Wie fremd sind Fremdwörter? Teil III | wissen.de
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Wie fremd sind Fremdwörter? Teil III

Englisch

Von Englisch zu Denglisch

Von Affäre (französisch) bis Zoff (hebräisch-jiddisch), von Advokat (lateinisch) bis Zoom (englisch) - das deutsche Fremdwörterlexikon von Wahrig enthält etwa 55 000 so genannte Fremdwörter, von denen uns manche gar nicht so fremd vorkommen. Jeder Kontakt der germanischen bzw. deutschen Sprachgemeinschaft mit einer anderen Kultur hat Spuren in der Sprache hinterlassen, die im Allgemeinen als Entlehnungen, Lehnwörter oder eben Fremdwörter bezeichnet werden. Sie zeugen von Neuerungen in Technik und Wissenschaft, von Modeströmungen und Ideologien sowie von anderweitigem kulturellen und historischen Geschehen.

Im ersten Teil unserer Reihe “Wie fremd sind Fremdwörter?“ haben wir die alten Sprachen Latein und Griechisch sowie die romanischen Sprachen Italienisch und Spanisch behandelt. Nachdem wir uns im zweiten Teil den Fremdwörtern aus dem Französischen und aus weniger verbreiteten Sprachen gewidmet haben, (beides finden Sie unter “Zum Thema“ am Ende dieses Specials bzw. im Archiv “Wissenswert“ in der Hauptnavigation), geht es hier um den großen Einfluss des Englischen auf die deutsche Sprache von den einen als Verunreinigung des Deutschen zum Sprachbastard “Denglisch“ verhöhnt, von den anderen als Zeichen für Lebendigkeit und Modernität begrüßt.

Denglisch und Franglais

Die mit Abstand größte Zahl von Entlehnungen im Gegenwartsdeutsch stammt aus dem amerikanischen Englisch. Neuschöpfungen wie Neuanglodeutsch oder auch Denglisch beziehen sich auf diese Entwicklung. Da das Englische in unserem Jahrhundert zur Weltsprache Nr. 1 wurde, lässt sich dieselbe Entwicklung auch in anderen Ländern verfolgen. In Frankreich beispielsweise gibt es trotz aller sprachpuristischen Bemühungen des Staates das Franglais, das durch das Englische beeinflusste Französisch.

Manche Forscher unterscheiden Anglo-Amerikanismen, d.h. Entlehnungen aus dem amerikanischen Englisch, und Anglizismen, also Übernahmen aus dem britischen Englisch. Wie in vielen Publikationen üblich, wird der Oberbegriff Anglizismen im Folgenden für beide Kategorien verwendet.

One world, one family?

Der Hauptgrund für die große Zahl der englischen Ausdrücke in vielen Sprachen liegt in der fortschreitenden Internationalisierung auf wirtschaftlichem, kulturellem und technisch-wissenschaftlichem Gebiet. Die Vormachtstellung der USA auf den genannten Gebieten ist heute deutlicher denn je. Die westliche Bündnispolitik der NATO beispielsweise wird von den Vereinigten Staaten dominiert. Wissenschaftliche Texte werden meist auf Englisch verfasst und dann in Anlehnung ans Englische in unsere Sprache übertragen. Auch die Sprache des Journalismus ist reich an Anglizismen, da die deutschen Nachrichtenagenturen zahlreiche News von den großen englischsprachigen Agenturen erhalten. Unter Zeitdruck werden bei der Übersetzung viele fremdsprachliche Ausdrücke direkt übernommen. Einige wenige Beispiele dafür, wie Massenmedien und Fachsprachen den Fremdwörtern den Weg in die deutsche Sprache ebnen.

Die meisten von ihnen setzen sich zuerst in der Umgangssprache fest. So gelangt manch englisches Wort durch die Werbung in aller Munde, wie Sie im Kapitel “Image ist alles!“ sehen werden. In unserem Special zum Thema Weltsprache werden Sie bald mehr über die Verbreitung der heutigen Weltverkehrssprache Nr. 1 erfahren.

Flirt mit dem Englischen

Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann das Englische, dem Französischen den Rang abzulaufen. Mit den neuen Wörtern wurden auch die Dinge und Phänomene, die sie bezeichneten, in Deutschland populär - man denke nur an die Shorts, den Twist oder den Pudding.

Die Industrielle Revolution und die ersten Demokratisierungsversuche machten viele bis dahin nur in Fachkreisen geläufige Begriffe für die breite Bevölkerung interessant. England wurde in vielerlei Hinsicht zum Vorbild - sei es in Sachen Industrie, Handel, Presse- und Verkehrswesen oder Politik. Im Viktorianischen Zeitalter tauchten daher besonders im bürgerlichen Gesellschaftsleben vermehrt Anglizismen auf. Ausdrücke aus den Bereichen Mode, Lebensstil, Körperpflege, Nahrungsmittel und Getränke gelangten ins Deutsche. Gentleman, Flirt, Whiskey und Sandwich sind neben vielen anderen noch heute bekannt. Dazu kamen zahlreiche Anglizismen im gesellschaftlich-politischen Bereich (Interview, Opposition), in Wirtschaft (Bestseller, Dumping) und Sport (Boxen, Match).

Input aus Amerika

Im 20. Jahrhundert wurde der englische Einfluss immer stärker. Selbst die puristischen Strömungen während des 1. Weltkriegs und der Zeit des Nationalsozialismus konnten seine Zunahme nicht aufhalten.

“This is Radio Hamburg, a station of the Allied Military Government.“ So begann am 4. Mai 1945 die Nachkriegsgeschichte des Rundfunks in Deutschland. Im Zuge der englischen und amerikanischen Besetzung Westdeutschlands gelangte nach 1945 eine Vielzahl von Anglizismen ins Deutsche, wobei das amerikanische Englisch überwog. Unter der Regie von Medien- und Werbefachleuten wurden englische Ausdrücke für Dinge, die als brandneu und modern galten, populär (Playback, Image). Besonders Bezeichnungen für Neuerungen in Wissenschaft und Technik kamen aus dem englischen bzw. amerikanischen Sprachraum (Laser, Input). Die Flut von englischen Abkürzungswörtern im Gegenwartsdeutsch - neuere Beispiele sind UNO, NATO und AIDS - hat bereits in der Zeit der legendären Carepakete ihren Ursprung. CARE stand hier für “Cooperative for American Remittances to Europe“.

Da Ernährung und Kleidung während der Währungsreform (1946 - 1948) ein großes Problem darstellten, wurde Ende der 40er Jahre mit Nylons und Lucky Strikes als Ersatzwährung um Nahrung gehandelt. Mit steigendem Wohlstand wurden Hamburger, Milchshakes und Chips, später auch Hula Hoop und Jogging, interessant. In den 50er Jahren swingte die deutsche Jugend zu der Musik, die von britischen und amerikanischen Radiosendern ausgestrahlt wurde. So nahm die Beeinflussung der Sprache der Pop-Musik (Blues, Jazz, Session) durch das Englische ihren Anfang. Seit den 60er Jahren wird das Englische in den meisten deutschen Schulen als erste Fremdsprache gelehrt, was eine sichere Grundlage für seine weitere Verbreitung ist.

Image ist alles!

Englische Wörter können mit deutschen Elementen verbunden werden, wie die last-minute-Reisen, das Trampen oder das Managertum zeigen. Neben Lehnwörtern, die neuartige Gegenstände und Sachverhalte - wie zum Beispiel Jeans, Pipe-Line und Spikes - bezeichnen, gibt es viele, die wegen sprachlicher Vorzüge entlehnt werden. Manche werden übernommen, weil das Englische aufgrund des großen Prestiges der USA und ihrer Dominanz auf dem Weltmarkt besonderes Ansehen genießt. Wörter, die einsilbig sind und daher sehr griffig und prägnant wirken, sind dabei besonders anziehend. Die einheimischen Ausdrücke werden häufig verdrängt oder erhalten eine andere Bedeutung.

Beispiele für Luxuslehnwörter, wie solche Entlehnungen von einem Teil der Sprachwissenschaftler genannt werden, sind der Drink und der Gag. Im Deutschen wären die genannten Dinge etwas umständlicher zu beschreiben und würden oft in Wortungetüme ausarten. Welcher Gag-Schreiber der Harald Schmidt Show würde sich schon gerne als “Schreiber effektvoller, witziger Einfälle“ bezeichnen?

Die Werbung macht sich Prestige und Prägnanz der englischen Wörter besonders oft zunutze. Man arbeitet häufig mit werbekräftigen englischen Produktbezeichnungen wie Body Lotion und Underwear oder Slogans wie Test the West. Englische Rechtschreibung soll signalisieren, dass die angepriesenen Produkte up to date und in sind. Eine Cigarette wirkt anziehender und cooler als die schnöde deutsche Zigarette. Und eine Creme, die strech marks double action verspricht, trägt die junge Mutter sicher lieber auf als eine mit “doppelter Wirkung gegen Schwangerschaftsstreifen“ auch wenn die Inhaltsstoffe und Wirkung dieselben sind.

Manchmal werden sogar Wörter aus englischen Elementen kreiert, die nur einen vorgetäuschten englischen Ursprung haben, sogenannte Pseudoanglizismen. So gibt es im Englischen weder einen Pullunder noch einen Dressman. Auch das Handy, die Bowle oder der Talkmaster existieren in der "echten" englischen Sprache nicht.

Buch-Tipps

Online bestellen:

Wahrig Fremdwörterlexikon.

Gerald Drews: Fremdwörter für Angeber.

Walter Krämer: Modern Talking auf deutsch. Ein populäres Lexikon.

Reiner Pogarell/ Markus Schröder: Wörterbuch überflüssiger Anglizismen.

Peter von Polenz. Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. 3 Bde.

Horst Dieter Schlosser: Lexikon der Unwörter.

Dieter E. Zimmer: Deutsch und anders. Die Sprache im Modernisierungsfieber.

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