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Unterwegs - eine Geschichte

Herr Busiak öffnet seine Augen. Er hat wieder von seinem Sohn geträumt. Er sah ihn als kleinen Jungen von vielleicht fünf Jahren. Er schaukelte vor ihm im Park und rief: höher, höher. Herr Busiak freut sich und gibt ihm immer mehr Schwung. Weiter geschieht nichts in dem Traum.

Herr Busiak dreht den Kopf nach links. Neben ihm liegt ein Mann in einem weißen Bett, mit einer weißen Bettdecke und einem weißen Kopfkissen. Der Mann hat die Augen geöffnet und starrt an die Decke. Kenn ich den? fragt er sich. Ja, natürlich, der liegt doch immer da so und regt sich nicht. Hey! ruft er dem starrenden Alten zu. Hey! Alles klar? Der Mann im Bett nebenan rührt sich nicht, blinzelt noch nicht einmal. Herr Busiak schaut nach rechts. Durch das Fenster sieht er ein paar Äste von großen Bäumen. Was das für Bäume sind, weiß er nicht. Auf einem Nachttisch steht ein Wecker. Sechs Uhr und siebzehn Minuten. Das Zimmer ist hell, obwohl kein Licht brennt. Es ist schon ganz schön hell für die Uhrzeit. Das muss der Sommer sein. Herr Busiak setzt sich aufrecht hin. Er hält seine Arme nach oben und streckt sich. Kann es sein, dass ich mich heute sehr gut fühle? fragt er sich. Er merkt, dass er auf die Toilette muss. Er weiß, dass er eigentlich den Knopf neben seinem Bett drücken soll. Dann kommt eine der Pflegerinnen angelaufen und bringt ihm die Pfanne oder die Urinflasche. Wenn er fertig ist mit seinem Geschäft, muss er warten, bis sie wiederkommt. Drücken nützt nichts, Herr Busiak, warten sie einfach, wir kommen wieder vorbei, hat die Pflegerin ihm gesagt. Manchmal liegt er dann zehn Minuten auf der Pfanne und wartet. Alleine bekommt er sie ja nicht vom Bett.

 

Er streckt die Arme nach vorne und bewegt sein Finger. Wieder bemerkt er, wie gut er sich heute fühlt. Er schaut sich im Zimmer um. An der Decke hängt ein Fernseher, darunter steht ein Tisch mit zwei Stühlen. An der Wand hängen Landschaftsfotografien. Felder, ein Bauernhaus in der Ferne. Da kenn ich aber schönere Landschaften, denkt er. Er weiß, dass er den Knopf drücken sollte, aber er hat sich anders entschieden. Er will zum Klo laufen. Das wäre doch gelacht. Da habe ich doch schon ganz andere Strecken zurückgelegt als diese 15 Meter zur Toilette. Er erinnert sich an seinen 55 Kilometer Fußmarsch. Das muss so 40 Jahre her sein oder sind es schon 50? Er hatte einen Motorroller gefunden. Er lag an einer Böschung. Er versuchte nicht, den Besitzer zu finden oder ihn bei der Fundstelle abzugeben, sondern nahm ihn einfach mit nach Hause und reparierte ihn so gut es ging. Doch er schaffte es nicht, er sprang nicht an. Er telefonierte mit einem Freund, der gab ihm Tipps, was kaputt sein könnte, doch ihm fehlte auch das nötige Werkzeug. An einem heißen Sommertag machte er sich auf den Weg und schob den Roller zu seinem Freund, die ganzen 55 Kilometer.

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von Björn Glebocki
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