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Tschechoslowakei

Tschechoslowakei bis 1992

Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa zu Beginn der 1990er Jahre verschwanden drei multinationale Staatsgebilde von der Landkarte: die Sowjetunion, Jugoslawien und die Tschechoslowakei. Am wenigsten hätte man dieses abrupte Ende für die Tschechoslowakei erwartet, denn sie galt als festgefügter Staat, und die Differenzen zwischen den beiden Staatsvölkern erschienen gering. Ein Blick auf die Geschichte zeigt ein etwas anderes Bild.

In das Gebiet der späteren Tschechoslowakei wanderten im 6. Jahrhundert slawische Stämme ein, aus denen im Lauf der Zeit die beiden Völker der Tschechen und der Slowaken hervorgingen. Im 9. Jahrhundert waren sie im Großmährischen Reich vereint, dann gingen ihre Wege auseinander. Die Länder Böhmen und Mähren, wo die Tschechen siedelten, fanden Anschluss an die politische und kulturelle Entwicklung Mitteleuropas. Herzog Wenzel I., der Heilige, Böhmens Landespatron erkannte 929 den deutschen König als Lehnsherrn an. Die Herzöge von Böhmen erhielten 1198 die erbliche Königswürde und wurden mächtige Reichsfürsten. Sie riefen viele deutsche Siedler ins Land. Unter Kaiser Karl IV., der 1346-1378 regierte, war Prag die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reichs; hier wurde 1348 die erste deutsche Universität gegründet. In den Hussitenkriegen des 15. Jahrhunderts mischten sich religiöse und soziale, aber auch nationaltschechische Bestrebungen.

1526 fiel das Königreich Böhmen im Erbgang an das Haus Habsburg. Die Revolte des böhmischen protestantischen Adels gegen Habsburg, die 1618 den Dreißigjährigen Krieg auslöste, wurde niedergeschlagen. Die seit dem Mittelalter lebendige tschechische Nationalkultur wurde für ein Jahrhundert zurückgedrängt. Im 18. Jahrhundert setzte mit zunehmender Abgrenzung vom deutschen Kulturleben ein neuer Aufschwung ein. Ein neues tschechisches Nationalbewusstsein erwachte und fand im 19. Jahrhundert politischen Ausdruck in der Forderung nach Autonomie im Rahmen der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Sehr viel einförmiger verlief die slowakische Geschichte. Die Slowakei wurde im 11. Jahrhundert ein Bestandteil des Köngreiches Ungarn und blieb es bis 1918, ohne jemals irgendwelche Sonderrechte zu genießen. Eine Schicht ungarischer Großgrundbesitzer beherrschte das weithin bäuerliche Land. Erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts gab es eine slowakische Schriftsprache. Bescheidene Ansätze einer Nationalbewegung wurden von den ungarischen Behörden unterdrückt.

Der Erste Weltkrieg offenbarte die Brüchigkeit der Donaumonarchie. Tomáš Masaryk (1850-1937) und Edvard Beneš (1884-1948), die an die Spitze der tschechischen Nationalbewegung getreten waren, verwarfen die Autonomieforderung und strebten die volle Unabhängigkeit an. Mit Vertretern der slowakischen Bewegung einigten sie sich auf einen gemeinsamen tschechisch-slowakischen Staat. Sie gewannen die Unterstützung der Westalliierten für ihre Ziele, so dass noch vor dem Kriegsende am 28.10.1918 die Unabhängigkeit ausgerufen und wenig später die Tschechoslowakische Republik (CSR) mit Masaryk als erstem Präsidenten proklamiert werden konnte. Die Slowakei und die Karpato-Ukraine mussten den Ungarn mit militärischer Gewalt und alliierter Hilfe entrissen werden; sie waren erst im Juli 1919 endgültig in der Hand des neuen Staates.

Von den 14,7 Millionen Einwohnern der CSR im Jahr 1930 waren 7,2 Millionen Tschechen, 2,5 Millionen Slowaken, 3,2 Millionen Deutsche (sogenannte "Sudetendeutsche"), 700000 Ungarn, 550000 Ukrainer und 80000 Polen. Die Minderheiten erhielten entgegen früheren Zusagen keine Autonomie, und auch die Slowaken fühlten sich benachteiligt. Ein "tschechoslowakisches" Staatsvolk gab es nur in der offiziellen Ideologie; in Wirklichkeit bestand die Vorherrschaft der zahlenmäßig, kulturell und wirtschaftlich überlegenen Tschechen.

Die Unzufriedenheit der Sudetendeutschen machte sich Hitler zunutze. Er schürte den Konflikt mit Prag und erzwang im Oktober 1938 die Abtretung des Sudetenlandes. Ein halbes Jahr später erreichte er sein eigentliches Ziel, die Zerschlagung der Tschechoslowakei. Böhmen und Mähren wurden als "Protektorat" dem Reich eingegliedert, während die Slowakei nominell unabhängig, tatsächlich aber ein Vasallenstaat Deutschlands wurde. Größere Gebietsteile musste sie an Ungarn abtreten. Gegen die deutsche Besatzungsherrschaft erhob sich Widerstand; er wurde mit erbarmungslosem Terror beantwortet. Im Zweiten Weltkrieg bildete Beneš in London eine Exilregierung, die von den Mächten der Anti-Hitler-Koalition anerkannt wurde. Nach Kriegsende wurde die Tschechoslowakei in ihren alten Grenzen wiederhergestellt, mit Ausnahme der Karpato-Ukraine, die die Sowjetunion annektierte. Fast 3 Millionen Sudetendeutsche wurden aus ihrer Heimat vertrieben, wobei mindestens 200000 elend zugrunde gingen.

Im erneuerten tschechoslowakischen Staat besaßen die Kommunisten unter Führung von Klement Gottwald (1896-1953) von Anfang an eine starke Stellung. Im Februar 1948 beseitigten sie durch einen Staatsstreich mit sowjetischer Rückendeckung das bürgerlich-demokratische System. Es folgten Jahre des stalinistischen Terrors, der sich nicht nur gegen "Klassenfeinde", sondern mit antisemitischem Akzent auch gegen höchste Parteimachthaber richtete. Der "Prager Frühling" von 1968 war ein kurzes Zwischenspiel der Freiheit. Danach vergingen noch einmal über zwei Jahrzehnte, ehe die Tschechoslowakei wieder eine Demokratie war. Und dann kam bald ihr Ende.

Die Auflösung des Staates

Unter der kommunistischen Diktatur war der Prager Zentralismus noch ausgeprägter als in der bürgerlichen Republik. Die Autonomierechte, die der Slowakei eingeräumt wurden, standen nur auf dem Papier. In den Schauprozessen der 50er Jahre gegen hohe Parteifunktionäre lauteten die Anklagepunkte nicht nur "Trotzkismus", "Titoismus" und "Zionismus", sondern auch "slowakischer Separatismus".

Der "Prager Frühling"

Im Gefolge der "Entstalinisierung" in der Sowjetunion musste das Prager Regime seine despotischen Züge mildern. In der Parteiführung bildete sich ein Reformflügel heraus, dem es Anfang 1968 gelang, den Staats- und Parteichef Antonín Novotný (1904-1975) zu stürzen. Die neue Führung mit dem Slowaken Alexander Dubcek (1921-1992) an der Spitze erstrebte einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Ihr Programm einer durchgreifenden Demokratisierung wurde von der Mehrheit der Bevölkerung begeistert unterstützt. Obwohl Prag die Zugehörigkeit zum "sozialistischen Lager" nie in Frage stellte, sah Moskau in dieser Politik eine Gefahr für die kommunistische Herrschaft im ganzen Ostblock. Am 21.8.1968 marschierten Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein und machten dem "Prager Frühling" ein Ende. Die Vertreter des Reformkurses wurden entmachtet. Unter dem Schlagwort "Normalisierung" fand eine großangelegte Strafaktion statt, die mit Berufsverboten und Freiheitsstrafen besonders die Intellektuellen traf. Alle Reformen wurden rückgängig gemacht, mit einer Ausnahme: Eine Verfassungsänderung, die die Tschechoslowakei zu einem Bundesstaat aus zwei gleichberechtigten Republiken erklärte, blieb in Kraft. Diese "Föderalisierung" war praktisch bedeutungslos, da die ungeteilte Macht weiter beim Präsidium der Kommunistischen Partei lag.

Die samtene Revolution

Völlig ließen sich die oppositionellen Kräfte nicht unterdrücken. 1977 formierte sich eine Bewegung für Menschen und Bürgerrechte, die "Charta 77". Sie war scharfen Verfolgungen ausgesetzt. Als Gorbatschow in der Sowjetunion seine "Perestrojka" einleitete, bekannte sich auch die Prager Parteiführung verbal zur Reformpolitik, ließ aber an ihrem Machtmonopol nicht rütteln. Bezeichnend war, dass der berühmte Schriftsteller Václav Havel (*1936), ein führender Bürgerrechtler, noch im Februar 1989 wegen "Rowdytums" zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Wenig später setzte jenes politische Erdbeben ein, das den Kommunismus im ganzen Ostblock zum Einsturz brachte. Nach Massendemonstrationen auf dem Prager Wenzelsplatz trat am 24.11.1989 die kommunistische Parteiführung zurück; am 28.12. wurde Dubcek, der zwanzig Jahre lang in "innerer Verbannung" gelebt hatte, zum Parlamentspräsidenten gewählt, und einen Tag später vereidigte er den neuen Staatspräsidenten Václav Havel.

Die Trennung

In den ersten freien Parlamentswahlen im Juni 1990 siegten die Bürgerbewegungen, die den revolutionären Wandel erzwungen hatten. Sie fächerten sich bald in politische Parteien mit unterschiedlichen Programmen auf. Sehr früh brachen auch die lange unterdrückten nationalen Gegensätze auf. Nur mühsam einigte man sich auf den neuen Staatsnamen "Tschechische und Slowakische Föderative Republik". Im Laufe des Jahres 1991 verschärfte sich der Konflikt; vor allem in der Slowakei mehrten sich die Stimmen für volle Unabhängigkeit. Nach den Wahlen im Juni 1992 wurde nur noch eine Übergangsregierung gebildet. Havel setzte sich für den Erhalt des Bundesstaates ein, konnte aber nicht einmal die Abhaltung einer Volksabstimmung erreichen und trat zurück. Meinungsumfragen zeigten, dass die Bevölkerung eher für den Fortbestand der Föderation war. Inzwischen hatten sich die Fronten verkehrt: Während die slowakische Seite, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, vor der klaren Trennung zurückschreckte und eine zwitterhafte "Union" vorschlug, bestand die tschechische Seite auf klarer Scheidung. Am 25.11.1992 stimmte das Bundesparlament dem Teilungsgesetz zu. Es wurde vereinbart, dass die beiden Staaten eine Zollunion mit freiem Personenverkehr bilden. Am 31.12.1992 hörte die Tschechoslowakei auf zu bestehen.

Kunst und Kultur

Kunst und Politik waren in der Tschechoslowakei immer eng verbunden. Jüngster Beweis hierfür war 1990 die Wahl Václav Havels zum Staatspräsidenten der 1992 aufgelösten Republik. Durch die tschechische Kultur zieht sich eine liberale und humanistische Strömung. Viele Künstler zeigten in der jüngsten Geschichte der Tschechoslowakei ihre äußerst menschlichen Anliegen, indem sie die kleinen Ereignisse des täglichen Lebens thematisierten. Schriftsteller haben dies oft mit einer charakteristischen tschechischen Liebe zum absurden Humor und leisen Spott verbunden.

Literatur

Der moderne Held der tschechischen Literatur ist Schwejk, eine Figur des Schriftstellers Jaroslav Hašek (1883-1923). Der schäbig gekleidete Schwejk verkauft nach seiner Entlassung aus der Armee als "amtlich beglaubigter Schwachkopf" Hunde. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird er wieder eingezogen. Er macht einen dummen Eindruck, jedoch gelingt es ihm, die gesamte militärische Maschinerie durcheinanderzubringen und lächerlich zu machen. Für Hašek war Schwejk ein Mann, dessen bescheidene Erfolge letzten Endes wichtiger waren als jene Alexanders des Großen. Hašek selbst war eine schillernde Persönlichkeit. Er griff in seinen Werken geschickt die österreichische Herrschaft in der Tschechoslowakei an. Hašek schuf sogar eine Parodie einer politischen Partei, "Die Partei des Gemäßigten Fortschritts innerhalb der Gesetzesgrenzen". Ständig spielte er aufsehenerregende Streiche. Zum Beispiel trug er sich einmal in das Gästebuch eines führenden Prager Hotels als "Spion" ein. Innerhalb weniger Minuten war das Hotel von Soldaten umringt. Als er nach den Gründen für seine Tat gefragt wurde, antwortete er, dass er die Tüchtigkeit des österreichischen Geheimdienstes habe testen wollen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Historiker und Philosoph Tomáš Garrigue Masaryk erster Staatspräsident der neuen Tschechoslowakischen Republik. Masaryks Regierung förderte die Kunst in ganz besonderem Maße. Unter der deutschen Besatzung und später unter dem Stalinismus übernahm die Kunst dann einmal mehr ihre umstürzlerische Rolle.

Die bürokratischen Absurditäten der sozialistischen Führung lieferten den tschechischen und slowakischen Schriftstellern genügend Stoff für ihre Werke. Ihr Humor wurde das beste Mittel, um mit der humorlosen Bürokratie zurechtzukommen.

Von den tschechischen Schriftstellern der 1950er Jahre ähnelt Bohumil Hrabal (1914-1997) Hasek am meisten. Wie Hašek fand Hrabal viele seiner Themen in den Cafés und Wirtshäusern Prags. Seine äußerst phantasiereichen und witzigen Stücke standen nicht in Einklang mit der offiziellen Politik und wurden daher selten veröffentlicht. Wie viele andere Schriftsteller arbeitete Hrabal in einer Vielzahl von Berufen, vom Straßenkehrer bis zum Gepäckträger. Dies gestattete ihm einen genauen Einblick in die Alltagswelt der Bürger.

Jazzmusik, Literatur, Theater und Film fanden sich in den 1960er Jahren zusammen und schufen eine Stimmung aus großem Optimismus und Lebensfreude, die im sogenannten "Prager Frühling" von 1968 ihren Höhepunkt fand. Jazz, von den Nationalsozialisten sowie den Stalinisten als dekadent abgetan, wurde ein tschechisches Symbol für Freiheit. Er inspirierte Josef Škvorecký zu seinem Roman "Das Baßsaxophon" (1963), in dem es um den Widerstand des einzelnen gegen graue Gleichförmigkeit geht. Prags "Theater am Geländer", wo die Uraufführung von Havels ersten Stücken stattfand, wurde in den 1960er Jahren zu einem wichtigen Treffpunkt der tschechoslowakischen Dissidenten.

Der tschechische Film

Es war vor allem das Kino, das die Weltöffentlichkeit auf die neue tschechische Lebensfreude aufmerksam machte. Einer der führenden tschechischen Filmemacher jener Zeit, Jirí Menzel, wurde durch die Werke Hrabals zu seinen besten Filmen inspiriert. Menzels "Liebe nach Fahrplan", das auf einer Novelle von Hrabal beruht, bekam 1966 den Oscar als bester ausländischer Film.

Menzels Zeitgenosse Miloš Forman drehte "Die Liebe einer Blondine" (1965) und "Der Feuerwehrball" (1967). Beide beschreiben auf satirische Weise das Kleinstadtleben sowie die vergeblichen Bemühungen der Behörden, für menschliche Probleme rein rationale Lösungen zu finden.

Forman, Škvorecký und andere Talente mussten nach dem sowjetischen Einmarsch 1968 das Land verlassen. Obwohl offiziell zum Schweigen gebracht, spielte die Kunst weiterhin eine wichtige Rolle in der politischen Entwicklung. Die Charta 77, das Manifest zur Anerkennung der Bürgerrechte, wurde von beinahe allen im Land verbliebenen Intellektuellen und Künstlern unterzeichnet.

1989 bildete das Theater Laterna Magica in Prag auch politisch eine Bühne für die demokratische Evolution der Tschechoslowakei. Das Theater, 1958 gegründet, ist bekannt für seine einfallsreichen Stücke, die durch die Kombination von Schauspiel mit Lichtbildprojektionen bestechen. Obwohl es immer mehr zu einer beliebten Touristenattraktion wurde, fanden in den Räumen hinter der Bühne auch gutbesuchte Zusammenkünfte systemkritischer Künstler und Schriftsteller statt. Von hier zogen Ende 1989 Václav Havel und Alexander Dubcek auf den Wenzelsplatz und verkündeten den Erfolg der "samtenen Revolution"

Tschechische Republik

Das Landschaftsbild der Tschechischen Republik wird aufgebaut von den beiden Großlandschaften Böhmen und Mähren. Böhmen, das Kernland im Westen der Republik, bildet ein abwechslungsreiches Mosaik aus Berg- und Hügelketten, Becken und Senken, das mit Ausnahme des Südostens von allen Seiten von Mittelgebirgen umsäumt wird. Im Südwesten erhebt sich der Böhmerwald bis zu einer Höhe von fast 1400m. Weiter im Norden erstreckt sich das Erzgebirge mit einer Vielzahl sprudelnder Heilquellen. Obwohl einige Kurorte dem Braunkohlenbergbau weichen mussten, gibt es in der Region noch immer über fünfzig Badeorte, wie z.B. Franzensbad, wo die Moorbäder erfunden wurden, Karlsbad und Marienbad. Im Osten erheben sich die dicht bewaldeten Sudeten mit dem sagenumwobenen Riesengebirge und der Schneekoppe (1603m). Das Innere Böhmens besteht aus einer sanften Hügellandschaft, unterbrochen von flachwelligen Hochflächen und Becken: im Norden die Tafel- und Schichtstufenlandschaften der Nordostböhmischen Kreidetafel, im Süden die Becken von Pilsen, Budweis und Wittingau.

Die Hügel und Berge Mährens trennen Böhmen von der Slowakei. Im Norden erstrecken sich das raue Altvatergebirge auch Hohes Gesenke genannt und das niedere Mährische Gesenke, das mit dem Becken von Ostrau ins schlesische Kohlenrevier hineinreicht. Der relativ flache mittlere Teil Mährens wird intensiv von der Landwirtschaft genutzt.

Die überwiegend römisch-katholischen Tschechen stellen mit 9,7 Millionen 94% der Gesamtbevölkerung. Die Slowaken sind mit 320000 Menschen die stärkste Minderheit. Neben Polen, Ungarn, Ukrainern, Russen, Roma und Sinti haben noch 49000 Deutsche ihre Heimat in der Tschechischen Republik. Die stärksten Bevölkerungskonzentrationen weisen der Großraum Prag und die Industriezonen Nordböhmens und Nordmährens auf. Die verstärkte Industrialisierung der letzten Jahrzehnte hat den Anteil der städtischen Bevölkerung auf rund 65% ansteigen lassen. Größte Stadt ist die Hauptstadt Prag mit ca. 1,2 Millionen Einwohnern. Sie ist nicht nur ein wichtiges kulturelles Zentrum, sondern auch eines der größten Industriezentren des Landes.

Traditionsreiche Industrienation

Bereits zur Zeit der Habsburger Monarchie waren Böhmen und Mähren wichtige Industrieregionen. Die traditionellen Zentren der Schwerindustrie sind Prag, Pilsen, Brünn und Ostrau. Zwischen den Weltkriegen wurde die Industrie ausgebaut, so dass die Tschechoslowakei damals zu den hochindustrialisierten Staaten Europas zählte. Nach 1945 begann die sozialistische Umgestaltung. Güterproduktion, Dienstleistungssektor, Kleinhandel und Kleingewerbe unterlagen von nun an der zentralen Steuerung durch staatliche Verwaltungsbehörden. Die Zerschlagung der alten Strukturen und die einseitige Förderung der Schwerindustrie führten zu einer seit 1960 nicht länger zu übersehenden wirtschaftlichen Stagnation. Durch umfangreiche Privatisierungsmaßnahmen und die Freigabe der Preise sowie mittels ausländischer Investitionen wurde der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft vollzogen und die Wirtschaft an den Weltmarktstandard angepasst.

Die Tschechische Republik verfügt über umfangreiche Bodenschätze, von denen die Vorkommen an Kohle, Eisen, Zink, Blei, Zinn und Uran am bedeutendsten sind. Die Wasserkräfte, besonders die der Moldau, werden von der Energiewirtschaft genutzt. Neben der Schwerindustrie und dem Maschinenbau sind chemische, elektrotechnische, Textil-, Glas-, Nahrungs- und Genussmittelindustrie die wichtigsten Branchen. Die Landwirtschaft findet in den klimatisch begünstigten, lößbedeckten Becken und in den Flussniederungen günstige natürliche Voraussetzungen. Der Fremdenverkehr konzentriert sich auf die Hauptstadt Prag und die böhmischen Bäder.

Der neue Staat

Die Tschechische Republik kann an die großen historischen und kulturellen Traditionen des Königreiches Böhmen anknüpfen. Da sie das Kernland der Tschechoslowakei war, verfügt sie über die meisten zentralen Institutionen des aufgelösten Gesamtstaates. Ihre Verfassung ist seit dem 16.11.1992 in Kraft. Die Republik versteht sich als demokratischer Rechtsstaat; die Charta der Menschenrechte ist Bestandteil der Verfassung. Staatsoberhaupt ist der auf 5 Jahre gewählte Präsident. Seine Befugnisse sind geringer als im alten Bundesstaat. Das Parlament besteht aus zwei Kammern, dem Nationalrat mit 200 Abgeordneten und dem Senat mit 81 Mitgliedern.

Gewinner der Parlamentswahl im Juni 1992 war mit knapp 30% der Stimmen die liberalkonservative "Demokratische Bürgerpartei" (ODS) unter Václav Klaus. Das zweitbeste Ergebnis (14%) erzielte der hauptsächlich aus ehemaligen Kommunisten bestehende "Linksblock"; die übrigen Mandate verteilten sich auf sechs weitere Parteien. Klaus, der eine strikt marktwirtschaftliche Politik vertrat, bildete eine Koalitionsregierung mit zwei kleinen bürgerlichen Parteien. Am 26.1.1993 wurde Václav Havel, noch immer eine moralische Autorität und im Ausland hoch angesehen, zum Präsidenten der Republik gewählt. Klaus führte die Koalition auch nach den Wahlen 1996 weiter. 1997 trat er aufgrund einer Parteispendenaffäre zurück. Neuer Regierungschef wurde J. Tošovský. Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen 1998 erreichten die Sozialdemokaten (CSSD) 74 Sitze, ODS kam auf 63 Sitze, die Kommunisten auf 24 Sitze. Neuer Regierungschef wurde Miloš Zeman (CSSD). 1999 wurde die Tschechische Republik Mitglied der NATO. Bei den Parlamentswahlen 2002 bestätigten die Sozialdemokraten unter Führung von V. Špidla ihren Rang als stärkste Partei. Während die bürgerlichen Parteien Stimmeinbußen hinnehmen mussten, konnten die Kommunisten starke Gewinne verbuchen. 2003 endete die Amtszeit von Václav Havel. Zu seinem Nachfolger wurde Václav Klaus gewählt. 2004 wurde die Tschechische Republik Mitglied der EU. Im gleichen Jahr trat Špidla als Regierungschef zurück. Das Amt übernahm S. Gross (CSSD). Er musste wegen einer Immobilienaffäre bereits 2005 wieder zurücktreten. Nachfolger wurde J. Paroubek. Die Parlamentswahlen im Juni 2006 ergaben eine Pattsituation zwischen linken u. Mitte-rechts Parteien. Schließlich bildete Mirek Topolánek (ODS) im Januar 2007 eine Koalitionsregierung aus ODS, Christdemokraten und den Grünen. Nach dem Sturz der Regierung Topolánek bildete Jan Fischer im Mai 2009 ein Überagngskabinett.

Prag

Prag, Hauptstadt und größte Stadt der Tschechischen Republik, wird oft als "Goldene Stadt" bezeichnet. Dieser Name umschreibt die außergewöhnliche Schönheit der Stadt mit ihren prächtigen Bauten und ihrer einzigartigen Lage. Wie durch ein Wunder ist die Altstadt Prags im Zweiten Weltkrieg weitgehend vom Bombenhagel verschont geblieben. Die Stadt erstreckt sich entlang der Moldau und hat eine Bevölkerung von ca. 1,2 Millionen. Prag ist nicht nur ein wichtiges kulturelles Zentrum, sondern auch eines der größten Industriezentren der Tschechischen Republik.

Ursprung

Der Sage nach soll Prag um 800 von der Fürstin Libussa gegründet worden sein, die, auf einem felsigen Hügel über dem rechten Ufer der Moldau stehend, die Vision von einer glanzvollen Stadt gehabt haben soll. An dieser Stelle wurde im 10. Jahrhundert die Festung Wyschehrad (tschech.: Vyšehrad) gebaut. Der eigentliche Siedlungskern von Prag liegt jedoch auf dem gegenüberliegenden Flussufer. Ende des 9. Jahrhunderts errichteten die Premysliden-Fürsten eine große Festung auf dem Hradschin (Burgberg), der bis heute das Bild der Stadt beherrscht.

Bis 1784 bestand das heutige Prag offiziell aus vier eigenständigen Städten: Hradschin, Altstadt, Kleinseite und Neustadt. Die Altstadt (Staré mesto) liegt am rechten Moldauufer gegenüber dem Hradschin. Sie entwickelte sich als Kaufmannssiedlung am Schnittpunkt wichtiger Handelsrouten. Mit Beginn des 13. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung aufgrund des Zustroms deutscher Siedler. Innerhalb der Altstadt lebte auch eine große jüdische Gemeinde. Nach dem 13. Jahrhundert wurde sie in ihr ummauertes Getto zurückgewiesen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Getto abgerissen und die Josephstadt aufgebaut. Eine der erhaltenen Synagogen ist die Altneusynagoge.

Zwischen Hradschin und Moldau gründete König Ottokar II. Premysl 1257 die Kleinseite (Malá Strana). 1348 schuf Karl IV. die Neustadt (Nové mesto), die sich südlich der Altstadt zur Burg Wyschehrad hinabzieht. Heute ist die Neustadt das Geschäftsviertel von Prag. Hier liegt auch der Wenzelsplatz, ein breiter Boulevard mit Hotels und Läden.

Das "Goldene Zeitalter"

Unter Karl IV., König von Böhmen und später Römischer Kaiser, trat Prag als glanzvolle Stadt in Erscheinung. Sie wurde ein bedeutendes wirtschaftliches und politisches Machtzentrum sowie ein international anerkannter kultureller Mittelpunkt. 1348 gründete Karl die Karlsuniversität, die erste Universität Mitteleuropas. An seinen Hof kamen berühmte Künstler, Literaten und Wissenschaftler, wie der italienische Dichter Petrarca (1304-1374). Der deutsche Baumeister Peter Parler (1330-1399) vollendete den Chor des von Matthias von Arras begonnenen Baus des St.-Veits-Doms auf dem Hradschin. Parler baute auch eine der berühmtesten Brücken Europas, die Karlsbrücke.

Prags Blütezeit reichte bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. Im späten 16. Jahrhundert machte der Habsburger König Rudolph II. Prag zu einem Zentrum der Kunst und der Wissenschaften. Er holte führende Astronomen wie Johannes Kepler (1571-1630) und Tycho Brahe (1546-1601) nach Prag. Die Magie hat in der Geschichte Prags stets eine wichtige Rolle gespielt. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Prag zu Rudolphs Zeiten, Rabbi Löw, soll hier einen künstlichen Menschen, den Golem, geschaffen haben. Und es war auch in Prag, wo der legendäre Dr. Faustus seine Seele verkaufte und wo Mozart später seine Oper "Die Zauberflöte" komponierte.

Religionskriege und Kämpfe zwischen den Habsburgern und dem tschechischen Adel führten zu Beginn des 17. Jahrhunderts zur Verwüstung der Stadt. 1618 löste der 2. Prager Fenstersturz und die folgende Auseinandersetzung zwischen böhmischen Adligen und den Vertretern des Habsburger Königs den verheerenden Dreißigjährigen Krieg aus. Der Sieg sowohl der Habsburger wie auch der römisch-katholischen Kirche führte im späten 17. Jahrhundert zu einem intensiven Wiederaufbau, der der Stadt ihr heutiges Erscheinungsbild gab.

Moderne Zeiten

Während in den Nachbarstädten Wien und Budapest im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert breite Prachtstraßen und beeindruckende Luxuswohnblocks errichtet wurden, blieb das alte Zentrum Prags unverändert. Um die Jahrhundertwende lebte die Stadt kulturell wieder auf. Hier schrieb Franz Kafka (1883-1924) seinen Roman "Das Schloß" und traf sich mit seinen Freunden Max Brod und Franz Werfel im Kleinseitner Kaffeehaus. Die bedeutenden Ereignisse der jüngsten tschechischen Geschichte fanden stets auf den Straßen Prags statt. 1968 rollten sowjetische Panzer durch die Stadt, um den kurzen sogenannten "Prager Frühling" unerbittlich niederzuschlagen. 1989 jedoch drängten sich die Massen voller Hoffnung auf dem Wenzelsplatz, als das kommunistische Regime abdankte und die Tschechoslowakei zur Demokratie zurückkehrte.

Tschechische Republik: Daten und Fakten

Das Land
LageMitteleuropa; zwischen 48°34' und 51°03' nördlicher Breite sowie 12°05' und 18°51' östlicher Länge
GrenzenIm W und NW Deutschland, im N Polen, im O Slowakei, im S Österreich
ZeitzoneMEZ
Fläche78 860 km² (33% Wald)
AusdehnungW-O 450 km, N-S 270 km
LandesnaturIm W die Hügel- und Beckenlandschaften Böhmens, von einem Mittelgebirgsrahmen gesäumt; im O das im N bergige, im S flachere Mähren
Höchster PunktSchneekoppe (1602 m)
GewässerAnteil an der Moldau, Elbe, March
KlimaGemäßigtes Klima, sommerwarm und wintermild in den Beckenlandschaften; Prag 9,9°C/462 mm, Brno 9,2°C/513 mm
SehenswürdigkeitenHistorisches Zentrum von Prag; Phemysliden-Palast in Olomouc; Museum für Silberbergbau und Barbarakirche in Kutná Hora
Die Menschen
Bevölkerung10,3 Mio. Ew. (90,3% Tschechen, 3,7% Mährer, 1,9% Slowaken u. a.)
Bevölkerungswachstum0,0%
Bevölkerungsdichte131 Ew./km2
Stadtbevölkerung66%
Geburtenziffer1,1%
Sterbeziffer1,2%
LebenserwartungFrauen 78 Jahre, Männer 71 Jahre
ReligionRömisch-katholische Kirche
SpracheTschechisch
Wichtige StädteBrno (Brünn), Ostrava (Ostrau), Plzen (Pilsen), Olomouc (Olmütz), Liberec (Reichenberg), Hradec Králové (Königgrätz), Pardubice (Pardubitz), Ceské Budåjovice (Budweis)
Wirtschaft
Währung1 Tschechische Krone = 100 Heller
Bruttoinlandsprodukt52,04 Mrd. US-$
BSP je Einwohner5240 US-$
Anteil der Wirtschaftssektoren am BIPLandwirtschaft 4%, Industrie 42%, Dienstleistungen 54%
ErwerbstätigeLandwirtschaft 6%, Industrie 41%, Dienstleistungen 53%
Inflationsrate10,7%
Arbeitslosigkeit7,5%
ImportgüterMaschinen und Transportausrüstungen, Halbfabrikate, Chemische Erzeugnisse, Fertigerzeugnisse
ExportgüterMaschinen und Transportausrüstungen, Halbfabrikate, Fertigerzeugnisse, chemische Erzeugnisse
HandelspartnerDeutschland, Slowakei, Österreich, Russland, Polen
Eisenbahn9430 km (2743 km elektrifiziert)
Straßen55875 km (414 km Autobahn)
Staat
Amtlicher NameTschechische Republik
HauptstadtPrag (Praha)
RegierungsformParlamentarische Demokratie mit Zwei-Kammern-Parlament
StaatsoberhauptStaatspräsident
RegierungschefMinisterpräsident
Verwaltungsgliederung72 Distrikte
LegislativeRepräsentantenhaus mit 200 auf 4 Jahre gewählten Mitgliedern, Senat mit 81 Mitgliedern
Nationalfeiertag28. Oktober
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