luzern, wo er in den folgenden Jahren eine luxuriöse Villa errichten lässt, die er auf den Namen "Senar" - ein Wortspiel aus den Namen der Eheleute Sergej und Natalja Rachmaninow - tauft.

Kompositorisch wird es in diesen Jahren still um den Künstler. Neben dem Konzert Nr. 4 für Klavier und Orchester g-Moll op. 40, das am 18. März 1927 mit dem Komponisten am Flügel und dem Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Leopold Stokowski uraufgeführt wird, entstehen vor allem die Symphonie Nr. 3 a-Moll op. 44 und die "Symphonischen Tänze für Orchester" op. 45. Ein besonderes Projekt stellt das auf der Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester basierende Paganini-Ballett dar. Die Uraufführung dieses Werkes am 30. Juni 1939 im Londoner Covent Garden mit der Choreographie des visionären Michail Fokine (1880-1942) bedeutet für Sergej Rachmaninow die Erfüllung eines lang gehegten Wunschtraums.

Bis zuletzt fühlt sich der Komponist seiner russischen Heimat verbunden, auch wenn seine Werke zwischen 1931 und 1934 im Sowjetreich offiziell boykottiert werden. Umso bedauerlicher ist es, dass Sergej Rachmaninow sein letzter Wunsch verwehrt bleibt: Nach seinem Tod am 28. März 1943 wollte er zu seinen Wurzeln zurückkehren und auf dem Nowodewitschij-Friedhof in Moskau neben ehemaligen Weggefährten wie Sergej Tanejew bestattet werden, doch als inzwischen amerikanischer Staatsbürger hat er seine letzte Ruhe auf dem Kensico-Friedhof unweit von New York gefunden.

  1. Leben und Werk
  2. Auszeichnungen
  3. Künstlerische Würdigung

Bibliografie:

  • Maria Biesold: Sergej Rachmaninoff. 1873-1943. Zwischen Moskau und New York. eine Künstlerbiographie, Weinheim 1993
  • Ewald Reder: Sergej Rachmaninow - Leben und Werk, Gelnhausen 2001
  • Andreas Wehrmeyer: Sergej Rachmaninow, Reinbek 2000
Auswahl der heute noch zugänglichen Einspielungen des Pianisten Sergej Rachmaninow:
Beethoven, Ludwig van (1770-1827): Violinsonaten Nr.5, 8-10 +Schubert: Violinsonate D.574 +Grieg: Violinsonate Nr.3; Fritz Kreisler (Violine), Franz Rupp, Sergei Rachmaninoff (Klavier); AAD 1928-1936 (Bestell-Nr.: 3616918)
Rachmaninoff plays Rachmaninoff I: Klavierkonzerte Nr. 2 & 3; Rachmaninoff, Philadelphia Orchestra, Ltg.: Stokowski/Ormandy; Naxos 1929-1940 (Bestell-Nr.: 9742950)
Rachmaninoff plays Rachmaninoff II: Klavierkonzerte Nr. 1 & 4 + Paganini-Rhapsodie; Rachmaninoff, Philadelphia Orchestra, Ltg.: Stokowski/Ormandy; Naxos 1934-1941 (Bestell-Nr.: 9742996)
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Sergej Rachmaninow ist einfach der besete ich liebe ihn , denn er ist der beste der besten