Technikgeschichte: Forschung und Technik in der Welt von morgen
Explosion des Wissens
Wäre die Flut des technikhistorischen Stoffes seit den ersten primitiven Geröll-Abschlagwerkzeugen, die der Mensch vor rund drei Millionen Jahren benutzte, bis heute im vorliegenden Buch nicht nach Entwicklungsperioden gegliedert, sondern wäre der Autor dem tatsächlichen Umfang des Neuerwerbs an technischem Wissen zu jeder Zeit gerecht geworden, dann müsste der auf den Seiten 568 bis 583 abgehandelte Zeitraum (1983–1987) ebenso viel Platz einnehmen, wie alle Texte auf den Seiten 8 bis 567 zusammengenommen. Zurzeit verdoppeln sich nämlich die naturwissenschaftlichen und technischen Kenntnisse etwa alle fünf Jahre. Was immer die Menschen seit Anbeginn bis zum Jahr 1983 an Wissen erworben haben, 1988 verfügen sie über doppelt so viele Kenntnisse, und 2007 wird sich der Wissensstand gegenüber 2002 wieder verdoppelt haben. Vielleicht beträgt dieser Verdopplungszeitraum nicht genau fünf Jahre. Vielleicht sind es sechs oder sieben; manche Experten sprechen aber sogar von nur 3 bis 3,5 Jahren. Dieses Intervall wird offenbar ständig kleiner.
Fraglich ist, ob und wie der Mensch in der Lage bleibt, die fortwährend wachsende Flut neuer Erkenntnisse und Erfahrungen überhaupt zu überblicken, geschweige denn sinnvoll zu nutzen. In den letzten Jahrzehnten haben sich einige neue Wege für die Aufbereitung der gewaltigen Materialfülle abgezeichnet. Von zentraler Bedeutung sind dabei einmal die schnelle Datenverarbeitung, zum anderen die Datenspeicherung auf kleinstem Raum und schließlich der möglichst unverzügliche Zugriff zu den gespeicherten Daten und der globale Datentransfer. Zurzeit arbeiten EDV-Spezialisten in Europa, den USA, Russland und Japan daran, Computersysteme und -programme zu entwickeln, die selbständig Schriften lesen und nach informativen Stichwörtern aufgeschlüsselt elektronisch katalogisieren können. Auf diese Weise ließen sich alle neuen wissenschaftlichen Arbeiten übersichtlich in Datenbanken speichern. Zugleich könnten derartige Systeme auch ältere Schriften lesen und aufbereiten. Die hohen Kosten für die Benutzung solcher Datenbanken oder Zugangssperren könnten andererseits die Kluft zwischen »Wissenden« und »Unwissenden« noch vergrößern – sowohl innerhalb einer Gesellschaft wie auch unter den Staaten – und damit zu einem weiteren Anwachsen der Entwicklungsunterschiede von hoch industrialisierten Nationen und den Ländern der Dritten und Vierten Welt beitragen.
Allerdings ist das heute oft zitierte Phänomen der Wissensverdoppelung innerhalb weniger Jahre differenziert zu betrachten. Dazu ein Beispiel: Alle mit den Mitteln theoretischer und praktischer wissenschaftlicher Forschung für den Menschen überhaupt jemals zugängliche Kenntnisse sind mit Sicherheit endlich; denn auch das Universum selbst – zumindest jenes, in dem wir leben – ist offenbar endlich in Zeit und Raum. Es ist daher zulässig, alles vom Menschen Erforschbare und technisch Realisierbare als eine begrenzte Fläche aufzufassen und beispielsweise mit dem Areal Europas zu vergleichen. Der Begriff »Wissensverdoppelung« bezeichnet jetzt nichts anderes, als das immer detailliertere Kennenlernen dieses Kontinents. Begnügte sich z. B. der Steinzeitmensch mit ungezielten Streifzügen durch einzelne Länder; begann der Vertreter der frühen Hochkulturen, erste geographische Großräume in ihrer Struktur zu beschreiben; stellte der Mensch der Antike etwa Spekulationen über die Entstehung der Gebirgszüge und Gewässer an; kartographierte man vielleicht in der Renaissance Städte, Ortschaften und Flurstücke, so sind wir heute dabei, jedes einzelne Wohnhaus Europas in unseren Katasterämtern exakt zu erfassen.
Die Wissensverdoppelung bedeutet also – vereinfacht dargestellt – nichts anderes als eine immer feinere Auflösung innerhalb des Gesamtbildes. Sie bedeutet einen quantitativen Gewinn an Daten, aber nicht unbedingt qualitativ neue Erkenntnisse. Hat sich z. B. innerhalb der vergangenen fünf Jahre das technische Detailwissen der Flugzeugkonstrukteure verdoppelt, so bedeutet das für den Fluggast einen weitaus geringeren praktischen Wandel als die – gemessen an der modernen Wissenszunahme Zehntausender von Spezialisten – in ihrem Informationsvolumen vollkommen unbedeutenden Arbeiten etwa der Brüder Wright, die »lediglich« den gesteuerten Motorflug realisierten.
Ob und inwieweit die Wissensverdoppelung in immer kürzeren Intervallen den technischen Alltag oder gar das Alltagsleben des Menschen überhaupt beeinflusst, hängt heute maßgeblich nicht mehr von der immer genaueren Kartographierung eines fiktiven Raumes des möglichen Gesamtwissens ab, sondern in erster Linie davon, ob es auf dieser Landkarte noch größere »weiße Flecken« gibt. Nur in solchen Gebieten lässt sich die Zukunft des Menschen mit technischen Mitteln grundlegend beeinflussen.
In der Tat scheint es zahlreiche derartige Regionen zu geben. Als um 1900 die Physiker davon überzeugt waren, dass der Gesamtbereich ihrer Fachgebiete (Optik, Akustik, Mechanik, Wärmelehre, Elektrotechnik) abgesteckt sei und »nur noch« im Detail ausgelotet werden könne, tat sich unvermutet die Tür zur Atom- und Quantenphysik auf. Als die Chemiker glaubten, alle möglichen Stoffreaktionen zumindest grob klassifiziert zu haben, eröffnete sich ihnen das Gebiet der molekularen Chemie. Derartige weiße Räume auf der Landkarte des menschlichen Wissens werden die Forscher und Techniker mit Sicherheit auch in Zukunft noch entdecken.
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