Ulrich Zwingli und die Reformation in der Schweiz
Die verschiedenen Strömungen der Reformation: Luther - Calvin - Zwingli
Hört man den Begriff "Reformation", denkt man dabei meist an Martin Luther. Dass die Reformation aber nicht nur in Deutschland stattfand, lehrt uns das Leben und Wirken von Ulrich Zwingli. Das reformatorische Wirken Martin Luthers beeinflusste lediglich die nordeuropäischen Länder. Johannes Calvin, der von seiner Lehre her zwischen Luther und Zwingli anzusiedeln ist, trug durch sein Wirken dazu bei, dass sich die Reformation auf Länder wie Frankreich, England und Amerika ausbreitete.
Die Reformation Ulrich Zwinglis dagegen fand in einem etwas kleineren, jedoch sehr wirkungsvollen Rahmen statt. Sie hielt sich in den Grenzen der Schweiz. Man konnte zwar nicht von einer Reformation in der gesamten Schweiz sprechen; sie beschränkte sich vielmehr auf die deutschsprachigen Kantone. Zudem hat nicht jeder Kanton die reformatorischen Ziele mit der gleichen Intensität angestrebt oder im Gleichschritt mit den anderen Kantonen reformatorisches Wirken betrieben. Jeder Kanton hat somit seine eigene Reformationsgeschichte.
Es ist der Person Ulrich Zwinglis zu verdanken, dass sich in weiten Teilen der Schweiz, nahezu ohne den Einfluss Luthers, die Reformation durchsetzte und ihre Verbreitung fand.
1484-1518: Herkunft, Ausbildung, Berufsanfang

Ulrich (Huldrych) Zwingli wurde am Neujahrstag des Jahres 1484 geboren. Sein Geburts"örtchen" war Wildhaus / Grafschaft Toggenburg im Kanton St. Gallen. Zwingli war das dritte von insgesamt zehn Kindern der Familie. Als er sechs Jahre alt war, erhielt der Junge von seinem Onkel, einem Pfarrer aus Walensee, den ersten Unterricht. Schon mit 10 Jahren verließ er sein Elternhaus, um in Basel die Lateinschule zu besuchen. Als Vierzehnjähriger verließ die Lateinschule in Basel, um seine Schulbildung bei dem Humanisten Wölfflin in Bern fortzusetzen. Diese humanistische Ausbildung beeinflusste ihn stark und begleitete ihn ein Leben lang. In der späteren Entwicklung seiner Lehre verband er christliche Grundzüge mit humanistischen Ideen. Er vollendete seine Ausbildung 1497.
Als er 1498 nach Wien kam, um ein Universitätsstudium der scholastischen Theologie (Via antiqua) zu beginnen, blühte dort der Humanismus. Dies galt auch für Basel, wo er von 1502 an seine Studien fortsetzte. Thomas Wyttenbach, sein Lehrer dort, soll ihn hier schon auf die Fragwürdigkeit des Ablasses hingewiesen haben. Im Frühjahr 1506 beendete er sein Studium mit der Erlangung des Magister artium.
Noch im selben Jahr (1506) wurde er zum Pfarrer von Glarus gewählt und erhielt dort am 19. September die Priesterweihe. In dieser Zeit, in der er sich sehr für das Gemeindeleben engagierte (Inszenierung einer Wallfahrt und dafür Bau einer Kapelle, Seelsorge), hatte er noch genügend Zeit, die antiken Schriftsteller, die Kirchenväter und die Vulgata zu studieren. Außerdem eignete er sich im Selbststudium Griechisch an.
Gleichzeitig begann Zwingli, sich für Politik zu interessieren. Als Feldprediger der Glarner beteiligte sich Zwingli 1512-1515 an den Kriegszügen in Italien, wo er aus nächster Nähe die Kämpfe der mit Kaiser und Papst verbündeten Eidgenossen um das auch von Frankreich beanspruchte Mailand erlebte. Einen besonders tiefen Eindruck hinterließ bei ihm die vernichtende Niederlage, welche die zahlen- und rüstungsmäßig unterlegenen Schweizer 1515 bei Marignano gegen die Franzosen erlitten. Die Konfrontation mit dem Solddienst auf dem Schlachtfeld und die gleichzeitige Auseinandersetzung mit diesem Phänomen aus der Sicht des humanistischen Pazifismus (Erasmus von Rotterdam), leiteten als entscheidende Faktoren die allgemeinen reformatorischen Bestrebungen Zwinglis ein. Zwingli blieb zeitlebens ein engagierter Kämpfer gegen den Solddienst.
Als Gegner der Sold-Allianz, die sich 1516 zwischen den Eidgenossen und Frankreich abzuzeichnen begann, verließ Zwingli seine Glarner Pfarrei. Er wurde Leutpriester in Einsiedeln, wo er sich in einem umfangreichen Studium der Humanisten, der Bibel und der Kirchenväter ein eigenständiges Bibelverständnis erarbeitete.
Überzeugt von der inneren und äußeren Erneuerung der Eidgenossenschaft ließ sich Zwingli 1519 als Leutpriester nach Zürich wählen. Seine Berufung wurde wesentlich durch die breite Opposition gegen den Solddienst, die sich nach den verlorenen Kriegszügen vor allem in den Handwerkszünften und bei der Landbevölkerung bemerkbar machte, gefördert. Die Verantwortlichen setzten Zwinglis Berufung trotz einer Frauengeschichte in Einsiedeln durch - man sagt, er habe dort die Tochter eines Beamten verführt.
1516-1522: Am Vorabend der Reformation
Zwinglis reformatorisches Wirken begann also in Zürich. Die Stadt spielte wegen ihrer politischen Bedeutung und der Person Zwinglis eine führende Rolle. Die Reformation stand in der Schweiz unter dem Zeichen der republikanisch geführten Stadt- und Landgemeinde. In Deutschland war sie im Gegensatz dazu durch den Territorial- und Fürstenstaat geprägt. Das republikanisch geprägte politische System der Schweiz entwickelte sich aus ihrer Geschichte. Schon lange vor dem Einzug der reformatorischen Idee waren es die Eidgenossen gewohnt, ihre Angelegenheiten unbekümmert unabhängig von Kaiser und Reich zu regeln. Sie hatten nach dem Schwabenkrieg 1499 durch den Frieden von Basel nahezu ihre komplette Unabhängigkeit erreicht. Die Tatsache, dass das Schweizer Militär in einigen Fällen den Papst unterstützt hatte, war der späteren Durchsetzung der Reformation zuträglich, da sich die Schweiz dadurch einige Privilegien verschaffte.

Dass sich Ulrich Zwingli mit dem reformatorischen Gedankengut Martin Luthers beschäftigt hatte, lässt sich 1519 feststellen. Er hatte aber zuvor nie wie Luther um das Evangelium gerungen und so auch keine reformatorische Erkenntnis erlangt. Dennoch sah er in Luthers Schriften eine Bestätigung seiner eigenen Auffassung des Evangeliums: Christus regiert seine Kirche vom Himmel aus. Das Papsttum ist nicht göttliches Recht. Doch als Luther 1520 der Bann angedroht wurde, distanzierte sich Zwingli von ihm und leugnete sogar, lutherisch zu sein, weil er seine eigene Sache nicht gefährden wollte.
Dennoch kam es 1522 zum öffentlichen Bruch Zwinglis mit der Kirche. Der offensichtliche Grund war eher banal. Zwingli war während der Fastenzeit bei einem Wurstessen anwesend. Da er sich schon vorher in Predigten negativ über die Praxis des Fastens geäußert hatte, wurde von bischöflicher Seite eine Untersuchung vorgenommen, die den Sachverhalt klären sollte. Daraufhin verfasste Zwingli eine Schrift über eine seiner Fastenpredigten, die eine heftige Auseinandersetzung mit dem Bischof von Konstanz auslöste. Dieser schrieb deshalb dem Rat der Stadt Zürich und dem Kapitel des Großmünsters, dass er vor der Gefährdung der Einheit der Kirche und der Zerstörung ihrer Zucht warnte.
Danach richtete Zwingli seinerseits eine Bittschrift an den Bischof, die er auch der Eidgenossenschaft zuleitete. Darin erbat er die Freigabe der schriftgemäßen Predigt, der Predigt also, deren Aussage nur durch das Evangelium begründet war. Außerdem vertrat Zwingli die Ansicht, dass durch Predigten auch Meinungen verbreitet werden sollten, damit das gemeine Volk ebenfalls einbezogen werden könne und die wesentlichen Aussagen der Schrift verstehe. "Die hl. Schrift muss Führerin und Lehrerin sein; wer sie richtig gebraucht, muss straflos ausgehen, auch wenn dies jenen gelehrten Herrlein wenig gefällt. Im anderen Falle wird's uns schlimm ergehen; denn die Kenntnis der hl. Schrift ist heute kein Vorrecht der Priester mehr, sondern sie ist Allgemeingut geworden."
In der gleichen Bittschrift forderte er zudem die Aufhebung des Zölibats. Dies hatte Gründe, die in der priesterlichen Gesellschaft zu finden waren. Viele der Priester waren zu dieser Zeit heimlich verheiratet, vielen dieser Beziehungen entsprangen zahlreiche Kinder. Zwingli selbst war im Frühjahr 1522 eine Ehe mit der in seiner Nachbarschaft wohnenden Witwe Anna Reinhard eingegangen. Im Herbst des gleichen Jahres legte er sein Priesteramt nieder, da er auch den Messgottesdienst zu halten und die Sakramente zu spenden hatte. Der Rat richtete für ihn eine Predigerstelle ein. Auf diese Weise wurde ohne viel Aufsehens aus dem katholischen Priester ein reformatorischer Prädikant. Seine Ehe wurde aber erst kurz vor der Geburt seines ersten Kindes im April 1524 offiziell geschlossen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Zwinglis Position bereits öffentlich durchgesetzt.
1523-1525: Die Reformation in Zürich
Der Rat der Stadt Zürich hatte auf Grund der Auseinandersetzung zwischen Zwingli und dem Konstanzer Bischof ein Provinzialkonzil gefordert, um die Angelegenheit zu klären. Dies lehnte der Bischof jedoch ab. Daraufhin ließ der Rat zwei Glaubensdisputationen durchführen, wodurch Zwinglis Auffassung öffentlich anerkannt wurde.
Auf einer dieser Disputationen am 29. Januar 1523 verfasste Zwingli 67 Thesen, die er in den Schlussreden präsentierte. Er legte anders als Luther in seinen Ablassthesen das umfassende Programm seiner Reformation vor. Dies konnte er tun in dem Bewusstsein, dass mit dem Rat der Stadt maßgebliche Kreise der Bevölkerung hinter ihm standen. Durch diesen Schritt stand der Durchsetzung der Reformation in Zürich nichts mehr im Weg. Zwingli entwickelte seine Staatslehre und begründete praktisch das kirchenpolitische Vorgehen des Züricher Rates. Hier heißt es u. a.: "Die so genannte geistliche Gewalt ist in ihrer angemaßten Pracht nicht begründet in Christi Lehre [...] Dagegen hat die weltliche Gewalt Kraft und Grund aus der Lehre und Tat Christi. [...] Ihr müssen die Christen gehorsam sein, sofern sie nichts gebietet, was wider Gott ist."
In der Folge dieser Staatslehre, in der Zwingli auch deutlich machte, dass kultische Gebräuche abzulehnen seien, kam es zur Abschaffung von Heiligenbildern, Klöstern, Prozessionen, Orgelspiel, Gemeindegesang, Firmung, letzter Ölung u.a. Die Ordnung der Messe verschwand und das Abendmahl wurde auf vier Sonntage im Jahr beschränkt.
Mit Hilfe des Rates der Stadt betrieb Zwingli die Reformation zielstrebig weiter. Das Großmünsterstift wurde reformiert, indem z. B. Stellen von Kaplänen beschränkt wurden, so dass dadurch Lehrer besoldet werden konnten. Zwingli trieb damit auch die fällige Reformierung des Schulwesens voran. Dazu entwarf er ein pädagogisches Programm. 1525 konnte ebenfalls auf Zwinglis Bestreben hin eine theologische Lehranstalt errichtet werden. Hierr hielt Zwingli selbst jeden Morgen Vorlesungen über das Alte Testament. Diese Vorlesungen dienten der Aus- und Fortbildung der Prediger und förderten zugleich das Entstehen der "Zürcher Bibel". Bis dahin hatte man Luthers Übersetzung des Neuen Testaments nachgedruckt.
Bald darauf kamen auf gleiche Weise die fünf Bücher Mose und die übrigen historischen Bücher und Lehrschriften des Alten Testaments heraus. In Zürich machte man sich dann selbst an die Übersetzung der Propheten, die bei Luther noch fehlten, und zusätzlich an die so genannten "Apokryphen". So kam es dazu, dass bereits 1529, fünf Jahre vor Luthers Vollbibel, die vollständige "Zürcher Bibel" in sechs Bänden vorlag.
1525-1531: Ausbreitung der Reformation und Tod Zwinglis
Von Zürich aus wurde die reformatorische Bewegung in die Nord-und Ostschweiz übertragen. Hier sind viele Namen mit der Verbreitung der Reformation in den einzelnen Kantonen verbunden. Zum Teil waren es Laien, die halfen, die Reformation einzuführen. Dies waren z. B. in St. Gallen der humanistisch gebildete Arzt Joachim Vadian (1483-1551) und der ehemalige Theologiestudent und spätere Sattler Johannes Kessler (1502-1574). Kessler hatte zunächst in Wittenberg studiert, bevor er sich entschloss einen handwerklichen Beruf zu erlernen. Durch ihre Laienbibelstunden warben sie, unterstützt vom Rat der Stadt, der die Räume der Kirche zur Verfügung stellte und Anweisung zur schriftgemäßen Predigt gab, für die Reformation. Auf ähnliche Weise setzte sich die Reformation auch in Toggenburg und im Appenzellerland durch.
Schwieriger gestaltete sich die Umsetzung der Reformation und ihrer Konsequenzen in anderen Kantonen. Hierzu gehörte Thurgau, wo viele Orte unter katholischem Regiment standen und sich deshalb zunächst gegen die Reformation stellten. Auch in Glarus, wo Zwingli Jahre zuvor Pfarrer gewesen war, hielt man zunächst an der Einheit der Kirche fest, so dass es den Anhängern der Reformation erst 1528 gelang, in der Landgemeinde die Mehrheit zu erringen. Ähnliches galt für Graubünden und Schaffhausen.
In Basel hatte der Humanismus und der Kampf der Stadtgemeinde bereits recht früh der Reformation den Boden bereitet. Andererseits gab es traditionelle Kräfte, die ihren schnellen Sieg vereitelten. Die Reformation stand hier mehr im Zeichen Luthers als Zwinglis, dessen Gedankengut dort schon früh verbreitet worden war. Dies geschah z.B. durch Schriften Luthers, die in Basel nachgedruckt wurden. Hier war erst ein Bürgeraufstand nötig, um die Merkmale der alten Kirche wie Heiligenbilder, Kruzifixe u. ä. zu entfernen. Der Rat der Stadt beugte sich den Aufständischen. So konnte der Reformation der Weg geebnet werden.
Bern stand lange unentschieden zwischen den Glaubensparteien. Neben der Tatsache, dass ihr eine überragende Persönlichkeit fehlte, musste die Stadt außerdem Rücksicht auf die konservativen Landgemeinden in ihrem Gebiet nehmen. Besonders durch ihren Druck verpflichtete sich der Große Rat von Bern, ohne Zustimmung der Ämter keine Glaubensänderung vorzunehmen.
Nach und nach gab es aber doch Personen, die Vorbereitungen für die eventuelle Änderung des Glaubens in Bern trafen. Hierzu gehörte Zwinglis ehemaliger Lehrer Thomas Wyttenbach. Als eigentlicher Reformator Berns galt aber dessen Helfer Berchtold Haller (1492-1536). 1529 setzte sich der reformatorische Glaube auch in Bern durch. Danach schlossen sich auch andere Teile der Schweiz an.
Als Ulrich Zwingli am 11.10.1531 bei Kappel am Albis starb, hatte sich die Reformation in vielen Teilen der Schweiz verbreitet. Es gab aber dennoch Kantone, die so stark am Papsttum festhielten, dass das reformatorische Gedankengut dort keine Chance hatte.
Zwingli versus Luther: Unterschiede in der Lehre
Ulrich Zwingli hat seine Lehre 1525 in einem Hauptwerk "Kommentar über die wahre und die falsche Religion" zusammengefasst. In diesem Werk werden alle Unterschiede zwischen seiner und Luthers Lehre deutlich.
Festgemacht werden können diese Unterschiede vor allem an ihrer Abendmahlslehre. Luther sah im Abendmahl die Verbindung des allgegenwärtigen Leib Christi mit Brot und Wein, ohne dass sich deren Substanz dabei veränderte. Mit dieser Konsubstantiationslehre wendete sich Luther gegen die Lehre der katholischen Kirche, die beinhaltete, dass sich die Substanz von Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelte (Transsubstantiationslehre). Zwinglis Auffassung in dieser Sache hielt er ebenso für falsch. Dieser bestritt die Allgegenwart Christi und somit auch dessen reale Gegenwart im Sakrament. Auf dieser Basis entwickelte Zwingli eine eigene theologische Richtung, die kultische Gebräuche ablehnte oder ihnen einen schlichten, diesseitigen Charakter gab. Das galt neben dem Abendmahl auch für den Gottesdienst.
Anders als Luther war Zwingli immer bereit, den Glauben auch mit politischen Mitteln, zur Not auch mit Waffengewalt, durchzusetzen. In letzter Konsequenz war das jedoch zu keinem Zeitpunkt notwendig. Es zeigt allerdings, dass Zwingli ein sehr politischer Mensch war, der Vieles in seinem Sinn durchsetzen konnte.
Bibliografie:
- Kurt Aland: Die Reformatoren: Luther, Melanchthon, Zwingli, Calvin, Gütersloh 1986
- Veit-Jakobus Dieterich: Die Reformatoren, Reinbek bei Hamburg 2002
- Erwin Iserloh: Der Kampf um das Verständnis der Freiheit des Christenmenschen (14. Kapitel: Zwingli und die Anfänge der Reformation in der Schweiz). In: Handbuch der Kirchengeschichte, Bd. IV (1985), S. 157-180
- Martin H. Jung, Peter Walter (Hrsg.): Theologen des 16. Jahrhunderts, Darmstadt 2002
- Peter Stephens: Zwingli. Einführung in sein Denken, Zürich 1997









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