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Fehlermeldung im Gehirn

Manchmal braucht es nicht viel und es kommt zum Unglück. Eine Unachtsamkeit, ein kleiner Fehler und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. freistehend„In dem Atomkraftwerk hat sich ein Unglück ereignet, wobei einer der Atomreaktoren beschädigt wurde. Eine Regierungskommission ist eingesetzt worden. In der Nähe des Atommeilers werden Strahlungen gemessen, die fünf bis sechsmal höher sind als die übliche Strahlung. Angaben über die Zahl der Opfer oder Verletzten gibt es nicht.“ Aber warum machen Menschen Fehler? Und vor allem, könnte man sie vermeiden? Forscher wie Markus Ullsperger versuchen der Anatomie des Irrtums auf die Spur zu kommen. Ullsperger wirft dazu einen Blick ins menschliche Gehirn. Genauer gesagt, er misst die Hirnströme einer Versuchsperson. Damit will er herausfinden, wie das Gehirn unser Tun überwacht und wie es auf falsche Handlungen reagiert. Der Versuch klingt einfach: auf einem Monitor leuchtet immer wieder ein helles Licht auf. Mal in der rechten Hälfte des Bildschirms, mal in der linken. Die Probandin soll immer zuerst dorthin schauen, wo das Licht gerade nicht zu sehen ist. Anschließend wird sie gebeten, ihre Leistung selbst zu beurteilen. Das Ergebnis zeigt: häufig liegen die Probanden falsch. Etwa die Hälfte der eigenen Fehler bemerken sie dabei nicht. Markus Ullsperger, Fehlerforscher: "„Ich denke, es spielen eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle, warum wir Fehler machen. Einerseits ist natürlich die Aufmerksamkeit, die wir einer Aufgabe widmen, ein ganz entscheidender Faktor und natürlich auch die Motivationslage, wenn ein Fehler nicht so relevant ist und ich ihn schnell korrigieren kann, dann muss ich auch nicht so viel Aufwand betreiben ihn zu vermeiden." Die meisten Fehler passieren also, wenn die Konsequenzen niedrig und die Aufgaben leicht sind. Zudem spielt Zeitdruck eine Rolle. Die Forscher fanden auch heraus: das Gehirn kann Fehler vermeiden, noch während sie entstehen. Michael Falkenstein, Fehlerforscher: "„Es versucht, Fehler im Ansatz zu erkennen und sofort noch on the fly zu verhindern und dazu bedarf es dieses Mechanismus und der muss schnell genug sein. Und deswegen ist der auch unbewusst, in aller Regel läuft das automatisch, das machen tiefe Strukturen, die gar nicht so dem Bewusstsein zugänglich sind, bevor man überhaupt was merkt, ist das quasi schon kontrolliert.“" Trotzdem können Forscher Fehler sichtbar machen. Auch hier hilft die Hirnstrommessung. Bei der Flankier-Reiz-Aufgabe wird das Gehirn dazu regelrecht ausgetrickst. Die Versuchsperson bekommt Pfeile zu sehen. Extrem kurz, gerade einmal 30 Millisekunden lang. Relevant ist immer nur der mittlere Pfeil – in welche Richtung zeigt er? Alle anderen Pfeile lenken das Gehirn ab und provozieren damit Fehler. Jetzt haben die Forscher Material, mit dem sie arbeiten können. Aber was ist, wenn Fehler passieren, obwohl ständig kontrolliert wird und keine Ablenkung stattfindet? So wie bei diesem Brückenbau in Laufenburg? Das Bauwerk sollte Deutschland mit der Schweiz verbinden. Deshalb startete man in beiden Ländern zeitgleich mit dem Brückenbau. Später sollten die beiden Teile in der Mitte aufeinander treffen und verbunden werden. Doch kurz vor Fertigstellung der Brücke stellten die Bauherren einen großen Fehler fest: auf einer Seite fehlten 54 Zentimeter Höhe.Was war passiert? Ganz einfach, Deutschland ging von der Meeresspiegelhöhe der Nordsee aus, die Schweiz aber nahm das niedriger liegende Mittelmeer als Maßstab. Der Fehler konnte nur dadurch behoben werden, dass die Brückenauffahrt auf einer Seite abgesenkt wurde. Zusatzkosten: 50.000.000 Euro. Wie können so teure Fehler passieren? Michael Ullsperger, Fehlerforscher„: "Wahrscheinlich gibt es verschiedene Anpassungen, die einander zu wider laufen, man will zum Beispiel die Aufgabe ökonomischer lösen, schneller lösen, mit weniger Aufwand. Gleichzeitig kann das aber zu Lasten von bestimmten Aufmerksamkeitsprozessen laufen.“" Man will also clever handeln und stellt sich dabei selbst ein Bein. Das Ziel der Forscher ist es, Fehler aufzuspüren, bevor sie überhaupt geschehen. Kündigen sie sich in unserem Gehirn vielleicht an? Michael Falkenstein, Fehlerforscher„: "Wir haben ein Experiment gemacht, wo wir mal geschaut haben, was passiert denn im Vorfeld von Fehlern und wir haben festgestellt, dass so etwas wie eine winzige Fehlerwelle oder sagen wir mal eine Überwachungswelle bei jeder Reaktion auftritt und die wird merkwürdigerweise vor einem Fehler kleiner. Wir gehen davon aus, dass jede Handlung registriert wird, kommentiert, überwacht wird, ah ja, okay, richtig gemacht. Und vor einer Fehlreaktion, also 2 Sekunden davor, wird das kleiner. Als ob dann diese Überwachung nicht mehr so ganz funktioniert und das hat dann möglicherweise bei der nächsten Reaktion Fehler zur Folge.“" Interessanterweise helfen die Fehlersignale im Kopf auch, wenn es darum geht, die Fehler anderer zu beurteilen. Vielleicht werden deshalb häufig sensible Bereiche wie ein Kernkraftwerk von Teams geleitet. Hier gilt, doppelte Kontrolle ist besser. Und genügend Zeit auch, denn je frühzeitiger ein Fehler erkannt wird, desto wahrscheinlicher ist es, ihn zu verhindern. Michael Falkenstein, Fehlerforscher: "„Ein ganz wichtiger Punkt scheint wohl zu sein, wie früh diese Fehlerwelle nach einer Fehleraktivität kommt. Wir haben in einem Experiment gezeigt, wenn sie sehr früh kommt, dann kann der Fehler noch unterdrückt werden. Wenn sie aber zu spät kommt, das heißt nur 30 Millisekunden, dann wird der Fehler manifest, er wird dann nicht mehr unterdrückbar. Das heißt, wichtig ist, glaube ich die Zeit, in der diese Fehlerwelle auftritt.“" Es gibt also tatsächlich im Gehirn einen Schutz vor den eigenen Fehlern. Dieser funktioniert nur leider nicht in jedem Fall, denn er ist an bestimmte Bedingungen geknüpft. Aber wenn mehrere Personen im Team an einem Projekt arbeiten, sie weder Zeitdruck noch andere Ablenkung erfahren, dann steigt die Chance Fehler zu vermeiden.

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