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THEMEN

Wedgwood Keramik

Tonwaren in England

Auf der britischen Insel, besonders in der Region um Staffordshire (Mittelengland), war die Herstellung von Tonwaren seit dem 17. Jahrhundert ein weit verbreitetes Handwerk. Hergestellt wurde vor allem Gebrauchsgeschirr, das durch die manuelle Anfertigung einzelner Stücke von Hand auf der Töpferscheibe für die breite Masse der Bevölkerung jedoch finanziell unerschwinglich war.

Um 1745 gelang erstmals das Gießen von verflüssigtem Ton in vorgefertigte Gipsformen. Da dieses Verfahren eine unbegrenzte Menge an Tonmaterial zur Verarbeitung in fast jeder Gestalt möglich machte, war dessen Weiterentwicklung von großer Bedeutung für eine Serienproduktion.

Ab 1757 entwickelte sich aus der noch immer handwerklichen Herstellung ein für England typischer Industriezweig. Ausgelöst wurde dies vor allem von Josiah Wedgwood aus Burslem (Staffordshire), einem gelernten Töpfer und kaufmännisch weitsichtig planenden Experimentator neuer Herstellungsverfahren sowie qualitativ verbesserter Tonwarenerzeugnisse. Wedgwood stellte als Erster seine Produktion in der von ihm 1757 gegründeten Manufaktur auf eine rationell arbeitende fabrikatorische Herstellungsbasis.

Biografie

Josiah Wedgwood *12.7.1730 Burslem (England), 3.1.1795 Etruria.

Er war das letzte von 13 Kindern einer alteingesessenen Töpferfamilie. Mit 9 Jahren verließ er die Schule aus familiären Gründen. Anschließend Lehrzeit in der Töpferei seines Bruders Thomas. Frühzeitig Versuche, die Qualität des in seiner Heimat hergestellten Steinguts zu verbessern.

Nachdem ihm der Bruder Experimente untersagt und nach Beendigung der Lehrzeit eine Teilhaberschaft an seinem Betrieb verweigert hatte, ging er zu Thomas Whieldon, einem Modellmeister in Fenton-Low. In dessen Werkstatt durfte er ungestört an der Entwicklung farbiger Glasuren und neuer Tonmischungen arbeiten.

1757 gründete Wedgwood seine erste Manufaktur in Burslem für weißes und rahmfarbenes Steingut. Drei Jahre später gelang ihm die Herstellung einer verbesserten, schwach gelblich gefärbten Steingutmasse ("Creamware"), die in Europa große Verbreitung fand. Aus diesem Material fertigte er 1765 für Charlotte, Königin von England, Gattin Georges III., ein Teeservice an. (Er wurde zum "Potter of Her Majesty" ernannt und erhielt die Erlaubnis, alle Erzeugnisse aus Creamware künftig als "Queen's Ware" bezeichnen zu dürfen.)

1768 nahm Wedgwood den Kaufmann Thomas Bentley als Teilhaber auf ("Manufactury Wedgwood & Bentley").

1769 Eröffnung einer Manufaktur für Ziervasen mit der Serie "Black Basalts", die mit etruskischen Bildmotiven verziert wurden.

Für die Zarin Katharina II. stellte er ab 1770 ein 952-teiligen Dinnerservices ("Froschservice") her.

In einem weiteren Werk in Chelsea begann 1770 die Produktion von Figuren und Gefäßen aus schwarzer Tonmasse ("Basaltware"). 1775 hatte Wedgwood ein porzellanartiges Material entwickelt, das unterschiedlich gefärbt werden konnte ("Jasperware").

1783 wurde Wedgwoods zum Mitglied der englischen "Königlichen Gesellschaft der Wissenschaft" berufen.

In den zahlreichen Unternehmen Wedgwoods wird bis heute kein Porzellan, sondern nur Keramik hergestellt.

Wedgwood und sein Werk

In den 40er- und 50er-Jahren des 18. Jahrhunderts nahm Thomas Whieldon bei der Entwicklung verbesserten Steinguts eine führende Rolle ein. 1754 trat Wedgwood in dessen Unternehmen als Teilhaber ein. Ab dieser Zeit bis 1757 konnte er sich ungestört seinen Versuchen zur Herstellung farbiger Glasuren und neuer Tonzusammensetzungen widmen.

Der Unternehmer

1757 gründete Wedgwood seine erste eigene Manufaktur in Ivy House (Staffordshire) für weißes und rahmfarbenes Steingut. Von einer Erfindung der um 1720 in Fenten tätigen Töpfer J. und Th. Astbury ausgehend, verbesserte er deren Steingutmasse. Die von ihm entwickelte Zusammensetzung von 35% Flint, 25% chinesischem und 25% englischem Lehm sowie 15% gekörnten Steinen unter Zusatz von Eisenoxid ergab eine schwach gelblich gefärbte Steingutmasse. Wedgwood gab ihr die Bezeichnung "Creamware". Sie wurde zum ersten kaufmännischen Erfolg des jungen Unternehmens.

Die aus diesem Material hergestellten Gebrauchswaren wurden nach Liverpool geschickt, wo sie durch ein neu entwickeltes Umdruckverfahren mit farbigen Motiven dekoriert wurden. Die Bildmotive wählte Wedgwood aus Musterbüchern und den Kupferstichangeboten der Kunsthändler. Die fertigen Waren exportierte er anschließend in Mehrheit auf den europäischen Kontinent und nach Nordamerika. Der Export dieses künstlerisch gestalteten, aber billigen Massengeschirrs führte zum Bankrott vieler europäischer Fayencehersteller.

Um das Unternehmen auf eine breitere Basis zu stellen und eine weitere Produktionsstätte zu gründen, nahm Wedgwood von 1868-1880 den Liverpooler Kaufmann Thomas Bentley als Teilhaber auf ("Wedgwood & Bentley"): Manufaktur Chelsea für creme- und rahmfarbenes Steingut.

Seine Auffassung über Betriebsorganisation und Beziehung zur Arbeiterschaft ging der Zeit weit voraus. Als einer der ersten Industriellen Europas zerlegte er die Arbeitsabläufe in kleine individuelle Einheiten und bildete Hilfskräfte zu Spezialisten für eingeschränkte Tätigkeiten aus. Damit verbesserte er die Qualität seiner Erzeugnisse, steigerte deren Produktion und zerstörte zugleich ein handwerkliches Gewerbe.

Der Kunstsinnige

1765 fertigte Wedgwood aus der von ihm entwickelten cremefarbenen Steingutmasse für die englische Königin Charlotte, Gemahlin Georges III., ein Teeservice 'mit erhabenen grünen Blumen und Goldrand' an. Drei Jahre später wurde er zum "Potter of Her Majesty" erhoben. Mit diesem Titel verbunden war die königliche Erlaubnis, künftig alle Erzeugnisse, die aus "Creamware" gefertigt wurden, als "Queensware" zu bezeichnen.

1769 gründete Wedgwood ein Werk speziell für Ziervasen, dem er den Namen "Etruria" gab. Die Produktion wurde eröffnet mit sechs "First Day Vases" in griechischer Form. Das Material bestand aus einer feinkörnigen schwarzen Tonmischung, die Wedgwood ein Jahr zuvor speziell für dieses Produkt zusammengestellt hatte. Er gab ihr die Bezeichnung "Black Basalt". Bemalt wurden die Vasen enkaustisch mit roten Figuren nach attischen Vorbildern.

Internationale Beachtung erfuhr Wedgwood durch die Arbeit an einem aus 952 Teilen bestehendem Prachtservice für die Zarin Katharina II. Die 1224 rotvioletten, handgemalten Motive auf zartgelbem Grund zeigten Szenen aus dem englischen Landleben. Die Fertigung dauerte rund zehn Jahre. Das Service kostete 300 englische Pfund.

Nach über 10 000 Versuchen begann 1774 die Herstellung eines unglasierten, durchscheinenden Feinsteinguts, der "Jasper"-Keramik. Dieses sehr harte porzellanartige Material ließ sich sowohl als Masse mit Metalloxiden verschiedenartig färben wie auch mittels Engoben auf die Oberfläche auftragen. "Jasper" war bei geringer Wanddicke lichtdurchlässig. Die Keramik wurde mit den in jener Zeit modischen klassischen Ornamenten in weißem Halbrelief versehen.

Aus dunkelblauer "Jasperware" entstanden 1786 die ersten dreißig Kopien der so genannten Portlandvase, einer 25 cm hohen, mit alt-römischen Motiven in weißem Relieffries geschmückten Enghalsvase.

Die Orginale der Abbildungen hatte der damalige englische Gesandte in Neapel, Sir William Hamilton, bei Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum erworben und an die Herzogin von Portland verkauft. Die Genauigkeit der von Wedgwoods künstlerischen Mitarbeitern hergestellten Kopien wurde von der Royal Academy bestätigt.

In der korrekten Übertragung antiker Vorbilder auf die zeitgenössische Gefäßkunst des 18. Jahrhunderts waren die Manufakturen Wedgwoods selbst denen Meißens, Sèvres und Wiens überlegen. Ziel war stets die Formveredelung der Keramik in der Art der Etrusker, Griechen und Römer.

Für die weit gehende Identität mit den klassischen Vorlagen zeichneten, neben vielen anderen bei Wedgwood tätigen Künstlern, der Architekt R. Adams, die Bildhauer J. Bacon und J. Flaxman sowie der Tiermaler G. Stubbs.

Die Lage der Manufakturarbeiter

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren in den zahlreichen Manufakturen in und um Staffordshire gegen 20000 Arbeiter beschäftigt. Ein knappes Drittel von ihnen gehörte den Unternehmen Wedgwoods an. Zu der vom Firmengründer eingeleiteten, danach von den anderen Keramikherstellern übernommenen Rationalisierung der Arbeitsabläufe genügten zumeist un- und angelernte Kräfte. Tägliche Abeitszeiten von 16 Stunden und Nachtarbeit bei niedriger Entlohnung waren üblich.

Die Lebenserwartung der in der Keramikindustrie Tätigen blieb gering, ausgelöst durch bleihaltige Dämpfe und den Umgang mit gesundheitschädigenden Chemikalien (Oxide).

Nach Aussage von Dr. Boothroyd, zu dieser Zeit Arzt in Staffordshire, war die häufigste Todesursache der in den Keramikunternehmen Beschäftigten Brustkrankheit. Seiner Erfahrung nach wurde jede nachfolgende Generation schwächer als die vorhergehende.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es deshalb im englischen Parlament zu einer Debatte über die Arbeitssituation in den Keramikbetrieben.

Der Keramikhersteller Wedgwood heute

Seit 1987 bildet das Keramikunternehmen Wedgwood zusammen mit dem irischen Kristallwarenhersteller Waterford eine Holdinggesellschaft, der sich als dritter Gesellschafter 1997 die deutsche Porzellanmanufaktur Rosenthal angeschlossen hatte.

Bild
Manufakturzeichen Rosenthal

Als Folge der finanzpolitischen Situation der Weltwirtschaft hatte Wedgwood 1997 einen leichten Umsatzrückgang hinnehmen müssen. Insbesondere der Export nach Japan, einem führenden Abnehmer Wedgwoodscher Keramik, musste gedrosselt, der Personalstand 1998 reduziert werden.

Neue, modischen Trends folgende Produkte, so die Serviceserie "Sarah`s Garden" und ein elegantes "Weekday Weekend"-Service sowie die luxuriöse Geschenkkollektion "Hidden Treasure" sollen die Ausfälle wettmachen.

Doch nach mehreren verlustreichen Jahren in Folge hatte Waterford Wedgwood zuletzt vergeblich versucht, neue Investoren zu gewinnen und das Geschäft umzustrukturieren. 2009 musste für Teilbereiche des Unternehmens Insolvenz angemeldet werden. Die Zukunft des Traditionsunternehmens ist ungewiss.

Bibliografie:

  • D. E. Arnold: Ceramic theory and culturell process, Cambridge 1988
  • S. Haynes: Ein einsamer Etrusker in Wedgwoods Etruria. In: Antike Welt, 1994, Nr. 2
  • F. G. Kurzhals: Das "blaue Wunder" des Klassizisten Josiah Wedgwood und die Wiederentdeckung der Antike. In: Kunst und Antiquitäten, 1994, Nr. 2
  • J. Lange: Das Beste war ihm nicht gut genug. In: Keramische Zeitschrift, 1995, Nr. 4
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