Die Grande Nation im Festrausch
In Frankreich gilt er als “Napoleon der Literatur“ und Universalgenie des 19. Jahrhunderts. Jedes Kind kennt zumindest einige Passagen seiner Werke und weiß um das Schicksal der Hauptfiguren aus “Les Misérables“ und “Notre-Dame de Paris, 1482“. 2002 ist für unsere französischen Nachbarn daher ein besonderes Jahr - das Hugo-Jahr. Denn die Grande Nation feiert den 200. Geburtstag des Schriftstellers, rastlosen Liebenden und Kämpfers für ein vereintes Europa: Victor Hugo.
Vive la République!
“In Victor Hugo erblicken wir die Werte, die unsere Republik begründen“, verkündete die französische Kulturministerin Catherine Tasca zum Beginn des Hugo-Jahres in Frankreich. Anders als in Deutschland, wo Hugo vielen lediglich durch die Verfilmung “Der Glöckner von Notre-Dame“ und den Musicalerfolg “Les Misérables“ (Die Elenden) bekannt ist, gilt er in Frankreich als die überragende Figur des 19. Jahrhunderts. Man verehrt ihn als Dichter mit gewaltigem Oeuvre, als politischen Visionär und unbeugsamen Mann des Volkes
“Entweder ein Chateaubriand oder gar nichts“

Victor Hugo, französischer Dichter (26.2.1802 - 22.5.1885)
Geboren wird Victor-Marie Hugo 1802 im ostfranzösischen Besanςon. Einen Teil seiner Kindheit verbringt er auf Reisen: auf den Spuren seines Vaters, der als General in der Armee Napoleons dient. Sein literarisches Interesse erwacht allerdings in Paris. “Ich will ein Chateaubriand werden oder nichts“, schreibt er bereits mit 14 Jahren in sein Tagebuch. Chateaubriand war damals der bekannteste romantische Dichter Frankreichs und Minister im Dienste Napoleons. Im Alter von 17 Jahren siegt er im weithin bekannten Dichterstreit von Toulouse und wird im selben Jahr Chefredakteur und Autor der von seinem Bruder Abel gegründeten literarischen Zeitschrift “Le Conservateur littéraire“. Um Zensoren und Steuereinnehmern zu entgehen, schreibt Hugo unter Pseudonym. Kurz nach dem Tod seiner Mutter erscheint 1822 sein erstes literarisches Werk. Der Gedichtband “Odes et Poésies diverses“ zeigt die gewaltige Sprachkraft des jungen Mannes ebenso wie seine zunächst noch staatstragende Gesinnung. Im selben Jahr heiratet er Adèle Foucher, die er während seines Aufenthalts in Italien kennen gelernt hat. 1823 veröffentlicht er seinen ersten Roman, “Han d‘Islande“. Dramen, Prosa und Essays folgen im Jahresrhythmus. Hugos Produktivität ist immens und reißt trotz vieler privater Schicksalsschläge bis ins hohe Alter nie ab.
Vom Ancien Régime ins Exil

Filmszene aus "Der Glöckner von Notre Dame" von 1939 mit dem britischen Schauspieler Charles Laughton
Mit der Aufführung seines Dramas “Hernani“, vor allem aber durch die Veröffentlichung des Romans “Notre-Dame de Paris, 1482“ wird er zu einem der erfolgreichsten und umstrittendsten Schriftsteller Frankreichs. Aus der anfänglichen Unterstützung des Ancien Régime, die ihm sogar einen Parlamentssitz einbringt, wird spätestens mit der Polemik “Napoléon-le-Petit“ eine staatskritische Haltung, die ihn ins Exil nach Jersey führt. Von dort schreibt er unbeugsam und ruhelos weiter. 1854 protestiert er öffentlich gegen eine Hinrichtung in England, die zu lange gedauert hat: “Ich greife die Todessprache an, was nicht achtbar ist, ich sage >Monsieur< zu einem Lord, was unkorrekt ist, ich bin nicht katholisch, nicht anglikanisch, nicht lutherisch, nicht Calvinist, nicht Jude, nicht Methodist, nicht Wesleyist, nicht Mormone: also Atheist. Außerdem Franzose, was hassenswert ist, Verbannter, was abstoßend ist, Besiegter, was niederträchtig ist, und - zur Krönung des Ganzen -: Dichter. Deshalb wenig beliebt“.
Jahrhundert-Gefahr
Obwohl Hugo gezwungen wird Jersey zu verlassen, bleibt er nicht weniger kritisch. Er kämpft weiter für die Freiheit der Presse und die Gleichberechtigung der Frau - und für den unentgeldlichen Schulunterricht für alle. Sein im englischen Exil fertiggestellter 10-bändiger Roman “Les Misérables“ ist mit 300.000 Francs nicht nur eines der besthonorierten Werke der damaligen Zeit. Das labyrinthische Opus über die Julirevolution von 1830 ruft auch sämtliche konservative Kritiker auf den Plan. “Das gefährlichste Buch des Jahrhunderts“ schreibt der damals einflussreiche Kritiker Jules Barbey d‘Aurevilly, der die Intention der Mammut-Prosa darin sieht, “alle gesellschaftlichen Institutionen in die Luft zu sprengen, eine nach der anderen - mit Tränen und Mitleid“. Die 1862 veröffentlichte Geschichte um den ehemaligen Galeerensträfling Jean Valjean, der letztlich vergeblich versucht, in der bürgerlichen Gesellschaft Fuß zu fassen, macht Hugo endgültig zum unkorrumpierbaren Anwalt des französischen Volkes.
Früher Prophet Europas

10.8.1950, Straßburg, Frankreich: An der 2. Generalversammlung der Europarats im neuen Europagebäude in Straßburg nehmen 125 Delegierte teil. Von links nach rechts: Paul Henri Spaak, Belgien; Paul Reynaud, Frankreich; Winston Churchill, England; Robert Schumann, Frankreich
Zwei Millionen Menschen sollen es gewesen sein, die auf den Straßen von Paris den schlichten Sarg Hugos begleiteten, als er am 1. Juni 1885 im Pariser Pantheon, der Grabstätte berühmter Franzosen, beigesetzt wird. In allen Gemeinden Frankreichs weht die Trikolore auf Halbmast. Seitdem ist Hugos Popularität geradezu explodiert. Es gibt nur wenig, zu dem sich der “Napoleon der Literatur“ nicht geäußert hätte. Die rund hundert Neuerscheinungen, die in den französischen Buchhandlungen publikumswirksam präsentiert werden, zeigen den Schriftsteller auch als Verfechter des europäischen Gedankens. Lange vor einer europäischen Bewegung sah Hugo in den “Vereinigten Staaten von Europa“ eine “große, freie, reiche, mächtige Nation im Frieden mit der Menschheit“ voraus, deren Fundament er in der Revolutionsgeschichte Frankreichs sieht. “Der Kontinent wird aus einem Volk bestehen. Eine kontinentale Währung wird alle absurden Geldvarianten ersetzen.“ Heute ist Hugos Vision von 1855 Wirklichkeit geworden. Auch das feiert Frankreich. In Deutschland ist der französische Nationaldichter dagegen noch zu entdecken: erst ein Drittel seines Werkes liegen in Übersetzung vor. Hoffen wir, dass das Hugo-Jahr hier Spuren hinterlässt!









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