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Vor 100 Jahren: Das Marsfieber

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Hochkonjunktur für den roten Planeten

Man mag sich vorstellen, dass nach der Erfindung des Teleskops die Erkundung der Marsoberfläche ein Kinderspiel gewesen sein müsste: Man baue ein Teleskop mit gewaltiger Vergrößerung und studiere am Okular die Landschaften des fernen Planeten. Doch so einfach ist das nicht. Die Fähigkeit eines Teleskops, Einzelheiten auf dem Mars sichtbar zu machen, wird von drei Faktoren bestimmt: von seiner optischen Qualität, von seinem Standort und von der Entfernung zum Mars.

Selbst ein ausgezeichnetes Teleskop kann von einem schlechten Standort aus keine Höchstleistung bringen. Der Grund liegt in den optischen Eigenschaften der Erdatmosphäre: Luftschlieren - verursacht durch Temperaturschwankungen - verzerren und verschieben das Bild im Teleskop. Abhilfe schafft hier die Wahl eines Standortes, der hoch gelegen ist, und über dem die Atmosphäre möglichst stabil geschichtet ist. Zu dieser einfachen Erkenntnis kamen die Astronomen aber erst vor etwas über hundert Jahren. Bis dahin waren Sternwarten auch Repräsentativbauten, die man in den Haupt- und Universitätsstädten errichtete. So vergingen Jahrhunderte, in denen man nur wenig über die Marsoberfläche erfuhr.

Im Teleskop zeigt sich Mars als rötliches Scheibchen. Seine Größe hängt von der Entfernung des Mars von der Erde ab. Diese variiert stark, je nach dem, ob Mars in seiner Bahn gegenüber der Sonne steht (Opposition) oder ob er - von der Erde aus gesehen - hinter der Sonne steht (Konjunktion). Im ersten Fall kann seine Entfernung auf 38 % der Entfernung Erde-Sonne schrumpfen. Im anderen Extrem ist Mars mehr als fünf Mal so weit von uns entfernt wie die Sonne. Bei einer solchen Konjunktion steht Mars allerdings so dicht bei der Sonne, dass er nicht beobachtbar ist. Aber da sowohl die Erd- als auch die Marsbahn elliptisch sind, gleichen sich nicht alle Oppositionen. Besonders nahe Oppositionen treten alle 15 Jahre auf. Dann hat Mars Hochkonjunktur.

So war es im Sommer 2003 sein, und so war es auch im Jahr 1877, dem Jahr, in dem die Beobachtungsgrundlagen für ein „Marsfieber“ gelegt wurden, das fast fünfzig Jahre lang die wildesten Spekulationen über intelligentes Leben auf dem Mars nährte.

Aus Schiaparellis Canali ...

Der Mailänder Astronom Giovanni Virginio Schiaparelli (1835 - 1910) war ein international geachteter, seriöser Wissenschaftler, der die besten Marsbeobachtungen seiner Zeit durchgeführt und 1877 (der Mars stand wieder in einer nahen Opposition) die bis dahin detaillierteste Marskarte gezeichnet hatte. Wahrscheinlich war er sich nicht bewusst, wie sehr er mit seinen Marskarten die Fantasie mancher Zeitgenossen beflügelte ...

Auf Schiaparellis Marskarten waren helle und dunkle Gebiete zu erkennen. In Anlehnung an die Bezeichnungen auf dem Mond hatte er die Gewohnheit beibehalten, die hellen Gebiete als Länder oder Kontinente zu bezeichnen. Die dunklen Gebiete nannte er Seen, Meere oder Ozeane. Wie beim Mond, so wollte auch beim Mars damit aber niemand die Existenz von Wasser als bewiesen annehmen. Bei seinen Beobachtungen hatte Schiaparelli nun außerdem recht schmale, dunkle Strukturen gesehen, die größere dunkle Strukturen miteinander verbanden. Diesen engen Verbindungen zwischen „Ozeanen“ gab Schiaparelli einen besonderen Namen: Er nannte sie Canali.

Dieses italienische Wort war schon Jahre früher von Angelo Secchi (1818 - 1878) verwendet worden, ohne dass dies besondere Aufmerksamkeit erregt hätte. Aber 1877 hatte das Wort Canali einen besonderen Klang: Am 11. November 1869 war der Suezkanal feierlich eingeweiht worden. Er galt als das kühnste Bauvorhaben der Zeit. Und diese Leistung sollte nun sogar noch übertroffen werden: Nach jahrelangen Voruntersuchungen fiel 1879 in Paris die Entscheidung für den Bau des Panamakanals. Erst 1914 wurde der Panamakanal fertig, und so ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass die manchmal hysterische Diskussion um die Kanäle auf dem Mars genau in die Bauzeit des größten Kanals auf der Erde fiel.

... werden Lowells Marskanäle

Im Englischen gibt es zwei Wörter für „Kanal“: Channel ist eine natürliche Meerenge wie zum Beispiel der Channel zwischen Frankreich und England. Im Gegensatz dazu ist der Canal ein Bauwerk von Menschenhand. In den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts waren die Zeitungen voll von den dramatischen Nachrichten rund um den Bau des Panamakanals. Wer kann es da dem Amerikaner Percival Lowell übel nehmen, dass er bei der Lektüre von Schiaparellis Veröffentlichungen über den Mars der Übersetzung des Wortes Canali mit Canals den Vorzug gab?

Percival Lowell (1855 - 1916) war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Astronomie seiner Zeit. Geboren in Boston als Kind einer der wohlhabendsten Familien der Ostküste standen ihm alle beruflichen Möglichkeiten offen. Schon als Kind besaß er ein eigenes Teleskop, und als der Fünfzehnjährige mit eigenen Augen die vereisten Polkappen des Mars, die sich im Wechsel der Jahreszeiten veränderten, erkennen konnte, war er mit dem Marsfieber infiziert. Er sollte noch viele Zeitgenossen damit anstecken ...

Nach einem allgemeinen Studium in Harvard hielt es den unruhigen Geist nicht lange im Büro seines Großvaters. Er ging auf Weltreisen, spielte Polo und wäre beinahe als Ostasienspezialist im diplomatischen Dienst gelandet. Doch auf seinen Reisen führte er auch stets ein Teleskop mit sich, und 1892 packte den Siebenundzwanzigjährigen das Marsfieber erneut und diesmal für immer. Schiaparellis Kanäle hatten es ihm angetan, und er stellte sich die Aufgabe, sie zu untersuchen und ihr Geheimnis zu lüften. Dabei ging es ihm von Anfang an um die Frage, ob es intelligentes Leben auf dem Mars geben könnte. Er begründete damit eine amerikanische Tradition dieser Fragestellung. Bis auf den heutigen Tag beschäftigt die Frage nach dem Leben auf dem Mars die amerikanische Öffentlichkeit mehr als die europäische.

Mit Energie und Geld setzte Lowell seine Mission in die Tat um. Viel Zeit hatte er nicht, denn bereits 1894 würde sich Mars wieder in der Großen Opposition befinden. Die einzige Gelegenheit für wirkliche Neuentdeckungen für die nächsten dreizehn Jahre! Lowell suchte nach einem geeigneten Platz für seine Marsexpedition und fand ihn im nördlichen Arizona in der kleinen Stadt Flagstaff. Flagstaff liegt 2300 Meter über dem Meer und versprach exzellente Bedingungen. Auf einem Hügel in unmittelbarer Nähe der Stadt, dem Mars Hill, wurde ein großes Linsenteleskop mit 46cm Öffnung errichtet, und bereits im Sommer 1894 konnten die Beobachtungen beginnen.

Von Woche zu Woche kam der Mars der Erde näher und immer mehr Details wurden von den Beobachtern registriert. 917 Marszeichnungen wurden angefertigt, 183 Kanäle gesichtet. Interessanterweise allerdings nur von Lowell selbst und seinem „eigenen“ Astronomen Andrew E. Douglass. Der ebenfalls anwesende Astronom W. H. Pickering bemühte sich redlich, konnte aber nichts dergleichen erkennen. Lowell selbst hatte einmal ausgeführt, dass man eine besondere Art des Sehens - er nannte es ein acute eye - benötigt, um die Kanäle zu erkennen. Pickering und die meisten anderen Astronomen hatten offenbar keine acute eyes ...

Lowell fühlte sich mit seinen Beobachtungen voll bestätigt und fasste seine Vorstellungen vom Mars folgendermaßen zusammen:

  • Mars ist ein alter Planet mit dünner Atmosphäre, der nur noch wenig Wasser besitzt, das sich im Winter in den vereisten Polkappen sammelt.
  • Die beobachteten Kanäle sind künstlich bewässerte Vegetationszonen. Die eigentlichen Bewässerungskanäle kann man dabei nicht erkennen.
  • Auf dem Mars muss es daher intelligentes Leben geben oder gegeben haben.

Kaum war Lowell wieder in Boston, begann er, seine Theorie mit missionarischem Eifer zu verbreiten. Schon Ende 1895 erschien sein Buch mit dem schlichten Titel „Mars“. Begeistert stürzte sich die Presse auf den provokanten, astronomischen Außenseiter. Das Marsfieber griff um sich. Vorträge und Zeitungsartikel verbreiteten die sensationelle Theorie. Natürlich zog sich Lowell mit seinen Veröffentlichungen auch die massive Kritik seiner Fachkollegen zu. Hier folgte ihm kaum einer in seinen verwegenen Schlussfolgerungen. Schiaparelli selbst hielt sich aus dem Streit heraus und vermied es bis zu seinem Tod, über die Natur der Canali zu spekulieren.

Woher kommen die kleinen grünen Männchen?

Beim Thema Mars kommt man an Sciencefiction nicht vorbei. Mars war über viele Jahre die bevorzugte Heimat der „kleinen grünen Männchen“. Wahrscheinlich stammt dieser Ausdruck aus dem Sciencefiction-Roman „Die Prinzessin vom Mars“ des Amerikaners Edgar Rice Burroughs. Burroughs schrieb diesen Roman 1911, und in ihm ist von „grünen Männern“ die Rede. In Deutschland wurde Burroughs übrigens eher als der Schöpfer des Dschungelhelden Tarzan bekannt.

1897 war in England mit dem „Krieg der Welten“ der erste Klassiker der Marsliteratur erschienen. H. G. Wells hatte das Buch unter dem Eindruck der Lektüre von Percival Lowells “Mars“ geschrieben. Es schildert die Invasion von grausamen Marsianern, die die Erde angreifen. Im letzten Moment wird die Invasion schließlich durch irdische Bakterien gestoppt.

Besonders berühmt wurde diese Geschichte, da sie am 30. Oktober 1938, am Halloween Abend, in einer Hörspielbearbeitung im amerikanischen Radio lief. Howard Koch und Orson Welles hatten den Roman von Wells bearbeitet und die Handlung nach Amerika verlegt. Außerdem wählten sie die Form einer Reportage.

Viele Zuschauer hatten die Einleitung nicht gehört, da sie während einer Musikpause in einem anderen Programm erst nach Beginn des Hörspiels „hinzugezappt“ waren. Sie mussten den Eindruck gewinnen, Zeugen eines Angriffs von Außerirdischen zu sein.

Nahe bei Grovers Mill in New Jersey waren riesige zylinderförmige Raumschiffe gelandet, kurz nachdem man auf dem Mars Explosionen beobachtet hatte. Reporter vor Ort schilderten, wie sich langsam die Luken öffneten und die Invasoren mit dunklen Gaswolken und Hitzestrahlen den Angriff eröffneten und schließlich den Hudson River überschritten.

In manchen Teilen New Yorks kam es zu Paniken, die Menschen rannten auf die Straße und blickten entsetzt zum Himmel. Polizei und Stadtverwaltungen wurden mit Anrufen verängstigter Bürger bestürmt. Manche griffen zu Waffen, um die Menschheit zu verteidigen. Es war ein besonderer Moment für das noch junge Medium Radio und es war ein beeindruckendes Beispiel für seine Möglichkeit zur Manipulation von Massen. Nie wieder erzielte ein Bericht über Außerirdische eine solche Wirkung!

Mit den Romanen von Wells, Burroughs und anderen waren Klischees über den Mars und seine angeblichen Bewohner entstanden, die noch viele Jahre nachwirkten. Und indirekt haben sie auch etwas mit moderner Marsforschung zu tun, denn viele Wissenschaftler von heute sind als Kinder und Jugendliche durch die Lektüre solcher Geschichten an die Astronomie herangeführt worden.

Mars - Planet des Jahres 2003
Mars, der taumelnde Unglücksbote
Marsrätsel
Leben auf dem Mars?
Missions (sometimes) impossible

Dr. Dirk Soltau
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