Wladimir Horowitz
Biografie
Die Daten in der folgenden Biografie beziehen sich der Einfachheit halber auf den Gregorianischen Kalender, der dem bis 1917 gültigen Julianischen Kalender im 19. Jahrhundert um 12 Tage voraus ist (im 20. Jahrhundert um noch einen weiteren Tag).
Kindheit
Wladimir Samojlowitsch Horowitz wird am 1. Oktober 1903 in eine musikalische Familie hinein geboren. Bis heute gibt es jedoch keine beglaubigten Urkunden oder anderweitige Beweise, die seinen Geburtsort gültig bestätigen und so werden die Angaben weiter zwischen dem ukrainischen Dorf Berditschew, das einen zweifelhaften Ruf genoss, und der lebendigen Hauptstadt Kiew schwanken. Tatsache ist, das Wladimir (oder Wolodja wie der familiäre Kosename lautete) seine Kindheit in Kiew verbrachte.
Er ist das jüngste von vier Kindern des Ingenieurs Samuel Gorowiz (das westeuropäische H wird im Russischen mit G transkribiert) und seiner Frau Sophie, die eine ausgezeichnete Pianistin ist, daraus jedoch keine berufliche Karriere macht wie ihr Schwager Alexander, der bei Alexander Skrjabin studiert hatte und in Charkow als gefeierter Solist, Lehrer und Kritiker tätig ist. Musik ist im Hause Horowitz selbstverständlicher Bestandteil der Erziehung und so wächst Wolodja, das Nesthäkchen, von klein auf in einer Welt der Töne und Klänge auf: Der älteste Bruder Jakob entwickelt sich bereits zu einem fähigen Pianisten, Georg lernt Geige und Reginas pianistische Fähigkeiten versprechen sogar Außergewöhnliches. Bei so viel Begabung wird es für den Jüngsten schwer, mitzuhalten. Auch er erhält seinen ersten Unterricht auf dem Klavier von der Mutter im Alter von drei Jahren. Das Instrument nimmt ihn von Anfang an gefangen und er verbringt Stunden davor, weniger mit trockenen Fingerübungen als durch lebendigen Kontakt mit den Meisterwerken der Jahrhunderte anhand der elterlichen Notenbibliothek. Seine besondere Liebe gilt der Oper und mit Klavierauszügen bewaffnet studiert er ein Werk nach dem anderen. Opernbesuche in der kulturell lebendigen Stadt Kiew gehören denn auch zu Wladimirs wertvollsten Kindheits- und Jugenderinnerungen, wohingegen er langweiligen Klavierabenden ohne orchestrale Farbenvielfalt zur Enttäuschung seiner Mutter nur wenig Interesse abgewinnen kann - das Bemühen, einen solchen Klavierabend zu einem Klangerlebnis zu gestalten, sollte denn auch bei dem späteren Pianisten zu einem zentralen Anliegen werden. Einen tieferen Eindruck hinterlässt einzig der Komponist und Pianist Sergej Rachmaninow, dessen Faszination in einer Synthese aus Musikalität, technischer Perfektion und künstlerischer Präsenz besteht.
Schüler des Konservatoriums von Kiew
Angesichts der überdurchschnittlichen Begabung ihrer beiden jüngsten Kinder, schickt Sophie Horowitz Regina und Wladimir im Jahr 1912 auf das örtliche Konservatorium. Dort nimmt Wolodjas bis dahin unbekümmertes und eher disziplinloses Klavierspiel ein jähes Ende und an seine Stelle tritt zielstrebiges Erarbeiten des pianistischen Standardrepertoires. Und obwohl er sich nur ungern in diese Zwangsjacke stecken lässt und seine Lehrer aufgrund seiner rebellischen Art mehr als einmal zur Verzweiflung treibt, haben diese Jahre ihre unauslöschlichen Spuren hinterlassen. Sergej Tarnowskij, Wladimirs zweiter Lehrer am Konservatorium, erweitert nicht nur seinen musikalischen Horizont, sondern prägt auch seine Anschlagtechnik, die sich darauf konzentriert, den Ton genau in der Mitte der Taste zu treffen. Nicht minder bedeutungsvoll sollte ab1919 der Einfluss seines letzten Lehrers Felix Blumenfeld, einem Schüler des legendären Anton Rubinstein, sein, der Wladimir vielleicht eine der wichtigsten künstlerischen Eigenschaften vermittelt: die absolute Freiheit der schöpferischen Kreativität, die - ausgehend von der technischen Beherrschung des Instruments - erst eine musikalische Gestaltung möglich macht. Während dieser Zeit entsteht auch seine besondere Liebe zu Mozart, dessen Werken er v. a. in seinen letzten Lebensjahren einen besonderen Platz einräumen sollte. Wladimir saugt alle diese Einflüsse wie ein Schwamm begierig in sich auf und so hat er sich bereits zum Ende seines Studiums zu einem außergewöhnlichen Pianisten entwickelt, dem die Professoren nach seinem Abschlusskonzert - völlig unüblich in der Konservatoriumspraxis - persönlich gratulieren.
Konzertdebüt in Kiew
Wladimir Horowitz' öffentliches Debüt als Pianist am 30. Mai 1920 zieht zwar das Publikum noch nicht in Scharen an, macht jedoch schon deutlich, dass sich hier eine Künstlerpersönlichkeit besonderer Art zu entwickeln beginnt und auf dem Weg nach oben befindet. Vom ersten Moment an fasziniert er durch die Kombination einer eigenwilligen Technik und differenzierter musikalischer Gestaltung, die dem Klavier völlig neue Dimensionen und Klänge entlockt. Aus diesen Jahren datiert auch der Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit dem Geiger Nathan Milstein, mit dem Horowitz in den nächsten Jahren eine Vielzahl von Konzerten gibt, die durch die musikalische "Telepathie" zu einem besonderen Erlebnis werden. Glanzlichter dieser Zeit, die Horowitz innerhalb von wenigen Jahren zu einem der gefeiertsten Pianisten macht, sind eine Aufführung von Sergej Rachmaninows drittem Klavierkonzert, das sich zu dieser Zeit erst noch mühsam seinen Weg ins pianistische Standardrepertoire erkämpfen muss, die russische Erstaufführung von Karol Szymanowskis und Sergej Prokofjews erstem Violinkonzert (jeweils in der Klavierfassung, die jedoch so glänzend vorgetragen wird, dass man die Farbenvielfalt des Orchesters kaum vermisst) sowie ein Konzertzyklus in St. Petersburg im Winter 1924/25.
Auf "Studienreise"
Angesichts der deprimierenden politischen Situation, die mit mehr oder weniger gravierenden Eingriffen in das Leben jedes einzelnen Bürgers einhergeht, reift in Wladimir Horowitz während dieser Jahre zunehmend der Entschluss, sein Heimatland zu verlassen. Einen ersten Schritt in diese Richtung bedeutet im September 1925 sein Aufbruch gen Westen auf Einladung des russischen Impresarios Alexander Merowitsch, der das erfolgreiche Duo Milstein-Horowitz zunächst in Berlin und Paris zu einem lukrativen Exportschlager machen will. Die offizielle Version, mit der die Ausreise genehmigt wird, gibt fortgeschrittene Studien bei dem deutschen Pianisten und Komponisten Artur Schnabel an.
Wladimir Horowitz gibt sein Berliner Debüt am 2. Januar 1926 im Beethovensaal, dem zwei weitere Konzerte sowie ein Auftritt mit den Berliner Symphonikern und Tschaikowskijs Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll unter der Leitung von Oskar Fried im Blüthner-Saal, folgen. Vom ersten Moment an überzeugt der Solist vor allem die Presse durch seine individuelle künstlerische Persönlichkeit, die in einer Kombination von brillanter Technik, Klangschönheit und Musikalität besteht. Horowitz und Merowitsch hatten alles auf eine Karte gesetzt und - gewonnen! Ein neuer Stern war am Pianistenhimmel aufgegangen und hatte die musikalische Welt auf sich aufmerksam gemacht.
Doch Horowitz' erste bedeutende Sternstunde sollte erst noch kommen. Nach einem wenig beachteten Konzert am 19. Januar im Hamburger Hotel Atlantic springt der Pianist einen Tag später für die erkrankte Pianistin Helene Zimmermann als Solist im Tschaikowskij-Konzert ein. Zunächst noch skeptisch sowohl vom Dirigenten als auch vom Publikum beargwöhnt, elektrisiert Horowitz beide von den ersten Takten an und entfesselt nach dem Konzert tumultartigen Beifall. Nun steht ihm der Weg in die ganze Welt offen. Eine ähnliche Schicksalsstunde sollte 17 Jahre später Leonard Bernstein schlagen, als er in einem Konzert mit dem New York Philharmonic Orchestra für den erkrankten Dirigenten Bruno Walter einspringt.
Auf musikalischen Eroberungsfeldzügen
Die nächste Station auf Horowitz' musikalischem Eroberungsfeldzug ist Paris, wohin sich die Kunde von seinem außergewöhnlichen Hamburger Konzert verbreitet hatte. Dort debütiert der Solist am 12. Februar 1926, angesichts unzureichender Pubicity jedoch nur vor einem kleinen Publikum, das dafür jedoch die erste Garde der Pariser Kritiker enthält. Deren sich wiederum in Lobeshymnen ergießende Rezensionen über das neue pianistische Genie sorgen dann allerdings einen Monat später am 12. März für ein volles Haus. Von da an besitzt Wladimir Horowitz in den Parisern eine treue Fangemeinde, die ihn in den nächsten Jahren bei jedem seiner Konzerte enthusiastisch feiert. Natürlich öffnen sich einer solchen Persönlichkeit spontan auch alle wichtigen Türen der Gesellschaft, wodurch der Pianist bedeutende Persönlichkeiten und Musiker wie Maurice Ravel, Sergej Prokofjew, Nadia Boulanger, Alexander Steinert, Igor Strawinsky, Francis Poulenc, Alfred Cortot, Artur Rubinstein oder Ignaz Friedman kennen lernt.
Horowitz hatte innerhalb weniger Monate alle anderen Pianisten weit hinter sich gelassen und war zu einem einsam auf einem Thron residierenden künstlerischen Idol erhoben worden - eine zweifelhafte Ehre, die es in den nächsten Jahren immer wieder neu zu rechtfertigen gilt. Die Gunst der Stunde ausnutzend, schmiedet Merowitsch denn auch umgehend neue Konzertpläne. Von einem inzwischen bezogenen kleinen Pariser Standquartier aus macht sich Horowitz in den nächsten Monaten zur Eroberung Europas mit Konzerten in Portugal, England, Norwegen, Schweden, Italien und Deutschland auf. Während eines Konzertes in Paris im Jahr 1927 schüttet wieder einmal die Glücksgöttin Fortuna ihr Füllhorn aus, denn an diesem Abend wird der einflussreiche amerikanische Konzertmanager Arthur Judson auf den Nachwuchsstar aufmerksam und bietet Horowitz für die kommende Saison eine Tournee durch die Vereinigten Staaten an.
Amerikanisches Debüt
Amerika - für Viele zu Beginn des 20. Jahrhunderts das gelobte Land, für Horowitz in vierfacher Hinsicht von schicksalhafter Bedeutung: als endgültiger Durchbruch zu einer internationalen Karriere, als neue Heimat, als Ort der Begegnung mit dem verehrten Komponisten und Pianisten Sergej Rachmaninow sowie mit seiner zukünftigen Frau Wanda Toscanini.
Der ein Leben lang exzentrische Horowitz kennt nach seiner Ankunft in New York zunächst nur ein Ziel - die so lange ersehnte Begegnung mit Sergej Rachmaninow. Als die beiden Künstler sich wenig später in Rachmaninows Wohnung gegenüberstehen, springt der Funke der Freundschaft sofort über, die sich in den folgenden Jahren zu einer engen Bindung entwickeln sollte, und Horowitz verblüfft den Älteren - wie noch so viele Pianisten und Kritiker im Laufe seines Lebens - durch seine völlig unorthodoxe Technik, die entgegen aller Erwartungen zum Erfolg führt. Ein großes Vergnügen und eine Bereicherung sollten beide Künstler in den kommenden Jahren im gemeinsamen vierhändigen Musizieren finden. Der Tod Rachmaninows im Jahr 1943 sollte in Wladimir Horowitz' Leben angesichts der fruchtbaren künstlerischen und ihn immer wieder inspirierenden Beziehung eine tiefe und schmerzhafte Lücke hinterlassen.
Weniger befriedigend verläuft das New Yorker Debüt in der Carnegie Hall am 12. Januar 1828 mit wiederum Tschaikowskijs 1. Klavierkonzert und den New Yorker Philharmonikern unter der Leitung von Sir Thomas Beecham. Angesichts dem diametral entgegengesetzten Verständnis dieses Werkes hinsichtlich der Tempi ist die Katastrophe bereits vorprogrammiert. Und so trennen sich am Konzertabend denn auch die künstlerischen Wege der Hauptakteure, nachdem Horowitz sich von dem schleppendem Tempo mehr und mehr in eine Zwangsjacke gesteckt fühlt. Dessen ungeachtet widmet der führende Kritiker der New York Times, Olin Downes, dem Neuling eine überschwengliche Rezension, die wieder einmal mehr die Synthese von Technik, Musikalität, Ausdruckskraft und Klangfarbe würdigt. Anschließend absolviert der Solist eine Tournee mit insgesamt 35 Konzerten u. a. in Long Island, Philadelphia, Boston und Chicago, in denen neben dem Tschaikowskij-Werk Konzerte von Rachmaninow (3. Klavierkonzert) und Brahms (2. Klavierkonzert) auf dem Programm stehen.
Trotz dieser überwältigenden Erfolge bleibt Horowitz in den nächsten Jahren auch der Stätte seiner ersten Erfolge, Europa, treu und begibt sich im Herbst und Frühjahr regelmäßig auf Konzerttourneen, die zumeist vor seiner treuen Pariser Fangemeinde enden. Ein bis dahin uninteressiertes Publikum bekehrt er 1930 in England und fügt es dem stets wachsenden Kreis seiner Bewunderer hinzu. Den Auftritten in Deutschland, seiner ersten westeuropäischen Stätte des Triumphs, setzt Horowitz nach dem Beginn der "braunen Invasion" im Jahr 1932 allerdings ein abruptes Ende.
Im Hafen der Ehe
Wladimir Horowitz begegnet Wanda Toscanini, der Tochter des legendären Dirigenten, erstmals im Jahr 1932 auf einer Cocktailparty. Zu dieser Zeit kennen sich die beiden Künstler noch nicht. Erst ein Jahr später kommt es zu einer ersten, musikalisch zufriedenstellenden Zusammenarbeit - was bei dem eigenwilligen und überaus kritischen Toscanini gar nicht so einfach zu erreichen ist - bei Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur, das am 23. April 1933 aufgeführt wird. Zu dieser Zeit vertiefen sich auch die Beziehungen zwischen Wanda und Wladimir und nach gut zweimonatiger Verlobungszeit findet am 21. Dezember 1933 in Toscaninis Mailänder Domizil die Hochzeit statt. Trotz des oft explosiven Zusammenlebens dieser beiden, jeweils auf ihre eigene Art exzentrischen Persönlichkeiten sollte diese Ehe Bestand haben. Die einzige Tochter, die am 1. Oktober 1934 zur Welt kommt, stirbt 1975 in Genf.
Zwischen 1949 und 1953 trennen sich vorübergehend die Wege der temperamentvollen Eheleute Wanda und Wladimir Horowitz. Nach ihrer Wiedervereinigung bemüht sich Wanda unermüdlich um den sich zu dieser Zeit in seiner zweiten Künstlerkrise steckenden Ehemann. Und trotz aller zwischenmenschlichen Schwierigkeiten wird sie in den Jahrzehnten ihres Zusammenlebens zur unentbehrlichen künstlerischen Beraterin und zum guten Geist in seinem Privatleben.
Erste Künstlerische Krise

Äußerlicher Auslöser für Wladimir Horowitz' erste künstlerische Krise ist im Jahr 1936 eine im Prinzip harmlose Blinddarmoperation - für den hypochondrisch veranlagten Künstler bezeichnenderweise ohne jede medizinische Indikation. Was als eine Vorsichtsmaßnahme beginnt, entwickelt sich schon bald zu einer ernsten Erkrankung, denn eine unerwartete Venenentzündung legt Horowitz über Monate hinweg physisch und künstlerisch völlig lahm. Er muss schließlich mühsam wieder laufen lernen. Aber dies sind nur die äußerlich sichtbaren Zeichen einer viel gravierenderen seelischen Krise, die man heute wohl mit dem Begriff Burn-out-Syndrom bezeichnen würde. Wladimir Horowitz hatte sich in den vergangenen Jahren künstlerisch so sehr verausgabt und sein Repertoire so überstrapaziert, dass die inspirativen Quellen versiegt sind. Als der Pianist schon ernsthaft erwägt, sich ganz aus dem Konzertleben zurückzuziehen und fortan als Lehrer zu wirken sowie sich seiner immer vom Klavier unterdrückten Kompositionstätigkeit zu widmen, eröffnet sich ihm plötzlich eine Perspektive durch ein völlig neues Repertoire, das den Akzent auf zeitgenössische Komponisten wie Paul Hindemith, Ottorino Respighi oder Samuel Barber sowie russische Werke von Sergej Prokofjew oder Dmitrij Kabalewskij legt. Gleichzeitig unterzieht er seine Art des Vortrags, der zuletzt einseitig zu sehr auf virtuosen Effekten aufgebaut war, einer gründlichen Revision. Treibende, ermutigende und unterstützende Kraft ist in dieser Zeit vor allem sein Freund Sergej Rachmaninow, so dass Wladimir Horowitz diese Krise letztendlich für seine Arbeit fruchtbar machen kann. Bei seinem ersten Konzert nach der zweijährigen Auftrittspause am 26. September 1938 in Zürich präsentiert sich dem Publikum ein musikalisch gereifter Pianist.
Als Staatenloser im Amerika
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs macht die Familie Horowitz Amerika zu ihrer neuen Heimat. Wladimir Horowitz besitzt zu dieser Zeit nur den Fridtjof-Nansen-Flüchtlingspass für Emigranten ohne konkretes Bürgerrecht. In Amerika wird sein erstes Comeback enthusiastisch gefeiert. Die folgenden Kriegsjahre stehen künstlerisch ganz unter dem patriotischen Stern des seit 1942 neuen amerikanischen Staatsbürgers Wladimir Horowitz, der mit Benefizkonzerten seinen eigenen Beitrag zum Kriegsgeschehen leistet und seine Klavierabende in dieser Zeit stets mit einer eigenen, äußerst eindrucksvollen und grandiosen Fassung der Nationalhymne "The Star-Spangled Banner" beginnt. Höhepunkte in Horowitz' Konzerttäigkeit der nächsten Jahre sind Aufführungen von Prokofjews Klaviersonaten 6, 7 und 8, die Uraufführung von Samuel Barbers Klaviersonate es-Moll op. 26 am 9. Dezember 1949 in Havanna sowie die 25-Jahr-Feier anlässlich seines New Yorker Debüts im Jahr 1953.
Bereits in den 1940er Jahren beginnt für Wladimir Horowitz eine Entwicklung, die er noch als 80-Jähriger kritisieren wird: die zunehmende Ent-Seelung der Musik, die reine Tastenvirtuosen ohne Seele und musikalischen Ausdruck hervorbringt. Horowitz' Antwort auf diese Entwicklung sind nicht nur seine bis zum letzten Konzert diametral entgegengesetzten Interpretationen, sondern eine konkrete Einflussnahme durch seine neue Tätigkeit als Lehrer. Doch bei den Schülern sollte es einer starken Persönlichkeit bedürfen, um die wertvollen künstlerischen Impulse zu einer eigenständigen pianistischen Sprache zu verarbeiten und nicht zu einem Abklatsch von Wladimir Horowitz zu verkümmern.
Zweite künstlerische Krise
Diesmal sollte Horowitz' Abwesenheit vom Podium zwölf lange Jahre dauern. Auslöser dafür mögen u. a. die zunehmend negativen Rezensionen gewesen sein, die seit den 1940er Jahren von einer neuen Kritiker-Generation verfasst werden und das Ideal eines neuen, puristische(re)n, Klanges anstelle des im musikalischen 19. Jahrhundert verankerten schwelgerischen, agogischen und virtuosen Vortragsstils favorisieren. Einen zweiten Faktor stellt nach Horowitz' eigener Aussage das zunehmende Bedürfnis nach vorübergehendem Ausstieg aus dem Karrussell des reisenden Solisten dar. Schließlich sind ganz reale gesundheitliche Probleme für seinen Rückzug verantwortlich, denn der Pianist leidet zunehmend an Unterleibskrämpfen, die von einem Darmkatarrh ausgelöst werden und sich zum unberechenbaren Faktor während seiner Konzerte entwickeln.
Einen Vorteil aus dieser Arbeitskrise zieht vor allem die Nachwelt, der der sonst dem Medium Schallplatte eher kritisch gegenüber stehende Musiker ein breites Spektrum seines Repertoires hinterlässt, das heute ein wertvolles Zeugnis seiner pianistischen Kunst darstellt. Diese Tätigkeit hängt schließlich indirekt auch mit Horowitz' Rückkehr aufs Konzertpodium zusammen, denn als er - der in seinen eigenen Augen immer noch ungeschlagene König der Pianisten - eines Abends mit einem befreundeten jungen Kollegen vor einer Bar sitzt, wird man nicht auf ihn, sondern seinen Begleiter aufmerksam und bittet diesen um ein Autogramm. Die Moral von der Geschicht? Horowitz war für die junge Generation in den vergangenen zwölf Jahren im künstlerischen Niemandsland verschwunden. Von dem Moment an ist sein alter Kampfgeist wieder erwacht und es beginnt die nächste Runde um die Gunst des Publikums.
Zunächst unter Ausschluss der Öffentlichkeit und mit höchster Geheimhaltung beginnt Horowitz in der Carnegie Hall heimlich zu üben. Als schließlich doch etwas durchsickert, erhält Howard Klein, ein Musikredakteur der New York Times, die Erlaubnis zu einem Exklusivbericht. Der junge Pianist, der Horowitz bis dahin nur von Schallplatteneinspielungen kannte, erlebt sein künstlerisches Idol erstmals live und trifft mit seiner Äußerung "Mr. Horowitz, eine ganze Generation hat keine Ahnung, wie Sie spielen. Ihre Aufnahmen werden dem nicht gerecht." unbewusst genau den Nerv, um die Pianisten zu einer erneuten Rückkehr aufs Podium zu bewegen. Das zweite Comeback am 9. Mai 1965 in der Carnegie Hall löst bereits mit dem Beginn des Kartenvorverkaufs ein wahres Horowitz-Fieber aus. Entsprechend wird dem Meister der Tasten auch am Konzertnachmittag selbst gehuldigt, diese Euphorie können auch einige technische Schnitzer und Unsicherheiten nicht trüben. Diesmal besteht die Quintessenz aus seiner Künstlerpause wiederum in einer Ausweitung des Repertoires um bisher nie oder lange nicht vorgetragene Werke wie Mozarts Sonate in A-Dur, Skrjabins Sonate Nr. 10 oder Schumanns Blumenstück sowie in einer autonomeren Gestaltung und Reduzierung seiner Konzertverpflichtungen (ohne Agenten, dafür mit einem Manager). Überraschend kann man Horowitz wenig später auch erstmals zu einer Fernsehaufzeichnung zweier Konzerte am 2. Januar und 1. Februar 1968 in der Carnegie Hall überreden.
Dritte Arbeitspause
Doch der Rückkehr ins Konzertleben ist diesmal nur von kurzer Dauer. Bereits vier Jahre nach seinem erneuten Comeback zieht sich Wladimir Horowitz abermals in sein Schneckenhaus zurück. Auslöser ist vermutlich wieder eine vernichtende Kritik nach einem Konzert in Boston. Auch in dieser fünfjährigen Rückzugsphase entstehen mehrere Schallplattenaufnahmen und schließlich gelingt es seinem neuen Agenten, Horowitz erneut für die Konzertwelt zurück zu gewinnen. Ein Höhepunkt in diesem legendären dritten Comeback-Jahr 1974 ist ein Konzert in der New Yorker Met - eine Sensation nicht nur angesichts des erneuten Comebacks des Pianisten, sondern auch angesichts der Konzertpremiere in der 80-jährigen Geschichte dieses renommierten Opernhauses. Der 70-Jährige fühlt sich wieder voll im Besitz seiner künstlerischen Kräfte, umso tragischer ist daher der Schlag, der ihn und seine Frau im Januar 1975 trifft, als man ihre Tochter Sonia tot in ihrer Wohnung auffindet.
Wider Erwarten diszipliniert sich Horowitz diesmal mit übermenschlicher Kraft, um seinen neuen Verpflichtungen nachzukommen. Doch die kritischen Stimmen mehren sich nun und monieren v. a. die manieristische, auf Details konzentrierte Spielweise auf Kosten musikalischer Zusammenhänge. Zu Beginn der 1980er Jahre werden mit Erschrecken weitere Einbrüche in dem einstmals genialen Spiel des Pianisten konstatiert. Dass diese auf eine erhöhte Einnahme von Antidepressiva und Schlafmitteln zurückzuführen sind, weiß zu diesem Zeitpunkt nur seine Ehefrau. Unterstützt von dem Konzertmanager Peter Gelb überredet sie ihren Mann schließlich zu einem europäischen Comeback nach jahrzehntelanger Abwesenheit. Horowitz zieht während dieser Londoner Konzerte zur Eröffnung der Tournee überraschend alle seine künstlerischen Register, doch die Medikamente zeigen von da an immer öfter auch ihre physischen Auswirkungen. Eine anschließende Tournee durch Amerika und Japan wird zu einer erschütternden Niederlage - der einstige König der Pianisten verbrennt auf dem Scheiterhaufen der Kritiken.
Wie Phönix aus der Asche
Dieses Mal scheint es ernst zu sein mit Wladimir Horowitz' Rückzug aus dem Konzertleben: Der Pianist ist ein gleichermaßen physisch und psychisch von Tabletten und Alkohol ruinierter Mann, der seine Umwelt kaum noch wahrnimmt. Dass es nach diesem traurigen und endgültig erscheinenden Abgesang eines großen Musikers noch einmal eine menschliche und künstlerische Auferstehung gibt, hatte wahrscheinlich niemand zu hoffen gewagt und kann nur als ein Wunder bezeichnet werden. Nach zweijähriger intensiver Pflege und ärztlicher Betreuung beginnt die musikalische Wiedergeburt des Pianisten Wladimir Horowitz mit einem Fernsehfilm unter dem Titel "Vladimir Horowitz: The Last Romantic". Für sein neuerliches Debüt wählt der Solist diesmal Europa und beginnt die Tournee am 26. Oktober 1985 in seiner alten Liebe Paris. Das Publikum erlebt einen weniger virtuosen, dafür jedoch künstlerisch umso einfühlsameren Pianisten, der zwar auch Anlass zu mancherlei Kritik gibt, durch seine überragende Persönlichkeit und sein Charisma jedoch alle Unzulänglichkeiten beispielsweise technischer Art wett macht. Von Paris aus geht es nach Mailand und anschließend auf Amerika-Tournee.
Horowitz und Mozart
Von allen Komponisten, deren Werke Wladimir Horowitz in seinem Leben gespielt hatte, sollte sich zu Wolfgang Amadeus Mozart, mit dem er sich in seinen letzten fünf Lebensjaharen intensiv beschäftigt, ein ganz besonderes Verhältnis entwickeln. Horowitz bemüht sich dabei, an den historischen Mozart heranzukommen, und zwar nicht in der Art der Musikwissenschaftler und Puristen, die sklavisch nach Urtextausgaben spielen und dafür möglichst auch noch historische Instrumente verwenden, sondern über die Persönlichkeit des Pianisten Mozart, der seine Werke immer sehr lebendig und dadurch immer wieder neu interpretierte. Auf diese Weise gelingt es ihm, Mozart vom Staub der Jahrhundert zu befreien und zu neuem zu erwecken. Dieses Bemühen mutet in einer Zeit , in der überall nur musikalische Aufbruchsstimmung herrscht und ein Komponist wie Mozart zum besseren Unterhaltungsmusiker degradiert wird, geradezu revolutionär an. Horowitz gelingt es durch diesen Ansatz jedoch, einen emotionalen Mozart zutage zu fördern, der zwar nicht zu zügelloser romantischer Interpretation verführen darf, jedoch auch nicht durch trocken-akademische Spielweise getötet wird. Diese Arbeit ist für die Nachwelt eindrucksvoll auf mehreren Schallplatten dokumentiert.
Ein Kreis schließt sich
Für Wladimir Horowitz zweifellos der Höhepunkt seiner letzten Konzertjahre ist seine Reise in die Sowjetunion nach mehr als 60-jähriger Abwesenheit angesichts des inzwischen veränderten gesellschaftlichen und politischen Klimas. Vom ersten Moment an fühlt sich der Pianist auf russischem Boden wieder heimisch. Am 20. April 1986 gibt er im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums ein legendäres, weltweit übertragenes Konzert; die meisten der Anwesenden kennen ihn nur aus Zeitungsberichten oder günstigenfalls von Schallplatteneinspielungen und sind von diesem Live-Erlebnis tief bewegt. Das eine Woche später stattfindende Konzert in St. Petersburg (das damals noch Leningrad hieß), wo u. a. die Tochter Rismkij-Korsakows unter den Zuhörern weilt, bedeutet für den Solisten eine Heimkehr besonderer Art, denn in dieser Stadt hatte er im Winter 1924/25 seine ersten großen Erfolge gefeiert.
Nicht weniger spektakulär als diese beiden Konzerte sind Horowitz' anschließende Auftritte in Deutschland, das er seit der Nazizeit nicht mehr besucht hatte. Für den 11. und 18. Mai 1986 sind je ein Konzert in Hamburg und Berlin geplant, das Publikum und Presse von dem Zauber seines Spiels ebenso gefangen nimmt wie vorher in Paris und Russland. Nach einem weiteren Auftritt in London entschließt sich Horowitz spontan zu einem Konzert im fernen Tokio, wo er die von ihm selbst "schlimmer als der Bombenangriff auf Pearl Harbor" bezeichnete Katastrophe von 1983 mit einem überragenden Vortrag auslöscht. Die wenigen, in den folgenden Jahren veranstalteten Konzerte werden jedes Mal zu einem außergewöhnlichen kulturellen Ereignis.
Völlig unverwartet und noch von neuen künstlerischen Plänen erfüllt, stirbt Wladimir Horowitz am 5. November 1989 in seinem New Yorker Heim an Herzversagen. In der ganzen Welt löst sein Tod Trauer und Erschütterung aus. Nach einer zweitägigen Aufbahrung wird der Leichnam nach Mailand überführt, wo Wladimir Horowitz in der Familiengruft der Toscaninis beigesetzt wird.
- Biografie
- Künstlerische Würdigung
Bibliografie:
- Glenn Plaskin: Horowitz. Eine Biographie, Schweizer Verlagshaus AG, Zürich 1988
- Harold C. Schonberg: Horowitz. Ein Leben für die Musik, A. Knaus Verlag, München 1992









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