Total votes: 8
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
THEMEN

Türkei (Türkiye)

Frühgeschichte (8000-1800 v. Chr.)

Älteste Siedlungsfunde in Kleinasien, dem Gebiet der heutigen Türkei, lassen sich wie der Ruinenhügel Haçilar bei Burdur bis auf das 8. Jahrtausend zurückdatieren. Çatal Hüyük, 50 km südöstlich des heutigen Konya, kannte als frühneolithische Großsiedlung (6700-5700) Getreideanbau und erste Ansätze zur Metallverarbeitung (Blei, Kupfer).

Die Troas, eine historische Landschaft an der Dardanellenküste mit Troja als Zentrum, zeigt Besiedlungsspuren, die in das 4. Jahrtausend zurückreichen. Der von Heinrich Schliemann als Troja identifizierte Hügel von Hisarlik weist Reste mehrerer übereinander liegender Siedlungen auf. Die ältesten Schichten (Troja I-V, 3000-1800) gehören in die frühe Bronzezeit und bezeugen die Existenz einer kleinasiatischen Sonderform der ägäischen Kultur.

Hethiter (1800-1200 v. Chr.)

Das indogermanische Volk der Hethiter wanderte von Osten nach Kleinasien ein und verdrängte seit dem 19. Jh. in Kappadokien lokale Kleinherrschaften. Hattusilis I. (um 1580-1550) schuf von der Hauptstadt Hattusa (seit 1570) aus das erste große Reich der Hethiter (bis 1420), das mit dem Hethitischen die älteste erhaltene indoeuropäische Schriftsprache hervorbrachte. Es erstreckte sich über das anatolische Kernland hinaus bis zum Euphrat und nach Nordsyrien. Mursilis I. (um 1550-1530) eroberte Syrien und zog bis Babylon. Dynastische Komplikationen nach seiner Ermordung reduzierten das Hethiterreich vorübergehend auf den zentralanatolischen Raum. Den Boden für einen neuen Aufschwung bereitete Tutchalija II. um 1400 mit einer Expansion gegen Nordsyrien. Suppiluliuma I. (ca. 1380-1346) sicherte das anatolische Stammland und schuf mit Vorstößen gegen die Churriter in Nordmesopotamien das Neue Reich der Hethiter. Der Konflikt mit Ägypten um Syrien (1295-1282) endete 1270 im Frieden mit Ramses II. und einer Trennung der Machtsphären. Unter Tutchalija IV. (ca. 1250-1225) geriet das Hethiterreich unter den Druck Assyriens. Das Ende kam unter Suppiluliuma II. (ca. 1220-1200), als das durch Missernten und Entvölkerung geschwächte Reich dem Ansturm der Seevölker zum Opfer fiel.

Bis zum Perserreich (1200-547 v. Chr.)

Das Ende des Hethiterreiches brachte für den kleinasiatischen Raum die Aufsplitterung in verschiedene Herrschafts- und Einflusssphären mit sich. Um 1200 wanderten die indogermanischen Phryger aus Makedonien über den Bosporus ein. Sie wurden um 1100 in ihrem weiteren Vormarsch Richtung Osten von den Assyrern gestoppt.

Seit um 900 richteten die Griechen Kolonien an der Ostküste der Ägäis ein, seit 750 auch an der Südküste des Schwarzen Meeres (Pontos mit Sinope, Trapezunt). Die Phryger gründeten unter Midas II. (738-696) ein Großreich mit der Hauptstadt Gordion, während sich Urartu im armenischen Hochland zwischen Van- und Urmiasee zum Hauptgegner der Assyrer entwickelte (um 835-620). Im 7. Jh. drängte das nomadisierende Reitervolk der Kimmerier über den Kaukasus nach Kleinasien und bedrohte Urartu. Diese Schwächung nutzte Assyrien, um Urartu 714 entscheidend zu schlagen. Urartus Erbe traten die Armenier an.

696/95 zerstörten die Kimmerier das Phrygerreich und dessen Hauptstadt Gordion. Im Westen Kleinasiens etablierte sich Lydien als wohlhabende Handelsmacht. Es kannte Bergbau und Edelmetalle und brachte die früheste abendländische Münzprägung hervor. Um 605 traf es mit seiner Expansion im Osten auf das Mederreich, das 614 Assur zerstört hatte. Der Fluss Halys wurde nach 585 zur Grenze zwischen Medern und Lydiern.

Während der lydische König Kroisos (um 560-547) den Frieden im Osten nutzte, um ganz Westkleinasien unter seine Kontrolle zu bringen (550 Zerstörung von Ephesos) und dabei seinen sprichwörtlichen Reichtum anzuhäufen, entledigte sich der Perserkönig Kyros II., der Große (559-529), der Oberherrschaft der Meder und eroberte 550/549 ganz Medien. Jetzt standen sich Lyder und Perser am Halys gegenüber. 547 setzte Kroisos zum Angriff auf die Perser an, wurde aber bei Pteria geschlagen und gefangen genommen.

Persische Herrschaft (547-334 v. Chr.)

Das Achämenidenreich (550-330) einte Kleinasien politisch und kulturell. Das Aramäische verbreitete sich als Verwaltungssprache. Kyros II. gliederte ganz Kleinasien in sein Reich ein. Dareios I., der Große (522-486), trieb die Expansion Richtung Westen 513/512 gegen Thrakien und Makedonien voran.

Um 500 erhoben sich die griechischen Städte Kleinasiens gegen die Perserkönige (Ionischer Aufstand), u. a. weil diese den phönikischen Handel gegenüber dem griechischen bevorzugten. Der Aufstand endete mit der Zerstörung Milets 494, dem Zentrum der Erhebung, und der Deportation aller Einwohner. Für Dareios I. war die Rebellion willkommener Anlass, Athen und Eretria anzugreifen, die die Ionier unterstützt hatten, um die Hegemonie über das griechische Mutterland zu erlangen. Damit begannen die Perserkriege (490-449/448), an deren Ende die persische Gefahr für das griechische Mutterland endgültig gebannt war. Auch die Existenz der griechisch-kleinasiatischen Kolonien wurde im Kallias-Frieden (449/448) gesichert: Die Städte erhielten Autonomie, und ein Gebietsstreifen, drei Tagesmärsche von der Küste landeinwärts, durfte von persischen Truppen nicht betreten werden. Erst seit 413 standen die griechischen Städte wieder unter persischer Botmäßigkeit.

Alexanderreich und Folgen (334-200 v. Chr.)

334 begann der Makedonenkönig Alexander der Große (336-323) den Feldzug gegen das Perserreich, den noch sein Vater, Philipp II. (359-336), als panhellenische Vergeltung für den Zug Xerxes I. nach Griechenland im 2. Perserkrieg (480) geplant hatte. An der kleinasiatische Westküste ließ er perserfreundliche Oligarchien durch Demokratien ersetzen und unterwarf Lykien, Pamphylien und Phrygien. Alexander rückte nach Kappadokien und Kilikien vor, besiegte Dareios III. (336-330) 333 bei Issos und brachte ganz Kleinasien bis auf Pontos, Bithynien und Paphlagonien unter seine Herrschaft. Sein Reich war kein einheitlicher Zentralstaat, sondern eher ein Konglomerat von Einzelherrschaften. Die rasche Hellenisierung und die Ausbreitung der griechischen Kultur war nur auf der Basis der 200-jährigen Perserherrschaft möglich, die den Alten Orient geeint und geordnet hatte.

Nach Alexanders Tod begann der langwierige Streit zwischen seinen Nachfolgern (Diadochen) in insgesamt sechs Diadochenkriegen (321-281). Die größte zusammenhängende Macht in Kleinasien wurde das Reich der Seleukiden (ab 312/311). Außerdem hielten die Ptolemäer, die ihren Schwerpunkt in Ägypten hatten, Kilikien, die Südwestküste und die dem Festland vorgelagerten Ägäisinseln. Neben den beiden Großreichen und den griechischen Küstenstädten (Byzantion, Nikomedeia, Sinope, Trapezunt) bildeten sich unabhängige Staaten: Im nördlichen Kleinasien, das weder von Alexander noch von den Diadochen unterworfen worden war, entstanden Bithynien, Paphlagonien, Pontos und Kappadokien. Hinzu kamen Galatien in Zentralanatolien und Pergamon an der Ägäischen Küste. Im 3. Jh. bildeten sich hier Monarchien heraus, die sich auf einer teils iranischen teils vor-indoeuropäischen Adelsschicht gründeten.

Allen gemeinsam war die Pflege der griechischen Kultur. Der attisch-ionische Dialekt wurde zur Amts- und Verkehrssprache. In der bildenden Kunst, in Architektur und Wissenschaft überflügelten die neuen Residenzen (Pergamon) sogar das griechische Mutterland.

Rom (200 v. Chr.-330 n. Chr.)

Im 2. Jh. drang von Westen mit Rom eine neue Macht in den kleinasiatischen Raum vor, die die alten Machtstrukturen neu ordnete. Seine Ostexpansion begann mit dem 2. Makedonischen Krieg (200-197). Zunächst griff es als bloße Ordnungsmacht und Interventionsarmee in das hellenistische Mächtesystem ein. Erst 133, als Pergamons Thron testamentarisch an Rom fiel (129 Provinz Asia), wurde Kleinasien zur direkten Einflusssphäre. Ein Kranz von Provinzen wurde eingerichtet (Bithynia/Pontos, Asia, Cilicia, Syria) und diesen wiederum ein Schutzring von abhängigen Fürstentümern vorgelagert (u. a. Galatia, Cappadocia, Armenia Minor).

Ständige Gefahr für Roms Besitzungen im Osten ging vom Partherreich im Iran aus (247 v. Chr. bis 224 n. Chr). Über Jahrhunderte war der Oberlauf des Euphrat Militärgrenze zwischen den beiden Reichen. Ständiges Streitobjekt wurde Armenien. Nach dem Ende der parthischen Dynastie avancierte das Sassanidenreich (224 bis 651) zum neuen Widerpart Roms im Osten.

Kleinasien wurde in römischer Zeit intensiv urbanisiert. Die griechische Kultur blieb bestimmend, während Latein nur als Amtssprache Verwendung fand. Die frühzeitige Verbreitung des Christentums wurde durch die Existenz zahlreicher jüdischer Gemeinden gefördert. Von Kappadokien ging die Christianisierung Armeniens aus, das noch vor Rom das Christentum als Staatsreligion annahm (301).

Byzanz (330-1453)

Unter Konstantin I., dem Großen (306-337), der 330 Byzantium als Konstantinopel zur neuen Hauptstadt des Reiches machte, verlagerte sich der Schwerpunkt des römischen Imperiums nach Osten. Die Teilung des Reiches nach dem Tod von Kaiser Theodosius I. (379-395) unter seinen beiden Söhnen Arcadius (Ostrom) und Honorius (Westrom) verfestigte die unterschiedliche Entwicklung und Trennung der beiden Reichshälften. Während Westrom 476 den Germanen unterlag, gelang es Ostrom/Byzanz, in schweren Abwehrkämpfen Perser, Araber und anfangs auch Türken abzuwehren. Die angestrebte Restauration des Gesamtreiches in den Grenzen der christlichen Oikumene gelang jedoch nicht mehr.

Nachdem die Perser an der Euphrat-Linie gestoppt waren, entwickelte sich Kleinasien zum byzantinischen Kernland, das mit Mühe auch der ab 632 einsetzenden arabischen Expansion standhielt. Erst der Einfall seldschukischer Türken in Anatolien 1071 traf den vitalen Lebensnerv von Byzanz. Dem Verlust dieses Herzlandes, das zugleich Kornkammer und Rekrutierungsbasis für die Armee war, folgte der endgültige Machtabstieg.

Nach der Eroberung Konstantinopels durch den 4. Kreuzzug (1204) und der Episode des Lateinischen Kaiserreichs (1204-1261) sank Byzanz zu einen Stadtstaat herab. Als Adrianopel um 1370 von den Osmanen erobert wurde, war die Einkreisung Konstantinopels abgeschlossen. 1379 wurde Byzanz osmanischer Vasallenstaat. Am 29.5.1453 endete mit seiner Eroberung durch Sultan Mohammed II. (1451 bis 1481) die über 1000-jährige Geschichte des Byzantinischen Reiches.

Seldschukenreiche (970-1281)

Die Seldschuken stammten von den Oghusen ab, einem Turkvolk, das bis ins 10. Jh. in der Kasachensteppe nomadisierte. Ihr Häuptling Seldschuk (1030) nahm um 970 den sunnitischen Islam an, und seine Nachfolger eroberten bis 1092 ein Reich, das von Mittelanatolien bis Persien, Mesopotamien und Syrien reichte (Großseldschukisches Reich).

Die Schlacht von Mantzikert 1071, in der Sultan Alp Arslan (1063-1072) die byzantinischen Streitkräfte vernichtete, brachte die entscheidende Wende für den anatolischen Raum. Alp Arslans Sieg gab Raum für die massive Einwanderung von Turkmenen nach Kleinasien. 1077/78 entstand in Anatolien der kulturell hoch entwickelte Staat der Rum-Seldschuken. Er erstreckte sich zunächst auf ganz Anatolien und hatte seine Residenz in Nikaia (Iznik), wurde aber von den Kreuzfahrern seit 1096 auf Inneranatolien zurückgedrängt. Neue Hauptstadt wurde Konya (Kayserie).

Während das Reich der Großseldschuken persische Sprache und Kultur übernahm und so eine ebenbürtige Stellung gegenüber dem arabischen Element im Islam erlangte, setzte sich in Kleinasien das Türkische gegenüber der langen griechischen Tradition durch. 1243 vernichteten die Mongolen das Seldschukenheer in Zentralanatolien, worauf das Reich der Rum-Seldschuken in zwei tributpflichtige Hälften zerfiel, an dessen Rändern sich unabhängige Kleinfürstentümer herausbildeten.

Das Osmanische Reich (1281-1923)

Unter Osman I. (1281-1326) begann der Aufstieg des zuvor unbedeutenden Emirates an der westlichen Peripherie des Rum-Seldschukenreiches zur türkisch-islamischen Großmacht. Die territoriale Expansion gegen das byzantinische Umland setzten seine Nachfolger fort: 1354 überschritten osmanische Truppen erstmals die Meerengen. 1370 schlug Murad I. (1359-1389) seine Residenz in Adrianopel (Edirne) im europäischen Rücken von Konstantinopel auf und eröffnete die Eroberung des Balkans: Nach dem Sieg auf dem Amselfeld 1389 wurde Serbien Vasallenstaat. Bereits 1379 traf dieses Schicksal Byzanz. Nur der verheerende Mongoleneinfall in Anatolien, der mit dem Sieg Timur Lenks bei Ankara 1402 den Osmanenstaat beinahe ausgelöscht hätte, bot der Stadt noch eine Atempause, bevor sie 1453 von den erstarkten Osmanen unter Mohammed II., dem Eroberer (1444-1446, 1451 bis 1481), gestürmt wurde. Bis zur Gründung der türkischen Republik 1923 war Konstantinopel Residenz der osmanischen Sultane.

Nach Arrondierung des osmanischen Machtbereiches in Anatolien expandierte der Staat gegen das neupersische Reich der Sassaniden: Mit dem Sieg Selims I. (1512-1520) bei Tschaldiran 1514 verleibte es sich Syriens ein und brachte durch die Eroberung Bagdads 1534 auch den Irak unter seine Herrschaft. Mit der Eroberung Ägyptens (1517) und Algeriens (1519) dehnte das Reich seine Herrschaft bis in den Maghreb aus. Der Jemen kam 1538 hinzu. Seine Westexpansion fand ihren Grenzen in der vergeblichen Belagerung Wiens 1529 und 1683.

Innenpolitisch war das Reich straff strukturiert. Erste Symptome des Niedergangs zeichneten sich jedoch bereits im 16. Jh. ab, als das Osmanische Reich politisch und militärisch noch ohne ebenbürtigen Gegner war: Mit dem Ende der Expansion kam die Pfründenvergabe ins Stocken, innere Unruhen, Auflösung des Timar-Systems, Korruption, kostspielige Kriege und der Niedergang der Janitscharentruppe trafen sich mit dem gleichzeitigen Aufschwung des Westens.

Der wachsende wirtschaftliche Einfluss europäischer Mächte auf das Osmanische Reich, der in einer internationalen Schuldenverwaltung (seit 1875) gipfelte, und die militärischen Rückschläge, nacheinander besiegelt in den Friedensschlüssen von Karlowitz 1699, Passarowitz 1718, Kütschük-Kainardschie 1774, Adrianopel 1829 und schließlich auf dem Berliner Kongress 1878, ließen das Reich auf einen halbkolonialen Status herabsinken. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg an der Seite der Mittelmächte folgte der Friedensvertrag von Sèvres (1920), der das Osmanische Reich auf ein inneranatolisches Restgebiet reduzierte.

Der von Mustafa Kemal (*1881, 1938) organisierte nationale Widerstand gegen die alliierte Besatzung und den Einmarsch griechischer Truppen (1920) führte mit dem Sieg über die Griechen 1921/22 schließlich zum Erfolg: Der Frieden von Sèvres wurde 1923 in Lausanne revidiert. Die Meerengen blieben, wenn auch entmilitarisiert, unter türkischer Souveränität. Der Bevölkerungsaustausch mit Griechenland beendete jäh die Jahrtausende alte griechische Besiedlung Kleinasiens. Nach der Absetzung des letzten Sultans 1922 und der Verlegung der Hauptstadt nach Ankara wurde am 29. 10. 1923 die Republik ausgerufen.

Kemalismus (1923-1938)

Mustafa Kemal, der sich als Held des Befreiungskampfes und Gründer der modernen Türkei seit 1934 Kemal "Atatürk" (Vater der Türken) nannte, wurde erster Präsident der Republik Türkei (1923 bis 1938). Mit der Abschaffung des Kalifats 1924 begann eine Kulturrevolution von oben, die das Land aus der Rückständigkeit gegenüber dem Westen zu einem modernen Nationalstaat wandeln sollte. Das Kalifat, das die übernationale Tradition des Islam symbolisierte, widersprach Kemals Idee einer Nation, in der die Betonung auf dem ethnisch-türkischen Element lag. Den Kurdenaufstand im Süd-osten des Landes ließ er rigoros unterdrücken (Mai 1925) und nutzte ihn als Anlass, die politische Opposition auszuschalten.

Die kemalistischen Reformen sollten von Anfang an die alten Herrschaftsstrukturen zerstören und die traditionellen Eliten entmachten. Die Erwähnung des Islam als Staatsreligion in der Verfassung von 1924 wurde in einer Abänderung 1928 gestrichen. Das vorangegangene Verbot, den traditionellen Fez zu tragen, wurde sogar mit der Vollstreckung von Todesurteilen durchgesetzt. Der Einführung von internationalem Kalender und Uhrzeitsystem (1926) folgte die Übernahme eines Zivilgesetzbuches nach Schweizer Muster. 1928 führte die Türkei das lateinische Alphabet ein.

1931 formulierte Kemal die Grundsätze seiner Politik in den sechs Punkten Nationalismus, Republikanismus, Populismus, Laizismus, Etatismus und Reformismus. Sie gingen in das Programm der Republikanischen Volkspartei ein und wurden später in den Verfassungstext integriert. Ökonomisch konzentrierte sich der junge Staat auf die Industrialisierung und den Ausbau der Infrastruktur. Als die Weltwirtschaftskrise von 1929 das Land in Form einer Agrarkrise traf, versuchte Kemal mit einem Autarkiekurs gegenzusteuern. 1934 begann mit dem ersten Fünfjahresplan die Ära der Planwirtschaft.

Außenpolitisch fand die junge Republik anfangs einen engen Partner in der Sowjetunion, die als einziges Land der anatolischen Unabhängigkeitsbewegung Unterstützung gewährt hatte. Als aber 1936 die Türkei in der Meerengen-Konvention von Montreux das Recht erhielt, Bosporus und Dardanellen militärisch zu befestigen, gewannen die Westmächte größeres Gewicht, allen voran Großbritannien. Trotzdem blieb eine unabhängige Außenpolitik das oberste Ziel Atatürks.

Im Schatten des Zweiten Weltkriegs (1938-1947)

Nach dem Tode Atatürks 1938 wurde Ismet Inönü Staatspräsident (1938-1950). Ankara widerstand in der heraufziehenden internationalen Krise zunächst der politischen Polarisierung und blieb auf gleicher Distanz zu London und Berlin. Das änderte sich, als im Oktober 1939 ein Beistandspakt mit England und Frankreich geschlossen wurde, der das freundschaftliche Verhältnis zur Sowjetunion für immer verdarb. Als 1940 Frankreich besetzt wurde und Italien in den Krieg eintrat, entschloss sich die Türkei zur Neutralität. 1941 hatte Hitler den Balkan unterjocht und hielt sich den Rücken für den Angriff im Osten frei durch die Zusicherung Ankaras, weiter Neutralität zu wahren. Im Juni wurde der türkisch-deutsche Nichtangriffspakt geschlossen. Die Neutralität der Türkei hielt trotz alliierter Forderungen nach Eröffnung einer Balkanfront bis Februar 1945, als Ankara dem nationalsozialistischen Deutschland den Krieg erklärte.

Westanbindung (1947-1960)

Unmittelbar nach dem Krieg war die Türkei außenpolitisch isoliert. Ein Konflikt mit der UdSSR über die Ostprovinzen Kars und Ardahan sowie über die Frage der Meerengen führte beinahe zum Krieg. Die geostrategische Lage des Landes und somit die Bedeutung im westlichen Verteidigungssystem führte die Türkei nach Ausbruch des Kalten Krieges jedoch über Truman-Doktrin und Marshall-Plan (1947) in die NATO (1952).

1946 ging die kemalistische Republikanische Volkspartei (RVP) Inönüs aus den ersten freien Wahlen der Republik nach massiver Wahlmanipulation als Siegerin hervor. Die Liberalisierung der RVP verwischte bald die Unterschiede zur oppositionellen Demokratischen Partei (DP), die mit der Forderung nach Demokratisierung angetreten war. Westöffnung und die Aufgabe von Grundpositionen der kemalistischen Reform, wie die Wiedereinführung des Religionsunterrichtes an öffentlichen Schulen, konnten die politische Wende nach den Wahlen von 1950 jedoch nicht mehr verhindern.

Nach dem Sieg der Demokratischen Partei (DP) wurde Adnan Menderes neuer Ministerpräsident (1950-1960). Offiziell hielt er an der Ideologie des Kemalismus fest, leitete jedoch eine antibürokratische Wende in Politik und Wirtschaft ein. Oberste Priorität erhielt die Westorientierung des Landes: Türkische Truppen beteiligten sich 1950 auf westlicher Seite am Koreakrieg, 1952 erkannte die Türkei Israel an und unterstützte 1956 die Suez-Expedition Frankreichs und Englands.

Im Innern begann eine vorsichtige Re-Islamisierung, die der Regierungspartei bei den Parlamentswahlen 1954 zu einer Mehrheit von 56,6% verhalf. Die politische und wirtschaftliche Krise gegen Ende der 50er-Jahre rückte die Militärs in den Vordergrund, die aus ihrer kemalistischen Haltung und der Unterstützung Inönüs keinen Hehl machten. Die Unzufriedenheit der gebildeten Kreise mit der Regierung mündete in Studentenunruhen und der Forderung nach Wiederherstellung der kemalistischen Prinzipien. Im Mai 1960 putschte das Militär, und im September 1961 wurden drei DP-Führer, darunter Menderes, hingerichtet.

Militär und Demokratie (1960-1983)

Nach dem Putsch wurde unter Aufsicht der Militärs eine neue liberale Verfassung ausgearbeitet, die 1961 per Volksentscheid angenommen wurde. Ein "Rat für Nationale Sicherheit", in dem unter Vorsitz des Staatspräsidenten die Befehlshaber aller drei Waffengattungen saßen, stand seit 1962 als verfassungsmäßiges Organ über dem Kabinett. Er sicherte den Militärs einen bestimmenden Einfluss als oberste Schiedsrichter über die türkische Politik. Auch eine Rückkehr zu geregeltem Parlamentarismus konnte keine stabilen politischen Mehrheitsverhältnisse mehr sichern. Die Wahlen im Oktober 1965 gewann sensationell Süleiman Demirel mit der Gerechtigkeitspartei (AP), hinter der sich die alte DP von Menderes verbarg.

Ende der 60er-Jahre setzte eine Links-Ideologisierung vor allem unter Jugendlichen ein, die eine prompte Reaktion des türkistisch-nationalen Lagers nach sich zog. Folge des zunehmenden Terrors extremer Gruppen war 1971 das Ultimatum der Militärs an Demirel, Reformen im Sinne Atatürks vorzunehmen. Demirel trat zurück, und im April 1971 wurde über 11 Provinzen das Kriegsrecht verhängt. Der verdeckte Putsch im Geiste einer konservativ-kemalistischen Politik beschnitt die bürgerlichen Freiheiten, das Streikrecht und die Hochschulautonomie. 1973 gewann die von Bülent Ecevit mittlerweile auf einen sozialdemokratischen Kurs eingeschworene Republikanische Volkspartei (CHP) die Wahlen, musste allerdings eine Koalition mit der islamistischen Nationalen Heilspartei eingehen.

Außenpolitisch waren die 70er-Jahre überschattet von der türkischen Militärintervention auf Zypern (1974), die offiziell dem Schutz der Minderheit galt. Folge war eine Distanzierung des Westens, die nach dem US-amerikanischen Waffenembargo von 1975 zum zeitweisen de-facto-Austritt der Türkei aus der NATO führte.

Innenpolitisch setzte mit den Regierungen der Nationalistischen Front (ab März 1975) unter Führung von Demirels Gerechtigkeitspartei ein Rechtsruck und eine politischen Radikalisierung ein, die die ideologischen Fundamente des Staates bedrohte.

Wiederum griff das Militär nach den Zügeln der Macht: Im September 1980 putschte die Generalität unter Kenan Evren (Staatspräsident 1980-1989), verhaftete beinahe alle Führer der politischen Parteien und entpolitisierte das öffentliche Leben. Die neue Verfassung von 1982, in der die Meinungsfreiheit ausdrücklich den Nationalinteressen untergeordnet wurde, gilt im Prinzip bis heute. Der Laizismus blieb zwar erhalten, doch bemühte sich Evren mit der ausdrücklichen Betonung islamischer Werte ("Neokemalismus") um eine Einbe-ziehung traditionell orientierter Kreise.

Die Türkei seit 1983

In den ersten freien Parlamentswahlen nach dem Putsch 1983 gewann Turgut Özals Mutterlandspartei als Sammelbecken für konservative, religiöse, nationalistische und wirtschaftsliberale Kräfte die Mehrheit. Özal wurde Ministerpräsident (1983 bis 1989, Staatspräsident 1989-1993).

Die Eskalation des bewaffneten Aufstands der türkischen Kurden, die im Südosten des Landes gegen den Assimilationsdruck der Zentralregierung um die Bewahrung ihre Tradition und politische Autonomie kämpften, und die massive militärische Reaktion Ankaras brachten zudem eine Einschränkung demokratischer Freiheiten mit sich. Sie erschwerte die von der türkischen Führung angestrebte Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union, vor allem nach der groß angelegten Offensive gegen kurdische Stellungen im Nordirak im März 1995.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks seit 1989 regten sich zudem panturanische Tendenzen, die auf die von Turkstämmen dominierten neuen Staaten der GUS zielen. Der Jugoslawienkrieg und das zögerliche Eintreten der westlichen Nationen für die bedrängten Muslime führte zu einem Popularitätsschub für die Islamisten, die bei Wahlen zur Nationalversammlung im Dezember 1995 mit 21,3% stärkste Partei wurden. Eine konservative Minderheitsregierung der Partei des Rechten Weges (DYP) und der Mutterlandspartei unter Mesud Yilmaz (DYP) hielt die Islamisten dank der Stimmenthaltung der Partei des Demokratischen Linken von Ex-Ministerpräsident Ecevit im März 1996 noch einmal von der Regierung fern. Bereits im Sommer 1996 zerbrach die Koalition aber an inneren Zwistigkeiten. N. Erbakan, der Führer der Refah-Partei, bildete mit der Partei des Rechten Weges eine neue Regierung. Erbakan geriet rasch in Gegensatz zu der laizistischen Militärführung, die eine kemalistische Politik forderte. Im Juni 1997 musste er zurücktreten. Nachfolger Erbakans als Ministerpräsident wurde wieder Yilmaz, der aber nach einem Misstrauensvotum des Parlaments schon im November 1998 wieder zurücktrat. Sein Nachfolger wurde im Januar 1999 der frühere Regierungschef B. Ecevit, der auch nach den vorgezogenen Parlamentswahlen im April 1999 im Amt blieb. Er bildete eine Koalitionsregierung mit der Partei der Nationalen Bewegung und der Mutterlandspartei. Der türkische Geheimdienst entführte im Februar 1999 PKK-Chef Öcalan aus Nairobi in die Türkei. Öcalan wurde am 29. 6. 1999 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde am 25. 11. 1999 zwar vom Appellationsgerichtshof in Ankara bestätigt, aber nicht vollstreckt (2002 Umwandlung in lebenslange Haftsrafe). 2000 wählte das Parlament A. N. Sezer, den Vorsitzenden des Verfassungsgerichts, zum neuen Staatspräsidenten. Politische Streitigkeiten zwischen Sezer und Ecevit lösten im Februar 2001 eine schwere Finanzkrise aus. Im Juni 2001 verbot das Verfassungsgericht die islamistische Tugendpartei. Nachdem die Regierungskoalition durch Parteiwechsel von Abgeordneten und Ministerrücktritte sowie den schlechten Gesundheitszustand Ecevits in eine schwere Krise geriet, entschied das Parlament 2002, vorgezogene Neuwahlen anzusetzen. Die Wahlen im November 2002 gewann die erst 2001 von reformorientierten Islamisten gegründete Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) unter Führung von R. T. Erdogan mit überwältigender Mehrheit. Die bisherigen Regierungsparteien scheiterten an der 10-Prozent-Hürde. Erdogan übernahm das Amt des Ministerpräsidenten. Im Hinblick auf die angestrebte EU-Mitgliedschaft wurden tief greifende Verfassungs- und Gesetzesänderungen durchgeführt. 2004 empfahl die EU-Kommission deshalb die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen. Das ungelöste Zypernproblem sowie die Lage im Irak bildeten weitere Schwerpunkte der Außenpolitik. Im Innern eskalierte erneut der Kurdenkonflikt. Gleichzeitig verstärkten sich die Spannungen zwischen der AKP-Regierung und dem sich als Hüter einer laizistischen Ordnung verstehenden Militär. Im Zusammenhang mit der Präsidentenwahl 2007 kam es zu einer von Protesten und Demonstrationen begleiteten politischen Krise, da sich die Armeeführung und Teile der Bevölkerung gegen die Präsidentschaftskandidatur des AKP-Politikers A. Gül stellten. Nach dem Scheitern der Präsidentenwahl fanden im Juli 2007 vorgezogene Parlamentswahlen statt, die die AKP mit klarer absoluter Mehrheit gewinnen konnte. Im August 2007 wurde Gül schließlich zum Staatspräsidenten gewählt. 2007/08 griff die türkische Armee PKK-Stellungen im Nordirak an. Ein Verbotsverfahren wegen anti-laizistischer Bestrebungen (Aufhebung des Kopftuchverbots an Universitäten) gegen die AKP scheiterte 2008 vor dem Verfassungsgericht. Im selben Jahr wurde der Prozess wegen Vorbereitung eines Umsturzversuches gegen mutmaßliche Mitglieder der ultranationalistischen Gruppe Ergenekon eröffnet.

Total votes: 8
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.