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Tour de France: Historie

Als die Tour de France 1903 aus der Taufe gehoben wurde, rechnete niemand damit, dass sie über einhundert Jahre alt werden könnte. Verleger Henri Desgrange initiierte das “verrückteste Radrennen der Welt“ als Werbeaktion, um den Verkauf seiner Sportzeitung “L’ Auto-Vélo“ zu steigern. Das Rennen mauserte sich schnell zum Publikumsliebling und gilt heute nach den Olympischen Spielen und der Fußball-Weltmeisterschaft als das drittgrößte Sportereignis der Welt.

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1903: Wie alles begann

Wie die Radrennen boomten um die Jahrhundertwende auch die Sportzeitungen, die damals schon mit Berichten über Siege, Rekorde, Dramen und Niederlagen ein gutes Geschäft machten. 1899 beschloss der Fahrradhersteller Adolphe Clément, eine konkurrierende Sporttageszeitung zu gründen. "L'Auto-Vélo" erschien das erste Mal zur internationalen Ausstellung von Paris. Für die Zeitung wurde Henri Desgrange engagiert, der 1893 den ersten Stunden-Weltrekord gefahren hatte, danach aber die Radrennen aufgab. Doch "L'Auto-Vélo" gelang es nicht, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen.

Desgrange wusste, sein Blatt musste sich etwas Neues ausdenken, um die Leser zu faszinieren. Geo Lefèvre, Redakteur und Freund von Desgrange, soll dann 1902 die Idee gehabt haben, ein Etappenrennen durch Frankreich zu veranstalten. Die Tour de France wurde geboren.

In den frühen Morgenstunden des 1. Juli 1903 starteten daraufhin im kleinen Pariser Vorort Villeneuve-Saint-Georges 60 wagemutige Rennfahrer zu diesem Abenteuer. Die ersten Veranstaltungen waren echte Rundstreckenrennen mit Paris als Start- und Zielort. 1903 qälten sich die Starter über Lyon, Marseille, Toulouse, Bordeaux und Nantes zurück nach Paris.

Die sechs Etappen zu 467, 374, 434, 268, 425 und 460 km Länge führten zumeist über unbefestigte Wege und Kopfsteinpflaster. Trotz oder gerade wegen der Strapazen wurde die Tour schnell berühmt. Niemand hatte geglaubt, dass ein Radfahrer solche Anstrengungen ertragen könte. Der gewünschte Effekt des PR-Gags trat ein: "L'Auto-Vélo" mauserte sich zur auflagenstärksten Sportzeitung Frankreichs.

Erster Gewinner der Tour wurde Maurice Garin. Er erreichte das Ziel in Paris als nur einer von 20 Fahrern mit dem größten Vorsprung aller Zeiten.

1904: Zweites Rennen, erste Skandale

Die Tour de France erlebte schon während der ersten Jahre, die heute als “heroische Epoche“ bezeichnet werden, ihre ersten Skandale. Um das prestigeträchtige Rennen zu gewinnen, scheuten viele Teilnehmer nicht vor unfairen Wettkampfmethoden zurück. Obwohl die beschränkten Mittel der damaligen Teilnehmer das Rennen schon schwer genug machten, kam es immer wieder zu Sabotageakten.

Team-Manager organisierten böse Überraschungen für konkurrierende Fahrer. Abführmittel in der Hühnerkeule oder Juckpulver und Schmirgel in der Rennhose waren dabei noch die harmloseren Varianten. Angesägte Fahrradrahmen und Schuhnägel auf der Straße steigerten das Unfallrisiko erheblich und manch allzu leidenschaftlicher Fan schreckte selbst vor Überfällen auf die Fahrer nicht zurück.

Derartige Attacken blieben Maurice und Cesar Garin, Lucien Pothier und Hyppolite Aucouturier streckenweise erspart. Die vier Franzosen, die 1904 in Paris die Gesamtwertung der Tour anführten, fuhren nämlich nicht immer auf der vorgegebenen Rennroute. Sie hatten eifrig die Landkarte studiert und zeitsparende Abkürzungen ausgetüftelt. Das Schurkenquartett legte einen Teil der Strecke sogar mit der Eisenbahn zurück. Ihr Pech: Die bequemen Radler wurden auf dem Bahnhof von einem Jungen gesichtet, der sie verpetzte. Ansonsten hätte es wohl niemand gemerkt. Alle vier wurden disqualifiziert. Nachträglicher Sieger wurde Henri Cornet, der Fahrer, der unter der präparierten Hühnerkeule zu leiden hatte.

Tourleiter Desgrange, von den Skandalen und Ausschreitungen entlang der Strecke getroffen, spielte ernsthaft mit dem Gedanken, das noch in den Kinderschuhen steckende Radrennen einzustellen: “Die zweite Auflage der Tour wird, denke ich, die letzte sein. Sie geht an ihrem eigenen Erfolg und der blinden, wütenden Leidenschaft ihrer Fans zugrunde.“

1910: Mörderische Bergetappen

Trotz des Debakels von 1904 ließ sich die schnell als größtes Rennen der Welt geltende Rundfahrt nicht mehr stoppen. In den nächsten Jahren wurden immer neue Maßnahmen ergriffen, um die Tour de France noch spannender zu gestalten. So schlug ein Mitarbeiter von Henri Desgrange, vor, die als unpassierbar geltenden Bergpässe der Pyrenäen ins Programm aufzunehmen.

Auf der Etappe von Luchon nach Bayonne mussten sich die Fahrer 1910 zum ersten Mal an einem steilen, langen Anstieg quälen. Gangschaltungen gab es noch nicht. Berge wie Peyresourde, Aspin oder Tourmalet, die noch heute zu den anspruchsvollsten Etappen einer Tour zählen, gerieten auf den Stahlrädern mit ihren fragilen Holzfelgen zur Tortur.

Kletterspezialist Octave Lapize aus Frankreich kam mit den neuen Strapazen am Col du Tourmalet am besten zurecht. Obwohl Lapize die Offiziellen während des Anstiegs als “verdammte Mörder“ beschimpfte und das Rennen auf dem Gipfel des Aubisque abzubrechen drohte, war er in den Pyrenäen der konstanteste Fahrer. Er gewann alle Bergetappen und sicherte sich mit geringem Vorsprung auch den Gewinn der Gesamttour.

Ein farbiges Trikot durfte sich Lapize dafür noch nicht überstreifen: Das “Maillot Jaune“ wurde neun Jahre später erstmals verliehen. Ein weißes Trikot mit roten Punkten, das den Führenden der Bergwertung auszeichnet, gibt es sogar erst ab 1939.

1912: Ein Belgier auf dem Treppchen

Die ersten neun Frankreich-Rundfahrten wurden allesamt von Einheimischen gewonnen. Erst 1912 radelte ein Ausländer auf den Tour-Olymp: Tausende begeisterter Menschen feierten den Belgier Odile Defraye, der nach 15 Etappen und 5.319 Kilometern an der Spitze des Gesamtklassements lag. Die Tour war in den folgenden Jahren fest in belgischer Hand. 1913 und 1914 gewann Defrayes Landmann Philippe Thys, der das Rennen auch 1920 noch einmal für sich entscheiden konnte.

1913: Neues Reglement

Zum zehnten Geburtstag der Tour ließ sich Rennleiter Desgrange etwas Neues einfallen. Der Streckenverlauf wurde umgedreht, er führte erstmals gegen den Uhrzeigersinn von Paris durch die Pyrenäen und die Alpen zurück in die Hauptstadt. Außerdem stellte Desgrange vom bis dato üblichen Punktesystem (die Gesamtwertung basierte auf den Platzierungen der Fahrer auf jedem Teilstück) auf das noch heute gebräuchliche System der kumulierten Etappenzeiten um.

Zum Leidwesen des Favoriten Eugène Christophe blieb eine Regel jedoch unverändert: Die Fahrer durften bei mechanischen Problemen keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen. Als Christophe bei einer Abfahrt stürzte, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine gebrochene Gabel unter der Aufsicht eines Offiziellen in einer Dorfschmiede selber zu schweißen. Der Rennradler kam mit hoffnungsloser Verspätung ins Ziel und musste eine zusätzliche Zeitstrafe erdulden, weil ihm in der Schmiede ein kleiner Junge bei der Bedienung des Blasebalgs behilflich war.

1919: Zum ersten Mal in gelb

Die erste Tour de France nach dem Ersten Weltkrieg verlief unter Schwierigkeiten. Die Straßen waren vielfach verwüstet und das Material der Fahrer war schlecht. Es fehlten oft Ersatzteile und Reifen und die Organisatoren hatten große Mühe, überhaupt Unterkünfte zu finden. Henri Desgrange wusste, dass die Tour wieder etwas benötigte, um für das Publikum interessanter zu werden.

Journalisten hatten ihn wiederholt gebeten, sich etwas einfallen zu lassen, um den Führenden des Gesamtklassements im Rennen leichter erkennbar zu machen. So kam Desgrange während des Rennens die Idee, den aktuellen Spitzenreiter mit einem speziellen Trikot hervorzuheben.

Zur Wahl der Farbe gibt es zwei verschiedene Erklärungen: Die eine besagt, dass Desgrange deshalb ein gelbes Trikot wählte, weil das Papier seiner Zeitung “LAuto-Velo“ die gleiche Farbe hatte. Version 2: Der Tourleiter bestellte Shirts in verschiedenen auffälligen Farben, aber sein Schneider in Paris konnte nach dem Krieg lediglich gelbe Jerseys liefern. Ob Zufall oder nicht: Das Gelbe Trikot ist auch heute noch die begehrteste Trophäe im Profiradsport.

Erster Träger des Gelben Trikots war Eugène Christophe. Er sah bis kurz vor Schluss der Tour wie der sichere Sieger aus, musste das “Maillot Jaune“ nach einem Lenkerschaden aber noch an den Belgier Firmin Lambot abgeben. Erster Deutscher in Gelb wurde 1932 der Berliner Kurt Stöpel. Er wurde durch eine Pannenserie am Tour-Sieg gehindert, blieb mit Platz Zwei aber 64 Jahre lang der erfolgreichste deutsche Fahrer.

1924: “Leibesvisitation“ an der Startlinie

Mit Henri Pélissier erhielt die Tour de France 1924 ihren ersten Medienliebling. Trotz seiner unbestrittenen Erfolge Pélissier gewann unter anderen die Tour, Mailand-San Remo und Paris-Roubaix fragten sich viele Zuschauer und Reporter immer wieder, ob dem charismatischen, modebewussten Radprofi nicht vielleicht sein Aussehen auf dem Rad wichtiger war als der Etappensieg.

Pélissier, der ebenso sturköpfig sein konnte wie Rennleiter Desgrange, legte sich mehrfach mit dem “Vater der Tour“ an. Die Konfrontationen erreichten im Jahr 1924 ihren skurrilen Höhepunkt: Pélissier wurde plötzlich an der Startlinie gefilzt, weil er es gewohnt war, mit zwei übereinander getragenen Trikots ins Rennen zu starten, um sich zunächst warm zu halten. Rennleiter Desgrange tat die “Leibesvisitation“ unter Verweis auf eine neue, unverständliche Tour-Regel ab, nach der Fahrer nur ein Trikot am Leib tragen durften. Der gekränkte Pélissier quittierte diese persönliche Demütigung mit dem Abbruch des Rennens.

1934: Vietto dreht um

Einer der bestimmenden Fahrer des Rennens von 1934 war René Vietto. Der Franzose schrieb Tourgeschichte, als er sich für seinen Teamchef Antonin Magne aufopferte. Vietto lag bei der Abfahrt am Col de Port in Führung, als er davon erfuhr, dass Magnes Rennrad bei einem Unfall schwer beschädigt worden war. Der Rest des französischen Teams seit 1930 wurde die Tour in National- und Regionalmannschaften gefahren war weit abgeschlagen. Kapitän Magne stand vor dem Aus.

Obwohl Vietto den Etappensieg vor Augen hatte, zögerte er nicht, umzukehren. Aufopferungsvoll kämpfte er sich erneut den Berg hinauf, um dem verzweifelten, erschöpften Kapitän sein eigenes Rad in die Hand zu drücken. Danach wartete Vietto lange Minuten, bis die demolierte Rennmaschine mit Hilfe eines Tourfahrzeuges wieder flott war. Trotz beeindruckender Aufholjagd verlor Vietto die Tour an dem Tag. Weil er sich opferte, wurde Antoine Magne Gesamtsieger.

1940: Die Tour verliert ihren Vater

Henri Desgrange starb am 16. August 1940, nur zwei Wochen, nachdem die 34. Auflage der Tour in Paris hätte enden sollen. Das Rennen fand wegen des Zweiten Weltkrieges nicht statt. Nach der ersten Unterbrechung in den Jahren 1915 bis 1918 stand der Tour-Zirkus von 1940 bis 1946 erneut still.

Jacques Goddet erweckte dir Tour de Frace ab 1947 zu neuem Leben. Der Verleger, der nicht nur als Rennleiter die Nachfolge von Desgrange antrat, verfolgte zunächst die gleichen Ziele wie sein ehemaliger Chef. Er wollte die Publicity der Tour nutzen, um seine Zeitung wieder populär zu machen.

“LAuto“ war von der Nachkriegsregierung verboten worden, weil das Blatt während des Krieges mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatte. Mit gleichem Redaktionsteam und neuem Namen kehrte der Erfolg schnell zurück: “LEquipe“ ist bis heute Tour-Sponsor und eines der wichtigsten Sportmagazine des Landes.

1948: Gino Bartali, der “Alte“

Gino Bartali, Champion von 1938, konnte die Tour de France auch nach der sechsjährigen Unterbrechung noch einmal für sich entscheiden. Der Italiener, der wegen seines “biblischen“ Rennradler-Alters von 34 Jahren nur “der Alte“ genannt wurde, holte sich das Gelbe Trikot bereits am ersten Tag. Um sich zu schonen, ließ sich Bartali das “Maillot Jaune“ jedoch zunächst wieder abjagen.

Erst in den Bergen ging der Oldie erneut zum Angriff über. In den Pyrenäen konnte ihm selbst Louison Bobet, späterer Dreifach-Gewinner, nicht folgen. Nach einer triumphalen Bergankunft in der Nähe von Lourdes gab Bartali die Führung bis Paris nicht mehr ab. Man darf spekulieren, ob der Italiener zum erfolgreichsten Fahrer aller Zeiten geworden wäre, hätte ihn der Zweite Weltkrieg nicht dieser Chance beraubt.

1949: Italienische Höflichkeit

Auch im darauf folgenden Jahr war Gino Bartali wieder am Start. Der erfahrene Champion wusste jedoch, dass seine Erfolgsphase enden würde. Sein schärfster Widersacher kam aus dem eigenen Team: Fausto Coppi, dreifacher Gewinner des Giro dItalia, schickte sich an, die Tour de France 1949 für sich zu entscheiden. Sobald das Peloton in die Berge kam, begann der italienische Zweikampf Bartali-Coppi.

“Der Alte“ hielt sich gut, aber sein junger Konkurrent wirkte immer ein wenig frischer. Auf der besonders steilen Alpen-Etappe am Izoard fiel schließlich die Entscheidung: Der erschöpfte Bartali konnte einen Alleingang von Coppi nur verhindern, indem er ihn um ein außergewöhnliches Geschenk bat. Coppi verzichtete an Bartalis 35. Geburtstag auf den sicheren Etappensieg und erhielt dafür an den folgenden Tagen die Unterstützung des Oldies, die ihm den ersten von zwei Tour-Siegen ermöglichte.

1953: Ein grünes Trikot zum Jubiläum

Zum 50. Jubiläum machten sich die Tourveranstalter selbst das schönste Geschenk. Sie erfanden die Punktwertung für den besten Sprinter und spendierten ein neues, grünes Trikot. Die Änderung des Reglements erwies sich als Glückgriff, denn sie machte vor allem die Flachlandetappen wieder attraktiver.

In den Augen des Publikums lag die Spannung der Tour vor allem in den Bergetappen. In den Alpen und Pyrenäen wurden die spektakulärsten Attacken gestartet und die Zeitvorsprünge herausgefahren, die das Rennen zumeist entschieden. Von der neuen Punktwertung profitierten ab 1953 die schnellen Sprinter, die bei Zwischenspurts und in Massenankünften auf sich aufmerksam machen konnten.

Erster Gewinner des Grünen Trikots wurde der Schweizer Fritz Schaer. Den Sprinterrekord hält bis heute Erik Zabel, der die Tour sechsmal in Grün beendete.

1957: Ein “Meister“ und Lebemann

Ab 1957 stand die Tour de France im Zeichen eines Mannes, der wegen seiner Dominanz respektvoll als “Meister“ bezeichnet wurde. Jaques Anquetil gewann als erster Fahrer gleich fünf Touren. Besonders 1961 war er nicht zu schlagen: Es gelang ihm, das Gelbe Trikot vom ersten bis zum letzten Tag der Tour zu tragen.

Seine Spezialität war das Zeitfahren. Der Franzose, der vor seinem ersten Tourstart einen Stundenweltrekord im Einzelsprint aufgestellt hatte, konnte auf der Tour zwölf Zeitfahrten für sich entscheiden. Anquetil war damit zwei Jahrzehnte lang unangefochtener Sprintkönig der “Grand Boucle“.

Neben seiner Schnelligkeit sorgte Anquetil auch nach Feierabend für Schlagzeilen. Während viele Fahrer während des Rennens ein geradezu mönchisches Leben führten, galt der gesellige Franzose als “Party Animal“ im Peloton. Er machte keinen Hehl aus seiner Liebe zu “Whiskeys, Zigaretten und Frauen“ und ging in die Historie ein, als er sich nach durchzechter Nacht in den Pyrenäen zunächst ein Glas Champagner gönnte, bevor er auf der Bergetappe sein Gelbes Trikot verteidigte.

1967: Doping-Tod am Mont Ventoux

Im Jahr 1967 erlebte die Tour de France einen traurigen Höhepunkt. Der Brite Tom Simpson wurde zum berühmtesten Doping-Opfer der Rundfahrt. Er starb am 13. Juli beim Aufstieg zum 1912 Meter hohen Mont Ventoux.

Simpson begann vier Kilometer vor dem Ziel auf seinem Rad zu zittern, als er mit einem Ausreissversuch zur Spitzengruppe aufschließen wollte. Der Brite stürzte vom Rad, rappelte sich mit Hilfe von Zuschauern wieder auf und brach dann wenig später erneut zusammen. Für ihn kam jede Hilfe zu spät, Wiederbelebungsversuche am Straßenrand blieben ohne Erfolg. Mediziner fanden bei der Autopsie in seinem Körper einen Cocktail aus Aufputschmitteln und Medikamenten.

Der weitreichende Missbrauch von Leistungssteigerern war den Tourverantwortlichen schon länger bekannt. Sie hatten im Jahr zuvor erstmals unangemeldete Tests durchgeführt, um dem illegalen Treiben Einhalt zu gebieten. Nach der ersten Messung in Bordeaux protestierten die Fahrer: Auf der Etappe nach Bayonne stieg das Feld geschlossen vom Rad und legte einen Teil der Strecke zu Fuß zurück.

1969: Eddie Merckx, der “Kannibale“

Als er am Tourmalet seinen ersten Ausreißversuch startete, merke er es gar nicht. Eddie Merckx, 24jähriger Tour-Newcomer, versuchte lediglich seinen Atem und Rhythmus unter Kontrolle zu halten. Er wollte die Konkurrenz nicht überholen lassen. Als sich der Belgier umdrehte, war er überascht, die anderen Fahrer weit abgehängt zu haben. Der Etappensieg war ihm nicht mehr zu nehmen. Merckx gewann mit fast acht Minuten Vorsprung.

Die Tour von 1969 war nur der erste Triumph in einer Serie, die Geschichte schrieb. Merckx war auf dieser Rundfahrt so dominant, dass er alles gewann: Sechs Etappen, Gesamt-, Sprint- und Bergwertung sowie die Auszeichnung als bester Jungfahrer. Der Belgier ist mit 525 Siegen darunter siebenmal Mailand-SanRemo, dreimal Paris-Roubaix, fünfmal Giro dItalia und drei Weltmeisterschaften der erfolgreichste Fahrer aller Zeiten. Mit fünf Tour-Siegen, 34 Etappensiegen und vollen 96 Tagen im “Maillot Jaune“ steht Merckx auch heute noch an der Spitze mehrerer Tour-Rekordlisten.

Kein Wunder, dass der überragende Dominator der Frankreich-Rundfahrten von anderen Fahrern beinahe ehrfürchtig als “Kannibale“ bezeichnet wurde. Zwischen 1970 und 1974 beschränkte sich die Strategie seiner Konkurrenten nur darauf, “den Belgier zu schlagen“. Doch alle Widersacher, wie z.B. der Spanier Luis Ocana oder Frankreichs “ewiger Zweiter“ Raymond Poulidor, hatten in den Bergen das Nachsehen.

1975: Ende der “Merckx-Show“

Erst 1975, als alle Welt darauf wartete, dass “Kannibale“ Merckx wieder zubeißen und sich die sechste Tourkrone holen würde, musste sich der Topfavorit einem anderen Fahrer geschlagen geben. Sechs Kilometer vor dem Ende der 15. Etappe stellte Bernard Thévenet den siegessicheren Träger des Gelben Trikots. Als der Franzose überholte, konnte Merckx nichts entgegensetzen. Er verteidigte die Gesamtführung zwar bis zum nächsten Tag, aber Thévenet nutzte die neu entdeckte Schwäche des Spitzenreiters, um erneut anzugreifen. Der Franzose gewann die Tour.

Merckx sagte nach dem Rennen, dass viele Tour-Zuschauer schon seit Jahren auf ein von ihm Formtief warten würden. “Aber das geschah niemals. Um geschlagen zu werden, musste ich auf jemanden treffen, der noch stärker ist als ich. Nun, hier ist er: Bernard Thévenet.“

1978: Bernard Hinault, der “Boss“

Die Etappe von Tarbes nach Valence dAgen ist eine der langsamsten, die jemals in der Geschichte der Tour de France gefahren wurden. Das gesamte Peloton war nie schneller als 20 Stundenkilometer. Grund der ungewöhnlichen Aktion: Die Fahrer protestierten gegen zu kurze Ruhephasen zwischen den einzelnen Etappen. Viele von ihnen hatten in der Nacht zuvor nur fünf Stunden geschlafen.

Einer der Streikführer gab gerade erst sein Tour-Debüt: Bernard Hinault, der das Rennen über weite Teile anführte und die Tour 1978 zum ersten Mal gewann, machte seinem Ruf als energischer, mutiger “Boss“ schon früh alle Ehre. Der junge Franzose konnte die Tour auch im folgenden Jahr für sich entscheiden, musste 1980 allerdings verletzungsbedingt aussteigen.

Hinault kehrte 1981 triumphal zur Tour zurück. Dem Allroundtalent gelang es als einzigem Fahrer nach Eddie Merckx, alle drei Trikots der Rundfahrt zu gewinnen und mit insgesamt 28 Etappensiegen auf Platz Zwei der ewigen Bestenliste vorzurücken. Dem Franzosen gelang es mit seinem Sieg von 1982 als erstem Fahrer überhaupt, gleich zweimal das Double von Giro dItalia und Tour de France zu schaffen.

1983: Überraschungssieger Laurent Fignon

Knieprobleme zwangen Hinault, auf die Tour-Teilnahme 1983 zu verzichten. Ein 22 Jahre alter Neuling wurde zum Überraschungssieger: Keiner wunderte sich über den Gewinn der Tour mehr als Laurent Fignon selber. Er hatte erst kurz vor Schluss davon profitiert, dass der Gesamtführende Pascal Simon am Fuße der Berge ausschied. Der Franzose, der mit seiner Brille wie ein rennradelnder Intellektueller wirkte und sich damit deutlich vom kantigen Bretonen Hinault unterschied, wurde sofort zum Publikumsliebling.

Die Rundfahrt des Jahres 1984, als sich Fignon und der wiedergenesene Bernard Hinault packende Duelle lieferten, zählt zu den spannendsten der letzten hundert Jahre. Obwohl Fignon seinem Widersacher deutlich überlegen war, ließ der “Boss“ keine Angriffschance ungenutzt. Im Anstieg vor lAlpe dHuez versuchte er gleich fünfmal vergeblich zu entkommen. Fignon klebte an seinem Hinterrad, wehrte jede verzweifelte Attacke erfolgreich ab und erreichte das Etappenziel souverän als erster.

Der französische Zweikampf wurde ein Jahr später durch einen jungen Amerikaner namens Greg LeMond erweitert. Weil Nationalmannschaften bei der Tour zugunsten von Firmenteams aufgegeben wurden, fuhr LeMond, der 1984 schon den dritten Platz belegte, in der gleichen Equipe wie Bernard Hinault.

Nachdem Laurent Fignon verletzt ausschied, stand LeMond der Weg zum Sieg frei. Eine strike Teamorder hinderte ihn allerdings daran, den Veteranen Hinault zu überholen. Der “Boss“ gewann die Tour 1985 zum fünften und letzten Mal, bevor er den Profiradsport wenige Monate später endgültig beendete.

1986: Ein Amerikaner in Paris

72 Jahre nach dem Start der Tour de France stand in Paris zum ersten Mal kein Europäer ganz oben auf dem Treppchen. Greg LeMond, einer der besten Fahrer der Rennen von 1984 und 1985, holte sich die verdiente Tourkrone. Der starke Amerikaner, der für “La Vie Claire“ fuhr, musste im Vorjahr noch Teamkapitän Bernard Hinault den Vortritt lassen. Obwohl der Franzose versprach, LeMond bei nächster Gelegenheit zum Gewinn der Tour zu verhelfen, entpuppte sich Hinault auch 1986 als schärfster Konkurrent.

LeMond liess den Senior zunächst davonziehen, bevor er in den Pyrenäen und Alpen seinen Gegenangriff auf das “Maillot Jaune“ startete. Die 17. Etappe zur Spitze des Col du Granon markierte den Wendepunkt der Tour: Der Amerikaner gewann und fuhr zum ersten Mal in Gelb. Am folgenden Tag erreichten LeMond und Hinault die Bergankunft in lAlpe dHuez zur gleichen Zeit. Ihr Handschlag beim Überqueren der Ziellinie markierte die Übergabe der Führungsrolle an den jungen Fahrer aus Übersee.

Bernard Hinault, der Chance auf seinen sechsten Toursieg beraubt, machte im November des selben Jahres ein lang gegebenes Versprechen war. An seinem 32. Geburtstag fuhr er ein kleines Jubiläumsrennen in der Bretagne. Wieder zuhause, beendete er seine Karriere ganz sprichwörtlich: Er schlug er einen Nagel in die Wand und hängte sein Fahrrad daran auf.

1987: Hattrick für Stephen Roche

Ein tragischer Jagdunfall vereitelte Greg LeMonds Chancen, seinen Toursieg im folgenden Jahr zu wiederholen. LeMond, der versehentlich angeschossen wurde und nur knapp mit dem Leben davon kam, konnte nicht aufs Rad. Das machte den Weg frei für Stephen Roche. Der Ire fuhr eine Ausnahmesaison. Er schaffte als zweiter Fahrer nach Eddie Merckx den “Hattrick“: Innerhalb einer Saison gewann er neben dem Giro dItalia und der Weltmeisterschaft auch die Tour de France.

1989: Enger geht es nicht

Nach seinem schweren Jagdunfall absolvierte Greg LeMond ein umfangreiches Rehabilitationstraining, um wieder an die alte Form anknüpfen zu können. Bereits 1989 war er wieder am Tour-Start. LeMond, der für das verhältnismässig kleine ADR-Team antrat, machte sich keine falschen Hoffnungen. Das Rennen war nur als Test geplant, um festzustellen, ob er jemals wieder zu den besten Fahrern der Welt aufschließen könnte.

Was dann kam, gilt noch heute als eines der Tour-Wunder. Schon der Prolog und das erste Zeitfahren machten deutlich, dass Greg LeMond wieder zum engen Kreis der Favoriten gerechnet werden musste. Im Verlauf des Rennens wechselte das gelbe Trikot gleich mehrfach zwischen Vorjahressieger Pedro Delgado, Laurent Fignon und dem Amerikaner.

Erst zum Ende der vorletzten Etappe sah Fignon wie der sichere Sieger aus: Der Franzose startete mit einem komfortablen Vorsprung von 50 Sekunden in das letzte Einzelzeitfahren zum Champs Elysees. Es schien unmöglich, diesen Abstand auf der nur 24 Kilometer langen Etappe zu egalisieren. LeMond wies sein Begleitfahrzeug an, ihm die Zwischenzeiten seines Kontrahenten während der Aufholjagd nicht mitzuteilen. Der Amerikaner wählte eine sehr hohe Umsetzung, neue, aerodynamische Lenkergriffe und fuhr das Rennen seines Lebens.

Als er unter dem Jubel der Zuschauer hinter der Ziellinie zusammenbrach, hatte er nach insgesamt 3.285 Kilometern genau acht Sekunden Vorsprung. Es war das bis heute engste Finish in der Geschichte der Tour de France.

1991: Miguel Indurain, der “Außerirdische“

Anquetil, Merckx und Hinault gewannen jeweils fünf Frankreich-Touren. Aber keinem von ihnen gelang es, das härteste Radrennen der Welt gleich fünfmal hintereinander für sich zu entscheiden. Das schaffte erst ein spanisches Ausnahmetalent aus den Hügeln von Navarra. Miguel Indurain, Spitzname “der Außerirdische“, war zwischen 1991 und 1995 nicht zu schlagen.

Seinen ersten Toursieg sicherte sich Indurain am legendären Tourmalet. Dem 1,88 Meter großen Spanier, der für das Team Banesto fuhr, gelang zusammen mit dem italienischen Kletterspezialisten Claudio Chiappucci die Flucht. Das Duo nahm seinen Verfolgern wertvolle Zeit ab: LeMond verlor sieben, der kolumbianische Bergfahrer Lucho Herrera 13 und Mitfavorit Pedro Delgado gar 14 Minuten. Chiappucci gewann die Etappe, Indurain die Tour.

Im folgenden Jahr begründete Indurain seinen Ruf als wohl bester Zeitfahrer aller Zeiten. Er gewann die Solo-Etappe in Luxembourg mit einem beeindruckenden Vorsprung von drei Minuten. Die Tour war entschieden, bevor sie richtig begann. Auch Angriffsversuche des späteren Zweitplatzierten Claudio Chiappucci, der bei einem Tour-Abstecher in seiner Heimat Italien von den Fans bevorteilt und Etappensieger wurde, konnten das “menschlichen Metronom“ Indurain nicht gefährden.

1995: Tödlicher Unfall in den Pyrenäen

Die Strecke der Tour von 1994 war mit Bergetappen gespickt. Viele Experten gingen deshalb davon aus, dass Miguel Indurain das Rennen nicht gewinnen könnte. Der Spanier machte ihnen mit Unterstützung seines Banesto-Teams einen Strich durch die Rechnung: Die minutiös durchgeplante Strategie ließ anderen Fahrern Zweiter wurde in diesem Jahr Bergspezialist Tony Rominger keine Chance. Indurain holte sich in einem hin und wieder als “langweilig“ bezeichneten Rennen seinen vierten Titel in Folge.

“Der Außerirdische“ gewann auch die Rundfahrt von 1995. Er schaffte damit den ersten Fünffachsieg in Folge. Die damalige Tour ging allerdings aus einem anderen, traurigen Grund in die Geschichte ein: Fabio Casatelli, italienischer Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele von 1992, kam bei einem Massensturz in den Pyrenäen ums Leben.

Die Etappe war eine der schwersten der Tour. 206 Kilometer lang, mehr als 5000 Höhenmeter. Alle 129 Fahrer fuhren geschlossen über den ersten Pass, den Col de Portet d'Aspet. Als das Feld in rasender Abfahrt ins Tal schoss, kam es in einer Linkskurve zum Sturz. Auf der engen Nebenstraße gab es keine Leitplanken. Der 24jährige Italiener stürtzte mit dem Kopf auf eine niedrige Mauer, die den Straßenrand markierte.

Fabio Casartelli verlor das Bewußtsein und enorm viel Blut. Einem Tourmediziner gelang es, den Fahrer wiederzubeleben nachdem sein Herz bereits dreimal stehengeblieben war. Er wurde nach Tarbes in die Klinik geflogen, aber die Ärzte hatten keine Chance, sein Leben zu retten.

Die meisten Fahrer des Pelotons erfuhren die tragische Neuigkeit erst im Ziel. Was folgte, war eine der traurigsten Etappe der Tour-Geschichte. Casartellis Teamkollegen trugen Trauerflore an Trikots und Rennrädern. Alle Fahrer stiegen 300 Meter vor der Ziellinie geschlossen von ihren Rädern. Sie spendeten sämtliche Tagesprämien an die Frau und den kleinen Sohn des Toten.

1997: Erster deutscher Tour-Sieg

Nachdem Miguel Indurain seine Karriere im Januar 1997 beendete, startete das Peloton der Tour de France ohne einen Top-Favoriten auf die “Große Schleife“. Ausichtsreiche Kandidaten gab es dennoch. Bjarne Riis, dänischer Vorjahressieger in Diensten des deutschen Teams Telekom, machte sich Hoffnungen auf den Gesamtsieg. Sein schärfster Konkurrent aus der eigenen Mannschaft: Jan Ullrich, ein deutscher Berg- und Zeitfahrspezialist. Rote Haare, Sommersprossen, zehn Jahre jünger.

Auf der zehnten Etappe, einem 252 Kilometer langen Pyrenäen-Teilstück mit sechs Anstiegen, wurde klar, wer den Gesamtsieg davontragen würde. Neun Kilometer vor der Bergankunft in Andorra erhielt der Deutsche Meister von Telekom-Teamleiter Walter Godefroot das OK zur Flucht: Er war von der Pflicht, seinem Teamkapitän Riis zu helfen, enthoben und durfte zum ersten Mal auf eigene Rechnung fahren. Ullrich ließ sich nicht lange biten. Er stieg aus dem Sattel und hängte Konkurrenten wie Richard Virenque oder Marco Pantani in bester Sprintermanier mühelos ab eine der größten Stärkedemonstrationen in der Geschichte der Tour de France.

Bei seiner Bergankunft in Andorre-Arcalis hatte der Deutsche einen komfortablen Vorpsrung herausgefahren, den er am nächsten Tag bei einem schweren Bergzeitfahren noch ausbaute und bis Paris nicht mehr abgab. Wie der 23jährige auf den Pyrenäen-Etappen agierte, wie leicht und locker er die steilsten Rampen nahm, das nötigte allen Mitstreitern Respekt ab. Richard Virenque, der spätere Zeitplatzierte, brachte seine Anerkennung mit einem Indurain-Vergleich zum Ausdruck: “Ich hoffe, das war nicht der Beginn von weiteren fünf Jahren“.

Bei der Siegerehrung auf dem Champs Elysees stand noch ein weiterer Deutscher ganz oben: Erik Zabel gewann zum zweiten Mal nach 1996 das grüne Trikot des besten Sprinters. Er konnte diesen Triumph bei den folgenden Rundfahrten noch viermal wiederholen und sicherte sich damit einen unangefochtenen Spitzenplatz in dieser Rekord-Wertung. Vor Zabel gab es nur zwei andere deutsche Fahrer in Grün: Rudi Altig trug das Trikot 1962 und Olaf Ludwig wurde 1990 bester Sprinter.

1998: Die gestoppte Tour

Ihren bislang größten Doping-Skandal erlebte die Tour de France im Jahr 1998: Nach Jahrzehnten der Gerüchte und Verschleierungen kamen so viele Drogen ans Licht, dass das Rennen beinahe abgesagt worden wäre. Willy Voet, ein Betreuer im Team Festina, wurde schon vor dem Start mit Doping-Präparaten an der französisch-belgischen Grenze erwischt. Die französische Polizei fand bei ihrer Routinekontrolle über 400 Ampullen und Flaschen mit verbotenen Leistungssteigerern wie EPO. In Agenturberichten wurde von einer "fahrenden Apotheke" gesprochen.

In Folge der Enthüllungen gaben mehrere Rennradler zu, seit Jahren Doping und Wachstumshormone zu schlucken. Nachdem das Festina-Team von der Rundfahrt ausgeschlossen war, brachen weitere Mannschaften wie ONCE, Banesto oder Kelme freiwillig ab.

Die Teams gaben an, das Rennen aus Protest gegen die unzulässigen Methoden der anderen Fahrer zu verlassen - viele Beobachter gingen aber davon aus, dass der vorzeitige Ausstieg eine reine Vorsichtsmaßnahme gegen die drohende Disqualifikation war. 19 Festnahmen und ein Streik der restlichen Fahrer bei der zwölften Etappe brachten die Skandal-Tour an den Rand des Abbruchs.

Sie wurde dennoch beendet. Jan Ullrich, nach seinem Vorjahressieg als Favorit gehandelt, wurde diesmal nur Zweiter. Der italienische Bergspezialist Marco Pantani nahm ihm beim Anstieg nach Les Deux Alpes zu viel Zeit ab. Pantani stand in Paris auf dem Siegerpodest ganz oben. Er wurde ein Jahr später wegen Blut-Dopings vom Giro d'Italia ausgeschlossen.

1999: “Tour de Lance“

Nach dem Dopingfiasko von 1998 hatte die Tour des folgenden Jahres einen denkbar schweren Start. Fans in aller Welt waren noch immer enttäuscht darüber, dass sich die scheinbar übermenschlichen Leistungen der bewunderten Rennradler als eben solche zu entpuppen schienen. Langjährige Sponsoren wandten sich vom Rennzirkus ab, um nicht mit den hässlichen Doping-Gerüchten und -Vorwürfen in Verbindung zu geraten. Die Tour brauchte dringend einen Neuanfang.

Sie fand ihn in Lance Armstrong. Die Geschichte des kämpferischen Amerikaners, der sich nach schwerer Krankheit auf den Tour-Olymp kämpfte, zog die Massen so in ihren Bann, dass die Doping-Verdächtigungen in den Hintergrund traten.

Dem ehemaligen Weltmeister wurde 1996 Hodenkrebs diagnostiziert. Als sich die Metastasen auch auf Lunge und Gehirn ausdehnten, standen Armstrongs Überlebenschancen nicht gut. Rennstall Cofidis kündigte den Vertrag mit dem von Chemotherapie geschwächten Fahrer.

Der Amerikaner erhielt bald bessere Neuigkeiten: Die Therapie schlug an und er konnte wieder mit dem Training beginnen. Erste Rennen entpuppten sich als Flops, aber bei der Tour 1999 war Armstrong als Mitglied des Teams von US Postal wieder am Start. Der Ausnahmeathlet, der vor 1996 in erster Linie Eintagesfahrten gewonnen hatte, rechnete sich keine großen Chancen aus. Er galt als Außenseiter.

Der Krebs hatte aber nicht nur sein Leben verändert, sondern auch die Art, wie er auf dem Rad unterwegs war. Armstrong war elf Kilo leichter und konnte daher nicht wie gewohnt in sehr großen Gängen fahren. Statt auf seine Stärke, musste sich Armstrong auf saubere Technik und Finesse verlassen. Er nahm selbst die steilsten Anstiege mit nicht weniger als 90 Pedalumdrehungen pro Minute. Auf der ersten Bergetappe nach Sestrières brachte der Amerikaner so einen großen Abstand zwischen sich und seine Verfolger, die ihn seit den Einzelzeitfahren jagten, die Armstrong ebenfalls souverän für sich entschied.

Lance Armstrong feierte eines der größten Comebacks der Sportgeschichte. Er gewann die Touren 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004 und 2005 und trat dann auf dem Höhepunkt seiner Karriere ab. Keinem anderen Fahrer war es bis dahin geglückt, die Tour siebenmal - und noch dazu in sieben aufeinanderfolgenden Jahren - zu gewinnen. Ein Rekord für die Ewigkeit?

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