Total votes: 22
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
wissen.de Artikel

Unterwegs - Meeresschätze

Die Haut an meinen Füßen spannt. Ich mag das Gefühl nicht, das sich einstellt, nachdem ich den Strand entlang spaziert bin und Wellen gejagt habe. Salzwasserfüße. Schnellstmöglich folge ich dem Zwang, sie zu waschen: abspülen, einseifen, nochmals gründlich abspülen, trocken rubbeln, eincremen. Selbst dann noch dauert es eine Weile, bis sich meine Füße wieder anfühlen wie die Füße, die ich gewohnt bin.

Das Motel befindet sich unmittelbar am Meer. Das Zimmer ist schlicht, unbedeutend, detaillos. Ich werde mich später nicht mehr daran erinnern. Doch das Bad hat etwas Liebliches, Sorgfältiges. Die Tapete ist fein liniert. Wie von Hand gezeichnet; zittrige blaue Linien. Auf dem Duschvorhang ranken sich Blumen. Die Schale Potpourri, die auf dem Spülkasten der Toilette steht, verströmt einen dezenten, angenehmen Duft. Das hier fühlt sich nicht an wie ein Motelbad. Eher wie ein Badezimmer irgendwo daheim.

Ins Lavabo habe ich vorsichtig all meine Muscheln gelegt. Meine Meeresschätze. Ich lasse kaltes Wasser einlaufen, lasse die Muscheln durch meine Finger gleiten. Fühle ihre runden Formen, ihre teils scharfen Kanten, fühle die Rillen. Ich gebe mich ganz meiner Beschäftigung hin. Für eine Weile, bis Josh an die Badezimmertür klopft und mich zurückholt ins Hier. Ich lasse das Wasser ablaufen. Zurück bleiben die glänzenden Muscheln und ein wenig Sand.

Nachts im Bett, da werde ich wie letzte Nacht dem Ozean lauschen. Nur dass ihm heute ein paar Muscheln fehlen.

Unterwegs II: Barbiebadezimmer

Ich weiß nicht, warum wir hier eingezogen sind, aber irgendwo müssen wir ja nächtigen. Was ein Raumspray bei der ersten Besichtigung verbergen konnte, steigt mir nun unangenehm in meine eher empfindliche Nase. Obwohl als Nichtraucher-Zimmer angepriesen, wittere ich abgestandenen Rauch. Und es riecht nach viel zu viel Gelebtem. Nach zu vielen Menschen, nach zu vielen Hinterlassenschaften jener. Die Tapeten an den Wänden sind vergilbt. Alles in allem macht das Zimmer einen dunklen und sehr grünen Eindruck. Nur das Badezimmer ist irgendwie hübsch. Und sehr rosa. Rosa ist eine nette Farbe. Barbiebadezimmer.

Als ich in der Wanne stehe, unter einem heißen, unerwartet kräftigen Wasserstrahl, fühle ich mich ein wenig versöhnt mit unserer Bleibe. Eine Weile betrachte ich stumm meinen Bauchnabel. In Bächen läuft das Wasser an mir hinunter, sammelt sich in meinem Nabel und sucht sich den Weg entlang meinen Beinen. Ich schäume mich kräftig ein, als könnte ich so auch gleich den Geruch des alten Motels weg waschen. Der Duft der Seife ist raumfüllend. Der Duschvorhang ist so rosa wie die Kacheln. Warum ist das Bad so rosa, wenn hier sonst alles so grün ist, frage ich mich. Ohne Brille kann ich allfälligen Schmutz zum Glück gar nicht sehen. Das ist, als wäre er gar nicht hier. Inexistent. Oder einfach bloß weggedacht.

Als ich fertig bin mit Duschen, stehe ich im Nebel. Der Spiegel ist beschlagen. Ich bin ganz ohne Spiegelbild. Ich greife nach dem Badetuch. Jetzt bloß nichts berühren mit meinem nackten, sauberen Körper. Nicht den Duschvorhang oder die Kacheln oder die Wand und am liebsten auch nicht den Fußboden. Ich trockne mich ab, trete vorsichtig auf den Duschvorleger. Meine Füße spüren die Kälte des Bodens trotzdem. Der ist grau und nicht rosa. Schnell schlüpfe ich in meine Schuhe und gehe zurück ins Zimmer. Ich ziehe mir meinen Pyjama an. Er riecht vertraut nach mir. Ich lege mich ins Bett, unter das straffe Laken. Dort fühlt sich das Zimmer am saubersten an.

Unterwegs III: Wassertropfen

Am besten gefällt mir an unserer Bleibe das Bad. An Badezimmer stellen Josh und ich nur den Anspruch der Sauberkeit. Doch dieses hier ist geradezu liebenswert. Und irgendwie außergewöhnlich. Schwarzer Steinboden, gelbe Kacheln an den Wänden. Vanillegelb. Ein Gelb wie vor fünfzig Jahren. Amerikagelb. Dazu ein schwarzer Duschvorhang. Auf dem Fenstersims über der Toilette stehen hübsch arrangierte Kunstblumen. Mir fehlen nur noch die Lockenwickler und ich passte perfekt ins Bild. Eine Szene aus einem Film in meinem Kopf: Doris Day, ihr Nachthemd aus zartem Gelb, darüber ein feines Gewand, das sich in Halshöhe zuschnüren lässt, an den Füßen flauschige Pantoffeln. 60er-Jahre-Charme. Doris Day passte gut hierher.

Stunden später harre ich in meinem schwarzen Badezimmer und sterbe ein bisschen. Magenkrämpfe. Teufelsschmerzen. Mir ist zum Spucken übel. Ich sitze auf dem schwarzen Boden und denke nicht mal daran, dass ich grundsätzlich in keinem Bad gerne auf dem Boden sitze. Ich sitze und warte, dass die Zeit vergeht, und mit ihr die Übelkeit und die Schmerzen. Ich esse nie wieder chinesisch!

Nicht auszudenken, ich säße in einem fürchterlichen Badezimmer auf dem Boden. Zum Glück kann ich grad gar nicht gut denken. Durch die geschlossene Tür höre ich gedämpft die Stimmen aus dem Fernseher. Jeder Moment scheint ewig. Will mich ablenken, zähle die Kacheln. Hellgelb, quadratisch: zwölf, zehn, sechzehn. Selbst der Klodeckel ist schwarz. Mein Magen kämpft, die Übelkeit kommt in Wellen. Bin ganz steif. Mein Herz rast. Denken. Irgendetwas nur, irgendetwas Anderes, zum Ablenken: zwölf Kacheln längs, zehn in der Höhe, sechzehn in der Breite. Die Fugen sind beige.

Der Wasserhahn tropft. Er fängt meine ganze noch abkömmliche Aufmerksamkeit. Ob Tropfenzählen hilft? Tropfenzählen ist ein schönes Wort. Eins, zwei, drei, ... dreiundsechzig, ... zweihundertundfünf...

Unterwegs IV

Ich versuche mir vorzustellen, in welchem Motelbadezimmer ich lieber gekrümmt auf dem Boden sitzen würde als hier... Ich versuche, die Motelzimmer zu zählen, mich zu erinnern an alle, in denen ich je war. Eine Hochrechnung, obwohl mir nicht nach rechnen zumute ist. Ich glaube, ich muss gleich kotzen. Alles, nur das nicht. Ablenkend denken, rechnen. Motels. Das waren viele. 200? Beachtlich. 150? Immer noch viele. Josh schaut noch immer fern. Er scheint mich gar nicht zu vermissen.

150 Motelzimmer sind 150 fremde Betten, 150 Badezimmer. Sind 300mal Zähne putzen. 150mal ein- und auspacken. 300mal den Reißverschluss des Koffers ziehen. Vielleicht 500mal in den Spiegel gucken. Vielleicht 5000mal durchs Fernsehprogramm zappen.

Die Wassertropfen, ich zähle weiter, beginne bei 300 diesmal. Zum Glück sehe ich mich jetzt nicht im Spiegel. Ich bräuchte jetzt keinen Spiegel, der mir zeigt, wie beschissen ich aussehe.

413 Tropfen. Ich atme tief und konzentriert. Nur ja nicht bewegen. Ich zähle noch mehr Tropfen. Mein gelb-schwarzes Bad ist wirklich nicht so übel. Ich friere, zittere. Ich kann mich nicht bewegen, kein Bisschen. Bin steif und starr und fühle mich alleine. Der schwarze Boden schluckt perfekt den Schmutz. Vielleicht sind die Platten aber auch wirklich sauber.

722 Wassertropfen. Der immer selbe Rhythmus: tropf ... tropf ... tropf. Ich finde die Tropfen tröstlich. Sie sind Beweis dafür, dass die Zeit vergeht, langsam aber stetig. Nie wieder esse ich chinesisch. Ich esse überhaupt nie wieder irgendetwas.

Unterwegs V: Schreckensdusche

Wenn mich das dringliche Bedürfnis nach Reinlichkeit nicht im Griff hätte, würde ich hier jetzt nicht stehen. Nackt, nass, frierend und mit einem weiß geschäumten Kopf in einer Duschkabine mitten in Amerika. Oder auch nicht mittendrin. Man kann den Pazifik vom Fenster aus riechen.

Ich werde Josh nicht erzählen, dass die Dusche in diesem kargen Motelbadezimmer seine Tücken hat. Das soll er selber herausfinden. Er hat das Motel schließlich ausgesucht. Ich bin nicht nett.

Ich presse meinen Körper an die nasse, eiskalte Scheibe der Duschkabine, während aus dem Duschkopf viel zu heißes Wasser braust. Nach einer geschätzten halben Minute wird das Wasser wieder kühler. Unangenehm kühl. Ich stelle mich unter den Strahl, versuche, den Schaum von meinem Kopf zu kriegen. Bereits wieder wechselt die Temperatur ins Heiße über. "Scheiße, verdammt!", denke ich. Wechselduschen: heiß, kalt. Dazu ein Wechselbad der Gefühle: ein bisschen Wut, Hoffnung, Verzweiflung, ein bisschen Dankbarkeit. Ich will ja nur sauber werden. Ich fühle mich hilflos, wie ich da so stehe und warte. Morgen bleibe ich lieber schmutzig, das weiß ich jetzt schon. Der Schaum läuft mir übers Gesicht. Auch in Amerika brennt Shampoo in den Augen. Ein Fernsehwerbespot fällt mir ein, von einem Haarwaschmittel, das nicht brennt. Das jedenfalls behauptet das lachende Kind in der Wanne. Gänsehaut. Meine Füße stehen in grauem Wasser. Der Abfluss ist wohl verstopft. Ekel überkommt mich. Am liebsten würde ich schreien. Ich habe keine Geduld für meine vielen Empfindungen. Ich stehe nur da, den Bauch ganz eingezogen, abwartend, zitternd, und versuche meine Abscheu von außen zu betrachten, als gehörte sie nicht zu mir. Das hilft ein wenig. Und die Scheibe ist gar nicht schmutzig, sie wurde bestimmt geputzt, denke ich. Dann stelle ich mich wieder unter das kühle Nass. Der Schaum hält sich hartnäckig in meinen Haaren.

Meinen Wassertanz wiederhole ich ein paar Mal, klebe dann ein letztes Mal mit dem Rücken am Glas, fluche ein zweitletztes Mal, dann drehe ich den Wasserhahn zu, stehe da und warte, bis das Wasser abgetropft ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich wirklich sauber fühle. Und noch während ich über meine Unsicherheit nachdenke, frage ich mich, was genau wohl zu meinem anhaltenden Schmutzgefühl geführt hat. Während ich mich trocken rubble, gucke ich aus dem kleinen Badezimmerfenster, den schräg gestellten Lamellen, die einen Blick in den Hinterhof erlauben. Verrostete Stühle, ein altes Auto, wucherndes Unkraut. Wenigstens das weiße Badetuch ist überraschend flauschig. Obwohl ich fremden Badetüchern und ihrer Reinheit nie ganz traue.

"Josh, du bist dran, das Bad ist frei!"

Unterwegs VI: Westernbad

Ein winziges Kaff in den Bergen Colorados. Gefühltes Ende der Welt. Das Wetter ist trüb und neblig. Das Grau hängt tief und lässt das historische Westernhotel in seinem Weiß noch leuchtender erscheinen. Wir können gar nicht anders und ziehen ein. Als einzige Gäste bekommen wir das schönste Zimmer im ganzen Haus. Westernluxus. Die Böden hängen durch, alles ist ein wenig schief, aber liebenswert. Ein Lümmelzimmer. Ein Wohlfühlzimmer. Mit Sofaecke, Schlafecke, Badeecke. Ein Für-immer-und-ewig-Zimmer. Weil die Erinnerung daran niemals gänzlich verblassen wird. Will gar nicht wieder ausziehen. Das weiß ich schon, bevor ich richtig eingezogen bin. Am reizvollsten ist die Badewanne. Sie steht mitten im großen Raum. Nur ein Paravent soll ein wenig Intimsphäre bieten.

Doch das ist nicht so einfach mit diesem Ding. Es will nicht stehen, wie es soll. Die vier großen Fenster bieten gute Einsicht von außen, vor allem jetzt, wo die Dunkelheit herein bricht. Ich sitze zusammengekauert in der Wanne, halte mir die Brause über den Kopf und fühle das Wasser warm und weich auf meinem ganzen Körper. Ein wohliges Gefühl. Wir haben weder Fernseher noch Radio; von außen dringen keinerlei Geräusche herein. Alleine das murmelnde Wasser ist zu hören. Ich sitze nur da. Regungslos. Bewegungsunlustig. Ich bin fiebrig, in meinem Kopf hämmert es mächtig und mein Hals kratzt. Trotzdem, ich glaube, ein größeres Wohlgefühl als das in der Badewanne bringe ich heute nicht mehr zustande.

"Lass mir auch noch ein wenig heißes Wasser übrig", sagt Josh. Die Badetücher hängen auf einem Diener. Mag meinen Arm gar nicht danach ausstrecken. Ich friere. Jetzt brauche ich ein neues Wohlgefühl, um mein Erkältungsunwohlsein zu überdecken.

Unterwegs VII

Ich verkrieche mich in mein Bett. Die Matratze ist so sehr durchgelegen, dass ich kaum in der Lage bin, meine Liegeposition zu verändern. Ich fühle mich beengt, obwohl das Bett Platz für zwei bietet. Fühle mich vielleicht wie ein Baby, dass noch nicht die Fähigkeit besitzt, sich selbständig zu drehen.

Später, als Josh schon schläft und ich seinen regelmäßigen Atemzügen lausche, liege ich wach. Mein Schlaf ist unruhig und schlecht. Der Wind pfeift um die Häuser. Der Regen trommelt heftig an die Fenster, welche von Lichtergirlanden feierlich und sanft beleuchtet werden. Die Lichtpunkte schaukeln im Wind. Mein Bett ist warm. Ich fühle mich geborgen wie in einem Nest. Und ich denke, es ist fast ein wenig schön, krank zu sein in diesem prächtigen Zimmer, was ich nun richtig auskosten kann, während Josh alles verschläft: den schönen Regen, den Wind und die nächtliche Heimlichkeit des Zimmers. Selbst im Dunkeln kann ich die opulenten Blumenmotive der Tapete unscharf erkennen. Die Tapete sei original und noch aus dem vorletzten Jahrhundert, hat man uns erzählt.

Um Mitternacht gehen die Lichtlein vor dem Fenster aus. Doch noch immer dringt genug Licht durch unsere vier riesigen Fenster, sodass ich mich nicht in vollkommener Dunkelheit befinde. Ich denke darüber nach, ob es noch ein beruhigenderes Geräusch gibt als das des Regens. Meine Nasenspitze ist kalt, ich friere leicht. Vielleicht das Rauschen des Meeres?

Als mich Josh am nächsten Morgen weckt, scheint draußen die Sonne. Die Umgebung erstrahlt in kräftigen, glänzenden Farben. Kurz frage ich mich, ob ich mir die stürmische Nacht nur eingebildet habe. Im Delirium des Fiebers. Ich gucke aus dem Fenster. Die Straße ist trocken. Doch auf dem unebenen Belag spiegelt sich die Sonne in einer Pfütze. Dennoch ist es fast so, als wäre die vergangene Nacht ein kleines Geheimnis zwischen der Welt und mir. Ich lächle. "Schön, dass es dir wieder besser geht", sagt Josh.

Total votes: 22
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.