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Wenn die Verzweiflung am größten ist

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Martin Walser 2002
Martin Walser 2002
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«Ich kann den Hass, der mir derzeit entgegenschlägt, absolut nicht nachvollziehen», sagte Walser bei der Entgegennahme des alemannischen Literaturpreises 2002 am 2.6.2002
«Ich kann den Hass, der mir derzeit entgegenschlägt, absolut nicht nachvollziehen», sagte Walser bei der Entgegennahme des alemannischen Literaturpreises 2002 am 2.6.2002
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Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki am 17.4.1996 während des Literaturforums der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Walser stellte seinen jüngsten Roman "Finks Krieg" vor.
Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki am 17.4.1996 während des Literaturforums der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Walser stellte seinen jüngsten Roman "Finks Krieg" vor.
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Martin Walser, 2001
Martin Walser, 2001
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Neben Günter Grass ist er wohl der einzige lebende deutsche Schriftsteller von Weltformat - Martin Walser. Seine Romane sind stets ein Kraftakt der Empfindungen und Empfindsamkeiten - unablässig leiden seine Helden, mal an der Welt, doch vor allem an sich selbst. Seine neue Veröffentlichung Tod eines Kritikers steht ganz in dieser Tradition - eine Analyse.

In der Schusslinie

Martin Walser 2002

Martin Walser 2002

Mit der Veröffentlichung seines neuen Romans Tod eines Kritikers wird Martin Walser auf sicher unfreiwillige Weise zum Komplizen seines Protagonisten Hans Lach. Dieser muss eine ganz ähnliche Schmach für seinen Roman Mädchen ohne Zehennägel einstecken. In einem einsamen Moment bringt Hans Lach seine öffentliche Niederlage auf folgenden Nenner: “Er kann sich nicht wegwenden von sich, solange er so schwach ist. Der Verlierer ist unersättlich mit sich selbst beschäftigt. Der Sieger wendet sich neuen Aufgaben zu.“

Willkommen in der Welt des Martin Walser! Es sind die unablässigen und unzähligen Geschichten der kleinen Leute in ihren großen Niederlagen, die die Romankunst des Martin Walser zur Weltliteratur gemacht haben - traurige Geschichten eines einsamen Kampfes freilich, doch selten eines ganz ausweglosen. Und Kampf ist es immer. Warum? Mani Mani, eine Nebenfigur in Tod eines Kritikers gibt die Antwort:

“Unsere Gesellschaft ist so verfaßt, daß Feindschaft und Gegnerschaft besser gedeihen als Freundschaft und Liebe. Unsere Kultur will es so, daß einem ein Feind mehr schaden, als einem ein Freund nützen kann. Vor allem anderen sind wir eine Gesellschaft von Verfolgten und Verfolgern. Und jeder ist beides, Verfolgter und Verfolger. Jeder hat eine deutlichere Erfahrung vom Verfolgtsein als davon, selber Verfolger zu sein.“

Vom Wunsch, Verbrecher zu sein

«Ich kann den Hass, der mir derzeit entgegenschlägt, absolut nicht nachvollziehen», sagte Walser bei der Entgegennahme des alemannischen Literaturpreises 2002 am 2.6.2002

«Ich kann den Hass, der mir derzeit entgegenschlägt, absolut nicht nachvollziehen», sagte Walser bei der Entgegennahme des alemannischen Literaturpreises 2002 am 2.6.2002

Auf keine Walser-Figur trifft diese doppelte Fixierung wohl so gut zu wie auf den inhaftierten Autor Hans Lach: Weil der sich ständig vom Starkritiker André Ehrl-König verfolgt fühlt, wird der selbst zum Verfolger. Zumindest in seiner Gedankenwelt - umgebracht, das soll sich noch herausstellen, wird hier niemand.

Um seinem übermächtigen Gegner, der seine Bücher nach Belieben in der Fernsehtalkshow SPRECHSTUNDE verreißt, nicht vollkommen ausgeliefert zu sein, muss Lach sich wehren: “Er hat sich lange genug beherrscht. Immer hat er statt andere sich selber verletzt“, heißt es in Tod eines Kritikers. Dazu schlüpft er gedanklich in die agierende Position, lässt die Opferrolle hinter sich - und wird selbst zum Täter. Er schreibt den viel diskutierten Roman Der Wunsch, Verbrecher zu sein - und beschreibt darin seine Sehnsucht nach dem Ausbruch aus den zugeteilten Rollen, nach Kontrollverlust:

“Als er sich hineinfühlte in seine Verbrecherhaftigkeit, fühlte er sich wohl. Solange er es nicht gewagt hatte, Verbrecher zu sein, hatte er sich Vorwürfe gemacht, hatte sich überspannt gefühlt, gespalten. Seit er sich annahm als Verbrecher, war er einig mit sich selber. Vielleicht könnte er jetzt sogar wieder etwas genießen. Vorher war ihm immer alles durch Vorwürfe, die er glaubte, sich machen zu müssen, verdorben worden. Als anständiger Mensch durfte er ja an allem, was er tat, keinen Gefallen finden. Alles, was er tat, war vorwerfbar, schlecht. Als Verbrecher mußte er sich keine Vorwürfe machen.“

Doch allein dieses Gedankenspiel, aus dem Schema des Verfolgten auszubrechen und den Spieß einmal umzudrehen, wird Lach zum Verhängnis. Erneut ein Opfer der oberflächlichen Rezeption, liest die Kriminalpolizei in Der Wunsch, Verbrecher zu sein autobiographische Spuren und wertet das Buch als Vorankündigung auf den mutmaßlichen Mord.

Fatale Gedankenspiele

Diese Replik ist geradezu genial, ist sie doch eine Spiegelung der gesamten Problematik: Falsch gelesen, falsch interpretiert zu werden, kann nicht nur individuell beschädigen - siehe Ehrl-König -, sondern gar an den Rand des gesellschaftlichen Lebens, nämlich ins Gefängnis bringen, was wiederum eine Metapher auf die Wirkung der Ehrl-Königschen Verurteilungen ist.

In Anbetracht der öffentlichen Diskussion zu Tod eines Kritiker ist sie doch noch mehr - nämlich eine brilliante Parabel auf den literarischen Rufmord, der Walser dann selbst widerfuhr. Genauso dilettantisch wie Lach vom Oberinspektor Wedekind wird ja Walser von Frank Schirrmacher in der FAZ für seine “Mordphantasie“ verurteilt - die Lieblingsbeschäftigung der Literaturwissenschaft, die Autorenbiographie zwanghaft ins Werk hindeuten zu wollen, lässt grüßen.

Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki am 17.4.1996 während des Literaturforums der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Walser stellte seinen jüngsten Roman "Finks Krieg" vor.

Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki am 17.4.1996 während des Literaturforums der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Walser stellte seinen jüngsten Roman "Finks Krieg" vor.

Hans Lach - bzw., ganz wie man will: Martin Walser -, mag dieses jedoch wenig helfen: Der Autor ist in der Not stets allein - so allein, wie alle bisherigen Walser-Protagonisten. Klar wird: Hans Lach könnte auch Stefan Fink (Finks Krieg 1996) oder Sylvio Kern (Ohne einander 1993) heißen - die Namen und Berufe der Protagonisten sind austauschbar, gemein ist ihnen jedoch ihre scheinbar unbegrenzte und unbegrenzbare Leidensfähigkeit. Es ist das ewige Walser-Thema der Mangelerfahrung, des individuellen Scheiterns, das auch Hans Lach beschäftigt:

“Immer öfter merke ich, daß Menschen, mit denen ich spreche, während wir mit einander sprechen, größer werden. Ich könnte auch sagen: Ich werde, während wir sprechen, kleiner. Das ist eine peinliche Erfahrung. Und am peinlichsten, wenn das öffentlich vor sich geht. In einem Restaurant. Oder - am allerschlimmsten - im Fernsehstudio. Katastrophal ... Aber - und das ist die neueste Erfahrung überhaupt - auch wenn andere Leute in einer gewissen Art über mich sprechen, werde ich kleiner. Und das, ohne daß ich mit diesen Leuten zusammen bin oder auch nur weiß, daß die gerade über mich sprechen. Ich sitze zu Hause an meinem Arbeitstisch, und wenn ich aufstehen will, reichen meine Füße nicht mehr auf den Teppich hinab, auf dem mein Schreibtischstuhl steht. Das ist nicht so schlimm, weil ich auf meinem Keshan, wenn ich vom Stuhl hinunterspringe, weich lande.“

Nebeneinader, ohne einander

Überhaupt sind die Anklänge an den 1993 erschienenen Roman Ohne einander nicht zu übersehen. Ohne einander ist wie Tod eines Kritikers eine Abrechnung mit der Medienlandschaft: “Keine Macht ist so illegitim wie die der Medien“, ist darin zu lesen. Doch eben weitaus weniger boshaft und mehr verschachtelt: Der Roman ist als Dreiecksgeschichte konzipiert und jeweils zu einem Drittel aus der Perspektive ihrer Protagonisten geschildert. Da gibt es die in die Jahre gekommene Redakteurin Ellen Krenn-Kern, die unter einer Schreibblockade leidet, dem mittelmäßigen Schriftsteller Sylvio Kern, der unter der Literaturkritik leidet und die Tochter Sylvi, die vor allem unter beiden, ihren zerstrittenen Eltern, leidet.

Während Ellen Kern sich auf eine Affäre mit dem Groß-Industriellen Ernest Müller-Ernst (EME) eingelassen hat, versucht sich Ehemann Sylvio an einer literarischen Verarbeitung dieser Liaison und vor allem des Gefühls, ohne einander, nebeneinander her zu leben:

“Das war Sylvios liebste Beschäftigung: etwas in Gedanken so verlaufen zu lassen, wie es in Wirklichkeit nie verlief. Alles befriedigender verlaufen zu lassen, dazu schrieb er die Wirklichkeit um. Er ertrug die Wirklichkeit überhaupt nur noch, wenn er sie schreibend beantwortet hatte. Nicht, daß diese Welt nicht schön wäre, sie ist nur unerträglich. Man musste sie, um sie erträglich zu machen, zwingen, einen weißen Schatten zu werfen. Das ging, wenn überhaupt, nur schriftlich.“ (Martin Walser: Ohne einander. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1993)

Schreiben als Flucht

Diese Notwendigkeit der Realitätsflucht als zentrales Motiv eines jeden Schriftstellers hat Walser in seinen hervorragenden Essays oft artikuliert - etwa in Erfahrung mit ersten Sätzen oder Aller Anfang ist leicht, erschienen in der Zeit im Oktober 1993. “Bevor er sich als Roman zeigt“, schreibt Walser, “erlebt man nur die Notwendigkeit, auf eine Zumutung zu reagieren. Man kann sich etwas nicht gefallen lassen. Einen Mangel oder eine Aggression. Irgend etwas Negatives eben.“ (Martin Walser: Vormittag eines Schriftstellers. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1994)

Nichts anderes widerfährt ja auch Hans Lach in Tod eines Kritikers bzw. Sylvio Kern in Ohne einander, die beide auf den Mangelzustand schreibend reagieren - Lach mit seinem Roman Der Wunsch, Verbrecher zu sein, Kern mit seiner Arbeit am Manuskript über die Affäre. Die Ausgangslage des Schriftstellers ist in Ohne einander dieselbe wie in Tod eines Kritikers - ja, wie im wirklichen Leben zwischen Marcel Reich-Ranicki und Martin Walser: Der Autor leidet unter dem Dauerverriss des Kritikers.

Das Verhältnis zwischen André Ehrl-König und Hans Lach in Tod eines Kritikers wird in der Konstellation zwischen dem “ermüdend umständlichen Plauderer“ Sylvio Kern und seinem Dauerkritiker Willi André König - genannt: Erlkönig - in Ohne einander neun Jahre zuvor bereits vorweggenommen:

“Was immer Sylvio veröffentlichte, was auch immer die anderen Kritiker über ein weiteres Buch schrieben, der Erlkönig wies nach, dass Sylvio ein ermüdend umständlicher Plauderer sei. Nein, er wies es nicht nach, er gab es bekannt. Sein Stil war ein Bekanntgebungs- also ein Verkündigungsstil.“ (Martin Walser: Ohne einander. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1993)

Kampf mit ungleichen Waffen

Damit spricht Sylvio Kern ganz aus der Erfahrung des Autors Martin Walser. Marcel Reich-Ranickis Kritik an Walser hat eine lange Tradition: Nur allzu gern kritisiert er dabei nicht nur den vorliegenden Roman, sondern vor allem eben jenes Handwerk des Schreibens, das auch Sylvio Kern abgesprochen wird:

“Daß Martin Walser, so originell seine Begabung auch sein mag, nicht zu jenen Künstlern gehört, die mit vollen Händen spenden können, wissen wir längst, zumindest seit dem Roman Halbzeit (1960).“ (Marcel Reich-Ranicki: Martin Walser. Aufsätze. Zürich: Amman Verlag 1994.) Noch genauer wurde Reich-Ranicki Jahre zuvor in einem Zeit-Artikel: “Er ist ein erstaunlicher Künstler und ein miserabler Handwerker.“

Welche Wirkung solche Verurteilungen beim Autor hinterlassen können, dokumentieren die zahlreichen Rechtfertigungsversuche der Autoren, die jedoch nur selten ernsthaft zur Kenntnis genommen werden. Oft indes bleibt nur die Verzweiflung des Schriftstellers in seiner ganzen Unverstandenheit, der häufig mit dem Wunsch nach Anonymität einhergeht. So spielte Walser nach der brutal geführten öffentlichen Debatte nach dem Offenen Brief Frank Schirrmachers mit dem Gedanken, nach Österreich auszuwandern - Schriftstellerkollege Günter Grass hatte es ihm 1986 nach dem Totalverriss von Die Rättin mit seiner ausgedehnten Indienreise vorgemacht .

Sehnsucht nach Gelassenheit

Martin Walser, 2001

Martin Walser, 2001

Auch Protagonist Hans Lach bleibt nur die Flucht: Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft begibt er sich mit der verwitweten Verlegergattin nach Fuerteventura, um dort Ruhe und vor allem zu sich selbst zu finden. Diese Passagen, in denen der geplagte Held Hans Lach endlich von seiner Dauerqual erlöst wird, indem er Amnestie bei Julia Pelz findet, gehören zu den rührendsten und hoffnungsvollsten Zeilen, die bei Walser seit langem zu lesen waren: Hier enthüllt Hans Lach stellvertretend für so viele ewige zweite Sieger ganz die Wurzel seines Leids - die Sehnsucht nach Gelassenheit und Anerkennung:

“Er fing an, mit sich selber zu sprechen und zwar so: Schau nur hinein in dich, dann siehst du erst, merkst du erst, daß du mit allen deinen Übungen, die du dir selber verschrieben hast, immer noch nicht genug gelassen bist, die Widerwärtigkeit anderer zu ertragen. Immer noch ein erschrockenes Häslein, im Busch versteckt, erschreckt von jedem fallenden Blatt. Jeden Tag geht das so: was dir nicht paßt, erschreckt dich; begegnest du einem, der gegen dich ist, wirst du leichenblass; sollst du eingreifen, haust du ab; sollst du dich zeigen als der, der du bist, verheimlichst du dich; lobt man dich, lachst du; gescholten, wirst du traurig. Also wirklich, dir fehlt es an der rechten Bildung. Und aufseufzend sah er zu Gott und sagte: Ach Gott, das also ist die Wahrheit. Und sagte: Wann endlich werde ich einmal ein gelassener Mensch sein.“

Von Nils Jacobsen

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