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Von der Leidenschaft des Sammelns

Nur wenige Tierarten stehen bei uns Menschen so hoch im Kurs wie die Schmetterlinge. Sie sind farbenfroh, leicht, filigran, manchmal auch exotisch und geheimnisvoll. In Wien gibt es gleich zwei Orte, wo die Falter in großen Mengen vorkommen. Einer liegt im 19. Bezirk der Stadt.So etwas wie die Insektenhandlung von Hildegard Winkler gibt es vielleicht kein zweites Mal in Europa. Für einen, der Schmetterlinge sammelt, ist der Laden das reinste Einkaufsparadies. Aber wer sammelt eigentlich noch Schmetterlinge? Hildegard Winkler: "Die Sammler sterben schneller aus als die Insekten, glaub ich. Und bald wird die Entomologie überflüssig sein." Der Laden Hildegard Winklers ist über hundert Jahre alt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er von ihrem Großvater gegründet und später von ihren Eltern weitergeführt. Der Vater war selbst ein leidenschaftlicher Schmetterlingssammler. Das war Hildegard Winkler noch nie. Sie hat ein eher professionelles Verhältnis zum Sammeln und den Sammlern. Frau Winkler: "Sie sind ja rührend mit ihrer kindlichen Sammelfreude und Gier. Auch die Gier ist irgendwie kindlich.Natürlich halt ich viel von ihnen, denn in dieser Gier müssen sie immer wieder was kaufen." Einer, der schon als Junge sein ganzes Taschengeld im Laden der Winklers ausgegeben hat ist Martin Lödl. Aus dem kleinen Martin von einst wurde ein Doktor und Hofrat. Mittlerweile leitet er eine der größten Schmetterlingssammlungen der Welt. Martin Lödls Arbeitsplatz, das Naturhistorische Museum in Wien, entstand im 19. Jahrhundert. Kaiser Franz Joseph widmete es mit imperialer Geste „dem Reich der Natur und seiner Erforschung“. Und dieses Haus war von Beginn an wie ein großer Tempel des Staunens. Voll mit wissenschaftlichen Exponaten und dennoch magisch wie kaum ein anderer Ort in dieser Stadt. Martin Lödl: "Für mich hat das Naturhistorische Museum eine ganz besondere private Bedeutung. Weil ich eigentlich von Kind an, mit sechs, sieben, acht Jahren hier im Haus arbeiten wollte. Und ich bin jedes Wochenende, damals noch mit meiner Frau Mama in dieses Haus gekommen und hab´ die Vitrinen bestaunt." Auch Hildegard Winkler war von Kind an von einer Insektensammlung umgeben. Die Wohnung der Familie war über dem Laden. So wuchs sie zwischen toten Tieren auf. Frau Winkler: "Ich hab das Geschäft immer gehasst. Es war immer so muffig, stinkig, finster, staubig und es hat mich in keiner Weise interessiert, das weiter zu machen. Und ich habe auch sehr schön als Germanistin gearbeitet an der Universität in Italien. Das hätte ich gerne mein ganzes Leben gemacht, aber dann ist mein Vater gestorben. Und ich musste die Lösung finden. Und so bin ich dann picken geblieben." Dass die promovierte Germanistin hier hängen blieb, ist nun schon über dreißig Jahre her. Genügend Zeit sich Gedanken zu machen – zum Beispiel über ihre Kundschaft, die Schmetterlingssammler. Frau Winkler: "Meine Kundschaft ist eigentlich nicht verliebt in die Schönheit der Schmetterlinge, sondern das sind eben Sammler, die nach der Komplettheit in der Systematik streben. Also, sie brauchen noch diesen oder diesen. Das ist auch - es kommt nicht drauf an ob er schön ist. Rare, die sind viel mehr von der Rarität angezogen." Die Hobbysammler. Würde man sie so genau studieren, wie sie ihre Objekte der Begierde betrachten, was würden wir über sie erfahren? Wir würden feststellen, dass Schmetterlingssammler in den verschiedensten Ländern vorkommen. Wir würden herausfinden, dass etwa 99 % von ihnen männlichen Geschlechts sind. Wir würden zu dem Ergebnis kommen, dass sie sich ganz offiziell auf Tauschbörsen treffen. Wir würden erfahren, dass so mancher Sammler sich etwas zu stark in kleine Käfer oder zarte Falter verguckt hat und dadurch seine Umwelt vernachlässigt. Dies kann wiederum zu zwischenmenschlichen Zerwürfnissen führen. Hildegard Winkler: "Es sind ja Ehen schon in Bruch gegangen wegen der Sammelleidenschaft." Wie kommt es, dass die Einen ihr letztes Geld in aufgespießte Insekten investieren oder mühsame Expeditionen in Kauf nehmen, während Andere darüber nur mit den Achseln zucken können? In Wien, der Stadt von Sigmund Freud und der Psychoanalyse, scheint es auch hierfür eine plausible Erklärung zu geben: Martin Lödl: "Das Sammeln ist ein sehr fundamentales, grundsätzliches Phänomen, das uns zivilisierte Menschen betrifft. Fast alles, was wir am Informationsgewinnung machen, folgt einem ähnlichen Konzept. Nämlich dem des Sammelns. Erst ist das man mal Information oder auch Objekte erjagt, das Horten, das Zusammentragen. Die nächste Stufe, auch immer gleich und standardisiert, ist das Ordnen. Und die dritte Stufe ist dann die Informationsgewinnung, das heißt die Analyse. Drauf zu kommen, was verbindet die Objekte, die vorher geordnet wurden und dann Schlussfolgerungen zu ziehen, also Hypothesen zu bilden und in unserem Fall als Wissenschaftler Publikationen zu schreiben, neue Arten zu beschreiben oder andere Phänomene zu erkennen." Das Schmetterlingsarchiv des Naturhistorischen Museums. Hier lagern drei Millionen toter Falter. Das sind fast doppelt so viele Tiere wie es Menschen in Wien gibt. Bevor die Schmetterlinge endgültig gelagert werden, müssen sie durch die Präparation haltbar gemacht werden. Zunächst kommt der Schmetterling auf ein genormtes Spannbrett. Darauf wird er mit Spannstreifen und Spannstiften vorsichtig fixiert. Ist der Falter so aufgespannt muss er noch etwa drei Wochen trocknen. Dann kommt er zur Archivierung in einen Sammlungskasten. Dort kann er viele Jahrzehnte bleiben. Es sei denn die Falter werden schlecht gelagert und von Schimmel oder lebenden Insekten befallen. Einige Exponate, die schon in den größten Zeiten des Naturhistorischen Museums dabei waren, müssen ab und an zur Inventur. Man flickt sie hier und da und stopft sie neu aus. Manchmal wirken sie wie Relikte längst vergangener Zeiten. Zeiten, in denen Wissenschaftler noch was galten und nach ihren Expeditionen wie Popstars gefeiert wurden. Trotz ihrem schwierigen Verhältnis zu den Insekten kann Hildegard Winkler nicht von den kleinen Tieren und ihrem Laden lassen. So verbringt sie ihre Tage mit Warten auf Kundschaft oder dem Ausstanzen von Unterlagen für Käfer und Schmetterlinge. Sie hat ihren Frieden mit diesem, irgendwie aus der Zeit gefallenen Ort gemacht. Denn dass sie einen Käufer für den Laden und seine Schätze findet, hält sie selbst für ein Wunder. Darum macht sie einfach weiter. Auch für Martin Lödl ist der Höhepunkt der großen Natursammlungen schon lange vorbei. Für ihn hat das gesellschaftliche Gründe. Martin Lödl: "Erstens haben die virtuellen Welten bei der Jugend einfach mehr Interesse erweckt, als jetzt mit einem Schmetterlingsnetz, so wie das noch in den 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts üblich war, einfach hinaus zu gehen auf die Blütenwiese und dort Falter zu sammeln. Und das Zweite ist, dass ein bisschen die Naturschutzbewegung auch für uns Biologen ärgerlicher Weise eine Fehlentwicklung genommen hat. Wir haben sehr viele Naturschutzgebiete, da darf man sich nicht einmal mehr um ein Blümchen bücken oder einen Schmetterling für eine Sammlung mitnehmen, was aber für die biologische Gefährdung der Art völlig irrelevant ist. Im Gegenteil: Die Dokumentation wäre viel, viel wertvoller und viel wichtiger, als das zu verbieten. Aber das sind alles Dinge, die dazu geführt haben, dass die private Hobby-Sammlerszene eigentlich eher zurück geht als prosperiert." Trotzdem, der Mensch wird in seinem Herzen immer ein Jäger und Sammler bleiben. Das Sammeln liegt uns im Blut und es hat unsere Spezies enorm weiterentwickelt. Denn erst durch das Sammeln können wir uns und die Vielfalt unserer Welt richtig einsortieren und verstehen.

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