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THEMEN

Wildschwein

Lexikon: Wildschwein

Merkmale

Die 16 Unterarten des Wildschweins, Sus scrofa, verteilen sich auf das riesige Verbreitungsgebiet der Art und unterscheiden sich vor allem in der Größe. Die kleineren Unterarten stammen aus trockenen Gebieten oder von Inseln, die größeren z. B. aus Sumpflandschaften. Das Mitteleuropäische Wildschwein hat eine durchschnittliche Widerristhöhe (Schulterhöhe) von 95 cm und ein Durchschnittsgewicht von etwa 200 kg. Es liegt damit im oberen Bereich der Bandbreite der Art, die bei der Widerristhöhe 55-110 cm und beim Gewicht von 44-350 kg reicht.

Das Wildschwein ist kräftig gebaut und hat einen gedrungenen, seitlich zusammengedrückten Rumpf. Der große Kopf hat einen kurzen Hals. Die Läufe sind mittelhoch bis kurz. Die dritte und vierte Zehe werden zum Laufen benutzt, während die zweite und fünfte kurz sind und die so genannten Afterklauen bilden. Das schwarze, leicht graugelb eingeschlagene Fell wird aus kräftigen Borsten gebildet, die an der Spitze gespaltene starke Grannen sind. Auf der Rückenmitte sind die Borsten zu einem Kamm verlängert. Bei den Bewohnern kühlerer Regionen hat das Fell im Winter Unterwolle. Während erwachsene Tiere keine Fellzeichnung haben, weist das Fell der Frischlinge die typische Längsstreifung aus. Diese auch "Livrée" genannte Zeichnung besteht aus etwa acht hellgelben Streifen auf dunkelbraunem Grund. Teilweise lösen sich die Streifen in Flecken auf.

Der langgestreckte Schädel ist keilförmig. Das Gebiss ist typisch für Allesfresser unspezialisiert und hat 44 Zähne. Oben und unten hat es je Seite drei Schneidezähne, einen Eckzahn, vier Vorbackenzähne und drei Backenzähne. Die oberen Eckzähne sind vor allem bei Männchen besonders stark entwickelt und nach oben gekrümmt. Sie wachsen dank der offenen Zahnhöhle zeitlebens weiter und dienen als Werkzeug sowie als Kampf- und Imponierorgan. Der Jäger nennt sie "Haderer". Die "Gewehre" genannten unteren Eckzähne sind ebenfalls verlängert. Die Schnauze ist beweglich und endet in einer knorpeligen, praktisch haarlosen Rüsselscheibe, die durch einen Rüsselknochen mit dem Nasenbein verbunden ist.

Die Sinnesleistungen der Wildschweine sind recht unterschiedlich. Während der Sehsinn recht schlecht ist, haben sie einen hervorragenden Geruchssinn, der ihnen das Auffinden im Boden versteckter Leckerbissen (z. B. Trüffel) ermöglicht, und einen guten Hörsinn. Da wundert es nicht, dass Schweine über eine Vielzahl von Lautäußerungen verfügen: Quieken, Grunzen, Kreischen und Schnauben. Dabei konnten Kontakt-, Warn-, Alarm-, Such-, Hunger-, Werbe-, Abwehr-, Kampf-, Klage- und Angstlaute identifiziert werden.

Verbreitung und Lebensraum

Die Unterarten des Wildschweins sind über weite Teile des eurasischen Kontinents und in kleinen Gebieten Afrikas verbreitet. Das Areal reicht von Portugal im Westen bis Japan im Osten. Im Norden und Westen sind sie in Großbritannien und Skandinavien ausgerottet und fehlen in weiten Bereichen Sibiriens. Nach Süden reicht das Gebiet bis Indien und Indonesien.

Da Wildschweine sehr anpassungsfähig sind, bewohnen sie sehr unterschiedliche Lebensräume. Allgemein bevorzugen sie Gebiete, die ihnen Wasser und viel Deckung bieten, also beispielsweise Wälder, Brüche, Sümpfe, Schilfgürtel. Im Hochgebirge kommen sie bis zu einer Höhe von 4000 m vor. Während sie in den Tropen bis in Dörfer vordringen, halten sie sich in Mitteleuropa eher vom Menschen fern, gehen aber dennoch gerne in Feldkulturen auf Nahrungssuche. In Asien sind Zuckerrohr- und Reisfelder mitunter ihre ständigen Aufenthaltsorte. In Mitteleuropa sind sie in vorzugsweise dichten Wäldern am häufigsten anzutreffen. Dabei haben die Tiere oder Gruppen Reviergrößen zwischen 0,5 und 20 Quadratkilometern.

Lebensweise

Sieht man von den älteren Keilern (männliche Wildschweine) ab, die einzelgängerisch leben, sind Wildschweine soziale Tiere, die in unterschiedlich großen und verschieden zusammengesetzten Gruppen (Rotten) leben. Die Familiengruppen bestehen aus Muttersauen (Bachen), Jungtieren vom Vorjahr (Überläufer) und Frischlingen. Eine Rotte besteht aus 5 bis 10 Tieren, kann aber auch umfangreicher sein. Geschlechtsreife Jungeber schließen sich ebenfalls zu Junggesellenrotten zusammen.

Den Tag verbringen Wildschweine meist in einem Lager, in dem die Rotte dicht gedrängt ruht. Nachts sind sie häufig unterwegs, um Nahrung, eine Stelle zum Suhlen oder ihre Rotte zu suchen. Zur Nahrungssuche brauchen sie kein Licht, da sie sich wegen ihres schlechten Sehsinns ohnehin auf ihren Geruchssinn verlassen.

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Wildschwein nimmt ein Schlammbad

Wildschweine suhlen sich gerne im Schlamm und legen dazu mehrere Suhlen in ihrem Revier an, in deren Nähe sich möglichst Stämme oder Felsen als Scheuerstellen befinden. Hier reiben sie sich den festgetrockneten Schlamm von der Schwarte. Die dabei malträtierten Bäume werden auch als Malbäume bezeichnet. Das Suhlen dient in erster Linie der Fellpflege, weil auf diese Weise Parasiten beseitigt werden. Im Sommer ist es auch zur Kühlung wichtig.

Wildschweine können sich recht schnell bewegen. Ihr "Schweinsgalopp" erreicht erstaunliche Geschwindigkeiten, was jeder wissen sollte, der sich in einen Wildschweinwald begibt. Da gerade Muttersäuen aus Angst um ihre Jungen sehr aggressiv werden, können Begegnungen sehr gefährlich werden. Im Notfall ist Ausweichen immer sinnvoller als weglaufen, da die Sauen und Keiler geradeaus sehr schnell werden, Richtungswechsel aber nur verzögert durchgeführt werden können. Während Keiler ihre Angriffe in der Regel nicht wiederholen, kehren Bachen zum Störenfried zurück. Die Gefahr ist nach einem Angriff also nicht gebannt. Im Kampf setzen die Keiler ihre scharfen Eckzähne ein, indem sie seitlich geführte Schläge austeilen. Bachen schlagen ihrerseits mit den Läufen und beißen zu.

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Wildschweine sind gute Schwimmer

Auch Schwimmen können Schweine gut, wobei sie als Rotte in einer langgezogenen Kette schwimmen und dabei den Kopf auf das Hinterende des Voranschwimmenden legen.

Nahrung

Wildschweine sind typische Allesfresser. Eicheln, Bucheckern, Adlerfarn, Gräser, Kräuter, Beeren, Wurzeln, Kartoffeln, Mais, Rüben, Aas, Mäuse, Junghasen, Kitze, Eier, Jungvögel, Engerlinge, Echsen, Frösche, Schlangen, Fische, Krebse, Muscheln, Regenwürmer und Abfälle stehen auf ihrem Speiseplan. Es gibt also kaum etwas, was sie verschmähen würden. Allerdings setzen sie schon Prioritäten. In den Mastjahren von Buche oder Eiche, wenn besonders viele Bucheckern und Eicheln auf dem Waldboden liegen, halten sie sich vor allem daran gütlich. In solchen Jahren werden auch deutlich mehr Bachen befruchtet, so dass die Wildschweinbestände deutlich anwachsen können. Da üblicherweise nach einem Mastjahr z. T. mehrere Jahre folgen, in denen es nur wenige Bucheckern und Eicheln gibt, entseht ein Nahrungsdruck auf Kulturfrüchte. Die Wildschweine fallen dann vermehrt in Maisfelder und Rübenäcker ein und können beträchtlichen Schaden anrichten. Aber auch ihr "normales" Wühlen im Waldboden nach Wurzeln und anderem kann bei zu hoher Bestandsdichte zu Schäden an der Vegetation und dem gewachsenen Boden führen. Wenn sie beispielsweise durch ihre Wühltätigkeit den Boden eines Hangs lockern, kann dieser beim nächsten Starkregen abgeschwemmt werden.

Fortpflanzung

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Wildschwein mit Jungtieren

Von November bis Januar ist die so genannte Rauschzeit, die Paarungszeit der Wildschweine. Die rauschigen Eber beginnen miteinander zu kämpfen. Dabei marschieren die Keiler zuerst mit aufgestellten Rückenborsten parallel im Imponiergang nebeneinander her, dann stoßen sie sich in Schulterkontakt. Dieser nach festen Regeln ablaufende Kommentkampf ist noch harmlos, führt aber nicht unbedingt zu einer Entscheidung. Nun schlagen sie sich ihre Waffen, die langen Eckzähne, seitlich gegen Kopf und Flanken. Dabei versuchen sie sich gegenseitig zu unterlaufen und den Gegner so auszuheben. Überläufer einer Rotte werden auf diese Weise vertrieben, bei anderen Rivalen ist der Ausgang nicht so vorhersehbar. Sind die anderen Männchen aus dem Weg geräumt, versammelt der siegreiche Keiler bis zu 8 Bachen um sich. Als Paarungsvorspiel treibt der Keiler eine Bache mit Schnauzenstößen durch das Revier und setzt zwischendurch immer wieder Urin ab. Untermalt wird das Vorspiel, bei dem der Keiler die Bache auch mit dem Rüssel massiert, mit rhythmischen Grunzlauten. Steigt der Keiler zur eigentlichen Begattung auf die Bache, beißt er die Bache in den Hals.

Während sich der Keiler wieder in die Einsamkeit verzeiht, bleiben die Bachen fast während der ganzen Tragzeit in der Rotte. Etwa zwei Wochen vor der Geburt verjagt das Weibchen außer seiner Mutter und den letztjährigen Jungen (Überläufer) alle anderen Mitglieder der Rotte. In dieser Zeit baut die Bache häufiger als sonst ein neues Schlafnest. Etwa vier Tage vor der Geburt beginnt bereits die Milch einzuschießen. Außerdem löst sich die Unterwolle vom Bauch, so dass die Zitzen frei liegen. Einige Stunden vor der Geburt es ist jetzt zwischen Ende Februar und Anfang Mai vertreibt die Bache auch die nächsten Verwandten und baut schließlich allein den Wurfkessel, was immerhin 5 Stunden dauert. Die ausgescharrte Mulde wird mit Gras und Zweigen bis zu einem Meter hoch geschichtet. Ungefähr zwei Stunden nachdem der Wurfkessel fertig gestellt ist, beginnt die Geburt in Seitenlage. Ein bis sechs Stunden dauert die Austreibungsphase. Die Eihäute platzen im Geburtsweg und die Nabelschnur reißt beim Aufstehen der Mutter. Während erstgebärende Sauen 1-5 Jungen gebären, sind es bei älteren Sauen 4-10 Junge pro Wurf. Da Bachen "passive" Mütter sind, säubern oder trocknen sie ihre Jungen nicht. Diese suchen sofort an der liegenden Mutter nach den Zitzen, die mit Schnauzenstößen massiert werden. Jedes Junge erkämpft sich dabei eine eigene Zitze. Bald haben die Frischlinge eine Art Saugordnung, die die Reihenfolge bestimmt, nach der sie an die Zitzen gehen. Sind mehr Junge da, als die Mutter Zitzen hat, helfen schon mal andere Sauen aus. In den ersten Tagen sind die Jungen besonders wärmebedürftig und kuscheln sich aneinander oder wärmen sich an der Mutter. Droht das Gewicht der Mutter sie zu erdrücken, machen sie mit einem pfeifenden Gequieke auf sich aufmerksam.

Nach knapp einer Woche werden die Frischlinge mobil und folgen der Mutter. Sollte die Muttersau aus irgendeinem Grund umkommen, werden ihre Jungen in der Regel von anderen Sauen adoptiert. Untereinander sind die Frischlinge sehr lebhaft und führen ständig Kampfspiele aus, durch die sie ihre Schnelligkeit und Wendigkeit trainieren. Die Sterblichkeitsrate unter den Frischlingen ist recht hoch. In den ersten beiden Lebensmonaten stirbt etwa jedes fünfte Junge. Wenn die Jungen im siebten Monat selbstständig werden, stirbt sogar etwa jedes vierte Tier. Ihre endgültige Färbung erlangen die Wildschweine mit 12-14 Monaten nun sind sie fast erwachsen.

Feinde

Während in unseren Wäldern die Feinde der Wildschweine entweder schon lange ausgerottet (wie der Wolf) oder gerade erst wieder eingebürgert werden (wie die Luchse), stellen z. B. in Südostasien zahlreiche Raubtiere den Schweinen nach. Hier ist vor allem der Tiger erwähnenswert, andere Raubtiere spielen eine geringere Rolle. Hauptfeind bei uns ist der Jäger, der häufig bestandsregulierend eingreifen muss, da eine zu große Populationen zu große Schäden an Wald und Flur anrichten kann. Wildschweinfleisch gilt als deutlich geschmackvoller und ist meist schadstoff- und hormonfrei. Nur wenn sich die Wildschweine vorher über Abfälle der ungesünderen Art hergemacht haben, kann das Fleisch ebenfalls belastet sein.

Häufigkeit

Als Kulturfolger, der sich auch gerne an Feldfrüchten gütlich tut, ist das Wildschwein in Mitteleuropa aber auch in anderen Regionen recht häufig. In Großbritannien, Skandinavien und Ägypten (seit 1900) sind sie dagegen ausgerottet und nicht wieder eingebürgert worden.

  1. Lexikon: Wildschwein
  2. Steckbrief
  3. Hintergrund: Schweinepest
  4. Das Wildschein, Urahne des Hausschweins
  5. Verbraucherinfo: Schweinefleisch

Bibliografie:

  • N. Benecke: Der Mensch und seine Haustiere. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung, Theiss Verlag, Stuttgart 1994
  • Grzimeks Enzyklopädie der Säugetiere, Band 9, München 1988

Institution(en):

  • Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V. (GEH)
    Antje Feldmann
    Am Eschenbornrasen 11
    37213 Witzenhausen
    05542/1864
    geh.witzenhausen@t-online.de
  • Zentralstelle für Agrardokumentation und -information (ZADI)
    Informationszentrum Genetische Ressourcen (IGR)
    Villichgasse 17
    53177 Bonn
    0228/9548-202/200
    0228/9548-220
    igr@zadi.de
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