27. Dezember 2010, 11:00 Uhr
Wie ein Bayer das erste iPad ergatterte
Das iPad ist das Gerät des Jahres. Richard Gutjahr aus München übernachtete vor dem Apple Store in New York - und war der Allererste, der eins kaufte. Für ein paar Minuten war er weltberühmt.
An seinem 37. Geburtstag beschloss Richard Gutjahr, sich dieses Jahr mal selbst etwas zu gönnen. Er reservierte sich im Internet ein iPad, das bald auf den Markt kommen sollte. Ohne Anzahlung, "auf blöd", wie er sagt.
Das iPad, das war klar, würde die Welt bewegen. Im Januar hatte Apple-Chef Steve Jobs das neue Wundergerät auf einer Konferenz erstmals vorgezeigt, weltweit wurde live darüber berichtet. Warum also nicht?
Richard Gutjahr liebt technische Geräte. Er lebt in München, moderiert für den Bayerischen Rundfunk die Nachtnachrichten, schreibt in der "Abendzeitung" die Kolumne "Digitales Leben" und führt einen Blog über Technikthemen. Er konnte sich vorstellen, welche Geschichten später über das iPad erzählt würden. Dass er selbst ein wichtiger Teil dieser Geschichten sein würde, ahnte er nicht.
Jedes Mal, wenn Apple ein neues Gerät auf den Markt bringt, versammeln sich vor dem Flagship-Store an der Fifth Avenue in New York die Jünger, einige übernachten sogar auf dem Bürgersteig. Als Gutjahrs Frau just an jenem Wochenende beruflich in die USA musste, flog er einfach mit. "Ich wollte einmal die Stimmung dort erleben", erzählt er. "Es ist schließlich die Mutter aller Schlangen."
In New York ging er in einen Campingladen, kaufte Isomatte, Schlafsack und einen Stuhl und machte sich auf. Am 2. April um elf Uhr reihte er sich ein, 22 Stunden vor dem Verkaufsstart. Da war es bereits voll, hinter ihm wartete ein Student, vor ihm drei Frauen, Mutter, Tochter und Großmutter, einige waren schon zwei Tage da. Ganz vorn stand Brad Packer, ein Profiansteher, der immer überall als Erster ansteht.
An der Straße parkten die Übertragungswagen der Fernsehsender. "Klar ist das eine Inszenierung, purer Kommerz, von Apple geschaffen", sagt Gutjahr. "Aber darum geht es nicht. Es ist ein Event, wie Woodstock."
Am Abend dann die Überraschung. Es werde zwei Reihen geben, sagt ein Apple-Mitarbeiter, Gutjahr werde ganz vorn stehen, weil er eine Onlinereservierung habe. "Da ist mir die Kinnlade runtergefallen", sagt er. In der Nacht schläft er nur eine Stunde.
Blitzlicht, Jubel, ein Triumphmarsch
Dann kommt der Morgen. Die Aufregung in der Schlange steigt. Gutjahr hat alles in seinem Blog dokumentiert, über Facebook und Twitter konnte man ihm live Fragen stellen, sein Video läuft auf Youtube. "Is it exciting?", fragt er darin den Studenten hinter sich. "Beyond exciting", antwortet der. "I'm still daydreaming."
Und dann geht es los. Ein Spalier aus applaudierenden Apple-Mitarbeitern, Blitzlichter, Jubel, ein Triumphmarsch. Richard Gutjahr aus München kauft als erster Mensch ein iPad.
Für diesen einen Moment wird er zum Helden der globalen Berichterstattung. CNN will ein Interview, das japanische Fernsehen, die US-Nachrichtensendung "Good Morning America". "Man sagt, jeder Mensch hat 15 Minuten Ruhm im Leben", sagt Gutjahr. "Das waren meine 15 Minuten."
Das iPad schlägt ein wie eine Bombe. In 30 Tagen verkauft Apple eine Million Stück. Seit Ende Mai kann man es in Deutschland kaufen. Insgesamt werden zehn Millionen Geräte verkauft. Buchverlage erleben in der Folge einen Run auf digitale Bücher, die Medienindustrie wittert neue Geschäftsmodelle. "Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet", jubelte Springer-Chef Mathias Döpfner im Frühjahr.
Das Leben von Richard Gutjahr hat das iPad nicht verändert. Er nutzt es vor allem zu Hause, auf dem Sofa. "Es hat seinen festen Platz, aber es ist kein Killerdevice", sagt er.
Doch sein Moment 2010, am Morgen des 3. April, der hat ihn in der Webgemeinde berühmt gemacht. "Je älter ich werde, desto öfter werde ich wohl davon erzählen", sagt er. Als er neulich als Journalist einen IT-Manager traf, begrüßte der ihn: "Ach, Sie sind es, der iPad-Mann."
© Financial Times Deutschland
Dieser Artikel wurde uns von der Financial Times Deutschland zur Verfügung gestellt.
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