Online-Dating im Praxis-Test
Flirten und Daten im Internetzeitalter: Ein Trend auf dem Prüfstand. wissen.de testete einmal selbst, wie Online-Dating funktioniert, was User bei der Jagd nach Kontakten beachten müssen und welche ungeschriebenen Spielregeln in den Singlebörsen im Internet gelten.

Nie mehr einsam: Durch Online-Dating kann man mit etwas Glück den richtigen Partner finden.
Aller Anfang ist etwas unangenehm: Anzeigen in Singlebörsen, zumal im Erotik beladenen Internet, haften etwas Bedürftiges, vielleicht gar Verzweifeltes an. Wer im Internet sucht, scheint im wirklichen Leben nicht fähig, den richtigen Partner zu finden, so das oft gehörte Klischee. Zu unattraktiv, zu schüchtern, zu unkommunikativ - eventuell gar ein Auslaufmodell? Zumindest Single, also auf der Suche - und dann auch noch auf der direkten. Das hat etwas von Ware, klingt nach Marktcharakter.
Die ersten Kontaktbörsen, die unserer Testperson Daniel Arthell (Name von der Redaktion geändert) auffallen, bestätigen dieses ungute Gefühl - Unbehagen kommt auf: Singlemarkt nennt das Online-Angebot der Lifestyle-Illustrierten Max seinen Kontaktbereich -fast selbstironisch. Nicht minder nüchtern das Milchstraßen-Tochterblatt AMICA: In der Singlebox lächelt eine gezeichnete Online-Daterin ihrem iBook entgegen und fragt: „Traumpartner gefällig“? Der Single in der Box - verfrachtet unter 50 000 anderen Kontaktsuchenden: Nichts für notorische Romantiker, die auf den sinnlich subjektiven Augenblick warten, in dem die persönliche Traumfrau ins Leben tritt.
Präzise Partnersuche im Internet nach passendem Alter und Postleitzahl
Singlebörsen sind weitaus pragmatischer: Die meisten Anbieter kreisen die Suche nach gängigen Matching-Kriterien ein, mit denen der passende Partner etwa unter derselben Postleitzahl oder einem ähnlichen Alter ausgewählt wird. So geschehen bei der AMICA Singlebox, meinem Testobjekt. Die Einschränkung auf die ersten beiden Postleitzahlen und die Altersgruppe 26-35 brachte die erstaunliche Trefferquote von 616 potenziell passenden Singles.
Doch bevor Daniel auf die Einträge von „LaBelle27“, „BlondesGift30“ oder „Under_the_cherry_moon_29“ antworten kann, muss er selbst unter einem Pseudonym ein Profil angelegen, das persönliche Angaben zum Alter, Körpergröße / -gewicht, der Augen- und Haarfarbe, Berufsgruppe sowie persönliche Vorlieben der Freizeitgestaltung enthält. Es sind dies: Lieblingsessen, -filme, -sportarten, -musikstile sowie Beschreibungen, was das perfekte Date bzw. den Traumpartner ausmache und Charakterisierungen („Meine Freunde sagen, ich sei ...“; „An anderen kann ich nicht ausstehen...“). Auf schnelle Resonanz hoffend, schickt Daniel folgende Mail an seine drei Favoritinnen:
Hallo Cherry Moon,
ich habe Deine Anzeige eben in der Singlebox entdeckt. Weil mir gefällt, was Du schreibst und ich Dich gern näher kennen lernen würde, ein paar Zeilen zu mir: Ich bin 31 Jahre alt, wohne in Harvestehude und bin Freier Grafiker im Internet-Bereich . Wenn ich einmal nicht an Layouts feile oder Websites gestalte, bin ich gern im Nachtleben unterwegs, vor allem in netten Restaurants oder Cocktail-Bars. Wie ich Deinem Profil entnommen habe, teilen wir die Vorliebe für House und Soul-Musik. Vielleicht können wir ja einmal gemeinsam etwas unternehmen und auf diesem Weg herausfinden, was uns noch verbindet? ;-)
Freu mich auf Deine Antwort,
Lieben Gruss, Daniel :-)
Auch im Web müssen Männer den ersten Schritt machen
Doch darauf muss Daniel erst einmal lange warten. Wie im realen Leben ist Initiative bei der weiblichen Kontaktsuche gefragt. Männliche User sollten sich keiner Illusion hingeben: Die Wahrscheinlichkeit, selbst angemailt zu werden, ist in etwa so hoch, wie am Abend im Club oder an der Bar angesprochen zu werden. Ebenso souverän sollte man mit mangelnder Resonanz umgehen - eine leere Mailbox auf keinen Fall persönlich genommen werden, solange keine persönliche Antwort kam.
Im Durchschnitt erhält eine Userin mit der AMICA Singlebox nämlich rund dreißig Zuschriften; wer auf einen Eintrag entsprechend spät antwortet, muss damit rechnen, nicht mehr mit derselben Aufmerksamkeit gelesen zu werden wie zeitnah geschriebene Mails. In Anbetracht dieses regen Zuspruchs muss ein User, der nur ein oder zwei Kontaktgesuche verschickt mit einer leeren Mailbox rechnen.
Ein Fotoaustausch ist bei näherem Kontakt Standard

Die große Liebe ist vielleicht nur einen Mausklick entfernt.
Diese Erfahrung macht auch Daniel und kontaktiert nach Durchsicht von mehr als 300 potenziellen Kandidatinnen weitere elf. Am nächsten Tag warten drei neue Nachrichten in der Mailbox - und alle wollen sie dasselbe: Ein Foto! Rebecca_26 etwa schreibt:
hey daniel,
hab mich sehr über deine mail gefreut und wollte es nicht versäumen, mich darauf gemeldet zu haben! was das interesse fürs nachtleben angeht, so werden wir uns sicher verstehen. ich bin fast jedes wochenende unterwegs, am liebsten in house-clubs wie der lounge oder dem better days.
auch scheinen wir in derselben branche zu arbeiten - ich bin texterin in einer großen, international aufgestellten werbeagentur.
bin schon gespannt, welche gemeinsamkeiten wir noch entdecken! ;-) lass uns doch einmal photos tauschen, ok?
schöne grüße erst mal,
becky.
Solch interessiertes Feedback zählt zu den ganz großen Highlights des Online-Datings: Die Kontaktaufnahme mit einem unbekannten Menschen bringt das Kribbeln vergangener Teenagertage zurück - der Hauch eines Abenteuers ist spürbar. Bei aller Schreibfreude ist es jedoch wichtig, darauf zu achten, dass der Emailkontakt nicht auf dieser Ebene stehen bleibt bzw. sich gar verselbstständigt.
Der wichtige Griff zum Telefon
Rebecca nimmt die Sache in die Hand: Nachdem Daniel und sie festgestellt haben, dass die beiden mehr verbindet, als nur die dieselbe Branche und die Vorliebe für ein ausgeprägtes Nachtleben, schlägt Rebecca Daniel vor, einmal miteinander zu telefonieren. So schwer dem einen oder anderen dieser Schritt auch fallen mag - wer eine nähere Bekanntschaft wünscht oder sich ein peinliches Date von vornherein ersparen möchte, kommt um das Telefonat nicht herum. Gerade das Gespräch stellt eine maßgebliche Messlatte dar, wie gut zwei Menschen miteinander harmonieren.
Vorsicht ist jedoch bei der Herausgabe der Telefonnummer geboten. Grundsätzlich empfiehlt es sich, den Kontakt erst einmal über die Handynummer herzustellen - eine gesunde Grundskepsis ist beim Online-Dating zwingende Voraussetzung! Wer beim ersten Telefonat offen und neugierig auftreten kann, ist fraglos im Vorteil - vornehme Zurückhaltung und Einfallslosigkeit fördern in den seltensten Fällen die Kommunikation und damit die Attraktivität.
Die Projektionsfalle

Beim Flirt übers Internet wird der Partner oft idealisiert.
Alles aufgebaute Interesse ist allerdings zu einem Gutteil Theorie. Die Literaturgeschichte huldigt dem romantischen Ideal einer körperlosen Liebe, wie es etwa auch die Legende von Cyrano de Bergerac, des hässlichen, aber enorm eloquenten Dichters aus der französischen Aufklärung, übermittelt.
Natürlich sind alle Singlebörsen voll von Lovestories, die den Mythos von der „Liebe auf den ersten Klick“ bemühen. Realistisch betrachtet, bleibt so ein Glückstreffer doch sicher die Ausnahme. Es ist das Phänomen der Projektion, das gerade bei allzu intensivem Kennenlernen über körperlose Medien wie dem Internet oder dem Telefon an Eigendynamik gewinnt. Wie sehr mag man bestimmte hervorstechende Eigenschaften an einem Menschen - wie eine einfühlsame Schreibe oder eine charismatische Stimme - idealisieren, ja sie zur Ikone stilisieren, bis sie schließlich im Stadium der Verliebtheit münden.
Die Libidotheorie erklärt den Zustand der Verliebtheit
Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, erklärt dieses Phänomen mit seiner Libidotheorie, die davon ausgeht, dass ein Individuum „Objekte“ - das sind bei Freud zumeist Menschen - mit seiner Libido, der Energie des Eros, besetzt: „Als die höchste Entwicklungsphase, zu der es die Objektlibido bringt, erscheint uns der Zustand Verliebtheit“, schreibt Freud in seiner revolutionären Schrift Zur Einführung des Narzissmus (1914).
Mit den unbewussten Techniken der Fixierung und Projektion kann ein anderer Mensch, gerade im diffusen Kennlernstadium überhöht wahrgenommen werden. Der Schlüssel dazu liegt oft in den Werten und Eigenschaften, die von einem Individuum verkörpert werden und uns fehlen - dies ist die Macht des so genannten Ich-Ideals.
Freud fasst zusammen: „Wieder ihr eigenes Ideal zu sein, auch in betreff der Sexualstrebungen, wie in der Kindheit, das wollen die Menschen als ihr Glück erreichen. Die Verliebtheit besteht in einem Überströmen der Ichlibido auf das Objekt ... Sie erhebt das Sexualobjekt zum Sexualideal. Was diese Liebesbedingung erfüllt, wird idealisiert.“
Vorsicht vor dem Realitätsschock

“Ich bin der Typ mit der Rose in der Hand“: Nervenkitzel Blind Date
Um dieser Gefahr zu entgehen, verabreden sich Daniel und Rebecca bereits eine Woche nach der Kontaktaufnahme zum Freitagabend-Cocktaildate. So fortgeschritten muss es nicht immer zugehen: Auch ein Spaziergang, ein Abendessen oder Kinobesuch können für den ersten, sehr entscheidenden Eindruck reichen. Denn so brutal es auch erscheint, gerade beim Blind Date gilt mehr denn je der eingängige Slogan aus der Clearasil-Werbung der 80er Jahre:You’d never get a second chance to make a first impression - zumindest selten genug.
Der Absturz mag in der Realität, ganz gleich, ob beim ersten Date oder nach einer Zeit, groß ausfallen. Um diesem Dilemma aus dem Weg zu gehen, sollten es Online-Dater vermeiden, zu lange in der schützenden Anonymität des Internets oder Telefons zu bleiben und ein rechtzeitiges Treffen anstreben. Nur das Leben in allen seinen Schattierungen kann zeigen, ob zwei Menschen wirklich für einander geschaffen sind.
Nils Jacobsen
Bibliografie
Sigmund Freud: Das Ich und das Es. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2000









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