Hier lernen die Kinder zwar ihre Namen zu tanzen, auf die vielbeschworene Leistungsgesellschaft werden sie dagegen nicht vorbereitet. So oder so ähnlich lauten Vorurteile, mit denen sich ein Waldorfschüler bisweilen konfrontiert sieht. Es stimmt, an der Waldorfschule werden keine Zensuren verteilt und Fächer wie Eurythmie, Bewegungskunst unterrichtet. Aber ist die Reformpädagogik ihres Gründers Rudolf Steiner deshalb weltfremd? Welches weltanschauliche Konzept steckt hinter den von Steiner gegründeten Waldorfschulen?
Waldorf-Pädagogik - Die Philosophie

Waldorfschulen sind 12-jährige Gesamtschulen und haben in Deutschland den Status staatlich anerkannter Ersatzschulen in freier Trägerschaft. Ihr für viele Kinder wohl attraktivstes Merkmal besteht darin, dass die Waldorfschule keine mit einer staatlichen Schule vergleichbaren Zensuren vergibt und die Kinder nicht sitzenbleiben können. Im Klassenverband mit leistungsstarken und weniger leistungsstarken Mitschülern sollen sie so ein tolerantes Sozialverhalten ausbilden. Allerdings erhalten die Kinder auch eine individuelle Förderung, die bis zur persönlichen Beratung und Theraphie reichen kann. Die Lernfortschritte der Kinder werden stattdessen in Elternbriefen und Schülercharakteristika dokumentiert.
In einer Waldorfschule werden manche Fächer in "Epochenform" gelehrt. Die Waldorf-Pädagogik zielt nicht darauf ab, die rein intellektuellen Fähigkeiten eines Kindes bestmöglich zu fördern und es entsprechend seines Leistungsniveaus zu klassifizieren. Vielmehr soll eine breit angelegte Förderung erreicht werden, die Schwächen im kongnitiven Bereich beispielsweise durch Anregungen im künstlerischem Gebiet ausgleicht. Neben den theoretischen Fächern wird daher auch großes Gewicht auf künstlerisch-musische sowie handwerklich-praktische und berufsvorbereitende Fächer gelegt. Schüler können an einer Waldorfschule einerseits auf das staatlich anerkannte Abitur vorbereitet werden, andererseits verteilt die Waldorfschule auch Berufsabschlüsse. Der Unterricht in Fremdsprachen beginnt bereits im ersten Schuljahr. Bis zum 8. Schuljahr werden die Schüler von einem Klassenlehrer betreut, anschließend unterrichten Fachlehrer.
Ausbildung "höherer" seelischer Fähigkeiten
Um die Waldorfpädagogik verstehen zu können, ist der Begriff der "Anthroposophie" zentral, einer von Gründer Rudolf Steiner entwickelten Weltanschauungslehre, der ein besonderes Menschenbild zugrunde liegt. Übersetzt bedeutet Anthroposophie so viel wie "Weisheit vom Menschen über den Menschen". Dahinter verbirgt sich die Überzeugung, dass sich ein Mensch stufenweise, in Siebenjahresschritten, entwickle, um letztendlich "höhere" seelische Fähigkeiten ausbilden zu können. Je nachdem, in welchem Entwicklungsstadium sich ein Individuum befinde, müsse es unterschiedlich gefördert werden, um den seiner Phase entsprechenden Leib ausbilden zu können. Während die erste Phase beispielsweise durch Nachahmung und Zuhören geprägt sei, sei in der zweiten Phase die Förderung des Bildhaften und des Rhythmusgefühls zentral. Mit Erreichen des 21. Lebensjahres erlange der Mensch schließlich seine Selbstständigkeit und Urteilskraft. Dies sei eine Voraussetzung, um in der abschießenden vierten Phase den Ich-Leib ausbilden zu können, der Träger der höheren Menschenseele sei. Die Schüler werden anhand der Temperamentenlehre klassifiziert, es gibt Phlegmatiker, Melancholiker, Sanguiniker und Choleriker und - der häufigste Fall - Kinder, die mindestens zwei Temperamente in sich vereinen.
Der Gründer - Mathematiker, Pädagoge und Goethe-Fan
Rudolf Joseph Lorenz Steiner, geboren am 27. Februar 1861 in Kraljevica, Kroatien, war eigentlich studierter Naturwissenschaftler und Mathematiker, setzte sich aber schon während seines Studiums intensiv mit philosophischen und pädagogischen Inhalten auseinander und verdiente sein Geld als Nachhilfe- und Hauslehrer. Besonders mögliche Wechselwirkungen zwischen den Naturwissenschaften und dem Geistigen faszinierten ihn früh. Beeindruckt von Goethes Weltanschauung publizierte er einige seiner naturwissenschaftliche Studien und gründete 1913 das Goetheanum in Dornach, eine Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, und die Anthroposophische Gesellschaft.
Nachdem Steiner bereits öffentliche Vorträge über Erziehung und Schulfragen gehalten hatte, beauftrage ihn Emil Molt, Leiter der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, 1919 für die Kinder seiner Mitarbeiter eine Schule nach den Ideen der Anthroposophie zu errichten. Daher rührt der Name Waldorfschule, die aber auch unter den Namen Rudolf-Steiner-Schulen und, in Deutschland, Freie Waldorfschulen, bekannt sind. Die von Steiner gegründete Schule wurde die erste Gesamtschule Deutschlands für Kinder beiderlei Geschlecht, egal welcher Abstammung. Für seine Reformpädagogik warb er unermüdlich durch zahlreiche Vortragsreisen, Veröffentlichungen und eine rege Lehrertätigkeit und sicherte sich so Einfluss im Kulturleben. Rudolf Steiner starb am 30. März 1925 in Dorchach bei Basel.
Waldorf-Pädagogik - Schulen heute
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Waldorfschulen mit der Begründung zur Auflösung gezwungen, sie verfolgten eine "individualistische, auf den Einzelmenschen ausgerichtete Erziehung", die nicht mit den nationalistischen Erziehungsgrundsätzen konform sei. Nach Beendigung des Krieges, besonders aber ab den 1970er Jahren gab es zahlreiche Neugründungen, zunehmend auch im Ausland.
Heute sind die Waldorfschulen die größten unabhängigen Privatschuleinrichtungen der Welt. Rund 900 Schulen gibt es weltweit, davon ca. 200 in Deutschland. Neben den Waldorfschulen gibt es zudem auch Waldorfkindergärten und heilpädagogische anthroposophische Einrichtungen. Der Bund der Freien Waldorfschulen koordiniert in Stuttgart die weltweiten anthroposophischen Initiativen auf dem Gebiet der Waldorfpädagogik.









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