29. September 2006, 13:59 Uhr

Klasse Rasse

Der Weimaraner liegt im Trend. Die Züchter sind davon nicht begeistert. Und der Jagdhund wohl auch nicht.

Sein graues Fell schimmert schicker als eine Metalliclackierung beim Auto: Trendhund WeimaranerDen Ausflug nach Hamburg hat Reinhard Buß in unguter Erinnerung. Die Szene von der Binnenalster lässt ihn immer noch schaudern. Er sah, wie eine Frau ihren großen, stolzen, silbergrauen Weimaraner mit kurzer Leine und Strass-Halsband ausführte. "Eine Vergewaltigung", findet Buß. Er ist Hundezüchter im mecklenburgischen Lübz, und wenn er mit seinen eigenen Weimaranern einen Ausflug macht, geht er "auf Schwarzwild", wie man die Wildschweinjagd unter Fachleuten nennt.

Wenn es nach Buß geht, dürfte so eine Alsterflaneurin nie einen Weimaraner besitzen. Seit zehn Jahren züchtet er den edlen Hund, und erst zweimal hat er einen Welpen an Nicht-Jäger verkauft. "Und die hatten Pferde. Sie haben so gebettelt und geschworen, dass der Hund bei ihnen genug Auslauf hat", erzählt er unter dem Sonnenschirm in seinem Garten. Die acht Wochen alten Welpen zerren mit den Zähnen an der Tischdecke.

Rasse ist im Trend

Dass Menschen betteln, einen Weimaraner abzubekommen, ist zum Problem geworden: Die Rasse ist gerade im Trend. Ihr mausgraues Fell und ihre bernsteinfarbenen Augen treffen den Publikumsgeschmack - von der versnobten Hamburgerin über den Galeristen in Berlin-Mitte bis zum Investmentbanker in London-Hampstead. Die Nachfrage nach dem Popstar unter den Hunden ist kaum zu stillen. Und das, obwohl die bis zu 70 Zentimeter großen Tiere viel eher zur Jagd auf Wildschweine taugen als zum Spazierengehen an der Binnenalster.

Für den Weimaraner bedeutet es nichts Gutes, dass er jetzt in die Reihe der Modehunde gehört. Seine Leidensgenossen heißen Bobtail, West Highland Terrier, Dalmatiner, Golden Retriever oder Jack Russell Terrier - sie wurden zum Ausdruck eines Lebensstils, zum Accessoire wie eine neue Handtasche. "Wir sehen das gar nicht gern", sagt Christofer Habig, Präsident des Verbandes für das Deutsche Hundewesen. "Wenn eine Frau einen Rock kauft, der ihr nicht steht, ist das kein Problem - wenn sie den falschen Hund kauft, schon."

Deswegen sagten viele Züchter auch: "Ich tue alles, damit meine Rasse nicht populär wird." Auch wenn das aussichtslos ist.

Hund als Selbstinszenierung

Habig hat Soziologie studiert und ist Markenmanager einer Großbank, er weiß, wie mächtig Trends sind: "Der Hund ist in manchen Fällen schon fast ein Teil der Selbstinszenierung geworden, wie Schuhe oder Automarke. Wer auf Country Life steht, fährt Range Rover und meint, zu ihm passe am besten ein Labrador oder Golden Retriever."

Das Schlimmste, was einer Rasse passieren kann, ist ein Auftritt im Kino oder in der Werbung. So förderte der Film "101 Dalmatiner" den Absatz der Welpen ebenso wie die unzähligen Werbespots, in denen der Golden Retriever glückliche Familien abschleckte. Der Jack Russell Terrier ist mittlerweile so angesagt, dass die Deutsche Bank in ihrem Spot fast schon gezwungen war, den Kurzbeiner nach dem Banklogo springen zu lassen.

Als Entdecker des Weimaraner dürfen die Werber von Springer & Jacoby gelten, die Mitte der 90er Jahre einen Film für Mercedes-Benz drehten. Damals war der Hund allenfalls Jägern ein Begriff. In dem Spot verabschiedet sich der ältere, wohlhabende Mann von zwei Weimaranern, bevor er seine Villa verlässt, um von seinem Sohn in der E-Klasse abgeholt zu werden. "Diese Hunde wirken besonders elegant und edel. Deshalb passen sie perfekt in dieses Ambiente", sagt Agenturmann Tim Wolters. Von anderen Jagdhunden wollten die Werber damals nichts wissen: "Die wirken oft so bullig und struppig." Dass der Weimaraner in den folgenden Jahren zum In-Hund wurde, darauf ist Springer & Jacoby heute noch stolz: "Da waren wir mal wieder Avantgarde."

Hund als Modell

Fast zeitgleich verewigte der New Yorker Fotograf William Wegman die Weimaraner Man Ray und Fay Ray als Kunstobjekte. "Die Hundemodels der verdreht-genialen Inszenierungen behalten trotz allen Ulks und schwarzen Humors ihre Würde und Ruhe, wirken überlegen und unantastbar", schwelgt die Galerie ACC in Weimar, in der Wegmans Arbeiten auf ihrer Weltreise Station machten.

Welche Hunderassen gerade in oder out sind, lässt sich ziemlich genau an der Welpenstatistik des Hundeverbandes ablesen. Der Weimaraner war mit 657 jungen Hunden im vergangenen Jahr zwar immer noch recht exklusiv, aber seit den 441 Welpen im Jahr 1996 wurde jedes Jahr mehr geworfen. Jack Russell und Parson Russell Terrier legen seit Jahren in der Gunst zu und gehören nun fast zu den beliebtesten zehn Rassen. Prozentual noch eindrucksvoller ist der Aufschwung des Mopses, der sich von 191 auf 566 Neugeborene steigerte. Dessen Fans sind ein erlauchter Kreis: Vicco von Bülow setzte seinen ausgesucht hässlichen Freunden als Loriot in vielen Büchern ein Denkmal. "Wenn die Mopsleute sich treffen, ist der Adelsanteil immer noch sehr hoch", sagt Züchterpräsident Habig. Immerhin fühlt sich der weiche Pummel auf dem menschlichen Schoß auch wohl.

Auf den ersten beiden Plätzen der Hitliste liegen zwar immer noch der Deutsche Schäferhund und der Dackel, der Teckel genannt werden will. In den vergangenen zehn Jahren haben sie sich aber lange nicht mehr so stark vermehrt, was auch für andere langjährige Lieblinge der Deutschen wie Pudel, Cocker Spaniel und Boxer gilt. Steil nach unten ging es für die ehemaligen Moderassen Bobtail und West Highland Terrier. Der Golden Retriever dagegen kann sich auf dem fünften Platz halten, wurde aber mittlerweile von seinem Fast-Zwilling Labrador Retriever überholt, der gern in schwarz gekauft wird. Ganz düster sieht es für die gängigen Kampfhundrassen aus, für die es zeitweise sogar ein Züchtungsverbot gab.

Regiment im Haus übernommen

Als die Kampfhunde außerhalb von Berlin-Neukölln nicht mehr so angesagt waren, fand man sie häufig auf Autobahnraststätten oder in Tierheimen. Das ist bei den anderen Rassen eher die Ausnahme. "Soweit es Modezyklen gibt, sind sie länger als zwei Jahre", sagt Züchterpräsident Habig. "Wer seinen West Highland Terrier aus Sekundärgründen gekauft hat, gibt ihn ja nicht weg, sondern sucht dann eben beim nächsten Hund eine andere Rasse."

Manchmal spitzt sich die Situation zwischen Mensch und Hund dermaßen zu, dass man schneller handeln muss. Einmal verkaufte Weimaraner-Züchter Buß seinen Rüden Enzo an ein Ehepaar. Der Mann war meistens auf Dienstreise im Ausland. Da übernahm Enzo das Regiment im Haus. Nach kurzer Zeit knurrte er sein Frauchen so Furcht einflößend an, dass sie durchs Kellerfenster in ihr eigenes Haus kriechen musste. Im Garten nahm Enzo den Lattenzaun auseinander. Buß suchte einen neuen Herrn, der den Hund in den Griff bekam.

Buß ertastet, was seine Hunde brauchen. Unablässig tätschelt er seine älteste Hündin Arabell vom Wolfsstall, auch wenn das Handy klingelt. Ein Mann will den letzten noch nicht vergebenen Welpen kaufen. "700 Euro", sagt Buß. Feilschversuche wehrt er ab: "Nee, nee, wir sind hier ja nicht auf'm Viehmarkt." 600 bis 1000 Euro werden für einen Welpen gezahlt, in Frankfurt oder München liegen die Preise am oberen Rand. Bevor der Weimaraner en vogue war, war er noch für die Hälfte zu bekommen.

Nachfrage zu groß

Rigide Züchter wie Buß könnten die Nachfrage nach Weimaranern nie allein bedienen. Manche steigen einfach um, wenn die Moderasse wechselt. So weiß Buß von einem Züchter in der Nähe, der nicht mehr Deutsch Drahthaar verkauft, sondern nun Weimaraner. Der liefert immerhin gesunde Welpen mit Papieren.

Bei Schwarzzüchtern dagegen fehlt nicht nur der Stammbaum. "Die sind oft nicht mal entwurmt", sagt Buß. Außerdem setzten die Schwarzzüchter die Gesundheit ihrer Hunde aufs Spiel: "Die lassen eine Hündin schon mit neun Monaten zum ersten Mal werfen und nicht erst mit zwei Jahren. Wenn die aber andauernd wirft, ist sie mit zehn Jahren nur noch ein Gerippe."

Gegen den Trend ist Buß machtlos. Nur selten sind Schwarzzüchter so naiv und stümperhaft, wie ihm neulich einer unterkam: "Der hatte hier im lokalen Anzeigenblättchen schwarze Weimaraner angeboten", sagt Buß. "Dabei gibt es die gar nicht. Als ich den anrief und mich genauer erkundigte, legte er auf."

Gertraud Roscher, 1. Vorsitzende des Parson Russell Terrier Clubs, erzählt von Menschen, "die irgendwelche kleinen weißen Hunde mit schwarzen Flecken untereinander kreuzen und dann mit selbst gestrickten Papieren als Parson Terrier für 250 Euro verkaufen". Eigentlich kosten Rassehunde das Drei- bis Vierfache.

Aufwand ist enorm

Denn der Aufwand der Züchter ist enorm. Eingehende Untersuchungen beim Tierarzt, Röntgentermine, Wurmkuren oder Impfungen kosten viel Geld. Buß brachte seine Hündin Wibke von der Wapelburg dreimal zum Tierarzt, um festzustellen, welcher Tag für die Empfängnis am besten ist. Schließlich fuhren sie bis nach Mainz, um den richtigen Rüden für sie zu finden. Die Terrier-Fans um Gertraud Roscher nehmen von jedem Welpen eine Blutprobe für ihre DNA-Datenbank. Damit haben die Ahnentafeln, die bei keinem Rassehund fehlen dürfen, fast wissenschaftliches Niveau.

Und selbst mit der besten Veranlagung ist ein Weimaraner noch nicht einsatzbereit im Feld. "Schussfest" muss der Weimaraner sein, "also nicht beim ersten Schuss unters Auto kriechen". Außerdem muss er "gut an Sauen arbeiten". Buß schaut warnend. "Kleine Wildschweine packen, große verbellen und so scharf bedrängen, dass sie nicht wegkönnen. Ein Hund, der blindlings in die Sau reinspringt, wird nicht alt. Die Viecher sind verdammt gefährlich." Ein so geschulter Hund bringt auf dem Markt leicht bis zu 3000 Euro.

Buß' Hand packt die Kaffeetasse, als hielte sie seine Arabell an der Leine, und die Jagd ginge los. "Wer den Weimaraner so einsetzt, hat viel mehr für die Rasse getan, als wenn er mit ihm an der Alster spazieren geht." Aber Buß und sein Weimaraner haben den Kulturkampf eigentlich schon verloren. Das Training mit dem ledernen Beißarm ist nicht mehr erlaubt, seit Politiker gezwungen waren, gegen Kampfhunde vorzugehen. Buß bedauert, dass das "Rassemerkmal Mannschärfe" nicht mehr erwünscht ist. "Damit wurde eines seiner markantesten Merkmale rausgezüchtet."

Die Mode hat den Weimaraner gezähmt.

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