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THEMEN

Wissenschaft und Forschung in der DDR

Aderlass nach dem Krieg

Abwanderung hochkarätiger Fachleute

Hatten Wissenschaft und Forschung in Deutschland durch die Verfolgung hochkarätiger jüdischer und politisch andersdenkender Wissenschaftler während der Nazi-Diktatur Rückschläge erlitten, hatten Universitäten und andere Forschungsinstitutionen kriegsbedingt Gebäude, Apparaturen und Bibliotheken verloren, so setzte sich der Schwund an wissenschaftlicher Kapazität auch nach dem Krieg zunächst noch fort. Wichtige Forscher - insbesondere Physiker - wurden zwischen 1945 und 1947 von den Siegermächten USA und UdSSR vereinnahmt. So gingen etwa 3000 Spezialisten (Naturwissenschaftler und Techniker) in die Sowjetunion. Die bekanntesten waren Gustav Hertz und Manfred von Ardenne. Speziell die SBZ verlor durch Abwanderung in den Westen und durch die eigenen harten Entnazifizierungsmaßnahmen noch einmal mehrere hundert Fachleute.

Demontage und Kontrolle

Auch durch die Demontage von Einrichtungen durch die Siegermacht wurde die ostdeutsche Wissenschaft empfindlich getroffen. Sensible Forschungsrichtungen der Atomphysik oder der Luftfahrt wurden verboten, die übrigen Forschungsanstalten und Industrien kontrolliert. So unterstand die Wismut AG mit ihrem Uranbergbau in Sachsen und Thüringen nicht nur bis 1956 direkt dem Verteidigungsministerium der Sowjetunion, sondern blieb bis 1990 unter deren Einfluss.

Autonome Anfänge der DDR-Universitäten 1945-1948

SED setzt Prioritäten

Nach dem Krieg bestanden acht Universitäten und Hochschulen im Osten: Rostock, Greifswald, Berlin, Halle, Leipzig, Jena, die Technische Hochschule Dresden und die Bergakademie Freiberg. Als erste wurde die Universität Jena im Oktober 1945 wiedereröffnet. Im Juli 1946 erlaubten die Sowjets die Eröffnung der Deutschen Akademie der Wissenschaften, vormals Preußische Akademie der Wissenschaften. Die im selben Jahr gegründete „Kammer der Technik“ organisierte die wissenschaftlich-technische Intelligenz beruflich. In der Phase des Wiederaufbaus konnten Forschung und Lehre ihre Unabhängigkeit erhalten. Zwar schätzte die SED-Führung die Wissenschaft als „mächtigsten Hebel des gesellschaftlichen Fortschritts“ ein, legte aber ihr Hauptaugenmerk zunächst auf die politischen und gesellschaftlichen Reformen. Diese „Revolution von oben“ führte zur Verstaatlichung der Produktionsmittel, zur Aufteilung der landwirtschaftlichen Nutzfläche und zur Einrichtung einer Einheitsschule, die Arbeiter- und Bauernkinder, auch bei der Zulassung zu den Hochschulen, besonders förderte.

Lenkungseinrichtungen müssen erst geschaffen werden

Die Autonomie von Forschung und Technik blieb zunächst auch deshalb bestehen, weil die kommunistische Führung sich von deren Politisierung im NS-Staat absetzen wollte. Außerdem konnte man für den Neuaufbau auch unpolitische Experten, ja sogar Vertreter der alten Intelligenz, die einer „bürgerlichen“ bzw. „kapitalistischen“ Wissenschaft zugerechnet wurden, gebrauchen. Denn für eine zentrale Lenkung der Wissenschaft war noch kein erfahrenes Verwaltungspersonal vorhanden. Diese „neue Intelligenz auf einer neuen sozialen Basis“ musste erst herangebildet werden. So wurden die seit 1949 so genannten Arbeiter- und Bauernfakultäten für „Volksstudenten“ und die gesellschaftswissenschaftlichen Fakultäten, die Personal für die Wirtschaftsplanung und die Verwaltung in Staat, Kultur sowie Bildungs- und Sozialwesen ausbildeten, gegründet.

Beginn der politischen Steuerung 1948/49

Wirtschaftliche Einbindung

Nach Überwindung der Anlaufschwierigkeiten aufgrund des Krieges und mit Verschärfung des Kalten Krieges zwischen den Blockmächten setzte eine gründlichere Einbindung von Wissenschaft und Technik in das zentrale Lenkungssystem der DDR ein. Der erste Zweijahresplan (1949/50) betonte die ökonomische Funktion der Wissenschaft, die dem Ausbau des Binnenmarktes und des Exports zuarbeiten sollte, besonders in den Bereichen Kohleförderung, Hüttenwesen, Baumaterialien, Lebensmittelrohstoffe und Düngemittel sowie Kunstfaser- und Papierproduktion.

Einbindung in die Parteiverwaltung nach sowjetischem Vorbild

Dem organisatorischen und ideologischen Modell der UdSSR wurde mit der Parole „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ nachgeeifert. Einerseits privilegierte man den Wissenschaftsbetrieb (Nationalpreis für hervorragende Leistungen; Verordnung vom 31. März 1949 über Sonderzuwendungen). Andererseits erhöhte sich der politische Druck zur Durchsetzung der Methodologie des Marxismus-Leninismus. Von der SED veranstaltete Konferenzen entwarfen verbindliche Sprachregelungen und Aufgabenformulierungen. In den Instituten kontrollierten die Betriebsgruppen der SED die Arbeit der Wissenschaftler. Die spätere Abteilung des SED-Zentralkomitees für Wissenschaft und Hochschulen sollte der Lenkung und Planung der Hochschul-, der Akademie- und Industrieforschung dienen. Maßnahmen zur Unterdrückung abweichender Meinungen reichten bis zu Berufsverbot und Verhaftung. Bekannte Beispiele sind die Zwangsemeritierung des Philosophen Ernst Bloch und die Verurteilung des Philosophen Wolfgang Harich zu Zuchthaus. Eine weitere Steuerungsmöglichkeit der SED bestand in der Kontrolle und Zensur wissenschaftlicher Publikationen.

Optimistisch in die Verwaltungsdiktatur - Die 1950er Jahre

Ideologische Propädeutik für alle Studierenden

Die zweite Hochschulreform brachte während des ersten Fünfjahresplans (1951-1955) Veränderungen in Ausbildung und Lehre. Aus den anfangs acht Hochschulen waren 44 (1954) geworden. In diesen wurde jetzt nicht nur ein den Marxismus-Leninismus als „Oberwissenschaft“ vermittelndes gesellschaftswissenschaftliches Grundstudium, sondern auch Russisch als erste Fremdsprache für alle Studenten obligatorisch.

Parteilichkeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften

Der Parteiführung direkt unterstellte gesellschaftswissenschaftliche Institute formten die Forschung und Lehre in den politisch sensiblen Geistes- und Sozialwissenschaften. In der Folge unterstützten die Parteihochschule Karl Marx und das Institut für Marxismus-Leninismus den „Sturm auf die Festung Wissenschaft“. Sie gaben seit Mitte der 1950er Jahre Ziele, Ergebnisse und Methoden z.B. der Geschichtswissenschaft vor, die sich durch das Kriterium der „Parteilichkeit“ vornehmlich an Entwicklungsproblemen der DDR - z.B. der Geschichte der Arbeiterbewegung - auszurichten hatte.

Ökonomischer Konkurrenzkampf mit der BRD

Für Technik und Naturwissenschaften wurde erneut die ökonomische Relevanz der Forschung mit dem Ziel unterstrichen, „den Stand der Technik und der Arbeitsproduktivität Westdeutschlands und der übrigen kapitalistischen Länder zu überflügeln“ (Beschluss des DDR-Ministerrates am 21. Juni 1955). Auch in den „ökonomischen Hauptaufgaben“ (1958) wurde das Überholen der Bundesrepublik in Bezug auf Konsumgüterproduktion, Pro-Kopf-Verbrauch und Produktivität herausgestellt. Die Schwerpunkte der Forschung wurden aufgrund der wirtschaftlichen Lage der DDR zentral definiert, insbesondere für die Bereiche Rohstoffe (Kohle, Eisen, Öl), Energie und Kernforschung, Metallurgie, Kunststoffe, Maschinenbau, Chemie, Landwirtschaft, Medizin mit Krebsforschung und Tuberkulose-Bekämpfung.

Forschungsrat

Mit dem Forschungsrat wurde 1957 ein Gremium zur langfristigen und ökonomischen Planung sowie zur Schwerpunktbildung von Forschung und Wissenschaft eingerichtet, dessen Besetzung und Aufgaben von der Partei- und Staatsführung der Deutschen Demokratischen Republik fest vorgeschrieben und bestimmt wurden.

Die Gesellschaftswissenschaften der DDR

Der im DDR-Jargon durch den Klassencharakter geprägte Begriff der „Parteilichkeit“ bestimmte die Inhalte, Aufgaben und Ziele der DDR-Gesellschaftswissenschaften. „Parteilichkeit“ definiert die marxistisch-leninistische Philosophie als ein „bewusstes theoretisch-methodisches Prinzip, das dem objektiven Zusammenhang von Wissenschaftlichkeit und Parteinahme für die Interessen des Proletariats entspricht“. Eine wichtige Funktion der Gesellschaftswissenschaften kam der Pflege von Erbe und Tradition zu. Während das „Erbe“ die gesamte Geschichte mit ihren Verhältnissen, Ideen und Leistungen meinte, zielten die „Traditionen“ durch Auswahl und bewusste Festlegung auf die Entwicklungen, Erfahrungen und Personen, die das sozialistische Bewusstsein und das Selbstverständnis der DDR förderten. Die Betonung von Traditionen hatte nicht nur die Aufgabe, der DDR ihren Platz in der deutschen Geschichte zuzuweisen, sondern sie vor allem als deren Höhepunkt zu legitimieren, da „das Proletariat historisch als der Interessenvertreter der Menschheit und der Vollstrecker der geschichtlichen Notwendigkeit auftritt“.

Das Progressive repräsentierte die DDR und ihr „real existierender Sozialismus“, das Reaktionäre die Bundesrepublik und ihre „politische Restauration“. Zur Sinnstiftung wurden die Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung, der deutschen Klassik, der revolutionären Erhebungen (Bauernkrieg, Revolution 1848/49 sowie 1918/19) und der deutsch-russischen Zusammenarbeit (z.B. Befreiungskriege gegen Napoleon) herausgestrichen. Außerdem dienten der DDR als positive Traditionslinie die „großen Gestalten des deutschen Fortschritts“ wie Karl Marx und Friedrich Engels, Wilhelm und Karl Liebknecht, Ernst Thälmann, Thomas Müntzer oder Karl Freiherr vom und zum Stein.

Erst in den frühen 1980er Jahren wurden die Traditionen ergänzt, um die Geschichte als Ganzes, das Erbe in seiner Gesamtheit zu verstehen. Neben Traditionen der DDR selbst und ihrer Beziehungen zu den Bruderländern wurden auch die positiven Leistungen von „herrschenden Ausbeuterklassen“ gewürdigt. Die DDR sollte kein künstlicher Staat sein, der neue Gedanke war vielmehr der, dass die DDR insgesamt in der deutschen Geschichte wurzeln sollte, um so die Beheimatung im „sozialistischen Vaterland DDR“ zu verankern.

Versuch der Ökonomisierung in den 1960er Jahren

Verstärkte Abgrenzung - verminderte Abwanderung

Der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 brachte auch für den Wissenschaftsbetrieb der DDR Veränderungen. Einerseits verhinderte die im offiziellen Jargon als „antifaschistischer Schutzwall“ bezeichnete Grenze die bedrohlich gestiegene Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften. Andererseits verfolgte die SED jetzt bis zum Ende der sechziger Jahre eine verstärkte Abgrenzung gegen den Westen, die zur Folge hatte, dass noch existente wissenschaftliche und kulturelle Bindungen an die BRD sich auflösten. Zusammen mit dem seit 1957/58 bestehenden Reiseverbot für Studenten in „NATO-Länder“ und den genehmigungspflichtigen Westreisen von Wissenschaftlern wurde der Rückzug aus gesamtdeutschen Gesellschaften und Aktivitäten verstärkt.

Fortschritte beim sozialistischen Aufbau

Zugleich verstärkte sich die Integration der DDR in das System der sozialistischen Länder. Dafür waren auch die sozialökonomischen und politischen Voraussetzungen erfüllt. Die Kollektivierung der Landwirtschaft fand 1960 ihren Abschluss. Noch private Industriebetriebe hatten staatliche Beteiligungen zu akzeptieren und wurden so in das staatliche Planungssystem eingepasst.

Mehr Freiraum im ökonomischen System

Hinter dem Schutz der Mauer wagte die DDR-Führung jetzt Reformen im ökonomischen System. So bestanden die Ziele der ersten Wirtschaftsreform 1963 darin, auf der Basis des „neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ den Betrieben mehr Freiraum zu gewähren. Sie sollten rentabler wirtschaften und den Produktionsprozess durch wissenschaftlich-technische Innovationen prägen. Ihnen wurden Investitionen und Ausstattung mit Arbeitskräften und Material nach einer abgestuften Prioritätenliste zugewiesen: Landesverteidigung, Export in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (Devisen), Export in das sozialistische Wirtschaftsgebiet und schließlich die Planerfüllung Inland sowie an letzter Stelle Konsumgüter.

Zentralisierung des Wissenschaftsbetriebs

Auch der Bildungssektor wurde zur Untermauerung des „Siegs der sozialistischen Produktionsverhältnisse“ erneuert. Zehn Schuljahre und polytechnischer Unterricht an den Schulen wurden Pflicht. An den erweiterten Oberschulen war das Abitur mit einer Facharbeiterausbildung verbunden. In einer dritten Hochschulreform seit Mitte der 1960er Jahre wurden die Studiengänge in Grund-, Fach- und Forschungsstudium neu gegliedert und die Regelstudienzeit auf vier Jahre begrenzt. Aus einer Organisations- und Leitungsreform gingen die noch relativ autonomen universitären Institute und Fakultäten zu Sektionen gebündelt hervor, deren Leiter dem Rektor unterstellt waren. Die Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW), die bis 1972 Deutsche Akademie der Wissenschaften hieß, erhielt neue Institute und wurde in sechs zentrale Forschungsbereiche eingeteilt. Sie erfuhr als „Forschungsgemeinschaft“ mit enger Anbindung an die Erfordernisse des sozialistischen Gesellschaftssystems zur zentralen Einrichtung für die naturwissenschaftliche, medizinische und mathematische Forschung eine Aufwertung. Die Hochschulreform drängte das Prinzip der Selbststeuerung der Wissenschaft zurück. Sie zentralisierte die Betriebsorganisation und sollte einer besseren Ökonomie des Lehr- und Forschungsbetriebs dienen. 1968 fand sie in der geänderten Verfassung ihren Niederschlag: Freiheit der Wissenschaft wurde jetzt nicht mehr, wie noch in der Verfassung von 1949, konstatiert, sondern „die sozialistische Gesellschaft zu gestalten und an der Entwicklung der sozialistischen Demokratie schöpferisch mitzuarbeiten“ wurde in Art. 17 von der Wissenschaft gefordert.

Geringe Produktivität trotz immer neuer Lenkungseinrichtungen

Mit dem Staatssekretariat für Forschung und Technik (seit 1962) und dem daraus 1967 hervorgegangenen Ministerium für Wissenschaft und Technik sowie auch mit wissenschaftlichen Räten (vornehmlich seit den 1970er Jahren) und der Auftragsforschung stellte man neue Lenkungs- und Koordinationseinrichtungen zur Verfügung, um die Ökonomisierung der wissenschaftlichen und technischen Kompetenzen voranzutreiben, denn die Arbeitsproduktivität der Bundesrepublik war bei weitem nicht erreicht worden. Lediglich mit der Arbeitslosigkeit, die im Westen zunahm, hatte man keine Probleme. Doch auch im marxistisch-leninistischen Verständnis blieb die Steigerung der Arbeitsproduktivität der „Dreh- und Angelpunkt“ für die wirtschaftliche und damit auch politische Stabilisierung.

„Produktivkraft Wissenschaft“
Wissenschaftsförderung in der DDR

Das Parteiprogramm der SED hatte schon 1963 die „Produktivkraft Wissenschaft“ den Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital gleichgestellt. Die solchermaßen wertgeschätzte Wissenschaft, die „selbst als Grundlage der Leitung der gesellschaftlichen Prozesse dient“ und die „planmäßig durch die Partei der Arbeiterklasse gelenkt wird“, wurde entsprechend ausgebaut und gefördert. So stieg die Anzahl der Universitäten und Hochschulen der DDR bis Mitte der 1980er Jahre auf 59, die staatliche Wissenschaftsförderung von 1,2 Milliarden Mark (1960) auf 9,3 Milliarden Mark (1983). Gemessen am jährlich produzierten Nationaleinkommen stiegen die Ausgaben für Wissenschaft und Technik von 3% in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre auf 4% in den 1970er Jahren und auf ca. 5% im letzten Jahrzehnt der DDR.

Die Förderung der Wissenschaft ließ die Zahl der Forschungsthemen Mitte der 1960er Jahre auf über 17 000 steigen; 1800 Forschungs- und Entwicklungsstellen zählten 87 000 Beschäftigte. Jedoch kritisierte die Parteiführung nicht nur diese thematische und personelle Zersplitterung, sondern auch die langwierige Bearbeitung und forderte, Wissenschaft „zur Wirkung zu bringen“ (SED-Parteitag 1967). Dagegen resultierte aus dem enorm hohen Personalstand eine engste Spezialisierung und eine die Leistungsbereitschaft vernachlässigende Versorgungsmentalität.

Von den Wissenschaftlern der entwickelten sozialistischen Gesellschaft wurde eine „von hoher politisch-moralischer Verantwortung getragene, von der marxistisch-leninistischen Weltanschauung geprägte, schöpferische und dem Sozialismus dienende Arbeit“ (Beschluss des Politbüros des ZK der SED vom 18.3.1980) erwartet. Die wissenschaftliche Arbeit hatte den Nutzen des jeweiligen Forschungsergebnisses für die sozialistische Gesellschaft und daneben den ideologischen Gewinn in der internationalen Klassenauseinandersetzung hervorzuheben.

Hoffnungsvolle Ansätze in den siebziger Jahren

Kooperation mit anderen RGW-Staaten

Ausgehend von Ansätzen zu Beginn der sechziger Jahre verstärkte die SED ein Jahrzehnt später die internationale Zusammenarbeit mit den am stärksten industrialisierten Ländern des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Durch ein „Komplexprogramm“ sollte der Fortschritt seit 1971 nicht allein auf der Basis isolierter Bemühungen der DDR, sondern durch eine Arbeitsteilung der sozialistischen „Bruderländer“ und eine Veränderung der forschungspolitischen Landschaft verwirklicht werden. So gelang es der Akademie der Wissenschaften bis Mitte der 1980er Jahre Kooperationen mit 200 Forschungsinstituten in den RGW-Staaten, davon allein etwa 80 in der UdSSR, zu vereinbaren.

Innovationen

Wirtschaft und Technik sollten der effizienteren Nutzung der vorhandenen Wirtschaftsressourcen dienen und für einen erhöhten Lebensstandard und ein stabiles Wirtschaftswachstum Sorge tragen. Es wurden bis zum Ende des Fünfjahresplans 1975 etwa 10 000 Verfahren erstmals in die Produktion eingeführt. Dazu kamen etwa 12 000 neue Erzeugnisse, von denen allerdings nur 10% (1972) mit dem „Weltniveau“ mithalten konnten. Seit Mitte der 1970er Jahre wurden „Akademie-Industrie-Komplexe“ (AIK) gegründet, die nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Akademieforschung und Industrie- bzw. Ressortforschung, sondern auch effizientere Innovationen garantieren sollten.

Erfolge

Um eine „schematische“ Übernahme „kapitalistischer“ Forschungsansätze und wissenschaftlicher Lösungen zu vermeiden, wurde auch die naturwissenschaftlich-technische Grundlagenforschung sowie die angewandte Forschung und Entwicklung akzeptiert und gefördert. Die Unterstützung von bestimmten Disziplinen (Mathematik, Kybernetik, Informationsverarbeitung) und Bereichen (Energie- und Rohstoffwirtschaft) führte zur einer Steigerung sowohl der Arbeitsproduktivität als auch der Material-, Energie- und Arbeitsplatzeinsparungen.

Wirtschaftlicher Niedergang in den 1980er Jahren

Produktivität ist nicht zu erreichen

Anfang der 1980er Jahre musste die SED ihren Anspruch erneuern: Der wissenschaftlich-technische Fortschritt und dessen „Überleitung“ in nutzbare Resultate hatte eine „durchgreifende Steigerung“ der wirtschaftlichen Produktivität und Effizienz zu erreichen. Damit war die Schwachstelle in der Kette von der Grundlagenforschung über die Entwicklung der angewandten Forschung zur industriellen Fertigung erkannt. Die Mangelwirtschaft der DDR litt immer noch an der gegenläufigen Entwicklung von erhöhten Wissenschaftsanstrengungen und reduzierter Arbeitsproduktivität. Darüber hinaus erschwerten die kurze Lebensdauer von Sortimenten und der schnelle Generationswechsel bei Erzeugnissen und Verfahren sowie die begrenzten Absatzmärkte eine kostengünstige Serienfertigung.

Geldmangel lähmt die Forschung

Als in den 1980er Jahren in der DDR die Devisen knapper wurden und die Verschuldung zunahm, fehlte auch der Wissenschaft und Forschung Geld. Man konnte mit dem Innovationstempo der internationalen Märkte nicht mehr mithalten, in die technologische Forschung (Mikroelektronik, Automatisierung, Rationalisierung) nicht mehr genügend investieren. Veraltete Technologien konnten nicht mehr ausgetauscht werden. Man konnte nicht einmal mehr den aktuellen internationalen Forschungsstand genau beobachten und analysieren.

Widersprüchliche Steuerung in der Endphase der DDR

Unvorhergesehene Folgen der Parteiplanung

Hatte sich zunächst der Wettkampf der Systeme aus der Sicht der DDR auf die Arbeitsproduktivität und die Lösung der ökonomischen und sozialen Probleme kapriziert, so kamen durch die geforderte „wissenschaftlich-technische Revolution“ neue Probleme auf das Land zu. Denn die Zuordnung einer „Schlüsselrolle“ für Wissenschaft, Forschung und Technik hat nicht nur ein qualitatives Wirtschaftswachstum gefördert, sondern auch zu einer enormen Eigendynamik geführt und Strategien für eine moderne Gesellschaft gefordert. So wurde z.B. die wirtschaftswissenschaftliche und die technische Forschung angehalten, eine Strukturpolitik und Strukturentscheidungen für die Zukunft anzubieten. So sollten die Kombinate als Zusammenschlüsse von Produktionsbetrieben adäquater Industriezweige die neuen Entwicklungen in der Wissenschaft mit „sicherem Gespür“ zügig erkennen. Und das bei einer zentralen Planung und Kontrolle durch den Staat. Als die SED-Führung das Forschungspersonal „ideologisch zu mobilisieren“ sich abmühte, musste sie erkennen, dass der eigenständige Fortschritt in Forschung und Technik neue soziale und politische Probleme hervorrief. Das hatte Konsequenzen, die den ideologischen Ausgangsüberlegungen widersprachen: Nicht nur die Abgrenzung zum Konzept freiheitlicher Wissenschaft war aufgeweicht, sondern, z.B. durch leistungsbezogene Bezahlung, waren soziale Unterschiede in Kauf genommen worden.

Mischsteuerung führt zur Ineffektivität

In der Folge entstand ein Paradox. Die Funktion und Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft förderte die Autonomie des wissenschaftlichen und technischen Betriebs. Dagegen sollte dieser aufgrund des politischen Führungsanspruchs der SED immer enger in Planung und Leitung des Gesamtsystems eingebunden werden, um die Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme im Sinne des sozialistischen Staates anzustreben. Diese „Mischung von Fremd- und Selbststeuerung der Wissenschaft“ verhinderte auch eine strenge Ökonomisierung und somit Steuerung der Forschung durch die Industrie. Denn zugleich prägten - verstärkt durch die auf eine einzige politische Kraft (SED) festgelegten Verhältnisse in der DDR - sowohl politische und wirtschaftliche Ziele als auch gesellschaftliche und wissenschaftliche Probleme die forschungspolitische Entscheidungsfindung.

Gustav Hertz - Pionier der Atomphysik

Gustav Hertz wurde am 22. Juli 1887 in Hamburg als Neffe des bekannten Namensgebers der Frequenzeinheit Heinrich Hertz geboren.

Nach der Habilitation 1917 und einer fünfjährigen wissenschaftlichen Tätigkeit bei Philips in Holland ging er 1925 als ordentlicher Professor der Physik an die Universität Halle, 1928 an die TH Berlin-Charlottenburg, wo er das Physikalische Institut leitete. Zusammen mit James Franck hatte er bereits Jahre zuvor eine Versuchsreihe zur Elektronenstoßanregung von Quecksilberatomen durchgeführt, mit der die Existenz des von Niels Bohr angenommenen diskreten Energieniveaus der Atomhülle nachgewiesen wurde. Für diese Leistung erhielten die beiden Wissenschaftler gemeinsam 1925 den Nobelpreis. 1928 konnte Hertz eine der Methoden finden, die später der Uranspaltung für die Atomherstellung diente. Wegen seiner Ablehnung des Naziregimes wechselte Hertz 1934 in die Privatwirtschaft (Siemens), beschäftigte sich aber weiterhin mit der Atomforschung.

Nach der Eroberung Berlins 1945 ging er freiwillig in die Sowjetunion, wo er gute Arbeitsbedingungen erhielt. Nach Arbeiten auf dem Gebiet der Atomforschung, des Überschalls und der Entwicklung des Radars engagierte er sich zusammen mit Manfred von Ardenne und einem großen Mitarbeiterstab in der neu eingerichteten Atomforschungsstätte bei Suchumi am Schwarzen Meer. Sowohl eine industriell verwertbare Trennungsmethode für Isotope als auch eine große Trennanlage zur Anreicherung des Urans wurden entwickelt.

Nach der Rückkehr in die DDR 1954 lehrte Hertz bis 1961 Experimentalphysik an der Leipziger Universität und stand dem dortigen physikalischen Institut sowie dem „Wissenschaftlichen Rat für die friedliche Anwendung der Atomenergie“ vor. Enttäuscht von der Pervertierung der sozialistischen Idee durch das SED-Regime, starb Hertz am 30. Oktober 1975 in Ostberlin.

Manfred von Ardenne - Pionier der Rundfunk- und Fernsehtechnik

Manfred von Ardenne, geboren am 20. Januar 1907 in Hamburg, baute schon in seiner Kindheit in Berlin Fotoapparate und Alarmanlagen. Bereits als 16-jähriger erhielt er ein Patent, auf das etwa 600 folgen sollten. Aus seiner Entwicklung der Dreifachradioröhre wurde 1926 der „Loewe-Opta“ -Rundfunkempfänger gebaut. Nach dem Abbruch eines naturwissenschaftlichen Studiums forschte er seit 1928 in seinem eigenen Laboratorium für Elektronenphysik. Zu seinen Entwicklungen zählen: eine verbesserte Braunsche Elektronenstrahlröhre, ein Breitbandverstärker, ein Spezialgerät für die Lungendiagnostik, das elektronische Fernsehen (Berliner Funkausstellung 1931) und das Raster-Elektronenmikroskop (1937). Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Ardenne in der Radartechnik, an einem Zyklotron für Atomversuche und an einem Massenspektrographen. Nach Kriegsende engagierten ihn die Sowjets, und er war in Suchumi an der Entwicklung der russischen Atombombe (Isotopentrennverfahren) beteiligt. Hoch geehrt kehrte er 1955 zurück, übernahm den Lehrstuhl für elektrotechnische Sonderprobleme der Kerntechnik an der TU Dresden und richtete sich ein eigenes Institut - vorwiegend für die industrienahe Zweckforschung - ein, das er mit etwa 500 Mitarbeitern zum „größten Privatunternehmen der DDR“ ausbaute. Zunehmend forschte er im medizinischen Bereich und wurde mit seiner „Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie“ sowie seiner systematischen Krebs-Mehrschritt-Therapie berühmt.

Seine Thesen zur Effizienzerhöhung deklarierte er in der Endphase der DDR als „letzte Chance für einen menschlichen, würdigen und attraktiven Sozialismus“. Das Ausbleiben staatlicher Fördermittel mit dem Ende der DDR schränkte die Arbeit seines Instituts drastisch ein. Ardenne, der neben zahlreichen wissenschaftlichen Büchern auch eine Autobiografie verfasst hat, starb am 26. Mai 1997 in Dresden.

Bibliografie:

  • Manfred von Ardenne: Erinnerungen, fortgeschrieben. Ein Forscherleben im Jahrhundert des Wandels der Wissenschaften und politischen Systeme, Düsseldorf 1997
  • Gerhard Barkleit: Manfred von Ardenne. Selbstverwirklichung im Jahrhundert der Diktaturen, Berlin 2006
  • Dieter Hoffmann und Kristie Macrakis (Hrsg.): Naturwissenschaft und Technik in der DDR, Berlin 1997
  • J. Kocka und R. Mayntz (Hrsg.): Wissenschaft und Wiedervereinigung. Disziplinen im Umbruch, Berlin 1998
  • Josef Kuczera: Gustav Hertz, Wiesbaden 1985
  • Michael Leszczensky und Bastian Filaretow: Hochschulstudium in der DDR. Statistischer Überblick, Hamburg 1990
  • Hansgünter Meyer (Hrsg.): Intelligenz, Wissenschaft und Forschung in der DDR, Berlin 1990
  • Wolfgang D. Müller: Geschichte der Kernenergie in der DDR, Stuttgart 2001
  • Agnes C. Tandler: Geplante Zukunft. Wissenschaftler und Wissenschaftspolitik in der DDR 1955-1971, Freiberg 2000
  • Verein für Kernverfahrenstechnik und Analytik Rossendorf e.V. (Hrsg.): Zur Geschichte der Kernenergie in der DDR, Frankfurt/M. 2000
  • Dieter Voigt und Lothar Mertens: DDR-Wissenschaft im Zwiespalt zwischen Forschung und Staatssicherheit, Berlin 1995
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