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Wie interpretiere ich ein Gedicht?

Eine sehr häufig gestellte Aufgabe im Deutschunterricht aller Schulstufen und in den ersten Semestern eines Germanistikstudiums ist die Frage nach der Erstellung einer Gedichtinterpretation. Sehr viele Schüler scheuen sich vor dieser Aufgabe - dieser Text soll deshalb zeigen, dass es einen leichten und verständnisfördernden Zugang zu der Interpretation von Gedichten gibt.

Das Gedicht lesen

Die erste Aufgabe beim Interpretieren eines Gedichts ist die Lektüre. Man sollte das Gedicht nicht nur einmal, sondern ruhig zwei- oder dreimal lesen und dabei darauf achten, seine Lesehaltung zu verändern. Unter der "Lesehaltung" versteht man eine grundlegende Bereitschaft seitens des Lesers, sich auf den Text einzulassen, die durch gewisse Rahmenbedingungen (wie z. B. Stimmungen) überlagert wird. Grund dafür liegt in einem häufig nicht ausreichend genug erklärten Verhältnis zwischen Autor, Text, und Leser.

Früher versuchte man sich einem Gedicht, also einem lyrischen Text, häufig mit der Frage zu nähern: "Was will uns der Autor mit diesem Gedicht sagen?" Heute weiß man dagegen, dass das Verhältnis zwischen Autor, Text und Leser komplexer ist. Man geht davon aus, dass der Autor - oder die Autorin - den Text nach der Fertigstellung gewissermaßen "abgibt". Zu diesem Zeitpunkt existiert das Gedicht erst einmal nur als, sagen wir einmal, Druckerschwärze auf Papier. Erst wenn ein solcher "Nicht-Text" von einem Leser rezipiert (gelesen) oder rezitiert (aufgesagt) wird, entsteht er wieder neu als ein Gedicht. Die Absichten des Verfassers, die er in den Text hineingelegt hatte, können bis dahin verschwunden sein. Der Leser trägt - und das ist für die Interpretation eines Textes sehr wichtig - keinesfalls eine Verantwortung dafür, den Text so zu lesen, wie ihn der Autor "gemeint" hat. Vielmehr fällt ihm die reizvolle Aufgabe zu, dem Gedicht über das Textverständnis des Autors hinaus Bedeutungen zuzuschreiben.

Demnach gibt es kein falsches Verständnis eines Gedichts. Das Lesen und Verstehen eines Gedichts ist wie jede andere Form der indirekten Kommunikation dadurch "verfälscht", dass die Bedeutung des Textes beim Lesen neu entsteht, und dass es geprägt ist durch die Erfahrungswelt und durch die Person des Lesers. Das Verständnis eines Textes ist aber nicht völlig losgelöst von allen Zwängen. Es beschränkt sich natürlich darauf, welche Bedeutungen ein Wort in dem betreffenden Text annehmen kann. So kann ein Leser das Wort "Duft" in einem Text des 18. oder 19. Jahrhunderts als "feinen Geruch", aber auch als "Dunst" verstehen, weil das Wort zu jener Zeit eben diese beiden Bedeutungen annehmen konnte. Der Leser ist allerdings nicht dazu berechtigt, das Wort in einer völlig anderen Bedeutung zu verstehen, denn im Kontext unserer Kommunikation sind und waren gewisse Wörter eben auf bestimmte Bedeutungen beschränkt.

Kein literarischer Text ist demnach auf eine Lesart und somit auf nur eine mögliche Interpretation beschränkt. Vielmehr wird durch die Wortbedeutungen des Textes eine gewisse Spanne an Lesarten möglich, die alle durch den Blick des Lesers gefärbt sind und gefärbt sein dürfen. Jede Form der Interpretation baut grundlegend auf diesem Verständnis auf.

  1. Das Gedicht lesen
  2. Formale Analyse
  3. Bestimmung des Metrums
  4. Der Reim
  5. Vorhandene Interpretationen lesen
  6. Die Interpretation verfassen
  7. Die Methoden
  8. Die Argumentation

Bibliografie:

  • Thomas Brand: Wie interpretiere ich Lyrik? Hollfeld 2000
  • Horst Joachim Frank: Wie interpretiere ich ein Gedicht?, 2003
  • Hans Dieter Gelfert: Wie interpretiert man ein Gedicht? Stuttgart 2002
  • Eduard Huber: Wie interpretiere ich Geichte, 2007
  • Hans Lobentanzer: Gedichtinterpretation. Beispiele, Übungen, München 2002
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