Kulturlandschaft zwischen Portovenere und Cinque Terre sowie die Inseln Palmaria, Tino und Tinetto
von Ralf Nestmeyer
Terrassierte Träumerei
Die ligurische Küste, die sich von Portovenere bis zu den Cinque Terre erstreckt, gehört zu den beeindruckendsten Küstenlandschaften Italiens. Cinque Terre - das sind fünf ligurische Dörfer mit engen Gassen, die zwischen dem Meer und einer üppig grünen Terrassenlandschaft kaum Platz finden. Mit ihren bunten Fischerbooten, ihren alten Kirchen, dicht gestaffelten Häusern, Torbögen und steilen Treppenwegen erscheinen Riomaggiore, Manarola, Corniglia, Vernazza und Monterosso al Mare wie Dörfer aus dem Bilderbuch.
Die scheinbar planlos durcheinander gewürfelten Häusermit ihren Fassaden, deren Farbskala von Gelb über Rosa und Ocker bis hin zu Blau reicht, strahlen einen ästhetischen Reiz aus, dem man sich nur schwerlich entziehen kann. Aufgrund seines malerischen Hafens und der Kirche Santa Margherita di Antiochia gilt Vernazza als schönster Ort der Gegend. Von einem runden Wachtturm geschützt, drängen sich die Häuser in einer kleinen Senke bis ans Meer hinunter. Stimmungsvoller Höhepunkt dieses architektonischen Gesamtkunstwerks ist die Hafenpiazza mit ihren Schatten spendenden Laubengängen, einladenden Restaurants und sich in den sanften Wellen wiegenden Fischerbooten: mediterrane Postkartenidylle pur!
Genau besehen handelt es sich bei den Cinque Terre um eine von Menschenhand geschaffene Landschaft: In einer Jahrhunderte währenden Kraftanstrengung wurden die steilen Hänge in Terrassenfelder verwandelt und Erde herangekarrt, damit Olivenbäume und Weinreben Halt finden können. Der aus den sonnenv erwöhnten Reben gekelterte Weißwein wurde schon im 14. Jahrhundert von den Dichtern und Humanisten Giovanni Boccaccio und Francesco Petrarca gerühmt und im Spätmittelalter nach England exportiert. Dennoch waren die Cinque Terre stets ein armer Landstrich: Die Häfen waren zu klein, um sich intensiv dem Handel und Fischfang zu widmen, und das Bestellen der steilen Terrassenfelder zu mühsam, um mit der Landwirtschaft Gewinne zu erzielen. Die ständige Raumnot ist noch heute wahrnehmbar: Der Platz ist so knapp, dass die an Land gebrachten Fischerboote in den Gassen übereinander gestapelt werden und der Zug mit der Mehrzahl seiner Waggons im Tunnel halten muss.
Als Ende des letzten Jahrhunderts die bis dato nur mit dem Schiff oder auf Saumpfaden erreichbaren Dörfer an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurden, entvölkerte sich die Gegend zunehmend: Die Bauern suchten im Arsenal von La Spezia Arbeit, immer mehr Felder lagen brach. Erst als der italienische Staat den Weinbau subventionierte, um die einzigartige Kulturlandschaft zu erhalten, konnte das Interesse an der beschwerlichen Landwirtschaft wieder geweckt und dem Verfall Einhalt geboten werden, auch wenn dies nur mit größter, auch körperlicher Anstrengung gelingt: Jährlich muss rund ein Prozent der die Terrassen stützenden Trockenmauern erneuert werden, um ein Abrutschen der Felder zu verhindern.
Im Osten der Cinque Terre schließt sich der von den Römern gegründete Hafenort "Veneris Portus" an. Aufgrund der exponierten Lage eignete sich der Ort hervorragend dazu, den Seehandel im Golf von La Spezia zu kontrollieren. Dies erkannten auch die Genueser, die Portovenere im 12. Jahrhundert in ihren Besitz gebracht hatten: Die Stadt diente ihnen jahrhundertelang als östlicher Vorposten ihrer Macht.
Der Hafenkai wird von schmalen, bis zu siebenstöckigen Häusern mit bunten Fassaden gesäumt, dahinter ziehen sich die Häuser bis zu einer genuesischen Festungsanlage empor. Durch ein turmflankiertes Stadttor gelangt man auf die Via Capellini, die von stattlichen gotischen Häusern gesäumt wird und quer durch die Altstadt zur Kirche San Pietro führt, die auf den Grundmauern eines römischen Venustempels errichtet wurde. Der Kirchenraum ist annähernd quadratisch und verströmt eine weltentrückte Atmosphäre. Von der Terrasse der Kirche bietet sich ein fantastischer Blick hinüber zu den Inseln Palmaria, Tino und Tinetto, während die Brandung gegen den steil abfallenden Fels schlägt und kreischende Möwen nach Beute suchen.