25. Juli 2010, 08:00 Uhr
"Seien Sie nicht unter den Opfern!"
Wie entwickeln sich die Preise von Gold und Silber? Wie steht es um die Zukunft des Euro? Und wie schützt man sich am besten vor Inflation? All diese Leserfragen beantwortet Roland Leuschel, pensionierter Banker und Crash-Prophet.
Roland Leuschel gilt als notorischer Crash-Prophet. Der heute 73-Jährige begründete seinen Ruf, als er 1987 und 1989 die weltweiten Kursstürze an den Börsen vorhersagte. Leuschel arbeitete jahrzehntelang als Chefstratege für die belgische Banque Bruxelles Lambert. Er ging 1995 in Pension, beschäftigt sich aber immer noch intensiv mit den Börsen. Unter anderem schreibt er Kolumnen für BÖRSE ONLINE und ist Autor mehrerer Bücher.
Rover Grohmann: Mögen Sie die Bezeichnung Crash-Prophet?
Roland Leuschel: Natürlich nicht, aber ich muss damit leben. Schließlich habe ich 1987 den Aktiencrash vom damaligen Oktober vorausgesagt und damit fast alle meine Konkurrenten brüskiert. Seit dieser Zeit gab es jede Menge weiterer Crashs. Es gehört zum Finanzmarkt dazu, dass hin und wieder die Kurse übertrieben sind und eine Korrektur (gleich Crash) folgt. Manchmal geschieht es in wenigen Tagen, manchmal braucht es ein Jahrzehnt dazu.
Rover Grohmann: Welche Zukunft hat Geld als Tauschsubstitut?
Roland Leuschel: Hoffentlich hat es eine Zukunft. Ich befürchte aber nach wie vor, dass es zu einem finalen Finanzcrash, also einem Chaos, kommt, in dem alle Werte in Zweifel gezogen werden. So könnte Gold - beziehungsweise Goldmünzen - vorübergehend das letzte Stück Freiheit werden, das gegen Dienstleistungen und Güter getauscht werden kann. Ich habe eine solche Situation am Ende des letzten Weltkriegs mit meiner Familie erlebt.
Rover Grohmann: Wie substanziell sehen Sie Gold im Vorteil gegenüber anderen Edelmetallen, etwa Platin?
Roland Leuschel: In einer Krisensituation wird es einfacher sein, den genauen Wert einer Goldmünze zu kennen und zum Tausch zu verwenden. Das könnte eventuell auch für Silber gelten, schon weil es davon mehr gibt.
Thomas Hanke: Wie sollten Anleger ihr Vermögen aufstellen, wenn sie Deflation erwarten?
Roland Leuschel: Keine Schulden haben und jederzeit Vermögenswerte besitzen, die auch liquide sind, für die es also einen Markt gibt.
Thomas Hanke: Werden die deutschen Bauwerte Hochtief und Bilfinger Berger von den Sparpaketen der verschuldeten Länder Europas spürbar betroffen sein? Wenn ja, wer wird mittelfristig die Krise am besten meistern?
Roland Leuschel: Mit Sicherheit werden sie betroffen sein. Leider bin ich nicht in der Lage, die Situation der einzelnen Firmen zu beurteilen.
Wilhelm Brinkmeyer: Wie hoch wird der Goldpreis noch klettern? Lohnt sich ein Einstieg?
Roland Leuschel: Er kann noch sehr hoch steigen, wobei die nächsten Etappen 2000 und dann 5000 Dollar pro Feinunze sein werden. Da lohnt sich natürlich auch ein Einstieg auf heutigem Niveau, vor allem nach einer kräftigen Korrektur. Diese kommt immer, weil die Notenbanken durch die Verkäufe ihrer Goldbestände versuchen, den Anstieg zu mildern. Sie sehen zu Recht den Goldpreisanstieg als Antwort auf die inflationäre und verantwortungslose Geldpolitik. Sobald die europäischen Zentralbanken ihr letztes Gramm Gold verkauft haben, kann die Party beginnen.
Wilhelm Brinkmeyer: Welche sind die attraktivsten Währungen?
Roland Leuschel: Alle bekannten Währungen, die auch international gehandelt werden, sind angeschlagen und mit großen Problemen belastet. Es gibt nur eine stabile und sichere Währung, die in allen Zeiten und in jeder Situation ihren Wert behält, und das ist Gold. Davon abgesehen halte ich den chinesischen Renminbi und mit Einschränkungen den Schweizer Franken für attraktiv.
Wilhelm Brinkmeyer: Bei welcher Bank sollte man ein Fremdwährungskonto führen?
Roland Leuschel: Die meisten Großbanken sind heute verstaatlicht oder vom Staat gestützt. Bei größeren Vermögen ist es angebracht, Konten bei mehreren Banken in verschiedenen Ländern zu halten. Also auch hier das Risiko geografisch streuen!
Die Zukunft des Euro
Roland Pettmesser: Wo sehen Sie den Silberpreis in fünf Jahren?
Roland Leuschel: Er wird wie der Goldpreis steigen, wahrscheinlich sogar noch stärker. Ich wäre nicht überrascht, auch bei Silber Höhen zu sehen, die einerseits den Anleger schwindelig machen, andererseits die von mir in spätestens zwei bis drei Jahren erwartete Inflation widerspiegeln.
Werden in den nächsten drei Jahren noch mehr Länder der Europäischen Union zahlungsunfähig werden?
Roland Leuschel: Wahrscheinlich ja, wobei nicht nur Länder wie Spanien und Portugal betroffen sein könnten, sondern auch Italien.
Welche Short-Zertifikate empfehlen Sie momentan?
Roland Leuschel: Ich besitze Short-Zertifikate auf DAX, Euro Stoxx, S&P 500 und Dow Jones, da ich an eine stärkere Marktkorrektur glaube. Ich bitte Sie, sich vertrauensvoll an ein Finanzinstitut zu wenden, das in der Lage ist, Ihnen entsprechende Papiere zu empfehlen. Achten Sie darauf, dass diese Papiere liquide sind, also zu gegebener Zeit verkauft werden können.
Robert Jantze: Wer sind aktuell die Goldkäufer im Markt?
Roland Leuschel: Wahrscheinlich asiatische Notenbanken und vor allen Dingen das breite Publikum über die sogenannten Gold-ETFs. Es könnte aber auch sein, dass arabische Länder oder Russland heimlich an einer neuen Goldwährung basteln.
Joachim Pubanz: Wie ist es den USA gelungen, im Laufe ihrer Geschichte stets eine Währungsreform zu vermeiden, während Deutschland schon mehrere hinter sich hat?
Roland Leuschel: Sehr gute Frage. Ich bin kein Historiker, glaube aber an folgenden Hintergrund: Die USA besitzen eine gemeinsame Sprache und haben es verstanden, schon seit fast 100 Jahren eine Militärmacht zu sein, die von allen respektiert wird. Durch diese Konstellation ist der Dollar eine weltweit akzeptierte Reservewährung.
Joachim Pubanz: Welche währungspolitischen Konsequenzen entstehen daraus, dass der Staat seine Schulden nicht tilgt, sondern lediglich die Neuverschuldung bremst?
Roland Leuschel: Wo wird die Neuverschuldung begrenzt? Es kommt so, wie es in meinem Buch "Die Inflationsfalle" vorausgesagt wurde: Die Inflation wird es möglich machen, den Schuldenberg nominal abzubauen. Seien Sie dann nicht unter den Opfern, oder versuchen Sie es zumindest!
Chi Trung: Welche Zukunft hat der Euro?
Roland Leuschel: Der Euro hat erst eine kurze Geschichte und repräsentiert ein Europa, das keine gemeinsame Sprache spricht, keine Regierung hat und keine Militärmacht ist. Zudem ist die wirtschaftliche Macht Europas geschwächt. Die Entwicklung in den vergangenen zwei bis drei Jahren lässt mich befürchten, dass dieser Euro nicht allzu lang Bestand haben wird. Dann kommt jene Währungsreform, die ich in meinem Buch auf Juni 2014 datiert habe.
Manfred von Landenberg: Wird die Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten und auch der Länder der Europäischen Union zwangsläufig zu einer Inflation führen?
Roland Leuschel: Ja. Nach einer kurzen deflationären Phase von ein bis zwei Jahren könnte die Inflation an Fahrt gewinnen. Und sollten die Regierungen so weitermachen wie bisher, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es zu einer Hyperinflation kommt.
Wie stark der Dollar überbewertet ist
Kurt Ulmer: Sind Rohstoffe schon zu teuer?
Roland Leuschel: Langfristig mit Sicherheit nicht, wenn man den Rohstoffhunger allein der asiatischen Länder betrachtet. Die Zeit ist nicht so weit weg, in der China das Sagen in Afrika haben wird. Dann kann das Land die Preise kontrollieren.
Reinhold Manderscheid: In welchen Ländern sollte man die Goldbestände deponieren?
Roland Leuschel: Auch hier ist geografische Streuung wichtig. Ich würde die Schweiz, Österreich, Luxemburg und Deutschland empfehlen. Überall dort gibt es wunderschöne Städte, und einmal im Jahr kann man sich eine europäische Rundreise erlauben, um das Gold wieder aufzupolieren: Das ist modernes Portfoliomanagement.
Reinhold Manderscheid: Wie hoch schätzen Sie die Überbewertung des Dollar ein?
Roland Leuschel: Sehr hoch. Wir müssen in den kommenden Jahren mit einer Korrektur von zehn bis 20 Prozent gegenüber Euro, japanischem Yen, chinesischem Renminbi, Schweizer Franken und weiteren Währungen rechnen.
Reinhold Manderscheid: Was halten Sie von Charttechnik und Trendanalysen?
Roland Leuschel: Bereits zu Beginn der 60er-Jahre war ich begeistert und vollkommen überzeugt von ihrer Logik. Der Markt gibt mir über die Kursentwicklung Informationen, die ich selbst nie in der Lage wäre zu bekommen. Ich treffe keine Entscheidung ohne diesen Aspekt. Denn wenn Charts und Fundamentals in dieselbe Richtung deuten, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs auf über 50 Prozent. Das reicht, um mittel- und langfristig erfolgreich anzulegen.
Martin Herbster: Was halten Sie von Investments in Rohstoffwährungen, etwa norwegische Krone, australischen Dollar oder brasilianischen Real?
Roland Leuschel: Vielleicht als Beimischung, aber bei größeren Vermögen sollten nur Währungen mit hoher Liquidität als Anlage in Betracht gezogen werden.
Martin Drechsler: Werden uns Asien und die Vereinigten Staaten wirtschaftlich endgültig abhängen und wird Europa auf Jahrzehnte dahinsiechen?
Roland Leuschel: Asien wird uns mit großer Wahrscheinlichkeit abhängen, die Vereinigten Staaten vielleicht. Aber das bedeutet keineswegs, dass wir dahinsiechen. Ich bin Europäer und glaube, dass wir nicht nur in der Vergangenheit bewiesen haben, die schwierigsten Probleme zu lösen, sondern auch in der Zukunft in der Lage sein werden, pragmatische Antworten zu finden. Allerdings ist mit China und ganz Asien ein Konkurrent besonderer Qualität entstanden.
© Financial Times Deutschland
Dieser Artikel wurde uns von der Financial Times Deutschland zur Verfügung gestellt.
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