Spirituals und Gospels
Begriff
Der englische Begriff "Spiritual" (= geistliches Lied) leitet sich aus der Bibel her (1. Epheser 5, Vers 19 und 2. Kolosser 3, Vers 16). Die afro-amerikanische Sprachvariante lautet "Spirichil", die Bezeichnung "Negro Spiritual" ist dagegen eher eine Fremd- als Selbstbezeichnung für diese Gattung, mit der der schwarze Ursprung des Spiritual betont und u. U. auch diskriminiert werden soll.
Musikalische Wurzeln des Spiritual
Im Spiritual verbinden sich europäische und afrikanische Elemente zu einer eigenständigen Einheit. Europäische Grundlage für diese Entwicklung sind mehrere Psalm-Sammlungen. Die musikalische Darstellung der Psalmen geschieht in Form der Psalmodie, dem Wechselgesang zwischen zwei Chören bzw. Vorsänger (Priester) und Gemeinde. Diese Art des Gemeindegesangs wird später unter dem Begriff old way of singing subsumiert.
Afrikanische Elemente lassen sich vor allem in der Übertragung einheimischer Stammesriten auf die religiöse Zeremonie, die in erster Linie gemeinschaftsstiftenden Charakter hat, finden. Besonders charakteristisch sind rhythmische Elemente, die bevorzugt durch Händeklatschen oder Füßestampfen erzeugt werden.
Im Laufe der Jahre wird das Spiritual zum eigenständigen Ausdrucks-, Identifikations- und später auch Verständigungsmittel der unterdrückten Rasse schwarzer Sklaven. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Rhythmus, der v. a. durch die so genannte "Off-Beat-Phrasierung" gekennzeichnet ist.
Historische Wurzeln des Spiritual
Die vor allem von Baptisten und Methodisten getragene protestantische Erweckungsbewegung zu Beginn des 18. Jahrhunderts hinterlässt auch in der 'Neuen Welt' ihre Spuren. Dort verläuft die Bewegung hauptsächlich in zwei Phasen: dem First Great Awakening (Erste Große Erweckung) und dem Great Revival (Große Massenbekehrung). Ist das Ziel der ersten Phase eine Erleuchtung der Menschen durch den Heiligen Geist, so konzentriert sich in der zweiten Phase das Bemühen auf die Bekehrung der Gläubigen zu einem vollkommen auf Gott ausgerichteten Leben, durch das die persönliche Erlösung ermöglicht wird. Im Dunstkreis dieser Bewegung entstehen die so genannten Camp meetings als Massenveranstaltungen, bei denen Feldgottesdienste gefeiert werden.
Texte der Spirituals
Ursprünglich beinhalten die Texte der Lieder vor allem religiöse Themen, die dem Alten Testament entnommen werden. Dabei wird ein Bezug zwischen dem historischen Text und der individuellen Gegenwart der Sklaven hergestellt. Einzelne Motive erhalten symbolischen Charakter, insbesondere Mose als von Gott beauftragter Führer des Volkes Israel beim Zug von Ägypten in das Ostjordanland wird für die in Sklaverei lebenden Menschen zum Hoffnungsträger einer Erlösung im Jenseits wie im Lied "I'm goin' up home soon". Weit verbreitet ist auch das Pilgermotiv ("I am a Pilgrim") als Symbol für eine Wanderschaft vom irdischen ins jenseitige Leben, das die Leiden des Diesseits erträglicher macht.
Doch schon bald sind Spirituals darüber hinaus für die in Sklaverei lebenden Menschen, denen ansonsten jegliche Form von Bildung versagt bleibt, ein Mittel gegen geistige Abstumpfung. Sie bilden das Ventil, durch das die sozialen Ungerechtigkeiten verarbeitet werden, und sie beinhalten oft auch geheime Botschaften, die durch eine konkrete Symbolsprache verschlüsselt werden. So werden die Begriffe "heaven" oder "promised land" beispielsweise zum Symbol für die Nordstaaten bzw. Kanada, wo es keine Sklaverei gibt. Ein anderes wichtiges Symbol ist "chariot" = Pferdewagen, das auf die speziellen Transportmittel der Fluchthilfeorganisation 'Underground Railroad' anspielte.
Die Sprache der Texte ist oft umgangssprachlich afro-amerikanisch eingefärbt: In dunno = I don't know, Lawd = Lord, de = the oder gimme = give me.
Spiritual-Formen
White Spirituals
Als White Spirituals werden die Lieder bezeichnet, deren Ausgangsbasis christliche Hymnen und Psalmgesänge sind, die 'afrikanisiert' werden. Sie sind vor allem unter der weißen Bevölkerung verbreitet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind White Spirituals ein wichtiges Element der als "regular singing" bezeichneten neu-englischen Kirchenmusik. Daneben entstehen erstmals auch künstlerische Bearbeitungen von Spirituals, die jedoch gleichzeitig eine Verfremdung dieser ursprünglich freien Form bedeuten und daher als new way of singing bezeichnet werden.
Black Spirituals
Black Spirituals werden in den schwarzen Bevölkerung und deren Gemeinden gepflegt. Ausgangsbasis ist hier die afrikanische Musik, die mit christlichen Inhalten gefüllt wird. Die Texte konzentrieren sich auf alttestamentliche Aussagen oder Bilder, die zu der historischen Gegenwart des Sklavendaseins in Bezug gesetzt werden wie in "Joshua fit de battle of Jericho" oder "Deep river, my home is over Jordan".
Musik der Spirituals
Das Spektrum der Spirituals ist weit gestreut und vereint unterschiedlichste Einflüsse. Religiöse Balladen werden ebenso verarbeitet wie englische Volksmusik oder evangelische Kirchenlieder. Da Improvisation ein wesentliches Kennzeichen der Spirituals ist, gibt es im Prinzip keine feststehenden schriftlichen Fixierungen der Lieder. Dies ändert sich erst, als während und vor allem nach Beendigung des Sezessionskrieges und der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 die Spirituals auch bei der weißen Bevölkerung populär zu werden beginnen. Im Jahr 1861 werden verschiedene Lieder erstmals schriftlich fixiert, und es bilden sich Chöre, die diese neue Musikform weiter verbreiten und pflegen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts widmen sich auch Komponisten und Arrangeure erstmals der Bearbeitung von Spirituals in kunstvollen Arrangements, die afrikanische und europäische Klänge miteinander verschmelzen. Neben diesen schriftlich notierten Fassungen existieren jedoch auch weiterhin davon abweichende, improvisierte Formen, die zum Teil das gedruckte 'Original' nur noch erahnen lassen.
In den 1930er Jahren erfahren die Spirituals eine Veränderung durch Elemente des Blues und Jazz, die vor allem der Improvisation und dem ekstatischen Erleben - das sich ursprünglich aus den Erweckungsbewegungen herleitet, ebenso jedoch in der afrikanischen Musik seine Wurzeln hat - großen Freiraum lassen.
Heute haben Spirituals - und auch Gospels - unauslöschlich ihre Spuren in der zeitgenössischen Kirchenmusik hinterlassen, vor allem in Deutschland mit der Aktion "Kirche und Jazz" seit den 1950er Jahren.
Worksongs
Eine elementare Funktion kommt den Spirituals auch als Worksongs, als Arbeitsliedern zu. Auf dem zentralen Stilmittel des "Call and Response" aufgebaut, findet ein Wechselgesang zwischen Vorarbeiter und Arbeitern statt. Die Lieder thematisieren die konkrete Arbeitssituation nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch, indem beispielsweise die dafür benutzten Werkzeuge als Schlaginstrumente eingesetzt werden und damit dem Arbeitsvorgang einen gleichmäßigen Rhythmus geben.
Musikalische Charakteristika und Stilmittel der Spirituals
- Pentatonik
- Harmonische Einfachheit
- synkopischer Rhythmus
- off-beat-Phrasierung: die geringfügige Abweichung der melodischen Betonung gegenüber dem Grundimpuls (beat); das sich dadurch ergebende Spannungsmoment ist wesentlich für die Steigerung des musikalischen Erlebens bis zur Ekstase
- shouting (Schreien und Rufen): wesentliches Element des ekstatischen Erlebens in Form eines emphatischen Gesangs auf einem Rezitationston mit mehreren Nebentönen
- dirty singing ("schmutziger Gesang"): unreine, gepresste Töne
- call and response (Frage/Ruf und Antwort): Prinzip des Wechselgesangs zwischen Vorsänger (Priester) und Chor (Gemeinde)
Gospels: Begriff
Der Gospelsong entwickelt sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts, schwerpunktmäßig in den 1930er Jahren aus dem Spiritual. Der Begriff leitet sich aus dem englischen Wort "gospel" = Evangelium her.
Ebenso wie das Spiritual sind die hervorstechendsten Charakteristika des Gospels das "Call-and-Response-Prinzip" sowie die rhythmische Begleitung durch Händeklatschen, Füßestampfen oder auch Instrumente.
Texte der Gospelsongs
Sind die Spirituals vor allem auf alttestamentliche Texte ausgerichtet, so konzentrieren sich die Gospelsongs - wie schon der Name andeutet - mehr auf das Evangelium und das Neue Testament. Die Gospelsongs bilden dabei das Medium, mit dem Evangelisationsarbeit betrieben wird, denn es geht zentral um das Verhältnis von Gott und Mensch und um das individuelle Glaubenserlebnis. Ein wichtiger Punkt ist dabei auch die Bekehrung. Vor allem steht jedoch die Erlösung von den Sünden und die Aussicht auf Auferstehung und ein ewiges Leben im Vordergrund der Glaubensinhalte. Darüber hinaus werden jedoch auch aktuelle Ereignisse oder persönliche Erlebnisse als Inhalte für einen Text verwendet.
Musik der Gospelsongs
In den Gospelsongs finden sich Melodien aus irischer oder schottischer Volksmusik ebenso wieder wie englische Seemannslieder. Entwicklungsträger dieser neuen Liedform sind gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem die Sonntagsschulen.
Eine Besonderheit und erfolgreiche Neuerung ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Einbeziehung von Brass Bands zur Begleitung von Gospelsongs. Etwa gleichzeitig finden, vor allem durch die Pfingstbewegung, die Gospels auch Eingang in den Gottesdienst, den sie durch ihre Lebendigkeit bereichern.
Daneben entwickelt sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine andere Form des Gospelsongs. Komponisten wie Charles Albert Tindley (1851-1933) und vor allem Thomas A. Dorsey (1899-1993) schreiben neue, originale Gospellieder, die bald in den Konzertsälen der Welt ein völlig eigenständiges Leben führen. Dabei gehen Gospelsong, Jazz und Blues eine neue Synthese ein.
Stilmittel der Gospelsongs
Auch im Gospelsong sind die Stilmittel des "dirty singing" und "shouting" und darüber hinaus das "screaming" (kreischen) verbreitet, um die Gläubigen vor allem in Ekstase versetzen und in diesem Zustand Zeugnisse von ihrer Bekehrung ablegen zu lassen. Als rhythmische Begleitmittel dienen auch hier wieder Händeklatschen und Füßestampfen. Diese Form ekstatischen Singens ist heute jedoch vor allem im Black Gospel verbreitet.
Spirituals und Gospels im Konzertleben
Nicht nur Gospels, auch Spirituals haben sich seit ihrer Verbreitung auch außerhalb der Welt der Schwarzen einen eigenständigen Platz im Konzertleben erobert. Bekannte Interpreten waren und sind:
- Paul Robeson
- Marian Anderson
- Mahalia Jackson
- Sister Rosetta Tharpe.
- Golden Gate Quartet
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Fragen
1) Was ist die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs "Spiritual"?
2) Welche europäischen Wurzeln lassen sich in den Spirituals nachweisen?
3) Was ist das charakteristische Element, das in den Spirituals daraus übernommen wurde?
4) Wie wird diese Art des Gesangs später in der Geschichte der Spirituals bezeichnet?
5)Wie nennt man den charakteristischen Rhythmus der Spirituals?
6)Welches ist der historische Hintergrund für die Entstehung der Spirituals?
7)Welches sind die beiden zentralen Motive in den Texten der Spirituals?
8)Was symbolisierte der Begriff "heaven" in den Spirituals?
9)Kennst du die afro-amerikanische Form des Wortes "Lord" (Gott)?
10)Welche beiden Formen der Spirituals kennst du?
11)Was verstehst du unter dem Begriff "new way of singing"?
12)Was ist das Charakteristikum der Spirituals als Worksongs?
13). Wovon leitet sich der Begriff "Gospel" ab?
14)Was beinhalten die Texte von Gospels?
Antworten
1) Geistliches Lied
2) Verschiedene Psalm-Sammlungen
3) Die Psalmodie, der Wechselgesang zwischen zwei Chören bzw. Vorsänger (Priester und Gemeinde)
4) Als "old way of singing"
5) Off-beat-Phrasierung
6) das Great Revival (die Große Massenbekehrung) und das First Awakening (Erste Große Erweckung)
7)Das Motiv der Hoffnung auf eine Erlösung im Jenseits und das Pilgermotiv mit der Wanderschaft vom irdischen ins jenseitige Leben.
8) Die Nordstaaten bzw. Kanada, wo es keine Sklaverei gab
9)Lawd
10) White Spiritual und Black Spiritual
11) Die künstlerische Bearbeitung von Spirituals
12) Das Stilmittel des "Call and Response", der Wechselgesang zwischen Vorarbeiter und Arbeitern
13) Von dem englischen Wort Gospel = Evangelium
14)Texte aus dem Neuen Testament
Bibliografie:
- Dietrich Kessler/Thomas Petzold: Gospels, Spirituals u. Folksongs, 2001.
- Rüdiger Reiter: Gospels, Spirituals. Die schönsten Gospels und Spirituals im handlichen Taschenformat. Mit Grifftabelle für Gitarre und Banjo, Voggenreiter-Verlag, Bonn 1982
- Sacred Singing. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil, Band 8, Sp. 794-830, Bärenreiter Verlag, 2. Auflage Kassel 1998









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