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Urlaub und Freizeit: 1970 - 1979

Und ewig lockt die Ferne Reiseboom mit Folgen

Der Wunsch, sich in fremden Gefilden zu erholen, möglichst unter südlicher Sonne auszuspannen oder auch im Aktiv-Urlaub ferne Länder kennen zu lernen, sorgte in den 70er Jahren in Deutschland für einen nie zuvor gekannten Reiseboom. Zumeist gut gefüllte Portemonnaies und die im Schnitt rd. 25 Urlaubstage ließen Reiseträume wahr werden. Auch der Ölpreisschock und die steigenden Arbeitslosenzahlen zur Mitte des Jahrzehnts taten der neuen Lust am Reisen keinen Abbruch. Jeder zweite Deutsche fuhr in Urlaub, immer öfter wurden dabei Ziele im Ausland angesteuert. Doch auch die Folgen des Booms wurden bald spürbar: Überfüllte und verdreckte Strände, durch Hotelkomplexe verschandelte Küstenpanoramen oder massenhafter Kahlschlag für den Bau von Pisten und Skiliften riefen Umweltschützer auf den Plan und verhagelten manch einem Erholungssuchenden die Urlaubsfreude.

Branchenkampf um Pauschaltouristen

Im Laufe des Jahrzehnts stieg die Zahl der Urlauber stetig an. Während 1969 nur 36% der deutschen Bevölkerung in Urlaub fuhr, waren es 1979 bereits 49%. Österreich, Spanien, Griechenland und Italien standen hoch im Kurs die Strände an der Riviera und Adria oder an der Costa Brava waren schon bald als “Teutonengrill verschrien. Mehr als 20% des weltweit für Reisen ausgegebenen Geldes stammte aus deutschen Taschen. Die locker sitzende Mark führte zu heftiger Konkurrenz auf dem deutschen Tourismus-Markt. Gefragt waren besonders Pauschalreisen. Den Kuchen teilten sich vor allem zwei große Reiseunternehmen: die Touristik Union International (TUI), mit ihren zahlreichen Tochterfirmen das größte europäische Reiseunternehmen, sowie die Neckermann-Tochtergesellschaft N-U-R (Neckermann Urlaubsreisen). Die Branchenführer versuchten durch knapp kalkulierte Preise den Vormarsch von Branchenneulingen zu stoppen. Nutznießer dieses harten Konkurrenzkampfes war der Verbraucher, der seine Urlaubsträume für wenig Geld realisieren konnte.

Frust in Bettenburgen

Immer häufiger traf der Reisende im Ausland auf graue Betonsilos und riesige Erholungskombinate anstelle stiller Buchten und verträumter Fischerdörfer. Doch auch die inländischen Reiseziele blieben vom Massentourismus nicht verschont. Vor allem an der Ostsee entstand ein Wohnpark nach dem anderen. Weil das Bauland billig war, die Gemeinden in Erwartung höherer Steuereinnahmen Geld zuschossen und auch der Staat im Rahmen der Zonenrandförderung den Subventionsdeckel öffnete und Geldanlegern saftige Steuervorteile bot, schossen zwischen Flensburg und Travemünde Bettenburgen wie Pilze aus dem Boden. Im 110 Mio. DM teuren Ferienpark Heiligenhafen konnten z.B. 6000 Gäste untergebracht werden. Den Höhepunkt des Baubooms an der Ostsee bildete der 1973 eröffnete Ferienpark “Damp 2000 bei Schleswig. Das 200 Mio. DM teure Ostseebad vom Reißbrett beherbergte Läden, Restaurants, Kinos, Schwimmbäder, ein Krankenhaus sowie einen eigenen Yachthafen. In Hotels, Blockhütten oder sog. Zeltdachhäusern standen den Urlaubern insgesamt 7000 Betten zur Verfügung. Aufgrund seiner wenig landschaftsgerechten Architektur war die Anlage heftig umstritten. Kritiker bezeichneten die riesigen Hochhauskomplexe in Anlehnung an eine West-Berliner Wohnsiedlung auch als “Märkische Viertel der Ferienindustrie.

Trampen und wild Zelten

Ganz im Gegensatz zum Massentourismus stand eine Form des Individualurlaubs, die vor allem bei Jugendlichen immer größeren Zuspruch fand: die Rucksackreise. Diese moderne Version der Wandervogel-Bewegung ermöglichte eine spontane Reiseplanung und viel Kontakt mit Land und Leuten. Mit dem nötigsten Gepäck Zelt, Schlafsack und manchmal auch mit dem Kochgeschirr auf dem Rücken wanderte oder trampte die junge Generation durch Europa. Die Ungebundenheit hatte aber auch ihren Preis. Oft stand der Tramper mit seinem Rucksack vom Regen durchweicht stundenlang an der Straße, ohne eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen. Und auch die Jugendherbergen und Zeltplätze waren gerade in den Sommermonaten oft so überfüllt, dass die Rucksacktouristen »wild« zelten oder sich einen Platz in einer Scheune suchen mussten. Dafür erlebten sie aber “Natur pur, ersparten sich teure Hotels und überfüllte Strände und entdeckten bis dahin vom Massentourismus noch unberührte Orte und Landschaften.

Aktiv Urlauben

Auch der Pauschaltourist wurde des bloßen Faulenzens im Urlaub allmählich überdrüssig. Das Bedürfnis nach sportlicher Betätigung nahm zu. Immer mehr Menschen wollten die »schönste Zeit des Jahres« aktiv gestalten Segeln, Tauchen, Wandern oder Tennis spielen. Während eine Erholungsreise zuvor fast ausschließlich in den Sommermonaten angetreten wurde, fuhren nun auch immer mehr Menschen in den Skiurlaub. Die Reiseveranstalter reagierten schnell auf den neuen Trend und nahmen den sogenannten Aktiv-Urlaub in ihre Programme auf.

Auch im Urlaub wollte man sich nun bilden: Zum Ende des Jahrzehnts freuten sich Veranstalter von Studienreisen über wachsenden Zulauf. Insbesondere jüngere Leute mit entsprechendem Geldbeutel entdeckten den Reiz einer gut organisierten Bildungsreise zu den klassischen Stätten der Antike in Griechenland oder den Zeugnissen der Maya-Kultur in Mexiko. Die Spezialunternehmen der Branche versuchten, durch diese neue Kundengruppe ihr Studienrat- und Pfarrfrauimage loszuwerden.

Umstrittener Wintersport

In kaum einem Bereich traten die ökologischen Folgen des ungebremsten Massentourismus so deutlich zutage wie beim Wintersport. Für die stetig steigende Zahl der Skifahrer wurden immer mehr Straßen, Pisten, Hotels und Lifte gebaut. Die deutschen Alpen am Wochenende Ziel tausender Ausflügler aus dem Großraum München waren von Zersiedlung bedroht. Immer mehr seltene Tier- und Pflanzenarten mussten dem Freizeitvergnügen weichen. Auch die italienischen, österreichischen und schweizerischen Alpen litten zunehmend unter dem Boom. Besonders augenfällig war die Landschaftszerstörung in Frankreich: Um neue Wintersportzentren zu schaffen, wurden mit Billigung der Regierung Wälder gerodet und Felsen gesprengt. Bis 1980 entstanden in den Hotelneubauten Unterkünfte für 500 000 Touristen.

Zu Hause: Beine hoch oder Fitness

Trotz der vielfach entdeckten Neigung zur aktiven Urlaubsgestaltung blieb Faulenzen für viele Reisenden immer noch der Inbegriff von Erholung. Insofern unterschied sich der Urlaub wenig von der Freizeitgestaltung daheim. Ausspannen und Fernsehen standen ganz hoch im Kurs, an zweiter Stelle folgten die übrigen innerhäuslichen Aktivitäten und erst an dritter Stelle die außer Haus verbrachte Freizeit. Sonntags stand der Ausflug auf dem Programm, wobei wiederum die Suche nach Ruhe und Erholung besonders beim lärmgeplagten Großstädter von besonderer Bedeutung war. Wer nicht nur die Beine hochlegen wollte, versuchte sich in den neuen Trendsportarten:

Windsurfing und Drachenfliegen verlangten Geschick und boten Nervenkitzel. Auf dem Skateboard übten die Jugendlichen das Surfen auf Rädern. Tennisanlagen und die neu errichteten Squash-Center erfreuten sich regen Zulaufs. Damit bei den Daheimgebliebenen auch ein wenig Urlaubsstimmung aufkam, entstanden vielerorts sogenannte Erlebnisbäder, die mit ihren Whirlpools, Saunas, Bars und den allseits beliebten Wellenbädern den eher nüchternen Stadtbädern den Rang abliefen.

Damit sich auch der letzte Bewegungsmuffel seine Sportschuhe anzog, rief der Deutsche Sportbund zu Beginn des Jahrzehnts die Trimm-Dich-Bewegung ins Leben: Hausfrauen, Altengruppen oder Kinder sah man alsbald beim Waldlauf oder bei Leibesübungen an den Geräten der eigens eingerichteten Trimm-Dich-Pfade. Fitsein war in und das sollte sich auch in den folgenden Jahrzehnten nicht ändern.

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