9. März 2010, 12:18 Uhr

Wie Rösler bei Medikamenten sparen will

Arzneimittel gelten in Deutschland als zu teuer. In der Debatte um Einsparungen im Gesundheitswesen wird daher auch über niedrigere Medikamentenpreise diskutiert. Die schwarze-gelbe Koalition unternimmt einen neuen Anlauf. FTD.de erklärt, wie die Preise zustande kommen.

Erst wollte Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) nicht so recht, doch nach der Welle von Zusatzbeiträgen reagierte er auf die Forderung aus der Union nach einem Kostendämpfungsprogramm. Vor allem die im internationalen Vergleich horrenden Preise für patentgeschützte Arzneimitteln will der Liberale senken.

Widerstand ist programmiert: Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen kündigt Gegenwehr gegen die Preisregulierung an. Durch den Einsatz innovativer Präparate ließe sich Geld sparen, rechnet der Verband vor. Durch ihren Einsatz in einem frühen Krankheitsstadium ließen sich allein bei fünf relevanten Volkskrankheiten rund 9 Mrd. Euro sparen. Klinikaufenthalte, Arbeitsunfähigkeitstage und Komplikationen entfielen. Durch eine Preisgrenze ließe sich das nicht erzielen.

Wie viel Geld geben die Kassen für Medikamente aus?

Die Ausgaben für Medikamente gehören zum größten Kostentreiber im Gesundheitswesen. 2009 gaben die gesetzlichen Krankenkassen mehr als 28 Mrd. Euro für Arzneimittel aus. Ein Fünftel ihrer gesamten Aufwendungen entfällt auf den Medikamentensektor.

Jahr für Jahr steigen die Ausgaben um etwa fünf Prozent. Die CSU hatte zuletzt von Rösler gefordert, diese Zuwächse zunächst zu beschneiden, bevor die Koalition eine umfassende Finanzreform der gesetzlichen Krankenkassen auf den Weg bringen.

Wer bestimmt die Preise patentgeschützter Arzneimittel?

Bei neuartigen Medikamenten hat die Pharmaindustrie in Deutschland freie Hand. Die Hersteller legen den Preis fest, den die Krankenkassen bezahlen müssen. Das hat zur Folge, dass in Deutschland die Preise für patentgeschützte Medikamente um ein Vielfaches höher ist als in anderen europäischen Ländern. Fast 9,9 Mrd. Euro gaben die Kassen im Jahr 2009 laut einer Statistik des Marktforschungsinstitutes IMS Health für solche Präparate aus.

Für die Pharmafirmen ist Deutschland ein lukrativer Markt zumal der Patentschutz 15 Jahre lang gilt. Der Verband der forschenden Pharmaindustrie begründet die Preisgestaltung mit dem enormen Forschungsaufwand, der für ein neues Medikament betrieben werden müsse. Kritiker weisen dagegen daraufhin, dass die Unternehmen vielfach Scheininnovationen auf den Markt brächten, die keinen therapeutischen Zusatznutzen hätten, aber viel teurer als vorhandene Arzneimittel verkauft würden. Der Pharmakologe Ulrich Schwabe beziffert das Einsparpotenzial bei den sogenannten Analogpräparaten auf 1,7 Mrd. Euro.

Wo gibt es bereits eine Preisregulierung?

Für die sogenannten Generika - also Nachahmerpräparate - gelten Erstattungshöchstgrenzen. Preise bis zu dieser Grenze erstattet die Kasse. Ist ein Arzneimittel teurer, muss der Patient den Differenzbetrag zahlen. De facto wirkt diese Regelung als Preisbremse, da teure Medikamente kaum nachgefragt werden.

Zudem können die Kassen mit den Generika-Herstellern Rabatte und Preisnachlässe aushandeln. Apotheker müssen dann die Mittel eines bestimmten Unternehmens an die Versicherten abgeben, es sei denn, der Arzt vermerkt es auf dem Rezept anders. Mittlerweile ist der größte Teil des Generika-Marktes rabattgeregelt.

Daneben müssen Apotheken den Kassen einen Zwangsrabatt einräumen. Er beträgt seit April 2007 2,30 Euro pro Packung. Durch die Apothekenrabatte und die Verträge mit den Herstellern ergab sich im vergangenen Jahr ein Einsparvolumen von rund 2,3 Mrd. Euro.

Was hat Rösler nun vor?

Nach einem Thesenpapier aus Röslers Haus sollen Krankenkassen und Pharmahersteller künftig verstärkt über die Preise für Medikamente verhandeln. So soll das faktische Preismonopol für die Hersteller, die heute die Preise für innovative Medikamente in Deutschland frei festsetzen können, eingeschränkt werden. Einigen sich Kassen und Hersteller binnen eines Jahres nicht auf einen Preis, soll der zusätzliche Nutzen des neuen Medikaments von unabhängigen Experten untersucht und anschließend ein sogenannter Höchstpreis festgelegt werden. Rösler verspricht sich davon Einsparungen in Milliardenhöhe.

Auch im großen Markt der sogenannten Nichtsolisten, in dem es für jeden Wirkstoff mehrere alternative Medikamente gibt, sollen die Preise künftig mehr und mehr über Verhandlungen zwischen Kassen und Herstellern gefunden werden. Im Gegenzug will Rösler andere Instrumente zur Preisfindung komplett abschaffen oder einschränken.

Warum gehen der Union die Pläne nicht weit genug?

CDU und CSU sehen im Konzept des Gesundheitsministers keine unmittelbar wirksamen Einsparungen. Statt langfristiger Einsparversprechen müsse Rösler dringend Vorschläge machen, die kurzfristig den Anstieg der Arzneimittelausgaben bremsten, kritisierte Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU). Rösler setzt hier nur ganz unverbindlich auf existierende Instrumente zur Preisregulierung wie Zwangsrabatte und Preismoratorien. Diese "bleiben in der Diskussion", heißt es in dem Papier des Gesundheitsressorts.

Das ist der Union zu dürftig. Allein im kommenden Jahr stünden die Kassen nach jetzigem Stand vor einem Defizit von schätzungsweise 11 Mrd. Euro, sagte Singhammer. "Alle Vorschläge müssen so angelegt sein, dass sie schon 2011 wirken."

Dieser Artikel wurde uns von der Financial Times Deutschland zur Verfügung gestellt.
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