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THEMEN

Yehudi Menuhin

Man ist ein Künstler oder man ist es nicht und das Alter hat wenig damit zu tun. Es gibt nur einen Maßstab, mit dem Musik gemessen werden darf - sie ist entweder gut oder schlecht. (Yehudi Menuhin)

Biografie

Kindheit und Jugend

Yehudi Menuhins Wurzeln liegen in Russland: Sein Vater Moshe Mnuchin stammt aus dem weißrussischen Gomel, seine Mutter Marutha Sher kommt auf der Halbinsel Krim unweit von Jalta zur Welt. Erwachsen werden beide Elternteile jedoch im fernen Palästina, wohin Moshe 1904 nach der zweiten Eheschließung seiner Mutter in die Obhut des Großvaters geschickt wird, und auch Mutter und Tochter Sher wandern wenige Jahre später - aufgrund zunehmender antisemitischer Bewegungen - in das Gelobte Land aus. Dort kreuzen sich zwar erstmals die Wege von Moshe und Marutha, aber erst in der "Neuen Welt" wird aus den beiden jungen Leuten ein Paar. Als Moshe und Marutha Mnuchin - den Namen Menuhin sollte der Vater nach dem Erhalt der amerikanischen Staatsbürgerschaft am 18. September 1919 annehmen - am 7. August 1914 heiraten, studiert der Bräutigam Mathematik an der New York University und unterrichtet nebenbei - ebenso wie seine Braut - an einer Talmudschule Hebräisch.

Als am 22. April 1916 der erste Sohn zur Welt kommt, der auf den Namen Yehudi getauft wird, gibt Vater Moshe schweren Herzens sein Mathematik-Studium auf, um seine Unterrichtstätigkeit ausdehnen und für den Unterhalt der nun dreiköpfigen Familie sorgen zu können. Yehudis Name ist von Anfang an eine Provokation in einer trotz aller Hoffnungen nicht weniger antisemitisch geprägten Umwelt: Yehudi = des Juden bzw. der Jude sollte als ein offenes Bekenntnis zur religiösen Überzeugung der Familie ein deutliches Zeichen setzen. Die kleine Familie bezieht eine neue Wohnung im jüdischen Viertel von Elizabeth (New Jersey), wo die unkonventionellen Eltern von den etablierten Geistlichen und der ganzen Gemeinde jedoch so wenig willkommen sind und sich zunehmend unwohl fühlen, dass sie schließlich im Februar 1918 nach Kalifornien übersiedeln, wo die Familie in South Berkeley eine Bleibe findet. Vater Moshe findet wieder Arbeit als Hebräischlehrer, doch das Einkommen ist gering und das Budget schmal. Aber Moshe Menuhin ist ein geschäftstüchtiger und fähiger Mann, dessen Talmudschule sich schon bald auf andere Stadtteile ausweitet und damit die Zukunft der später fünfköpfigen Familie (1920 und 1921 werden die Töchter Hephzibah und Yaltah geboren) sichert.

Bereits früh macht sich Yehudis musikalische Begabung bemerkbar: im Alter von zwei Jahren kann er nicht nur ohne jegliche musikalische Anleitung eine Tonleiter im kompletten, seiner kindlichen Stimme zur Verfügung stehenden Umfang mit perfekter Intonation singen, sondern absorbiert auch bereits die bei Konzertbesuchen mit seinen Eltern gehörten Klangereignisse tief in seiner Seele. Die entscheidenden Weichen für Yehudis weitere Zukunft werden im Alter von drei Jahren gestellt, als der Knabe erstmals bewusst einen Geiger und den singenden Ton einer Violine erlebt. Spontan erbittet er von den Eltern ein solches Instrument zu seinem nächsten Geburtstag, doch als ihm an jenem Tag von einem Kollegen seines Vaters anstelle des ersehnten Instruments eine blecherne Spielzeuggeige überreicht wird, ist Yehudi nicht nur tief enttäuscht, sondern wütend. Moshe Menuhin erinnert sich nun plötzlich seiner eigenen jugendlichen Liebe zu diesem Instrument, und so nimmt er seines Sohnes Wunsch ernst und ermöglicht ihm ab Mai 1921 seinen ersten Violinunterricht bei dem renommierten Lehrer Sigmund Anker. Auch wenn Yehudi Menuhin im Rückblick kein gutes Haar an seinem angeblich auf reinen technischen Perfektionismus bedachten Lehrer ließ, so muss Sigmund Anker doch die Fähigkeit besessen haben, das bis dahin noch schlummernde geigerische Talent des Jungen zu wecken.

Innerhalb weniger Monate wird das Instrument von einem Fremdkörper, der sich jedem Zugriff des Spielers zu entziehen scheint, zu einem Teil seiner selbst, so dass Instrument und Spieler zu einer Einheit verschmelzen. Und so kann es nicht verwundern, dass bereits Yehudis erste öffentliche Auftritte - zunächst im kleinen Rahmen interner Schülerkonzerte, bald jedoch auch schon vor größerem Publikum - Aufmerksamkeit erregen. Am 9. November 1922 gibt der Sechsjährige sein offizielles Debüt während der Annual Music Week mit dem Violinkonzert a-Moll von Jean-Baptiste Accolay, für das der Solist bereits eine euphorische Kritik erntet, die dem Knaben eine große Zukunft prophezeit. Ein neues Wunderkind ist am Musikerhimmel geboren.

Ein erster Höhepunkt in der noch jungen künstlerischen Karriere dieses Wunderkindes ist eine Aufführung des ersten Satzes von Mendelssohns Violinkonzert, das das San Francisco Journal mit den Worten "Seine Begabung wirkt fast unheimlich, denn er spielt nicht nur mit der Sicherheit und Ausgewogenheit eines Erwachsenen, sondern mit einem verständigen Geist" rezensiert. Die bemerkenswerten musikalischen Fortschritte ihres Sohnes bewegen Yehudis Eltern zu einem Lehrerwechsel. Die Wahl fällt auf Louis Persinger, der sich noch zwei Jahre zuvor geweigert hatte, den Knaben auch nur anzuhören. Nun, im Sommer 1923, ist der Konzertmeister des San Francisco Symphony Orchestra gleichermaßen überwältigt von Yehudis Musikalität, Rhythmus und absolutem Gehör. Aufbauend auf der von Anker geschaffenen Basis erarbeitet er mit seinem neuen Schüler in den nächsten Jahren das grundlegende Repertoire der Violinliteratur, fördert nicht zuletzt durch das Vorbild seines eigenen Spiels die musikalische Ausdruckskraft und prägt so entscheidend die junge künstlerische Persönlichkeit. Wenige Monate später, am 29. Februar 1924, tritt der Siebenjährige im Rahmen eines Konzertes des San Francisco Symphony Orchestra auf. Am Klavier begleitet von seinem Lehrer Persinger trägt er Louis de Bériots "Scène de ballet" und als Zugabe Pablo de Sarasates "Zigeunerweisen" vor und erntet wiederum vielversprechende Kritiken, die von einer "angeborenen Genialität" sprechen. Ein Jahr später hält sein Lehrer die Zeit für Yehudis erstes Solokonzert für gekommen, das Moshe Menuhin mit dem Titel "San Franciscos einziges Genie" ankündigen lässt. Am 30. März 1925 stellt sich der Neunjährige im Scottish Rite Auditorium einem illustren Publikum, das sich wie ein Who's Who der lokalen Kulturszene liest. Wieder sind die Kritiker von Yehudis ausgereiftem Spiel überwältigt.

New Yorker Intermezzo

Für Yehudis weiteren Lebensweg sind zwei Faktoren von entscheidender Bedeutung: zum einen die finanzielle Unterstützung durch den jüdischen Anwalt Sidney Ehrman, zum anderen Louis Persingers Umzug im Winter 1925/26 nach New York. Um den wertvollen Unterricht nicht zu verlieren, zieht Marutha mit ihren Kindern - eine strapaziöse 80-Stunden-Fahrt in Überlandbussen auf sich nehmend - hinterher. In New York erhält Yehudi erstmals auch theoretischen Musikunterricht am Institute of Musical Art, der späteren renommierten Juilliard School. Yehudis New Yorker Debüt am 17. Januar 1926 im Manhattan Opera House bleibt zwar eher unbeachtet. Es beschert dem jungen Künstler jedoch zum einen seine erste wertvolle Geige, eine Siebenachtelgeige des Mailänder Instrumentenbauers Giovanni Grancino von 1696, und zum anderen ein Jahr später ein Konzert mit dem New York Symphony Orchestra unter der Leitung von Fritz Busch, bei dem er mit Beethovens Violinkonzert einen grandiosen Erfolg in der weltberühmten Carnegie Hall feiert.

Zurück in San Francisco stehen neue Konzerte mit neuen Werken auf dem Programm: Die Aufführung von Tschaikowskys Violinkonzert am 16. November 1926 im Civic Auditorium reißt das Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hin. Doch es heißt Abschied nehmen von San Francisco und der amerikanischen Heimat. Auf den Rat Persingers hin und dank wiederum finanzieller Unterstützung von "Onkel Sidney", wie Ehrman schon bald im Familienkreis genannt wird, schlägt die Familie ihre Zelte in Europa auf, wo Yehudi fortgeschrittenen Unterricht bei Persingers einstigem Lehrer, dem Belgier Eugène Isaye, nehmen soll.

Europäische Erfahrungen

Bild
George Enesco, rumänischer Geiger u. Komponist

Doch Yehudi ist von dem potentiellen neuen Lehrer wenig angetan. Statt dessen ist es sein innigster Wunsch, bei dem Rumänen Georges Enesco (1881-1955), den er im März 1925 bei einem Konzert in San Francisco als Geiger und Dirigenten erlebt hatte, zu studieren. Enescos Persönlichkeit und künstlerische Ausstrahlung hatten ihn vom ersten Moment an fasziniert. Das Schicksal trägt seinen Teil zu einer Begegnung der beiden Menschen bei, denn in Paris gibt Enesco gerade zu Beginn des Jahres 1927 ein Solokonzert. Als Yehudi im Anschluss an die Vorstellung den Künstler in seiner Garderobe aufsucht, wartet auf ihn eine herbe Enttäuschung: Enesco erklärt entschieden, dass er keinen Privatunterricht erteile. Doch so schnell gibt der zielstrebige Junge nicht auf und erhält schließlich für den folgenden Morgen einen Vorspieltermin. Danach sind die Weichen gestellt, denn Enesco ist von der großen Musikalität des Zehnjährigen so überwältigt, dass er seine Prinzipien über Bord wirft und Yehudi - unentgeltlich - als Schüler akzeptiert.

Bevor der Unterricht richtig beginnen kann, geht der neu gewonnene Lehrer jedoch erst einmal auf Konzertreise. Yehudi begibt sich in der Zwischenzeit daran, auch das Pariser Publikum zu erobern. Sein französisches Debüt - mit einer wiederum von "Onkel Sydney" gestifteten neuen, diesmal original großen Grancino-Geige - am 6. Februar 1927, begleitet vom Orchestre Lamoureux unter der Leitung von Paul Paray mit Lalos Symphonie espagnole fügt seiner jungen Karriereleiter eine weitere Sprosse hinzu. Ein weiterer Auftritt mit denselben Musikern und Tschaikowskys Violinkonzert am 12. Februar kann trotz oder gerade wegen eines unglücklichen Zwischenfalls diesen Erfolg noch steigern: während des Konzertes reißt die E-Saite der neuen Geige und muss vom Konzertmeister repariert werden, bevor das Werk beendet werden kann. Yehudis besonnen-beherrschte Haltung in dieser Situation beeindruckt Musiker und Publikum gleichermaßen.

Der Wendepunkt

Nach dem erfolgreichen europäischen Debüt stellt sich für Moshe Menuhin die Kardinalfrage: Wird Yehudi auf seinem Talent eine professionelle Karriere aufbauen können oder nicht? Da Moshe fest an die künstlerische Zukunft seines Sohnes glaubt, bedeutet dies weitreichende Konsequenzen für die Familie. Vater Menuhin gibt nicht nur seinen geliebten und gut bezahlten Beruf als Hebräischlehrer auf, um sich in Zukunft als Manager um die Karriere seines Sohnes kümmern zu können, sondern die ganze Familie siedelt auf unbestimmte Zeit nach Paris über.

Nach Enescos Rückkehr beginnt die für Yehudi aufregende Unterrichtszeit mit dem inspirierenden Lehrer, der die musikalische Phantasie seines Schülers beflügelt und den jungen Solisten durch sein eigenes Vorbild und eine bildhafte Sprache in eine völlig neue künstlerische Welt und Dimension führt. Im Sommer reist die ganze Familie mit Sack und Pack in Enescos rumänisches Ferienidyll Sinaia, wo der Unterricht fortgesetzt wird. Von nachhaltigem Eindruck ist auf den Elfjährigen die in dieser Zeit erstmals erlebte Zigeunermusik.

Internationaler Durchbruch

Im Herbst 1927 erreicht Yehudi Menuhin gegen Ende seines rumänischen Intermezzos ein Telegramm aus New York: Der Dirigent Walter Damrosch bietet ihm die Mitwirkung bei einem Konzert mit dem New York Symphony Orchestra unter der Leitung des Dresdner Operndirektors Fritz Busch an. Entgegen des offiziellen Wunsches, Mozarts Violinkonzert in A-Dur vorzutragen, beharrt Yehudi darauf, das künstlerisch weitaus anspruchsvollere Violinkonzert von Ludwig van Beethoven zu spielen. Dass er dieser Herausforderung gewachsen ist, beweist er nicht nur dem tief bewegten Busch während einer Probe, sondern auch den Orchestermusikern, dem Publikum und der Presse. Das New Yorker Debüt des deutschen Dirigenten Fritz Busch am 25. November 1927 gerät durch die Mitwirkung Yehudi Menuhins für alle zu einem unvergesslichen und überragenden musikalischen Erlebnis, das neben den Pariser Erfahrungen den Weg in eine große internationale Karriere ebnet. Auf diesem Weg sollte ihn ein neues Instrument begleiten: eine kostbare Stradivari-Geige aus dem Jahr 1731, nach ihrem ersten Besitzer "Fürst Khevenhüller" genannt und von einem weiteren großzügigen Mäzen, dem Bankier Henry Goldman - im Familienkreis analog zu Ehrman "Onkel Henry" genannt - für den Preis von 60.000 $ gestiftet.

Stationen einer jugendlichen Künstlerkarriere

Datum/Jahr Auftritt(e)
12.12.1927 Carnegie Hall, New York mit u.a. Bachs Chaconne, Chaussons Poème und Mozarts Violinkonzert D-Dur
19.12.1928 Uraufführung des Werkes "Abodah" (Lob Gottes) von Ernst Bloch, das Yehudi gewidmet ist, in Los Angeles
Winter 1928/29 1. Konzerttournee durch die USA
12.04.1929 Philharmonie Berlin: Violinkonzerte von Brahms, Bach und Beethoven; Dirigent: Bruno Walter
04.11.1929 Queen's Hall, London: Brahms, Violinkonzert; Dirigent: Fritz Busch
Ab Januar 1930 2. amerikanische Tournee
Herbst 1930 Europatournee mit Konzerten in Paris, Berlin, Hamburg, Budapest, Amsterdam, Rom, Wien London, Leipzig
Ab Januar 1931 3. amerikanische Tournee

Diese Routine - Europatournee im Sommer/Herbst und Amerikatournee im Winter/Frühjahr - sollte in den nächsten Jahren Yehudis Alltag bestimmen.

07.01.1941 Rundfunkauftritt in Amerika mit Lalos Symphonie espagnole
Ab März 1935 1. Welttournee mit Konzerten in Australien, Neuseeland, Südafrika, Europa und Amerika
23.12.1937 Amerikanische Erstaufführung des über 80 Jahre unter Verschluss gehaltenen Violinkonzertes von Robert Schumann
26.11.1944 Uraufführung der Sonate für Solovioline von Béla Bartók in New York

Das Deutschland-Debüt im April 1929 gehört zu einem weiteren Meilenstein in der noch jungen Karriere des inzwischen bereits legendären Solisten. Persönlichkeiten aus allen Schichten weilen im Publikum und sind von der Genialität des Künstlers überwältigt und berührt, allen voran Albert Einstein, der Yehudis Begabung als einen Beweis für die Existenz Yehovas (Gottes) begreift. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 gibt Yehudi regelmäßig weitere Konzerte nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen deutschen Städten. Die juden- und menschenfeindliche Gesinnung während des so genannten Tausendjährigen Reiches führt jedoch zwischen 1933 und 1945 zu einem Verstummen von Yehudis Geige vor einem deutschen Publikum. Nach Kriegsende setzt er, am Klavier begleitet von dem Komponisten Benjamin Britten, mit einer Konzertreihe u. a. vor Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen im Juli und August 1945 ein deutliches Zeichen - ein Erlebnis, das sowohl Menuhin als auch Britten zeitlebens nie vergessen werden, das durch die außergewöhnliche Situation und das menschlichen Wesen kaum noch ähnelnde Publikum bestimmt wird - und nimmt seine Konzerttätigkeit in Deutschland wieder auf. Zwischen den beiden Musikern wird auf dieser Konzertreise die Basis für eine Freundschaft gelegt, die ein Leben lang anhalten und Menuhin später oft als Gast bei Brittens Aldeburgh Festival auftreten lassen sollte.

Yehudis Lehrzeit ist trotz aller Erfolge noch nicht beendet. Georges Enesco hatte ihm empfohlen, weitere Studien bei Adolf Busch (1891-1952), dem Bruder des Dirigenten Fritz Busch, zu nehmen. Nach der freien künstlerischen Arbeit mit Enesco sollte Busch, in der Tradition der großen deutschen Geiger aufgewachsen, seinem Schüler technische Disziplin beibringen; Technik jedoch nicht als Selbstzweck, sondern als Hilfsmittel und Basis für die Beherrschung des Instrumentes und damit für die musikalische Interpretation.

Yehudi Menuhin und Toscanini

Yehudi Menuhin begegnet Arturo Toscanini erstmals am 22. Februar 1930 nach einem Konzert in New York, als der allseits gefürchtete und hyperkritische Dirigent dem jungen Solisten überschwänglich mit "Bravissimo, Yehudi, caro!" zu seinem Erfolg gratuliert. Zwei Jahre später reisen beide auf der "Île de France" von Amerika nach Europa, was zu einem regelrechten musikalischen Marathon führt und schließlich am letzten Tag der Überfahrt in einem für alle Mitreisenden unvergesslichen Wohltätigkeitskonzert endet. Diese Zusammenarbeit sollte den Grundstein für eine lebenslange Künstlerfreundschaft legen, die bis zu Toscaninis Tod im Jahr 1957 anhielt. Am 18. und 19. Januar 1934 treten die beiden Musiker erstmals gemeinsam vor die Öffentlichkeit: Toscanini dirigiert das New York Philharmonic Orchestra, mit dem Yehudi Menuhin eine von "leidenschaftliche(r) Innigkeit" geprägte Aufführung des Violinkonzerts von Beethoven spielt.

Yehudi und Hephzibah

Auch Yehudis Schwestern Hephzibah und Yaltah zeigen von klein auf eine musikalische Begabung. Insbesondere Hephzibah sollte sich in den 1930er Jahren zu einer ausgezeichneten Pianistin entwickeln, die in den nächsten Jahren regelmäßig Kammerkonzerte mit ihrem Bruder gab.

Erstmals musiziert sie im September 1933 im Alter von dreizehn Jahren für eine Studioaufnahme mit Yehudi zusammen. Die Einspielung von Mozarts Sonate A-Dur KV 526 wird mit dem Candide-Preis für die beste neue Kammermusikplatte des Jahres ausgezeichnet. Ihr öffentliches Debüt geben die Geschwister im Herbst 1934 in der Pariser Salle Pleyel. Auch wenn die Kritiken sich in Zukunft nicht immer einig über die künstlerische Qualität dieser Partnerschaft sein sollten, so bedeutet die musikalische Zusammenarbeit für die beiden Ausführenden jedoch ein sehr intensives, bereicherndes und spirituell erfüllendes Erlebnis.

Kriegsjahre

Auch an Yehudi Menuhin geht der Zweite Weltkrieg nicht spurlos vorbei. Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten am 7. Dezember 1941 wird er zwar nicht aktiv zum Wehrdienst eingezogen, leistet jedoch auf eigene Weise einen Beitrag zum Kriegsgeschehen. Am 30. Dezember 1941 gibt er erstmals vor Hunderten von Soldaten ein Wohltätigkeitskonzert, dem rund 500 weitere folgen sollten. Menuhins musikalisches Wirken im Dienst der Truppenbetreuung bedeutet nicht nur für seine Zuhörer jedes Mal ein besonderes Erlebnis, sondern bereichert auch den Solisten um bis dahin unbekannte Erfahrungen, vor allem einen ungewöhnlich intensiven und persönlichen Kontakt zu seinem jeweiligen Publikum.

Inzwischen war aus dem jungen Mann ein Ehemann und Familienvater geworden. Nachdem Yehudi Menuhin im März 1938 nach einem Konzert in London die Australierin Nola Nicholas kennen gelernt und bereits zwei Monate später geheiratet hatte, waren kurz hintereinander die beiden Kinder Zamira (*1939) und Krov (*1940) auf die Welt gekommen.

Im Herbst 1944 unternimmt Yehudi Menuhin auch eine Truppentournee durch Großbritannien, die vor allem sein persönliches Schicksal nachhaltig beeinflussen sollte. Einer Einladung von Evelyn Harcourt folgend, die am 29. September 1944 einen Empfang zu seinen Ehren gibt, lernt er an diesem Tag auch deren älteste Tochter, die Tänzerin Diana, kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Yehudi Menuhins Ehe befindet sich zu dieser Zeit bereits in einem kritischen Zustand. Den Kindern zuliebe unternehmen die Eheleute noch einen letzten Versuch, die Beziehung zu retten, doch im Herbst 1947 wird die Ehe geschieden und am 19. Oktober 1947 werden Diana und Yehudi Menuhin in London getraut - eine Verbindung, die der Ehefrau oft viel Geduld und Einfühlungsvermögen abverlangt, beide jedoch durch eine jahrzehntelange glückliche Verbindung reich beschenken sollte. 1947 und 1951 kommen die gemeinsamen Söhne Gerard und Jeremy zur Welt.

Yehudi Menuhins Konzerttätigkeit kommt - außerhalb der Truppenkonzerte - in diesen Jahren beinahe vollständig zum Erliegen. Umso mehr freut es ihn, im März 1943 eine Aufnahme von Mozarts Violinkonzert D-Dur KV 218 mit dem Liverpool Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Sir Malcom Sargent einspielen zu können. Einen weiteren Höhepunkt stellt die Aufführung von Béla Bartóks Violinkonzert Nr. 2 im November 1943 mit dem Minneapolis Orchestra unter Dimitri Mitropoulos dar. Wenig später lernt Menuhin den ungarischen Komponisten auch persönlich kennen und wieder einmal kann er durch seine überragende Musikalität ein Künstlerherz für sich gewinnen. Die musikalische Frucht dieser Begegnung ist Bartóks Sonate für Solovioline, die Menuhin bei dem Komponisten in Auftrag gibt und ein Jahr später in New York uraufführt.

Der Dirigent

Nach mehr als zwanzig Jahren solistischer Karriere beschreitet Yehudi Menuhin im April 1946 erstmals neue künstlerische Wege. Durch die Zusammenarbeit mit dem ungarischen Dirigenten Antal Dorati, Leiter des wenige Monate zuvor gegründeten Dallas Symphony Orchestra, entsteht zu Beginn des Jahres 1946 nicht nur denkwürdige Aufnahme von Bartóks Violinkonzert Nr. 2, sondern erlebt die Welt am 6. April auch erstmals Yehudi Menuhin während einer Rundfunksendung als Dirigenten. Zunächst noch mehr überrumpelt als überzeugt von der neuen Tätigkeit, beginnt Menuhin sie schon bald zu genießen. Später, als er aus gesundheitlichen Gründen den Geigenbogen endgültig gegen den Taktstock vertauschen muss, sollte er diesem Wink des Schicksals äußerst dankbar sein.

Am 16. Januar 1947 dirigiert er bereits ein komplettes einstündiges Rundfunkkonzert mit dem Dallas Symphony Orchestra. In den folgenden Jahrzehnten arbeitet Yehudi Menuhin mit vielen Kammermusikensembles und großen Orchestern zusammen und dirigiert auf zahlreichen Musikfestivals, so auch mehrmals beim Schleswig-Holstein-Festival. Einen Schwerpunkt bilden dabei die Konzerte mit dem Royal Philharmonic Orchestra London, zu dessen Präsident er 1982 ernannt wird, mit der aus dem Polnischen Kammerorchester hervorgegangenen Sinfonia Varsovia sowie mit seinen Festival-Orchestern, dem Bath und dem Menuhin Festival Orchestra.

Höhepunkte der Nachkriegskarriere

Kurz vor Kriegsende absolviert Yehudi Menuhin am 28. April 1945 einen denkwürdigen Auftritt vor der Delegierten-Versammlung der zukünftigen Vereinten Nationen (UNO) in San Francisco. Zunehmend wird seine Karriere in den folgenden Jahrzehnten von verschiedenen musikalischen Aktivitäten geprägt, die allesamt in seiner tiefen Liebe zur Musik wurzeln.

Datum/Jahr Auftritt(e)
Mai 1945 Soundtrack-Aufnahmen für den Film "The Magic Bow" über das Leben Paganinis mit Stewart Granger in der Hauptrolle
November 1946 Erste Konzertreise nach Moskau; im Publikum sitzt u.a. Mstislaw Rostropowitsch, mit dem Menuhin später eine enge Freundschaft verbindet
17.03.1947 Erster gemeinsamer Auftritt der Geschwister Hephzibah und Yehudi Menuhin nach mehr als zehn Jahren in der New Yorker Metropolitan Opera
September 1947 Musikalisch, menschlich und politisch gleichermaßen denkwürdige Konzertreise nach Berlin; u. a. Konzert im Titania-Filmpalast mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung des von der Entnazifizierungskommission rehabilitierten Dirigenten Wilhelm Furtwängler mit Beethovens Violinkonzert
05.02.1950 Offizielle Uraufführung der von Menuhin in Auftrag gegebenen Violinsonate von William Walton im Drury Lane Theatre, London
Februar 1950 Politisch Aufsehen erregende Konzertreise nach Südafrika
April 1950 Erste Konzertreise in dem 1948 neu gegründeten Staat Israel
Juni 1950 Konzerte zum 200. Todestag von Johann S. Bach in Wien; Menuhin tritt u. a. in Personalunion als Solist und Dirigent mit Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 1 sowie dem Violinkonzert E-Dur auf
Juli 1950 Konzertreise nach Südamerika
06.05.1951 Gemeinsames Konzert von Hephzibah und Yehudi Menuhin in der neu eröffneten Royal Festival Hall in London; anschließend im Juni Konzertreise des Duos nach Australien
Oktober 1951 1. Konzertreise nach Japan
Februar 1952 Konzertreise nach Indien, durch die sich Menuhin intensiv mit indischer Musik beschäftigt
04.06.1952 Uraufführung des lange verschollenen Konzertes für Violine und Streicher d-Moll von Felix Mendelssohn in der New Yorker Carnegie Hall
Mai 1954 Yehudi Menuhin gibt als erster Musiker ein Solokonzert in der St. Paul's Cathedral London
Sommer 1966 Debüt als Operndirigent während des Bath Festivals mit Mozarts "Così fan tutte"

In den folgenden Jahren baut Yehudi Menuhin zielstrebig sein Netz musikpädagogischer Projekte auf und tritt künstlerisch vor allem bei den von ihm nacheinander initiierten Festivals in Gstaad, Bath und Windsor auf.

1970 Dirigiert in Windsor die Uraufführung von Oliver Knussens Symphonie Nr. 2
Anfang der 1970er Jahre Verschiedene Fernsehauftritte mit dem französischen Jazz-Geiger Stéphane Grappelli
1975 Erstmals dirigentische Zusammenarbeit mit dem Royal Philharmonic Orchestra
1978/79 Fernsehserie für die kanadische Rundfunkanstalt Canadian Broadcastung Corporation (CBC) mit dem Titel "The Music of Man"
Sommer 1983 Konzert mit der Sinfonia Varsovia vor Papst Johannes Paul II. in Castel Gandolfo

Die folgenden Jahre sind neben seiner künstlerischen Tätigkeit vor allem den verschiedenen, von ihm ins Leben gerufenen musikalischen Institutionen gewidmet.

Der Lehrer

Im Sommer 1954 gibt es eine neue Premiere in Yehudi Menuhins Leben: er tritt erstmals selbst als Lehrer in Erscheinung. Die befreundete französische Dirigentin, Komponistin und Musikpädagogin Nadia Boulanger veranstaltet an der American Academy in Fontainebleau einen Meisterkurs für Violine, der von Menuhin geleitet wird. Dies sollte der Anfang zu einer umfangreichen musikpädagogischen Tätigkeit sein, die ihren Niederschlag in zahlreichen Projekten fand. Diese waren nicht immer nur den Hochbegabten gewidmet, sondern spiegelten Yehudi Menuhins Überzeugung wieder, dass Ausbildung in den künstlerischen Fächern nicht nur für den Einzelnen von elementarer Bedeutung zur Entwicklung seiner Persönlichkeit, sondern als Basis für eine intakte Gesellschaft unverzichtbar sei. Auf politischer Ebene hat Yehudi Menuhin diese Überzeugungen seit 1969 vor allem als Präsident des Internationalen Musikrates vertreten können. Praktisch schlugen sich diese Ideale in den verschiedensten Projekten nieder:

Projekt Gründungjahr Internet link
Yehudi Menuhin School of Music 1963 Surrey http://www.yehudimenuhinschool.co.uk/
Live Music Now! 1977 London http://www.livemusicnow.de/
Internationale Menuhin Akademie 1977 Gstaad http://www.menuhinacademy.ch/IMMA/imma.htm
International String Quartet Competition 1979 Portsmouth (heute London) http://www.lsqf.com/
Yehudi Menuhin Young Violinists International Competition 1983 Folkestone http://www.charitiesdirect.com/charity9/ch018859.htm
International Yehudi Menuhin Foundation 1991 Brüssel http://www.menuhin-foundation.com/
MUS-E 1993 Brüssel http://iymf.contesnomades.org/enter01.html

Festivalgründer und -leiter

Daneben verlegt Yehudi Menuhin - vielleicht angeregt durch neue Perspektiven als Dirigent - seine praktische Arbeit ab Ende der 1950er Jahre wiederum auf ein neues Feld. 1957 gründet er im schweizerischen Gstaad das Festival "Musiksommer Gstaad-Saanenland", das er bis 1997 selbst betreut. Inzwischen wurde die künstlerische Leitung des Festivals von Christoph Müller übernommen.

1959 gründet Menuhin im englischen Bath ein weiteres Festival, das bis 1968 existiert und zwischendurch immer wieder aus finanziellen Gründen ums Überleben kämpfen muss. Das daraus entstehende Bath Festival Orchestra ist unabhängig davon weltweit auf Konzerttourneen tätig. Von 1969-1972 veranstaltet er neue Festspiele in Windsor. Was seine Festivals von vielen anderen unterscheidet, ist das breite Programmspektrum mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik.

Die Festspiele in Gstaad, die auch nach Menuhins Tod in seinem Geiste weitergeführt werden, können unter folgender Anschrift kontaktiert werden:

Menuhin Festival Gstaad
Postfach 65
CH-3780 Gstaad
Tel.: +41/33/7488338
Fax: +41/33/7488339
E-Mail: info@menuhinfestivalgstaad.com
Internet: http://www.menuhinfestivalgstaad.com

Letzte Jahre

1996 wird weltweit Yehudi Menuhins 80. Geburtstag gefeiert. Der Reigen der Ehrungen wird am 21. März mit einem von Prinz Charles veranstalteten festlichen Bankett eröffnet, gefolgt von einem Geburtstagskonzert am 20. April in der Royal Albert Hall. Ein Jahr später beginnen sich bei dem Künstler zunehmend Hörschwierigkeiten bemerkbar zu machen. Doch Yehudi Menuhins Leben ist Musik und Musik ist sein Leben und so folgt er bis zuletzt seiner Berufung. Noch 1998 unternimmt er eine Tournee nach Australien. Am 1. März 1999 begibt er sich auf Konzertreise mit der Sinfonia Varsovia. Es sollte seine letzte sein: am 9. März wird er mit einer verschleppten Lungenentzündung in das Berliner Martin-Luther-Krankenhaus eingeliefert. Drei Tage später erleidet er einen Herzinfarkt, der tödlich ist. Nicht nur die Familie, sondern die ganze Welt trifft diese Nachricht wie ein Schock. In aller Stille wird der große Musiker und Menschenfreund am 19.03.1999 auf dem Gelände der von ihm gegründeten Yehudi Menuhin School in Stoke d'Abernon bestattet.

  1. Biografie
  2. Dokumente für die Nachwelt
  3. (Künstlerische) Würdigung

Bibliografie:

  • Humphrey Burton: Menuhin. Die Biographie, Müchen 2004
  • Diana Menuhin: Durch Dur und Moll. Mein Leben mit Yehudi Menuhin, München 2001
  • Yehudi Menuhin: Kunst als Hoffnung für die Menschheit. Reden und Schriften, Zürich 1997
  • Yehudi Menuhin: Unvollendete Reise. Lebenserinnerungen, München 2001
  • Yehudi Menuhin: Die Violine. Kulturgeschichte eines Instruments, Kassel 1996
  • Tony Palmer: Yehudi Menuhin. Ein Porträt, Frankfurt a.M. 1997
Aufgrund der umfangreichen Diskografie können hier nur Hinweise auf weiterführende Links zu diesem Thema gegeben werden:
Ausführliche Diskografie der bei EMI eingespielten Aufnahmen http://www.emimusic.de/xml/6/350012/disko.html
Yehudi Menuhin Diskografie http://www.toshima.ne.jp/~menuhin/
Recherche aller bei jpc Klassik lieferbaren Aufnahmen http://www.jpc.de/de/klassik/klassik_set.html
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