Zugvögel
Segeln mit dem Wind

Um möglichst viel Energie zu sparen, nutzen viele Zugvögel die klein- und großräumigen Luftströme, die auf ihren Routen auftauchen. Vor allem große Vögel wie Greifvögel, Schwäne oder Störche legen den größten Teil ihrer Zugstrecke im Kräfte sparenden Gleit- und Segelflug zurück. Dabei folgen sie der gleichen Aerodynamik, wie es Segelflugzeuge tun. Wenn der Boden von Landmassen durch die Sonneneinwirkung erwärmt wird, aber auch an Berghängen entstehen warme Aufwinde, die als Thermik bezeichnet werden. Mit ihrer beachtlichen Flügelspannweite - die mit großen Tragflügeln eines Segelflugzeuges vergleichbar sind - können sich die großen Zugvögel ohne Anstrengung von den aufsteigenden Luftmassen in große Höhen tragen lassen. Hoch oben gleiten dann beispielsweise Adler oder Störche mit voll ausgebreiteten Flügeln über weite Strecken durch die Luft - ohne einen einzigen Flügelschlag. Allmählich verlieren die Vögel dabei zwar an Höhe, aber sie bewegen sich praktisch ohne Aufwendung von Kraft und Energie vorwärts. Im Vergleich zum normalen Flug unter Flügelschlag müssen sie für ihren Gleitflug lediglich 10% an Energie aufwenden. Mit der nächsten Thermik, die die Vögel zielsicher aufzusuchen verstehen, lassen sie sich für die nächste Gleitstrecke erneut in die Höhe tragen.

Diese Flugtechnik hat allerdings auch ihren Preis. Da über größeren Wasserflächen wie den Meeren und Ozeanen kaum nennenswerte Aufwinde entstehen und die Thermik über flachem Land auch nicht zuverlässig vorhanden ist, müssen die großen Zugvögel zum Erreichen ihres Überwinterungsziels meist größere Umwege in Kauf nehmen. Störche beispielsweise umfliegen bereits das verhältnismäßig kleine Mittelmeer. Dieser Umweg ostwärts über den Bosporus und Kleinasien bzw. westwärts über Gibraltar ist für diese Nomaden der Lüfte jedoch ökonomischer als eine kraftaufwändige Überquerung des Mittelmeers. Was für kleinere Zugvögel ein Hindernis - teils sogar unüberwindlich - ist, dient den großen Zugvögeln wie den Störchen hingegen als Leitlinie für die Hauptrouten ihrer Flugstrecke: Gebirgszüge wie die Ostalpen, die Gebirge des Balkans, die Dardanellen oder die kleinasiatischen Küstengebirge mit ihren relativ konstanten Aufwinden. Entlang des großen afrikanischen Grabenbruchs herrschen für die Störche und andere große Zugvögel geradezu optimale Gleitflugbedingungen.

Den Höhenflugrekord halten allerdings Wildgänse: Die Streifengans überwindet regelmäßig die höchste Gebirgskette der Erde. Auf über 8000 m - also in extrem sauerstoffarme Luftmassen - kann sie sich zur Überquerung des Himalayas emportragen lassen, um von ihren Brutgebieten in den zentralasiatischen Steppen in ihr südliches Überwinterungsgebiet zu gelangen.
Um zusätzlich Energie zu sparen, legen beispielsweise Gänse ihre Flugstrecke in einer arttypischen aerodynamischen Flugformation zurück. An der Spitze der v-förmigen Flugkonstellation ist der Luftwiderstand am höchsten. Hier fliegen die kräftigsten Vögel, die sich zudem ständig untereinander abwechseln. Da die vordersten Gänse mit ihren Flügeln die Luft regelrecht wegdrücken, verringert sich für die nachfolgenden Tiere in jeder Position weiter hinten der Luftwiderstand ein wenig mehr. Zusätzlich entstehen durch die Auf- und Abbewegungen der Schwingen Aufwinde, die die nachfolgenden Gänse mittragen. Somit sind die hinteren Plätze in dem Formations-V mit den geringsten Luftwiderständen und den stärksten Aufwinden für die schwächsten Mitglieder der Fernreisegruppe reserviert, meist die jungen Vögel.

Während Störche und andere große Zugvögel das offene Meer meiden, sind hier Sturmvögel mit ihren schmalen und extrem langgestreckten Schwingen wie die Albatrosse zu finden. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 3,6 m nutzen die Wanderalbatrosse die Luftströmungen dicht über der Wasseroberfläche. Sie entstehen durch die von den Wellenkämmen aufwärts gelenkten Luftmassen. Diese größten Seevögel sind daher auch in der Seeregion zwischen dem 40. und 50. Grad südlicher Breite zu finden, die äußerst berüchtigt ist für ihre häufigen Stürme. Doch dies sei nur ein kleiner biologischer Exkurs am Rande - denn der Wanderalbatross ist kein Zugvogel im eigentlichen Sinne, sondern ein Hochseewandervogel. Den Großteil seines Lebens verbringt der geschickte Flieger „über See“. Nur zur Brut kehrt der Vogel auf seine angestammten Inseln zurück.
- Segeln mit dem Wind
- Die Kleinen müssen sich mühen
- Orientierung
- Das Signal zum Aufbruch
- Warum all der Aufwand?
- Abstauber
Bibliografie:
- Michael Debats: Nomaden der Lüfte - Das Geheimnis der Zugvögel, DVD 2005
- Stephane Durand, Guillaume Poyet: Das Geheimnis der Zugvögel, Gerstenberg 2002
- Hermann Heinzel, Richard Fitter, John Parslow: Pareys Vogelbuch - Alle Vögel Europas, Nordafrikas und des Mittleren Ostens, Verlag Paul Parey 2005
- Guilhem Lesaffre: Zugvögel - Arten, Routen, Reservate, Knesebeck Verlag 2003







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