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Büros statt Wohnen

Sie ist die Stadt der Superlative: Shanghai. Die bedeutendste Industriestadt Chinas boomt. Und: Sie braucht Platz. Und so wird alles, was alt aussieht und dem Fortschritt im Weg steht, abgerissen. Wie die alten Häuser in diesem Viertel. Neue Bürokomplexe sind an ihrer Stelle bereits geplant. Tausende Menschen werden ihre Heimat verlassen müssen. Kein leichter Abschied. Die zwölfjährige Ping ist hier aufgewachsen. Sie trifft sich mit ihren Eltern auf dem Markt, denn heute ist Großeinkauf angesagt. Gemeinsam wollen sie die nötigen Besorgungen machen für das wichtigste Ereignis, das die Chinesen kennen: Neujahr. Es wird ihr letztes Neujahr hier sein. Noch einmal taucht sie ein in das für Außenstehende sicher bizarre Leben ihrer kleinen Heimat. Serviert werden den Gästen am Abend Schlangenfleisch, Kakerlaken, und Frösche, aber noch andere bizarre Dinge stehen auf dem Speiseplan: Wie wäre es mit gegrillten Skorpionen, gerösteten Heuschrecken oder lebenden Spaghetti und dem dazu passenden Schlangenwein!? Nirgends sind Preisschilder zu sehen. Das Feilschen ist eine große Kunst der Chinesen. Man sagt, sie handeln als hinge ihr Leben davon ab. Nervös macht sie nur, dass sie das Beste übersehen könnten. Aber das Wichtigste fehlt noch: Böller und Raketen. Mit Kleinkram gibt man sich hier nicht ab - es zählen nur die großen Batterien. Kracher und Raketen gehören genauso zu einer perfekten Feier wie gutes Essen. Die Gäste kommen zum letzten Mal in das Haus der Familie. Es soll auch abgerissen werden. Hinter der Tür mit dem neuen Glückszeichen befinden sich weder Bad noch Küche. Sogar im Winter wird das Essen draußen zubereitet. Bald trifft nach und nach der Besuch ein. Wenn die Sonne untergeht, so hat man sich verabredet. Zwanzig Verwandte sind angereist und tummeln sich in der fünfzehn Quadratmeter Wohnung. Zu eng war es ihnen hier nur. Pings Vater weiß: Heute wird gleich doppelt Abschied gefeiert: Vom vergangenen Jahr und vom alten Haus. "Ich hänge doch sehr an diesem Viertel und an meinem alten Haus. Auch mit den Nachbarn hier war es sehr harmonisch. Aber wenn unser Staat uns auffordert umzuziehen, werden wir es tun. Ich freue mich auch auf eine neue moderne Wohnung und die neue Umgebung." So wird um Mitternacht dann auch mit Zuversicht auf die Zukunft angestoßen. Auf ein Jahr, das vieles neues bringen wird für Ping und ihre Familie. Das nächste Neujahr werden sie wohl in einem anderen Zuhause feiern. Die Modernisierung der Stadt wird kein Erbarmen haben - mit ihnen haben und ihren vielen tausend Nachbarn.

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