zurück zum Special

Special: Bretagne: Vom Meer umschlossen

Dass die Bretagne nach der Provence/Côte dAzur die meistbesuchte Region Frankreichs ist, verdankt sie wohl in erster Linie der insgesamt 2500 km langen, in ihrer Vielfalt einmaligen Küste. Kaum ein Gebiet Europas ist an seiner Küste dramatischer vom Meer gezeichnet und zugleich im Landesinneren friedlicher als die Bretagne.

zum Artikel

Geschichte, Kunst, Kultur im Überblick

Geschichte, Kunst, Kultur im Überblick

um 600 000 v. Chr.

Schon in der Altsteinzeit finden sich erste Spuren menschlichen Lebens auf dem Gebiet der heutigen Bretagne. Dieses westliche Ende des armorikanischen Massivs bildete damals noch eine Landeinheit mit den heutigen britischen Inseln.

um 4500-2000 v. Chr.

In die Zeit des Neolithikums (Jungsteinzeit) fällt der Höhepunkt der Megalithkultur. Es entstehen die bedeutenden Steinreihen (Alignements) und Menhir-Anordnungen in Halbkreisform (Cromlechs) vor allem in der Gegend von Carnac, die singulär stehenden Menhire (bret. men = Stein, hir = lang) und Dolmen (Steintische) genannten Großgräber vor allem am und im Golf von Morbihan.

ab ca. 500 v. Chr.

Aus dem mitteleuropäischen Raum wandern die Kelten ein. Fünf keltische Stämme (Namneten, Redones, Veneter, Osismer, Curiosoliten) siedeln an verschiedenen Punkten der Bretagne und vermischen sich mit der ansässigen Bevölkerung. Es entsteht eine eigenständige, überlegene Kultur (neu entwickelte Eisenwaffen, Druidentum). Die Naturfrömmigkeit der keltischen Religion mit ihrem Unsterblichkeitsglauben und dem Fruchtbarkeitskult lebt versteckt in manchen christlichen Bräuchen weiter fort. Auf die Kelten geht auch der von der traditionsbewussten Bevölkerung heute noch gerne verwendete Name der Bretagne Armorika (Land am Meer) zurück.

56 v. Chr.

Nach der Niederlage der Veneter in der Seeschlacht vor dem Golf von Morbihan und ihrer anschließenden Vernichtung durch die Römer unter Caesar beginnt die Romanisierung des Landes. Aus dieser römischen Epoche, die insgesamt 400 Jahre andauerte, haben sich jedoch kaum Spuren erhalten.

5.-7. Jh.

Nach dem Rückzug der Römer aus Britannien erobern die Angelsachsen das Land und vertreiben die christianisierten keltischen Briten nach Wales, Cornwall und in die Bretagne, die somit den Insel-Kelten ihren heutigen Namen verdankt (kleines Britannien). Im Laufe dieser bis ins 7. Jh. dauernden Einwanderungswelle erfolgt die Christianisierung des Landes und die erneute Übernahme der keltischen Sprache. In dieser Epoche der Rekeltisierung erhält das Land den gelegentlich heute noch verwendeten keltischen Namen Breiz. Die Bretagne ist in dieser Zeit kein zusammenhängendes, einheitliches Reich - viele kleine Herrschaftsgebiete bestehen nebeneinander. Erste Klostergründungen erfolgen wie z. B. in Landévennec (Finistère). Die Anführer der Missionare werden die ersten Bischöfe der neu errichteten Diözesen. Die bedeutendsten Gründungsväter der bretonischen Bistümer werden als die sieben heiligen Gründer der Bretagne verehrt: Brioc (St-Brieuc), Corentin (Quimper), Maclou (St-Malo), Patern (Vannes), Paul-Aurelien (St-Pol-de-Léon), Samson (Dol-de-Bretagne) und Tugdual (Tréguier). Neben den genannten verleihen Tausende von Heiligen den Orten der Bretagne ihren Namen. Die keltische Einwanderung lässt sich noch an vielen Ortsnamen wie z. B. Tregastel, Ploumanach, Landévennec ablesen, die noch die alten keltischen Bezeichnungen für Siedlung (tre), Pfarrgemeinde (plou) oder Einsiedelei (lan) beinhalten.

6. Jh.

Entstehung des ersten bretonischen Königreiches Cornouaille (im Südwesten der Bretagne) unter dem legendären König Gradlon.

799

In der karolingischen Epoche üben die Frankenherrscher Druck auf die Bretagne aus. Karl der Große erobert den größten Teil des Landes und gründet zur Sicherung seines Reiches eine Grenzmark, die er der Herrschaft seines Neffen Roland unterstellt. Hauptstadt dieser Grenzmark wird Nantes.

818

Die Bretonen unter ihrem Anführer Morvan leisten Widerstand gegen ihre Unterwerfer und weigern sich, die ihnen auferlegten Tributforderungen (an Ludwig den Frommen) zu bezahlen. Angesichts des Scheiterns einer völligen Einnahme des Landes und in der Absicht, die Befriedung der Region zu betreiben, wird Nominoë, Graf von Vannes, 831 als missus imperatoris (Gesandter des Kaisers) zum Herzog der Bretagne ernannt.

845

Die erneute Verweigerung der Tributzahlungen durch Nominoë führt zu Auseinandersetzungen, die schließlich in der Schlacht von Redon zu einem für die Bretonen siegreichen Ende kommen. Der fränkische König Karl der Kahle muss der Unabhängigkeit der Bretagne zustimmen.

851

Die Schlacht von Grand Fougeray bringt den Bretonen nun die formale Billigung als Königtum ein. Nominoës Sohn Erispoë wird von Karl als erster König der Bretagne anerkannt. Die Ländereien von Angers, Rennes, Nantes und Retz (südlich der Loire) tritt der fränkische König an die Bretagne ab. Das Land erreicht zu dieser Zeit seine größte Ausdehnung.

9./10. Jh.

Die Normannen fallen in der Bretagne ein, zerstören fast alle Abteien der karolingischen Epoche sowie zahlreiche Städte, darunter Nantes, und setzen sich in den Küstenregionen fest. Die Mönche der zerstörten Klöster retten sich, so sie können, und fliehen nach Aquitanien, Burgund und in die Champagne.

939

Der letzte bretonische König Alain Barbe-Torte besiegt die Normannen bei Nantes, St-Brieuc und Dol und vertreibt sie aus der Bretagne.

11.-14. Jh.

Das bretonische Herzogtum kann sich, teilweise unter englischem Einfluss, etablieren. König Ludwig VI. von Frankreich erkennt die Schutzherrschaft der normannischen Herzöge, die englische Könige geworden waren, über die Bretagne an. Die Oberhoheit des englischen Hauses Plantagenet über die Bretagne dauert von 1148 bis 1203. Nach der Ermordung Herzog Arthurs durch den englischen König Johann ohne Land und einer Periode der Unsicherheit erstarkt das Herzogtum in erneuter Hinwendung zu Frankreich unter dem Kapetinger Pierre Mauclerc (Pierre de Dreux). In der Folgezeit entstehen einige romanische Sakralbauten wie z. B. die Basilika Notre-Dame-de-Locmaria in Quimper und das Kloster von Daoulas. Zugleich werden die großen Grenzbefestigungen im Osten der Bretagne, Vitré und Fougères, errichtet.

1341-64

Eine Zeit der politischen Ruhe endet mit dem Tod des Herzogs Jean III., der kinderlos stirbt und den bretonischen Erbfolgekrieg auslöst. Dieser regionale Krieg ist Teil des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England und vollzieht sich in der Bretagne zwischen den beiden rivalisierenden Häusern Blois und Montfort. Der Krieg endet nach wechselndem Kriegsglück mit dem Sieg des Hauses Montfort unter dem Heerführer Olivier de Clisson, der über den von Frankreich unterstützten Konnetabel Bertrand du Guesclin schließlich die Oberhand behält.

1365-1442

Unter den beiden Herzögen Jean IV. de Montfort und Jean V. folgt eine Zeit der kulturellen Blüte, in der mit dem Bau der herzoglichen Residenzen von Nantes und Suscinio und zahlreicher gotischer Kirchen wie in Le Folgoët, St-Pol-de-Léon (Kreisker) sowie der Kapellen von Kernascléden und St-Fiacre begonnen wird.

1458-88

Unter der Regentschaft des Herzogs François II. kommt es nach einer Phase der Befriedung zwischen dem Herzogtum und Frankreich zum endgültigen Bruch. Die Auseinandersetzung endet in der Schlacht bei St-Aubin-du-Cornier (1488) mit einer vernichtenden Niederlage des bretonischen Heeres und einem Unterwerfungsvertrag unter den französischen König Karl VIII.

1488-1514

Als Erbtochter von François II. wird Anne de Bretagne 1488 als Elfjährige Herzogin der Bretagne. Kurz darauf gibt sie Maximilian von Österreich das Jawort. Der französische König Karl VIII., der in dieser Eheschließung eine Umzingelung seines Reiches durch die Habsburger sieht, belagert die Stadt Rennes und zwingt die bretonische Herzogin zur Änderung ihrer Heiratspläne. Ihre Hochzeit mit Karl VIII. 1491 bindet die Bretagne endgültig an das französische Königshaus. Nach dem Tod Karls VIII. heiratet Anne 1499 entsprechend dem zuvor vereinbarten Ehevertrag in Nantes den Thronerben König Ludwig XII.

1532

Der Anschluss der Bretagne an Frankreich wird schließlich formell vollzogen: In Vannes unterzeichnen die Abgeordneten des Ständeparlaments die Vereinigungsakte. Die Bretagne erhält zwar Sonderrechte auf dem Gebiet der Rechtsprechung, der Finanzen und des Militärs, bleibt aber fortan unter der französischen Krone; Sitz der Verwaltung und des Parlaments wird Rennes. Auf kulturellem, künstlerischem und wirtschaftlichem Gebiet erlebt die Bretagne im 16. Jh. eine Zeit der Blüte. Der wachsende Tuchhandel, der bis nach Übersee reicht, verhilft einer ganzen Region im Westen des Landes zu Wohlstand und führt im Gebiet zwischen Morlaix und Landerneau zum Bau zahlreicher Kirchen und umfriedeter Pfarrbezirke (Enclos Paroissiaux) mit den berühmten Calvaires. Es ist dies der Höhepunkt der religiösen Volkskunst in der Bretagne.

2. Hälfte 16. Jh.

Die Hugenottenkriege zwischen den Protestanten und der katholischen Liga, die Frankreich mehr als 40 Jahre erschüttern, führen auch in der Bretagne zu Verwüstungen. Der bretonische Gouverneur und Herzog Mercœur aus dem Haus der Guise kämpft an der Seite der Liga mit der Absicht, das Königshaus unter Heinrich IV. zu schwächen und sich der ihm widersetzenden Bretagne zu bemächtigen.

1598

Mit dem Edikt von Nantes beendet König Heinrich IV. die Religionskriege und gesteht den Hugenotten Religionsfreiheit und Schutzgebiete zu, in denen sie frei ihre Religion ausüben können.

1675

Der Bauernaufstand der Bonnets Rouges (Rotmützen) gegen die Einführung des Stempelpapiers und neuer Steuerforderungen durch den französischen Finanzminister Colbert wird blutig niedergeschlagen. Infolge der Aufhebung des Edikts von Nantes im Jahre 1685 unter Ludwig XIV. verlassen viele Hugenotten das Land, das mehr und mehr verarmt und an Bedeutung verliert.

1768

François René de Chateaubriand wird in St-Malo geboren. Der spätere Staatsmann und Schriftsteller ( 1848) verbringt seine Jugend im Schloss Combourg südlich von St-Malo.

1789

Die Französische Revolution wird von den Bretonen zunächst begrüßt. In Rennes formiert sich der KClub der bretonischen Abgeordneten, ein Vorläufer des späteren Jakobinerklubs.

1793-1804

Die Bretagne wird zu einem Zentrum des antirevolutionären Widerstands. Die königstreuen Chouans erheben sich im Gebiet von Fougères und Vitré unter ihren adligen Anführern Marquis de la Rouërie und Cadoudal. Mit der Hinrichtung des Letzteren endet der Aufstand, der bürgerkriegsähnliche Ausmaße angenommen hatte. Die Aufteilung der Bretagne in die fünf Départements Ille-et-Vilaine, Côtes-dArmor (ehemals Côtes-du-Nord), Finistère, Morbihan und Loire-Atlantique ist ebenfalls ein Ergebnis der Französischen Revolution.

19. Jh.

Napoleon I. lässt 1805 den Nantes-Brest-Kanal erbauen. Gleichwohl ist das 19. Jh. infolge der Seeblockade durch die Engländer während der napoleonischen Kriege wie auch wegen fehlender Rohstoffe für die Bretagne eine Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs und der zunehmenden Isolation. Eine große Abwanderungsbewegung in die jungen Industriegebiete und nach Paris setzt ein. Zugleich zieht das Land mit seinen Naturschönheiten ab der Mitte des Jahrhunderts Literaten wie Honoré de Balzac, Stendhal und Gustave Flaubert sowie Maler wie Paul Gauguin an. In ihrem Gefolge wird die Bretagne von Touristen als Reiseziel voll romantischer Ursprünglichkeit entdeckt.

ab 1918

In der Bretagne bilden sich die ersten separatistischen Bewegungen; 1927 wird die Partei der bretonischen Autonomisten gegründet, vier Jahre später die der bretonischen Nationalisten.

1940-44

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wird die Bretagne von deutschen Truppen besetzt. Im Zuge der Befreiung durch die Alliierten erleiden vor allem die Hafenstädte schwere Schäden.

ab 1964

Es erfolgt die umstrittene Angliederung des Départements Loire-Atlantique an die neu geschaffene Region Pays de la Loire. Ab 1970 macht sich die Separatistenbewegung wieder bemerkbar. Die extremistische Bretonische Befreiungsfront führt mehrere Sprengstoffattentate durch.

1978

Eine Ölpest nach der Havarie der Amoco Cadiz vor Portsall an der Nordwest-Ecke der Bretagne verheert weite Küstenabschnitte.

1985

Zweisprachige Verkehrsschilder werden aufgestellt (frz. u. breton.).

1994

Im Februar werden bei Demonstrationen aufgebrachter Fischer Teile des berühmten bretonischen Parlamentsgebäudes (Justizpalast) in Rennes zerstört.

2000

Ein Jahr nach dem Untergang des maltesischen Tankers Erika südlich der Hafenstadt Brest und der Verschmutzung weiter Abschnitte der französischen Atlantikküste beschließen die Verkehrsminister der EU im Dezember schärfere Bestimmungen zur Sicherheit auf See.

2004

Bei den französischen Regionalwahlen erreicht die Linke Liste landesweit mit über 50 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit, auch in der konservativen Hochburg Bretagne.

© ADAC Verlag GmbH

Bewerten: 

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Artikel: Drucken Versenden Merken

GoogleGoogle Mister WongMister Wong Yahoo!Yahoo! Del.icio.usDel.icio.us DiggDigg YiggYigg Was ist das?

Kommentar schreiben
Name:
Überschrift:
Kommentar:

 

   
 

Bildergalerie

Vom Meer gezeichnet

Die schönsten Impressionen aus der Bretagne. Zur Bildergalerie

Anzeige

ADAC Reiseführer plus

Bretagne

144 Seiten, 150 Farbabbildungen, 2 Übersichtskarten, 6 Detailpläne, separate UrlaubsKarte 1:350 000, 37 TopTipps, Preis: € 8,95 Bestellen

Lexikonsuche A-Z: A|B|C|D|E|F|G|H|I|J|K|L|M|N|O|P|Q|R|S|T|U|V|W|X|Y|Z

Mehrsprachige Wörterbücher A-Z-Suche: Wörterbuch Deutsch-Englisch Wörterbuch Deutsch-Französisch Wörterbuch Deutsch-Spanisch Wörterbuch Deutsch-Türkisch | Wörterbuch Englisch-Deutsch Wörterbuch Französisch-Deutsch Wörterbuch Spanisch-Deutsch Wörterbuch Türkisch-Deutsch