wissen.de
Total votes: 49
VIDEO

Zug um Zug

Bahnkontrollzentrum Tokyo. Hier sitzt eine Spezialeinheit, die sich nur damit beschäftigt, dass alle Züge sekundengenau abgefertigt werden. Denn Verspätungen setzen die von Hand gezeichneten Fahrpläne außer Kraft. Die Folge: Überfüllung der Bahnsteige, Chaos und Panik bei den Fahrgästen.Am Institut für Bahntechnologie arbeitet man deshalb an einem neuen Fahrplansystem, das auch Verspätungen oder Ausfall von Zügen direkt verarbeiten kann. Aus den tausenden Möglichkeiten, die Gesamtstruktur des Fahrplanes wiederherzustellen, soll im neuen System nach einem algorithmischen Berechnungsverfahren die optimale Version bestimmt werden. Als Parameter dient der Grad der Unzufriedenheit bei den Passagieren, denn der Japaner hat eine sehr niedrige Toleranzgrenze, wenn es um Verspätungen geht. Um die Zufriedenheit der Passagiere zu steigern und das hohe Fahrgastaufkommen zu bewältigen, erhöhen die Bahnbetreiber deswegen die Zugfrequenz immer weiter. Im Bahnhof Shinjuku fahren die Bahnen einer Linie zum Teil im Minutentakt ein. Ein Sicherheitsrisiko: Tokyos Bahn hat deswegen flächendeckend ein aufwendiges automatisches Kontrollsystem eingeführt, das digital ATC: Automatic Train Control. Die Positionen der vorangehenden Züge werden über das Schienennetz digital ermittelt. Die Daten gehen über einen Server und werden wieder über das Schienennetz an den nachfolgenden Zug weitergeleitet. Ein On-Board Computer in den Zügen wertet die Signale aus und berechnet die notwendige Bremsstruktur des Zuges zu jedem Zeitpunkt. Auch andere Warnhinweise können so übertragen werden.Die Präzision der digitalen Technik erlaubt kürzere Abstände zwischen den Zügen und sanftere Bremsmanöver als bei der herkömmlichen Technik. Trotzdem - Störungen sind auch bei der japanischen Bahn nicht ausgeschlossen. Im Alltagsbetrieb am meisten gefürchtet - sogenannte "Fahrgastunfälle". Japan hat mit über 30.000 Suiziden pro Jahr eine der höchsten Selbstmordraten der Welt. Einfahrende Züge sind in Tokio traditionell eine beliebte Methode für Selbstmörder. Technische Systeme sollen deshalb auch hier helfen. An vielen Bahnhöfen sind Stereokameras installiert, die menschliche Bewegungen auf den Gleisen erfassen und die Züge automatisch zum Stoppen bringen. Die Bewegungsmelder sind so programmiert, dass sie nur auf menschliche Körperbewegungen reagieren. In der Tokyo Metro gab es besonders viele Suizidversuche. Deshalb schließen sich hier nun automatische Türen auf den Bahnsteigen nach Abfahrt des Zuges und versperren so den Weg zum Gleisbett, bis ein neuer Zug eingefahren ist. Das Ringen um neue noch bessere Techniken geht weiter, Zug um Zug. So versucht man in Tokyo den Spagat zwischen Kundenzufriedenheit und Kundensicherheit.

Total votes: 49