Technikgeschichte: Neuer Erfindergeist: Freude am technisch Denkbaren - Die Renaissance 1400 bis 1600
Befreite geistige Kräfte
Hatten sich während des Mittelalters die Produktionstechniken orientiert am Bedarf der ständig wachsenden Bevölkerung Mitteleuropas fortentwickelt - und das besonders auf den für die alltägliche Versorgung wichtigen Gebieten der Landwirtschaft, der Textilindustrie und des Montanwesens -, so fehlte es doch oft an wirklichem Erfindergeist. Das Denken blieb weitgehend im klerikalen Bannkreis gefangen, und diesen prägte die Scholastik, nicht technisch-naturwissenschaftliches Denken. So wurden denn die Fortschritte in der Produktion bald mehr von einer neuen Wirtschaftsgesinnung als von technischer Innovation getragen. Eine Ausnahme machten allenfalls einige wegweisende Weiterentwicklungen im Hüttenwesen und im Bergbau. Sie hatten ihre Wurzeln vor allem in Süddeutschland und im Alpenraum. Mittelbar bereitete sich in der Zeit des Frühkapitalismus gegen Ende des Mittelalters dennoch eine Ära technischen Fortschritts vor. Das zunehmend vom städtischen Gewerbe, von Handel und Wirtschaft geprägte Denken überwand die zum Teil technikfeindliche Haltung des Klerus, der einerseits die Lektüre naturwissenschaftlicher Schriften gelegentlich mit allen Mitteln zu verhindern suchte, andererseits die Früchte der technischen Neuerungen gerne den Klöstern vorbehalten wollte.
Zur Verweltlichung des Denkens und einer »kapitalistischen« Wirtschaftsgesinnung gesellte sich speziell in Italien ein politisches Phänomen, das den neuen Geist stark förderte. Nach dem Untergang des Staufer-Imperiums hatten sich seit dem 13. Jahrhundert in Italien zahlreiche Stadtstaaten etabliert, an deren Spitze reiche, meist kommerziell orientierte Fürstenhäuser standen. In dem Maße, in dem sie zu Macht und Ansehen gelangten, versuchten sie, ihren erworbenen Reichtum auch zur Schau zu stellen. Das geschah auf doppelte Weise: Durch Größe und durch Modernsein. Bei diesem doppelten Bestreben waren die vermögenden Regionalherrscher auf Architekten, Bauingenieure und Techniker angewiesen, die über ausreichendes mechanisches Wissen verfügten, um die immensen Paläste und Kathedralen statisch sicher zu bauen oder etwa um die in Mode kommenden überlebensgroßen und vielen Tonnen schweren Reiterstandbilder von Fürsten und Handelsherren in Bronze zu gießen.
1453 spielte ein weiteres, entscheidendes Ereignis der schnellen Entwicklung des aufkeimenden naturwissenschaftlich-technischen Denkens in die Hand: Die Einnahme Konstantinopels, des alten Byzanz, durch die Türken. Die dortigen Gelehrten flohen in Scharen nach Italien und brachten den reichen Schatz byzantinischer Schriften mit. Dieses umfangreiche Schrifttum umfasste neben philosophischen und lyrischen Texten eine Flut naturwissenschaftlicher und technischer Traktate. Teils handelte es sich dabei noch um die im Mittelalter in Vergessenheit geratenen Werke antiker Autoren, teils auch um Manuskripte aus der islamischen Welt, die vor allem ab dem 8. Jahrhundert die Naturwissenschaften intensiv pflegte. Hatte doch der durch den Propheten Mohammed in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts offenbarte Koran ausdrücklich das göttliche Gebot zur Naturforschung fixiert. So bewahrten die Muslime einerseits das tradierte antike Gedankengut, andererseits leisteten sie aber selbst - besonders in der Mathematik, Astronomie und Medizintechnik - eine Fülle innovativer Beiträge. All diese Schätze gelangten durch die geflohenen Byzantiner nach Italien und fielen dort auf denkbar fruchtbaren Boden.
- Befreite geistige Kräfte
- Einheit von Kunst, Technik und Wissenschaft
- Erkenntnisdrang, Experimentierfreude und Spieltrieb
- Die Wurzeln der technischen Literatur
Bibliografie:
- Wolfgang König (Hrsg.): Propyläen Technikgeschichte, 2000









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