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wissen.de Artikel

Wie fremd sind Fremdwörter? Teil II

Französisch und weniger verbreitete Sprachen

Auf Spurensuche

Von Affäre (französisch) bis Zoff(hebräisch-jiddisch), von Advokat (lateinisch) bis Zoom (englisch) - das Wahrig Fremdwörterlexikon enthält etwa 55 000 so genannte Fremdwörter, von denen uns manche gar nicht so fremd vorkommen. Jeder Kontakt der germanischen bzw. deutschen Sprachgemeinschaft mit einer anderen Kultur hat Spuren in der Sprache hinterlassen, die im Allgemeinen als Entlehnungen, Lehnwörter oder eben Fremdwörter bezeichnet werden. Sie zeugen von Neuerungen in Technik und Wissenschaft, von Modeströmungen und Ideologien sowie von anderweitigem kulturellen und historischen Geschehen. Heute noch lassen sich die genannten Entwicklungen in früheren Epochen anhand derjenigen Fremdwörter nachvollziehen, die damals in den Wortschatz übernommen wurden. Daher sind auch nicht mehr gebräuchliche Entlehnungen wichtig für das Verständnis vergangener Zeiten, in denen man beispielsweise den Bahnsteig Perron und einen unbeschwerten jungen Menschen Galopin nannte.
Nachdem im ersten Teil unserer Reihe “Wie fremd sind Fremdwörter?“ (siehe “Zum Thema“ am Ende dieses Specials bzw. Archiv “Wissenswert“ in der Hauptnavigation) die alten Sprachen Latein und Griechisch sowie die romanischen Sprachen Italienisch und Spanisch behandelt wurden, geht es hier um den Einfluss des Französischen. Außerdem berichtet das vorliegende Special von Lehnwörtern aus hierzulande weniger verbreiteten Sprachen, vom Arabischen über indische Sprachen bis zum Slawischen. Auch Übernahmen aus der Sondersprache Jiddisch kommen zur Sprache.

Dem Adel aufs Maul geschaut

Die größte Zahl der Entlehnungen aus romanischen Sprachen kommt aus dem Französischen, das im Laufe der deutschen Sprachgeschichte immer wieder großen Einfluss ausübte. Schon Friedrich von Schiller nahm den Gebrauch von "Gallizismen" auf die Schippe. In seinem Drama "Kabale und Liebe" haftet den Entlehnungen aus dem Französischen ein Beigeschmack von Borniertheit und Hochnäsigkeit an. Die Angehörigen höherer Gesellschaftsschichten kleiden sich in Negligé und Merde d'Oye-Biber, sitzen an l'hombre-Tischen und sprechen blasiert von Bürgerkanaillen, Malheuren, Delikatessen und Impromptus. Ihre Bonmots sind "von allerhöchster Importance" (Akt 1,6).
In der höfischen Kultur des Mittelalters waren Gallizismen besonders verbreitet, da der ritterliche Lebensstil die französisch-provenzalische Lebensform zum Vorbild hatte. Rege Handelsbeziehungen, Bildungsreisen deutscher Fürstensöhne nach Frankreich, Mischehen zwischen Adeligen beider Länder und weitere Formen des sozialen und kulturellen Austausches schlugen sich im Wortschatz nieder. In literarischen Formen wie Troubadourlyrik und Heldenepos und im höfischen Gebrauchswortschatz - Kampfspiele, Unterhaltung, Handelswaren, etc. - finden sich zwar viele Wörter, die mit der ritterlichen Kultur wieder verschwanden (garzun von garçon für Knappe). Ein großer Teil der betreffenden Lehnwörter wie Turnier, Lanze, Tanz und Samt ist jedoch heute noch gebräuchlich.
Mit dem Niedergang der höfischen Kultur wurde der französische Einfluss schwächer. Er erstarkte wiederum während und vor allem nach dem 30jährigen Krieg und in der Alamodezeit, wie deren Name schon sagt. Alamode, eigentlich à la mode, ist französisch für "nach der neuesten Mode".
Zwar bewirkte der 30jährige Krieg eine Verbreitung von Gallizismen bis in die unteren Gesellschaftsschichten. Aber selbst in dieser Epoche tauchten die französischen Wörter in erster Linie in der Sprache des Adels und höheren Bürgertums auf, die sich nach der Mode von Paris und dem französischen Königshof richteten. Die Kavalierstour durchzog alle Bereiche des höfischen Lebens, von der Esskultur über die Kleidung bis zum amourösen Treiben. Französisch galt als vornehm. Mit Hilfe von Lehnwörtern aus dem Modebereich (Parfüm, frisieren, Kostüm, Taille), der französischen Küche (Omelette, Torte, Serviette, delikat), der Wohnkultur (Balkon, Hotel, Sofa) und dem Gesellschaftsleben (amüsieren, Billard) grenzte sich die vermeintliche Crème de la crème nach unten ab. Selbst alte Verwandtschaftsbezeichnungen wurden durch Lehnwörter ersetzt (Papa, Tante, Cousin).

Vom bel-esprit zum Schöngeist

Infolge der Bemühungen der Sprachpuristen, deutsche Entsprechungen für französische Wörter zu finden, wurde ein Teil der Fremdwörter verdeutscht. Aus dem Dialekt wurde die Mundart, aus dem bel-esprit der Schöngeist und aus der Adresse die Anschrift. Wie an den genannten Beispielen zu erkennen ist, hat sich aber neben den Verdeutschungen oft auch das Lehnwort gehalten.
Erst im 19. Jahrhundert ließ der französische Einfluss bedeutend nach. Noch lange war Frankreich allerdings in der Fachsprache der Politik und Diplomatie tonangebend, wie sich bereits an entlehnten Schlagwörtern der französischen Revolution wie Bürokratie, Reaktionär und Bourgeoisie zeigt.
Inzwischen ist das Französische als Verkehrssprache vom Englischen verdrängt worden. Wir hören lieber Songs als Chansons und folgen Trends eher als Tendenzen. Aber auch heute noch gelten Gallizismen in einigen Bereichen als schick, ob in der Mode (Haute Couture, Accessoire), Kochkunst (Nouvelle Cuisine) oder anderen Dingen des kultivierten Lebens.

Von Arabisch bis Slawisch

Nicht sehr häufig im Deutschen sind Entlehnungen aus dem Niederdeutschen (Gilde, Ebbe), dem Niederländischen (Düne, Stoff), den nordischen (Knäckebrot, Slalom) und den slawischen Sprachen (Droschke, Quark).
Auch aus entlegeneren Sprachen gelangten Ausdrücke ins Deutsche. Oft wurden sie durch das Englische, Französische oder Lateinische weitergegeben. So verdankt das Deutsche Dschungel, Ingwer, Pyjama und Reis dem indischen Sprachraum. Algebra, Alkohol, Harem und Kaffee kamen aus dem Arabischen. Aus den amerikanischen Indianersprachen gelangten u.a. Kondor, Schokolade, Tomate und Tabak in die deutsche Sprache. Zudem stammen viele Ortsnamen wie etwa Mainz (Mogontiacum) aus dem Keltischen.

Jiddisch und Rotwelsch

Das Jiddische, dem nicht wenige Wörter zu verdanken sind, kann eigentlich nicht als Fremdsprache betrachtet werden. Es ist eine Sondersprache, die auf dem Mittelhochdeutschen basiert, vermischt mit hebräischen, lateinischen und später auch slawischen Elementen. Dennoch soll in diesem Zusammenhang auf einige Entlehnungen aus dem Jiddischen im Neuhochdeutschen hingewiesen werden.
Die Sprache der Juden aus Mittel- und Osteuropa hat zunächst insbesondere das Rotwelsche, eine im 13. Jahrhundert entstandene Bettler- und Gaunersprache, beeinflusst. Zum Teil wurden die betreffenden Ausdrücke auch in die Gemeinsprache aufgenommen. Ohne das Jiddische hätten wir in der gesprochenen Sprache keinen Massel, kein Techtelmechtel und keine Macke. Allgemein gebräuchlich sind heute unter anderem die Ausdrücke Schlamassel, Schmiere stehen, Pleite, schofel, meschugge, Bammel haben sowie zahlreiche Ausdrücke für Geld von Kies, Moos und Pinkepinke bis zu Mammon. Letzterer ist, wie auch das Tohuwabohu, durch Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche gelangt. Weitgehend unbekannt ist, dass viele vermeintlich deutsche Redensarten und Wendungen wie Hals- und Beinbruch aus dem Jiddischen stammen. Bruch geht auf das hebräische Wort Baruch zurück und bedeutet sei gesegnet.

Buch-Tipps

Online bestellen:

Wahrig Fremdwörterlexikon

Helmut Glück, Wolfgang Werner Sauer: Gegenwartsdeutsch

Astrid Stedje: Deutsche Sprache gestern und heute

Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart

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