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Weizen nach Kastilien tragen

Redewendungen international

“Me importa un rabano“ - das bedeutet mir soviel wie ein Radieschen. So reden die Spanier über Dinge, die ihnen auf Deutsch gesagt “Wurst sind“. In unserem Special geht es nicht um Radieschen oder Würste, sondern um die faszinierende Vielfalt der Völker und Traditionen Europas, die sich in ihren Redewendungen zeigt. In England trägt man keine Eulen nach Athen, sondern Kohlen nach Newcastle, in Italien Gefäße nach Samos, in Spanien... Lassen Sie sich überraschen! Machen Sie mit uns eine Kurzreise durch die europäischen Länder, ihre Redensarten, Flüche und Beschimpfungen!

Kohlen nach Newcastle tragen - Andere Länder, andere Redensarten

“Tienes dos ojos como dos soles!“ - Du hast zwei Augen wie zwei Sonnen. Wer einer spanischen Señora diesen Satz zuwirft, benutzt eines der berühmt-berüchtigten “Piropos“, der landestypischen Komplimente. Ein Ausländer, der den Damen so gekonnt schöne Augen macht, niesenden Menschen “Jesús!“ statt “Gesundheit!“ wünscht und ab und zu “Hostia!“ (Hostie!) flucht, kommt den Einheimischen sicher im wahrsten Sinn des Wortes schon sehr spanisch vor. Wer außerdem zum passenden Zeitpunkt die richtige Redensart parat hat, ist in der Landeskultur ganz in seinem Element, besser gesagt “en su propia salsa“, in seiner eigenen Soße.

Man sieht: Bildhafte Ausdrücke sind das Kürprogramm für Sprachschüler! Sie verraten viel über die Weisheiten eines Volkes. Was beispielsweise jeder Spanienkenner weiß: katholisch sollte man sein. “Momentan nicht sehr katholisch“, ist dort jemand, der sich schlecht fühlt (no está muy católico).

Andererseits finden sich in stehenden Wendungen auch festzementierte Vorurteile. So sagen unsere französischen Nachbarn statt “einen Streit vom Zaun brechen“ chercher une querelle dAllemand (deutschen Streit suchen). Mehr dazu im Kapitel “Krauts und Knoblauchfresser“.

Wie viel man aus Redewendungen über Landeskunde und Kultur der Länder Europas erfährt, zeigt die sprichwörtliche Redensart “Eulen nach Athen tragen“. In Athen war die Eule das Sinnbild der Klugheit und kam zudem sehr häufig vor, daher die hierzulande beliebte Wendung. In Griechenland trägt man, ebenfalls überflüssigerweise, “Fische zum Hellespont“, in Spanien “Weizen nach Kastilien“ oder “Eisen nach Vizcaya“ (llevar hierro a Vizcay/ trigo a Castilla), in England “Kohlen nach Newcastle“ (to carry coals to Newcastle), zum Ausfuhrhafen des nordenglischen Kohlengebiets. Die Russen tragen “Schnee nach Lappland“, die Italiener “Gefäße nach Samos“ (portare vasi a Samo). Die Eulen-Wendung ist ein so genanntes Wanderidiom, d.h. sie ist in vielen Sprachen anzutreffen. Die Struktur ist immer die gleiche, nur das Bild unterschiedlich. Übrigens sind Varianten der Eulen-Wendung auch außerhalb Europas verbreitet: die Japaner etwa “halten Buddha eine Predigt“.

Che cazzo! - Schimpfen und Fluchen

Traditionellerweise beziehen sich Flüche auf den religiösen Bereich. Heutzutage erinnert ein “Kruzifixhalleluja“ und “Herrgottsakrament“ in nicht-bayrischen Landen aber allenfalls an die himmlischen Gesänge des “Münchners im Himmel“. Im deutschen Sprachraum sind inzwischen profanere Kraftwörter an ihre Stelle getreten. Die unbestrittene Nummer Eins hierzulande ist “Scheiße!“ Auch in anderen Ländern flucht man auf weltliche Art: Die Franzosen schreien “Putain!“ (Hure) und “Merde!“ (Scheiße!), die Italiener “Cazzo!“ (Schwanz!). In England und Spanien dagegen sind kirchliche Begriffe noch gang und gäbe: “Bloody hell!“ (Blutige Hölle!) ruft der wütende Brite, “Hostia!“ (Hostie!) der aufgebrachte Spanier. Nicht zu vergessen der Antichrist, “zum Teufel!“. Derartig teuflische Flüche, bei uns nicht mehr oft zu hören, sind vor allem in Nordeuropa noch in. Den Vogel schießen dabei die Finnen ab, indem sie rufen “Saatanan perkeleen vittu!“ (Satans teuflische Möse!)

Blasphemische Ausrufe wie “(Gott)verdammt!“, englisch “Goddamned“, gibt es nach wie vor, allerdings werden sie nicht mehr so häufig gebraucht wie früher. Die Engländer wurden von den Franzosen ein halbes Jahrtausend lang “goddams“ genannt; in den 60ern wurden sie in “fuckoffs“ umgetauft. Ein weiteres Zeichen für die Verweltlichung - Exkremente und Sex statt Gott und Kirche? Diese These scheinen die Flüche von heute zu bestätigen. Im erzkatholischen Spanien hört man die lästerliche Hostia!-Variante “Me cago en la hostia!“ (Ich scheiß auf die Hostie!) oder den höchst weltlichen Fluch“ Joder!“ (Fuck!). Wer in Italien mit den stärksten Kalibern schießen will, ruft am besten Madonna “puttana!“ (Hurenmadonna!) oder, noch gewaltiger, “Porco Dio!“ (Schweinegott!).

“Fuck“ ist nicht nur als Fluch in aller Munde. Mit dem Begriff “Ficken“ werden in ganz Europa gerne die unfreundlichsten Aufforderungen verbunden. Nur in Deutschland hört man ein aufmunterndes “Fick dich ins Knie!“ “Fick dich selbst!“ hat dagegen mehrere Entsprechungen, etwa in Italien “Vaffanculo!“ oder in Frankreich “Va te faire enculer!“. Eine besonders originelle Variante haben auch in diesem Fall die Finnen geprägt: “Veda vittu päähäs!“ - wörtlich übersetzt: “Zieh dir eine Möse über den Kopf!“.

“Fotze“ und “Fut“, vulgäre Ausdrücke für die Vagina, werden im Deutschen gerne zur rüden Beschimpfung weiblicher Personen herangezogen. Bei der Verwendung entsprechender Ausdrücke im nächsten Auslandsurlaub sollte man sehr vorsichtig vorgehen: sie werden in Europa höchst unterschiedlich eingesetzt. In England ist “cunt“ eines der schlimmsten Schimpfwörter. In Frankreich regt sich niemand ernsthaft auf, wenn er zum “roi des cons“, zum “Mösenkönig“, gekrönt wird. Diese Beschimpfung hat allenfalls den Schweregrad von “Vollidiot“.

“Coño“, die spanische Übersetzung für “Möse“, wird dagegen nicht für Personen verwendet, sondern als Ausdruck des Erstaunens oder der Überraschung, vergleichbar mit dem französischen “Putain!“ (eigentlich: Hure) und dem harmlosen deutschen “Donnerwetter!“ Besonders starker Überraschung kann man durch “el coño de tu hermana!“ (die Möse deiner Schwester) Ausdruck verleihen, etwa im Sinne von “Mach keine Witze!“ Eine völlig andere Bedeutung hat die Ortsangabe “en el quinto coño“ (wörtlich: in der fünften Möse). Hier ist man nämlich, auf gut Deutsch, “am Arsch der Welt“.

Von direkten Übersetzungen aus der Muttersprache sollte man also meilenweit Abstand nehmen. In Italien etwa ist “figa“, (Feige) sogar als Kompliment - wenn auch unflätiger Art - zu verstehen. Hört man von einem Italiener “Che figa!“, muss man nicht zuschlagen, sondern darf sich sogar freuen es bedeutet nämlich alles andere als die direkte Übertragung (Was für eine Fotze!), sondern ganz im Gegenteil soviel wie “Was für ein Glück!“ oder “Was für ein toller Kerl!“

Um den heißen Brei geredet - Sex und Tod

So gerne wir einerseits übertreiben, nicht nur mit dem Zaunpfahl sondern gleich mit dem ganzen Gartenzaun winken, so gerne verhüllen wir bestimmte Themen, die uns peinlich oder in unserer Kultur tabu sind. Dazu gehören nicht unbedingt Gott und die Welt als vielmehr Tod und Teufel.

Um das Sterben zu umschreiben, gibt es in allen Sprachen eine beeindruckende Liste von Möglichkeiten. Eher ironisch sagt man im Deutschen wie im Englischen “den Geist aufgeben“ (to give up the ghost) und “in die Grube fahren“ (to go down the pit); eindeutig albern ist “in die ewigen Jagdgründe eingehen“ (englisch: to go to the happy hunting-grounds) und “die Radieschen von unten anschauen“. Engländer drücken bei dieser Gelegenheit die Gänseblümchen hoch (to be pushing up the daisies), die Spanier züchten Malven (estar criando malvas), die Franzosen essen den Löwenzahn von der Wurzel aufwärts (manger les pissenlits par la racine).

Etwas stärkerer Tobak ist “ins Gras beißen“ (englisch: to bite the dust in den Staub beißen), “den Löffel abgeben“ (to kick the bucket den Eimer treten) bis hin zu “vor die Hunde gehen“ und weitaus drastischeren Ausdrücken. Ebenfalls respektlos ausgedrückt ist das spanische “irse al otro barrio“ (ins andere Viertel gehen), etwa gleichzusetzen mit “abkratzen“.

Gehobeneren Stils kann man hierzulande “das Zeitliche segnen“ oder “dahinscheiden“. In Spanien gebraucht man dafür häufig die Wendungen “pasar a mejor vida“ (in ein besseres Leben eingehen), “expirar/entregar el alma“ (den Geist aufgeben), “dar el último suspiro“ (den letzten Seufzer tun), “dormirse/ quedarse dormido“ (entschlafen), “dejar este mundo“ (diese Welt verlassen) und “cerrar los ojos“ (die Augen schließen). Einige der zahlreichen französischen Umschreibungen sind “entrer dans le sein d Abraham“ (in Abrahams Schoß eingehen) und “dire adieu au monde“ (der Welt Lebewohl sagen).

Auch ums Tabuthema Sex drücken wir uns gerne auf blumige Art herum. Wir “gehen“ ganz dezent “miteinander ins Bett“ (englisch: to go/ to jump into bed with sb.), um “miteinander zu schlafen“ (to sleep with sb.) oder “Liebe zu machen“ (to make love). Wie die englischen Beispiele zeigen, umschreiben andere Europäer die Sache ähnlich. Eine Stufe derber sind die Wendungen “eine Nummer schieben“ und “jemanden aufs Kreuz legen“. Dafür gibt es unterschiedliche Entsprechungen, etwa englisch “to lay sb.“ und “to have it off/ away“, spanisch “echar un polvo con alguien“ oder französisch “tirer un coup“.

Besondere Peinlichkeit scheint die Menstruation zu verbreiten. In Deutschland wird sie als “rote Tante“, auch “Tante Rosa“, schamhaft verhüllt. In Frankreich werden statt Tante Rosa die Engländer angekündigt: “les anglais sont débarqués“ (die Engländer sind gelandet). Oder man ist schlichtweg “indisposée“ spanisch “mala“ “unwohl“, wie Oma so schön sagt.

Krauts und Knoblauchfresser - Ethnostereotype

Die Europäer werden nicht müde, in Redensarten und Schimpfwörtern Sitten und Gebräuche festzuhalten, die man den jeweils anderen Ländern und deren Bewohnern zuschreibt. So spiegeln bildhafte Ausdrücke oft gegenseitige Vorurteile wider. Über europäische Esskultur erfahren wir beispielsweise: Wir Deutschen sind in Großbritannien “krauts“ (von Sauerkraut), in Dänemark und Polen “Kartoffeltyske“ bzw. “kartoflarz“ (Kartoffelfresser). Für uns wiederum sind die Franzosen “Frosch-“ , die Italiener “Spaghetti-“ bzw. “Macaroni-“ und alle Süd- und Südosteuropäer “Knoblauchfresser“. Nicht zu vergessen die “Kümmeltürken“. In Süditalien gelten bereits Norditaliener als “polentoni“ (Polentafresser). In Frankreich sind alle Engländer “bifteks“, Spanier “espingouins“. Die eigene Sprache ist natürlich in allen Ländern der Inbegriff des Klaren, Ehrlichen, Deutlichen. “Deutsch reden“, “parler francais“, “to speak plain english“,... hat im jeweiligen Land die Bedeutung von “geradeheraus und offen reden“.

“Montar a la inglesa“ bedeutet in Italien im Damensitz galoppieren, ein “casamento á inglesa“ ist in Portugal keine englische Hochzeit, sondern ein Partnertausch. Ein “bonbon anglais“ ist ein kleiner Pickel, ein “capote anglais“ (englischer Regenmantel) in Paris wie im übrigen Frankreich ein Kondom, auch Pariser genannt. Dass die Franzosen weithin als Experten in Sachen Liebe gelten, zeigt auch der Ausdruck “French kiss“ für Zungenkuss, der in England ebenso wie in Spanien (“beso francés“) gebraucht wird.

Die meisten Aussagen über andere Nationalitäten fallen negativ aus. Wer sich in Spanien ebenso wie in Deutschland “auf Französisch verabschiedet“, geht heimlich oder ohne Abschied (spanisch: despedirse a la francesa), in England dagegen ohne Erlaubnis (to take a french leave). In Italien und Frankreich macht man sich dagegen “auf englische Art aus dem Staub“ (italienisch: filare all inglese; französisch: filer à l anglaise), in England wiederum kennt man auch einen “Dutch leave“ (holländischen Abschied). Eine triste Sache ist für Franzosen das Trinken in der Schweiz (boire en suisse), dort trinkt man nämlich der Redensart zufolge alleine.

Über die Chinesen zumindest ist man sich in Europa einig: man kann sie nicht verstehen. “Cest du chinois“ (das ist chinesisch, d.h. unverständlich) sagen die Franzosen, “Fachchinesisch“ sprechen die Deutschen. Wer als Ausländer zwar Französisch spricht, sich aber nicht sehr gewandt ausdrückt, “parle comme une vache espagnole“, redet wie eine spanische Kuh. Und jetzt Schluss mit den innereuropäischen Wortgefechten!

Esther Quicker

Buch-Tipps

Online bestellen:

Werner Beinhauser: Tausend spanische Redensarten.

Georg Büchmann: Geflügelte Worte.

Stephen Burger: Bloody hell, verdammt nochmal! Eine europäische Schimpfkunde.

Heinz Griesbach/ Dora Schulz: 1000 deutsche Redensarten

Kurt Krüger-Lorenzen: Deutsche Redensarten und was dahintersteckt. Das Standardwerk.

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