Spiel ohne Grenzen

Foto: FFV. Rod Taylor als Erfinder George in der ursprünglichen Version von “Die Zeitmaschine“.
Am 21. März startet in Deutschland mit “Time Machine“ die nunmehr dritte und wohl aufwändigste Verfilmung des gleichnamigen Romans von H.G. Wells. Dass spektakuläre Zeitreisen zu den beliebtesten Motiven im Spielfilm gehören, ist vielleicht auch ein Indiz für das besondere Verhältnis des Mediums Film zum Begriff “Zeit“. Denn von seinen Anfängen an war das Kino ein Ort, an dem mit unseren Vorstellungen von Beschleunigung und Stillstand, Zukunft und Vergangenheit, Anfang und Ende sowie Ewigkeit und Vergänglichkeit gespielt wurde. So gehört die Möglichkeit, für die Dauer einer Vorführung die physikalischen und philosophischen Konzepte der Dimension “Zeit“ zu manipulieren oder gar außer Kraft zu setzen, seit jeher zu den faszinierendsten Eigenschaften der “siebten Kunst“ Film.
Momentaufnahmen für die Ewigkeit
Wenn etwa Walter Benjamin vom “Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ sprach, dann waren seine weitreichenden Betrachtungen vor allem auf den Film gemünzt: Das bewegte Lichtbild kann in unbegrenzter Anzahl kopiert, vorgeführt und wiederholt werden. Die Filmaufnahme selbst fängt einen bestimmten Ausschnitt der Welt für die Ewigkeit ein, sie reißt ihn somit aus dem zeitlichen und räumlichen Kontinuum und macht ihn für unbegrenzte Dauer konservier- und verfügbar. Mit 24 Bildern pro Sekunde wirft der Projektor den Film auf die Leinwand, und der Betrachter nimmt dies als Illusion von Gleichzeitigkeit wahr - was wir im Kino sehen, geschieht genau in diesem Moment, und dabei ist es völlig gleichgültig, ob die Aufnahmen vor einem Tag, einem Monat oder einem Jahrhundert gemacht wurden.
Das Kino als Zeitmaschine
Aber die Unmittelbarkeit, die Film so effektiv suggeriert, bleibt natürlich eine Täuschung. Jedes noch so realitätsnahe fotografische Abbild ist damit zugleich ein Dokument der Vergänglichkeit, denn auch die stetige Verfeinerung der Technik ändert nichts an der Tatsache, dass der reproduzierte Augenblick ein zwar bewegter, im Endeffekt jedoch lebloser Schatten des unwiederholbaren Ereignisses ist. Doch dies spielt für den Zuschauer im abgedunkelten Kinosaal selten eine Rolle, vielmehr wird er oder sie mittels der perfekten Inszenierung von Wirklichkeit zum gutgläubigen “Zeitzeugen“.
Ob prähistorische Urzeit, finsteres Mittelalter oder futuristisches Weltraumabenteuer – ein Film kann prinzipiell jeden Ort, jedes Ereignis und jede Zeit simulieren. Mühelos werden im Kino ganze Jahrhunderte durchstreift, historische Begebenheiten neu erlebt und ausufernde Lebensgeschichten erzählt, und das in durchschnittlich 90 Minuten: Die “filmische Zeit“ - die tatsächliche Laufzeit eines Films - muss zwangsläufig in einem unproportionalen Verhältnis zur “erzählten Zeit“ stehen, denn kein Spielfilm könnte den Bau der Pyramiden, den 30- jährigen Krieg oder die Entdeckung Amerikas in synchroner Echtzeit schildern.
Im Film ticken die Uhren anders
Nahezu jeder Film verdichtet und komprimiert Zeitabläufe mittels verschiedener Erzähltechniken, ohne dass dabei der Eindruck einer kontinuierlichen Handlung zerstört würde. Die Parallelmontage etwa vereinigt räumlich getrennte Geschehnisse auf einer Zeitebene, und das Prinzip ist uns aus unzähligen Thrillern vertraut: Während Held A vom Schurken bedrängt wird, schneidet der Film immer wieder auf Held B, der wiederum zur Rettung von Held A naht. Und natürlich treffen A und B gerade noch “rechtzeitig“ für ein Happy End aufeinander.
Wie bereitwillig sich der Zuschauer auf die chronologischen Manipulationen eines Films einlässt, zeigt ein anderes populäres Beispiel: Eine Zeitbombe wird in Nahaufnahme gezeigt, und die Zünduhr zählt von 30 Sekunden runter bis zur Explosion. Diese 30 Sekunden werden im Film jedoch gerne mal auf 5 Minuten gedehnt, was aber keineswegs ein logisches Problem für das Publikum darstellt. Ähnlich verhält es sich mit den Stilmitteln des Zeitraffers und der Zeitlupe, die vor allem in den hochästhetisierten Actionfilmen Hongkongs zum Einsatz kommen: Während Fäuste und Füße mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft wirbeln, fliegen Pistolengeschosse extrem verlangsamt durch den Raum. Auch hier scheint jeder Eingriff in die Zeitabläufe erlaubt, solange die Illusion einer fortlaufenden Handlung nicht gestört wird.
Der Zeitreisende – ein Kinoheld mit Tradition
Im Kino gilt also seit jeher die “willing suspension of disbelief“: Die willentliche Akzeptanz von Phänomenen, die jenseits der Leinwand paradox und unglaubwürdig erscheinen. Vor allem der Science-Fiction-Film nutzt diesen Umstand für verwegene Szenarios, womit wir wieder bei der Zeitreise angelangt wären. Schon in den 1930er Jahren gelangte der Astronaut “Buck Rogers“ im gleichnamigen Serial per Unfall ins 21. Jahrhundert, und seine Abenteuer erfreuten sich einer immensen Popularität beim Depressions-gebeutelten US-Publikum, das auf eine bessere Zukunft hoffte.

Foto: FFV/KPA. Christopher Lloyd und Michael J. Fox in “Zurück in die Zukunft“
Ohnehin sind Zeitreisen im Kino auch immer ein Kommentar zur Gegenwart - ob naiv-verklärend, mahnend und dramatisch oder satirisch. Im “Planet der Affen“ (1968) etwa verschlägt es einen Raumfahrer durch ein Dimensionsloch auf die post-apokalyptische Erde der Zukunft, wo nach dem Dritten Weltkrieg die Affen regieren. Wurde mit diesem Film eine damals allgegenwärtige Angst vor der atomaren Aufrüstung und Auslöschung thematisiert, so nimmt die überaus erfolgreiche “Zurück in die Zukunft“-Trilogie (1985, 1989 und 1990) die Zeitreisen ihres linkischen Teenie-Helden Marty MacFly (Michael J. Fox) zum Anlass für ironisch-absurde Betrachtungen der Alltagsrealität verschiedener Epochen: Aus dem Blickwinkel eines 80er-Jahre Zuschauers werden die braven 50er ebenso karikiert wie der Wilde Westen der USA zur Jahrhundertwende.
Das Rad der Zeit zurückdrehen

Foto: FFV. In “12 Monkeys“ reist Bruce Willis als Jack Cole zurück ins Jahr 1996, um den Lauf der Ereignisse zu verändern..
Aber nicht nur die unterschiedlichen Visionen von Vergangenheit und Zukunft begeistern das Publikum, sondern auch die mögliche Überwindung des Schicksals durch die Zeitreise. In Filmen wie “Das Philadelphia-Experiment“ (1984) und “Frequency“ (2000) greifen die Dimensions-Durchreisenden aktiv in den Ablauf der Weltgeschichte ein und verändern so Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart zu ihren Gunsten. Der Willkür der Zeit setzten diese Filme eine verführerische Allmachtsphantasie entgegen, in der Menschen ihr eigenes Geschick rückwirkend oder vorgreifend bestimmen können. Der Zeitreisende wird zum Herrscher über Leben und Tod, was oft auch in den Filmen selbst zu ethischen und moralischen Diskussionen führt. Aber wer kann schon der Versuchung widerstehen, die heimliche Jugendliebe doch noch kennen zu lernen? Oder die Menschheit vor dem sicheren Untergang zu bewahren, wie der Held in Wells' Klassiker “Die Zeitmaschine“ (The Time Machine)?
Zeitloser Zeitvertreib
Solange sich Zeitreisen lediglich auf die Dauer eines Kinobesuchs beschränken, und nur unsere Imaginationskraft an den Gesetzten des Universums rüttelt, können wir solch bedeutungsschweren Fragen mit fatalistischer Gelassenheit begegnen. Die Verantwortung für die Gegenwart hingegen nimmt uns niemand ab, weshalb Filme auch nur zeitlich begrenzte Fluchtmöglichkeiten bieten. Doch selbst wenn die Zeit uns letztlich auch im Kino einholt, hat der kinematografische Eskapismus nichts von seinem Reiz verloren. Wer Film als allmählich veraltete Kunstform des 20. Jahrhunderts abtut, der ignoriert die im wahrsten Sinne des Wortes “zeitlosen“ Charakter des Mediums. Zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit eingefangen, erzählt der Film immer wieder faszinierende Geschichten. Geschichten, die uns durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begleitet haben und begleiten werden - “as time goes by“.
David Kleingers









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